Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten Mixe des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Bambounou, Four Tet, Mars Leder, Minor Science und RSS Disco. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

Bambounou: Closing Set (Terraforma 2019)

Der gebürtige Pariser Jérémy Guindo alias Bambounou hat nicht nur eine beachtenswerte Reihe von Veröffentlichungen vorzuweisen, sondern sticht auch als Live-Act hervor. Indem er die vergangenen Jahre damit zugebracht hat, an seinem gengreübergreifenden Sound zu feilen, hat sich Bambounou in die vorderste Reihe der Szene befördert. Angesichts der Mustergültigkeit, mit der er diesen Aufstieg gemeistert hat, bleibt eines Schleierhaft: Woher nimmt Guindo die Kapazitäten sich neben seiner Tätigkeit als Künstler auch noch einer Modelkarriere zu widmen?

Nicht von Bambounous Modelqualitäten, aber seinem dynamischen Ansatz als DJ, der ihn immer wieder zu verblüffenden Tempowechseln befähigt, zeugt sein jüngst veröffentlichter Mix des diesjährigen Terraforma Festivals. Die Veranstaltung in Milano ermutigt zu besonderer Experimentierfreudigkeit, der sich auch Guindo hingegeben hat. Sein Auftritt zählte neben den Sets von Donato Dozzy und Vladimir Ivkovic zu den Höhepunkten dieses Wochenendes – nicht zuletzt, dank des Temperaments, das der Franzose hinter den Decks ausstrahlt.

Mit Valentino Mora, Donato Dozzy und Adiel lotste Bambounou behutsam in das Closing. Nach guten fünfzig Minuten bewegte er sich mit experimentellen Tribal-Sounds auf gewagteres Terrain. Das Zentrum dieses Abstechers bildete Malayeens „Dina“. Danach ging es auf und ab. Ganz oben mit dabei war „Bells“ von Phara. Ziemlich weit unten zu verordnen wäre der Random Logic Remix von Kraftwerks „Homecomputer“. Der Mix endet seicht mit Barkers „Maximum Utility“  – zumindest auf Soundcloud! Tatsächlich wollte er es danach noch einmal wissen und setzte mit Afrobeat und Bashment-Tracks noch einen oben drauf. Zwei Highlights dieses krönenden Abschlusses waren „Drogba (Joanna)“ von Afro B feat. Wizkid und „Who Mad Again“ von Jahyanai feat. Bamby. Wieso uns Guindo dieses Finale vorenthalten möchte, ist ebenso nebulös. Leonard Zipper

Four Tet: The Lot Radio Show (The Lot Radio)

Sampling-König Kieran Hebden alias Four Tet hat wieder abgeliefert. Hebden ist bekannt für sein ausuferndes Bedienen an verschiedensten musikalischen Stilen. Seine Vorliebe für Sampling und wildes Remixing stellt er auch in seinem aktuellen Mix für die The Lot Radio Show wieder unter Beweis. Obwohl Hebden querbeet durch unterschiedlichste Genres stapft, ist die Mischung von tanzbaren und ruhigeren Parts durchaus ausgewogen komponiert. Dabei bedient er sich freizügig an aktuellen Charthits, wie dem indischen HipHop-Track „47“ von Sidhu Moose Wala, Mist und Steel Banglez und dem von ihm selbst fast bis zur Unkenntlichkeit gemixten „Midnight Hour“ von Skrillex und Boys Noize. Sorgen diese beiden Hits für ein Schmunzeln auf den Lippen, bringen Tracks wie „New Lover“ von FaltyDL oder „Want“ von Shanti Celeste das Lächeln zurück.

Verwöhnt der Mix seine Hörer*innen in der ersten Stunde noch mit ruhigeren Passagen, wird es ab der zweiten Hälfte deutlich dunkler und tanzbarer. Tracks wie „Bromley“ von Joy Orbison und Overmono, „Peel Me Easy“ von der neuen Karenn-LP Grapefruit Regret und „Utility“ von Barker glänzen neben zwei interessanten Dubstep-Stücken von Peverelist und Hydraulix. Kurz vor Ende holt Hebden einen Track mit einem Voice-Sample heraus, der im Europa 2019 durchaus als politisches Statement gesehen werden kann. „I look around, it’s the 90s and there’s still so much ignorance and so much racism that exists in the world. I just wish that people would accept each other for what they are on the inside“, erzählt eine Frauenstimme bis zum Ende des Mix. Word! Lisa Kütemeier

Mars Leder: Warming #1 (Warning)

Während sich November-Blues und Winterdepris breit machen, startet Warning die neue Ambient-Mix-Reihe Warming. Die junge Partycrew um DJ Normal 4 und Philipp Otterbach tummelt sich seit drei Jahren vor allem im ://about blank, macht sich mit undergroundigen wie experimentierfreudigen Line-Ups einen Namen und ist neuerdings auch als Label mit illustren Nummern von DJ Tabledance oder Benedikt Frey vertreten. Anstatt Booty-Electronica liefert Resident Mars Leder aber den Soundtrack zum knisternden Kaminfeuer – oder qualmenden Kachelofen.

Der gebürtige Schwabe, der seit 2011 an der Spree verweilt, hat sich im Laufe der Jahre zu einem versierten Broken-Beats-Vinyl-DJ entwickelt, bringt aber auch eine große Leidenschaft für ambiente Klänge mit. Gerade die Kombination der Klangwolken im ersten Teil mit langsamen Beats im zweiten Teil, macht die Stärke seines neuen Mixes aus. Nach 20 Minuten schwelgerischer Ambient-Exkursionen wie mit ASOKs „Universe 3” bereitet Perkos „Grace” mit metallischer Percussion auf die Downbeat- und Bass-Hybride der kommenden 40 Minuten vor. Hier serviert Mars Leder zeitlose Perlen wie SW. & SVN, Oli XL oder „More Than” vom gerade erschienen Instra:mental-Album, die einen wohlig warm einlullen wie Heizungsluft. Vier weitere Ausgaben sind noch über den Winter geplant, der damit ein kleines bisschen weniger trist werden dürfte. Raoul Kranz

Minor Science: Dehors Brut (Boiler Room)

Letzten Monat fand im Pariser Club Dehors Brut, dem neuen Laden des Concrete-Teams, die zweite Ausgabe des Boiler Rooms statt. Mit dabei war der Produzent Angus Finlayson alias Minor Science. Der Brite lebt seit einigen Jahren in Berlin und ist spätestens mit seinen zwei Whities-Releases in den Olymp der Bass-Musik aufgestiegen. 

Sicher, beim Boiler Room möchte sich jede*r Künstler*in von der Schokoladenseite präsentieren, das einprägsamste Set spielen und beweisen, wie ausgefeilt der Musikgeschmack doch ist: Minor Science pulverisiert diese Ansprüche allesamt und liefert ein Set, das irgendwo zwischen Raketenabschuss gen Mars und R’n’B-Party liegt. Ein Remix von Nicki Minaj, die energetische Reggae-Dub-Nummer „Retaliate” mit der jamaikanischen Sängerin Warrior Queen sowie gewohnt bassorientierter Techno reichen sich hier die Hand. Da wären „Neutrino” von TVSI alias Anunaku, „Art Attack Gone Wrong” von Piezo oder „Rough Rider (Low Jack Remix)” von STILL. Es ist nicht leicht, das Set an einem konkreten Genre festzumachen. Was aber klar ist: Sowohl die Selektion als auch die technische Ausführung verdienen DJ-Bestnoten.

Ein Kommentar auf YouTube fasst das Hörerlebnis treffend zusammen: „Der Typ spielt gefühlt 200 unterschiedliche Stile und trotzdem passt irgendwie alles zusammen!”. Im Laufe des Sets hangelt sich Minor Science, der ursprünglich aus dem Leftfield-Bereich stammt, von bouncenden Afro-Beats zu zerstückelten Drumrolls. Im zweiten Teil verlagern sich die Tracks dann etwas mehr vom Bass- und Breakbeat zum Four-to-the-Floor. Aufgrund der Dynamik des anderthalbstündigen Sets könnte es auch gut als toughes Workout-Programm durchgehen. Till Häselbarth

RSS Disco: UV Podcast 077 (Uncanny Valley)

Egal wie oft man es sich jedes Jahr aufs Neue vornimmt: Die Zeit von November bis Weihnachten gleicht bei den meisten eher einem Marathonlauf, als einer tatsächlich besinnlichen Zeit. Da kommt etwas Meditation für die Ohren gerade recht. „Setzen Sie sich bequem und entspannt hin. Achten Sie dabei auf Ihren Atem. Atmen Sie nicht schneller oder langsamer, als es Ihnen Ihr Rhythmus gerade vorgibt.“ Mit einer sanften Runde autogenem Trainings über kosmischen Synth-Spielereien beginnt der Mix des Hamburger DJ-Trios RSS Disco für das Dresdner Label Uncanny Valley. Ganze neun Minuten lang begleitet die unfassbar beruhigende Stimme den Beat und lässt den Hörer*innen Zeit, in einen echten Entspannungszustand zu kommen. „Zeit“ ist das große Stichwort bei RSS Disco: Die ursprüngliche Idee war es, in ihren Sets die 12-Inches einfach ein bisschen langsamer zu spielen und sich auf die warmen, wohlig schunkelnden Instrumentalparts hinter den Beats zu fokussieren, wie man sie etwa auf B-Seiten findet. 

In der Tat strotzt dieser Mix keinesfalls vor Hits, vielmehr lullt die Mischung aus Cosmic Disco, Slow Jazz und verträumten Housetunes wohlig ein und versetzt in einen kontemplativen Zustand. Von Sven Dohses melancholischem „Go Back“ leiten RSS Disco geschmeidig über zu Bella Boos verträumten  „Alòm“, dessen samtige Fender-Rhodes-Akkorde eine unbestimmte Nostalgie auslösen. Einschlafen ist ausdrücklich erlaubt – im Interview mit Uncanny Valley erzählt das Trio, dass Popnoname während eines ihrer Sets tatsächlich mal in der DJ-Booth auf einem Stuhl geschlafen habe. 

Ab Minute 26 nimmt das Set dann aber doch noch Fahrt auf, schraubt sich über knarzige Beats hoch wie eine rostige Maschine, um dann in „Discontinuity“ von Skymax einen ersten Peak zu erreichen. Mit unerwarteten Disco-Classics wie Bill Wymans „She Danced“ beweisen RSS Disco durchaus auch ihre Digger-Qualitäten und Affinität zu obskuren Tunes. Wer bis zum Ende durchgehalten hat, wird mit der cheesy Perle „It’s Here“ von San Proper belohnt – und deutlich entspannt zurück in den Alltag entlassen. Laura Aha