Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten Mixe des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Blue Hawaii, Lukid, Ocean, Öona Dahl sowie re:ni und Eversines. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

Blue Hawaii: i-DJ (i-D)

Dass das kanadische Duo Raph Standell-Preston und Alex Kerby überhaupt noch mal als Blue Hawaii gemeinsam Musik machen würde, war nach ihrem grandiosen Indie-Electronica Album Untogether 2013 keineswegs klar – das Liebespaar stand kurz vor der Trennung, fand dann aber 2017 für Tenderness erneut zueinander. Für i-D begeben sich Blue Hawaii nun als DJ-Duo auf eine Reise durch Zeit und Stile, bei der sie beweisen, dass ihre Mixing-Skill definitiv „in sync“ sind.

Allein schon, wie in den runtergepitchen John-Denver-Klassiker „Leaving On A Jet Plane“ in der Reggae-Version von Sonya Spence bereits nach wenigen Sekunden die Bassline von „My Father’s Farda (G’s Sound Boyz Dub)“ von Mr. G einfadet, beweist die Experimentierlust und den weiten musikalischen Referenzrahmen von Blue Hawaii. Dieses Set will eine echt Liebesgeschichte erzählen. Die tieftraurige Bitte „Tell me that you’ll wait for me!“ blendet direkt über in Mr. Gs entscheidende Frage: „Are you looking for somebody new?“ Über verspulte House-Tunes von Kareem Smith tauchen Blue Hawaii immer tiefer in die Neunziger ein, um mit der verträumt-ravingen Housenummer „The Future Of The Future (Stay Gold)“ von Deep Dish feat. Everything but the Girl das Tempo anzuziehen. Das breakige „It’s My Life (Max D Edit) von Watt Noize bildet dabei nur einen der vielen emotionalen Höhepunkte dieses Mixes, der einen einfach nur froh darüber zurücklässt, dass Blue Hawaii ihre Liebe für die Musik – und natürlich füreinander – nicht aufgegeben haben. Laura Aha

Lukid – Cav Empt Tape (Cav Empt)

Das japanische Streetwear-Label Cav(eat) Empt(or) unterhält seit einigen Jahren auch eine limitierte Tape-Mixreihe mit illustren Gästen wie Joy Orbison, Call Super oder Low Jack. Für die aktuelle Ausgabe, die kürzlich erstmals im Netz auftauchte, durfte Lukid an die Decks. Der Londoner Ausnahmekünstler startete um die 2010er-Jahre mit sage und schreibe drei LPs auf Actress’ Werk Discs durch und landete spätestens mit seinem feinfühligen Lonely At The Top in den Herzen von LoFi- und Experimental-Liebhaber*innen. Seitdem ist es ein leider ziemlich still um den exzentrischen Produzenten und sein Imprint Glum geworden – es folgten noch eine Handvoll EPs, zuletzt das verrauschte Drip auf dem Warp-Ableger Arcola.

Wie zu erwarten zeigt sich Lukid nicht nur als Produzent, sondern auch als Selector vielseitig: Auf seinem Cav Empt Tape kombiniert der gebürtige Luke Blair Footwork, Grime, Jungle, Reggae und – wenn mich mein Gehör nicht täuscht – auch den ein oder anderen unveröffentlichten Tune aus Eigenproduktion. Von schwelgerischen Soundcollagen über rasiermesserscharfe Percussion-Workouts zu verwaschenen Grime-Brettern – das könnte der Soundtrack zu Pippi Langstrumpf im Ghetto sein. Eine verdammt runde Sache und kurzweilige Stunde. Und ein guter Beleg für die Binsenweisheit, dass unterschiedliche Genres einen DJ-Mix durchaus bereichern, jedenfalls wenn der*die richtige Discjockey hinterm Pult steht. Bleibt nur noch zu hoffen, dass nach diesem DJ-Mix bald die nächste Lukid-Platte folgt… Raoul Kranz

Oceanic – Dekmantel Podcast 260 (Dekmantel Podcast Series)

Nachdem sein älterer Bruder und Nous’klaer-Chef Sjoerd Oberman es bereits im August in diese Rubrik schaffte, folgt ihm nun sein jüngerer Bruder Job alias Oceanic. Im inzwischen 260. Dekmantel-Podcast vermengt dieser über eineinhalb Stunden Tracks zu einem nervösen, hyperrhythmischen Flirren, das hin und wieder unscharfe Vocal-Schnipsel übertünchen. Dass das schlussendlich wie aus einem Guss klingt, darf man getrost als Höchstleistung bezeichnen, überrascht angesichts Oceanics Qualitäten aber auch nicht wirklich. Routiniertes Mixing ohne Hektik und Allüren trifft auf eine äußerst geschmackssichere wie konsistente Auswahl, die nach knapp 40 Minuten durch die elegischen Chöre aus Holly Herndons „Frontier” eine Zäsur erfährt.

Die Breakbeats aus demselben Song, den Oceanic kunstvoll verhallen lässt, ebnen schließlich den Weg für etwas mehr als die zweite Hälfte des Mixes, die abermals einen unwiderstehlichen Schwall aus Drumsalven an den nächsten reiht. Dazu schichtet der Niederländer, der in Zeeland aufwuchs und inzwischen in Rotterdam wohnt, wahlweise Flächen übereinander, die seinem Künstlernamen alle Ehre machen, oder verlässt sich auf akustische Wimmelbilder. Auch wenn sich das Set nach einer Stunde tanzbareren Beats hingibt, verliert es dabei weder seine Durchdachtheit beziehungsweise sein Konzept, noch seine immer wieder durchschimmernde melancholische Note. Adäquate Vertonung des Dezembers durch den De School-Resident, Gwen Stefanis „Hollaback Girl” inklusive! Max Fritz

Öona Dahl: Podcast 622 (XLR8R)

Öona Dahl nimmt uns mit auf eine Reise in die Weiten des Alls, denn ihr Mix für den XLR8R Podcast hat alles, was man sich für ein Abenteuer auf einem Spaceship wünscht: verträumte Soundscapes, funky Breakbeats und bouncy Acidlines, alles gut verschnürt in einem Paket aus House. 

Den Start der Reise leitet Dahl mit ihrem eigenen Ambient-Track „15 Years Old“ ein, eine verträumte Synthmelodie begleitet fließende Soundscapes und sporadisches Vogelgezwitscher. Das Raumschiff hebt ab, und mit melancholisch anmutendem Electro von Project Pablo geht der Blick zum Fenster und fällt auf die immer kleiner werdende Erdkugel. Auf dem Flug durch die Schwerelosigkeit zieht ein Meteoritenregen vorbei und das Ausweichmanöver wird begleitet von einer dominanter werdenden Bassline und schließlich auch den ersten Acideinflüssen von Onur Ozman. Langsam nähert sich das Schiff dem vor ihm liegenden Planeten und der nun ruhiger werdende Gleitflug in die neue Atmosphäre wird untermalt von TERRs gefühlvollen Nu-Disco-Vocals und gebrochenem Electro von Benedikt Frey. Mit „Rave Child” empfängt DJ Metatron die Durch-Raum-und-Zeit-Reisenden auf dem neuen Planeten und beendet mit seinen verträumten Vocals das intergalaktische Abenteuer.

Öona Dahl überzeugt im XLR8R Podcast mit experimentierfreudigem Deephouse straight outta space, gewürzt mit einer Prise Vocals, Acid und Breaks. Danke für diese kosmische Reise! Lisa Kütemeier

re:ni & Eversines: Dekmantel Radio 197

Die Londoner DJ re:ni ist ohne Frage einer der Acts der Stunde. In ihren dynamischen Sets spielt die Britin eine Mischung aus Bass Musik und fragmentiertem Techno und beweist dabei stets den Griff zum Exquisiten. Man sollte eigentlich meinen, die große Zahl an DJ-Gigs, ihre Radioshow re:lax mit Kumpel Laksa und die Dekmantel Podcasts der letzten Zeit würden sie zumindest ab und zu an die Grenzen ihrer Plattenkoffer und Datenbanken bringen, doch irgendwie gelingt es re:ni immer wieder, neue Track-Juwelen ausfindig zu machen.

Den zweistündigen Dekmantel Radiomix gestaltete sie gemeinsam mit dem holländischen DJ Eversines, der Teil des Amsterdamer Kollektivs De Lichting ist. Das Imprint ist für seine vielfältigen und melodischen House- und Technoreleases bekannt. Die stilistische Weite der zwei DJs spiegelt sich so in einer interessanten Mischung aus Four-to-the-Floor-Rhythmen und breakorientierter Musik wider. Eversines gestaltet die erste Stunde des Mixes, in der er Songs wie den verspielten Old-School-Klassiker „Soundscape (Intricate Mix)” von Kosmic Messenger aus dem Jahr 1993 mit den House-Hits „Topaz” oder „Purple” des Duos Circulation kombiniert. Als Zuhörer*in wird man durch eine ganze Reihe relevanter Genres geleitet. Und doch fügen sich die Tracks alle nahtlos aneinander. 

Danach übernimmt re:ni mit ihrem gewohnt basslastigen Stil das DJ-Pult: Den Anfang macht die sphärische Nummer „Sundials” von M.S.L., die mit Synth-Bleebs und IDM-Charme untermauert ist. Es folgen Tracks wie der energetische, von Trommeln getragene „Kouros Roller” des Künstlers Barow oder der futuristisch-verspulte „Zooomb” von Color Plus. Re:ni beweist ihr DJ-Geschick und mixt weitere Genres in ihr Set, wie etwa das Dub-Reggae Stück „Peace & Love (ft. Linval Thompson)” von Dubmatix. Die zweistündige Radiosession entwickelt so einen ganz eigenen Flow – von verspielten Downtempo-Stücken, über treibende House- und Technoklassiker bis zum beatgewaltigen und futuristischen Soundkonstrukt. Für wen sich 120 Minuten voll musikalischer Sinneserweiterung gut anhören, wird hier mit Sicherheit belohnt. Till Häselbarth