Foto: Gavin Perry (Graham Massey und Andy Barker im Granada TV-Studio)

Ob wohl noch ernsthaft jemand mit einem neuen 808 State-Album gerechnet hat? Nach ewig langer Pause erscheint am 11. Oktober Transmission Suite. 1988 sorgten 808 State erstmals mit Newbuild für Wirbel. Das Debüt der Rave-Pioniere aus Manchester war damals radikaler als alles andere, was man mit Acid in Verbindung brachte. Kurz darauf landete „Pacific State” in den britischen Charts. Die Saxophonmelodie stand noch für das Vermächtnis der Achtziger, das Zwitschern des heute wieder gerne verwendeten Seetaucher-Samples wies in die Zukunft.

Heute spricht man im Zusammenhang mit Techno eher selten bis gar nicht von Bands. Für Graham Massey ist 808 State aber schon immer eine Band gewesen. Seit dem Ausstieg von Martin Price im Jahr 1991 ist Graham Massey der unumstrittene Kopf der Band. Doch diesen Eindruck versucht der 59-jährige Musiker aus Manchester stets zu vermeiden. Stattdessen betont er den gemeinschaftlichen Aspekt. Zunächst war noch A Guy Called Gerald Teil von 808 State, für ihn kamen die beiden 808-State-DJs in die Band, Andy Barker und Darren Partington. Heute dürfte die künstlerische Entscheidungsfindung deutlich einfacher sein, denn verblieben sind nur noch Graham Massey und Andy Barker.

Dass es vor 17 Jahren schon mal ein 808 State-Album gab, hat man gar nicht unbedingt auf dem Schirm. Nur wenige Menschen hatten 2002 von Outpost Transmission Notiz genommen. Zum einen, weil das Label zum Veröffentlichungstermin bereits so gut wie pleite war, zum anderen weil die Musik schlicht enttäuschend war. Und so verging ein Jahr ums andere, Graham Massey ergraute zuerst, inzwischen ist ihm sein Partner Andy Barker gefolgt. Doch das jetzt erschienene Transmission Suite, das sechste Album von 808 State, ist ihr frischestes und bestes seit Jahrzehnten, genau genommen seit dem Klassiker Ex:el. Damals befanden sich 808 State auf ihrem kreativen und kommerziellen Höhepunkt. Die Posterboys der Rave-o-lution hatten den Madchester-Hype, in dessen Zusammenhang sie anfangs gerne mal mitverhandelt wurden, schadlos überlebt.

Nach Newbuild und der Quadrastate EP war so manches Label hinter dem Quartett her, darunter auch Factory, das Label von Tony Wilson und New Order, das in den späten Achtzigern alles auf die Happy Mondays setzte (und am Ende verlor). 808 State hatten aber keine Lust darauf, im Schatten der Happy Mondays und New Order zu stehen. Stattdessen unterschrieben sie beim Label ZTT, 1983 von Trevor Horn, Jill Sinclair und Paul Morley gegründet. Mit Acts wie Art Of Noise oder Frankie Goes To Hollywood agierte ZTT einige Jahre lang höchst erfolgreich und spektakulär. Mit der Zeit hatten sie jedoch fast alle ihre erfolgreichen Künstler verloren. Beste Voraussetzungen also für 808 State. Sie unterschrieben und landeten kurz darauf in der TV-Sendung Top Of The Pops. 808 State war in den späten Achtzigern der vielleicht beste Name, den man einer Band geben konnte. Dann kam 90, ihr erstes Album. Das großartige Cover war einerseits typisch ZTT, andererseits kündete es von einer neuen Zeit. Und von Techno.

Ein prächtig gelaunter und stets eloquenter Graham Massey stellte sich via Skype den Fragen unseres Autors Holger Klein. Die Vergangenheit lässt er im Gespräch zwar gerne noch mal Revue passieren. Was seine kreative Arbeit angeht, ist für den 59-jährigen der Ruhm von einst aber eher eine Last. Doch anders als all die Jahre zuvor haben er und sein Partner Andy Barker inzwischen einen Weg gefunden, mit dieser Hypothek umzugehen. Transmission Suite klingt so, wie ein 808 State-Album im Jahr 2019 klingen sollte.


Nach 17 Jahren erscheint mit Transmission Suite ein neues 808 State-Album. Warum die lange Pause?

Wir hatten kein Zuhause mehr. Aber eine Band braucht eines. Früher hatten wir ein Studio in der Stadtmitte von Manchester. Irgendwann zogen wir dort aus, das Equipment kam größtenteils zu mir nach Hause. Das war’s mit unseren gemeinsamen Studiosessions. Konzerte gaben wir aber weiterhin, es gab kein Jahr, in dem wir nicht aufgetreten sind. Vor einiger Zeit hatte ich dann im Rahmen des Manchester International Festivals mit dem Künstler Jeremy Deller zu tun. Für die 2017er-Ausgabe konzipierten wir ein großes Outdoor-Projekt. Für diesen Zweck suchte ich ein Studio. Fündig wurde ich im einstigen Granada TV-Gebäude. In meiner Jugend gab es an Fernsehsendern nur BBC und regionale Privatsender, bei uns in der Gegend war das Granada.

Granada TV by Gavin Perry
Graham Massey und Andy Barker im Granada TV-Studio. Foto: Gavin Perry

Bei Granada liefen Sachen, an die sich BBC nicht herangetraut hatte. Zum Beispiel hatten die Sex Pistols dort ihren allerersten TV-Auftritt, Joy Division ebenso. Verantwortlich dafür war Tony Wilson (der spätere Gründer des Labels Factory und Manager von Joy Division, Anm. d. Red.). Er war ja gelernter Journalist. Bei Granada arbeitete er zunächst als Nachrichtensprecher, später produzierte er seine eigenen Shows. Unser Studio bauten wir im ehemaligen Kontrollraum von Granada TV auf, diesen Raum nannten sie früher Transmission Suite. Unzählige TV-Monitore hängen dort. Das Equipment ist teilweise noch eingeschaltet gewesen, so als wäre niemals etwas ausgeschaltet worden, überall blinkende Dioden. Die Atmosphäre hatte etwas geisterhaftes. Für mich konnte es kaum einen besseren Ort geben, um ein neues Album aufzunehmen. Denn Granada TV steht für die Zeit, in der ich in Manchester aufgewachsen bin.

Wann wurde das alte Granada-Gebäude denn aufgegeben?

Das muss in den frühen Nullerjahren gewesen sein. 

„Ich wünsche mir, dass die Platte wie ein gut designtes Gebäude wirkt. Auf den ersten Blick übersieht man es fast, weil es sich nahtlos in die Umgebung einfügt. Erst wenn man genauer hinsieht, erkennt man die Schönheit in seinen Strukturen.“

Der Sound von Transmission Suite ist recht roh, so einiges erinnert an frühen Techno oder Electro. Trotzdem klingt das Album nicht wie ein Versuch, den alten 808 State-Sound wieder auferstehen zu lassen. Die Beats zum Beispiel stolpern teilweise recht ungewöhnlich durch die Tracks, das kennt man so bisher nicht von euch. Wie würdest du das Konzept hinter dem Album erklären?

Das Soundspektrum ist ursprünglich viel breiter und nicht so elektronisch gewesen. Insgesamt haben wir an die 40 Tracks aufgenommen. Auf vielen dieser Stücke sind normale Instrumente wie Gitarren oder Saxophone zu hören, gespielt von Gastmusikern. Doch am Ende passte das alles nicht zusammen. Nun klingt das Album auf ziemlich puristische Weise elektronisch. Einer altbekannten Palette von Sounds etwas Neues abringen zu wollen, ist immer eine Herausforderung. Innovativ kann aber die Form und die Geometrie dieser Sounds sein. Melodien sind uns immer wichtig gewesen, es ging aber nicht um Tracks, die sofort da sind. Ich wollte ein Album machen, das wächst. Ich wünsche mir, dass die Platte wie ein gut designtes Gebäude wirkt. Auf den ersten Blick übersieht man es fast, weil es sich nahtlos in die Umgebung einfügt. Erst wenn man genauer hinsieht, erkennt man die Schönheit in seinen Strukturen.

Zwischen 1980 und 1989 warst du Teil einer Band, die Biting Tongues hieß und eine Musik spielte, die sich irgendwo zwischen Post Punk, Punk Funk und Jazz bewegte. Unter anderem wart ihr bei Factory gesignt. Welche Bedeutung hatte die Zeit in dieser Band für dich?

Als ich zu den Biting Tongues kam, war ich erst 19 und damit das jüngste Mitglied der Band. Mir gefiel das irgendwie, denn ich konnte von den Jungs um mich herum sehr viel lernen. In der Musikszene von Manchester war es in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern so, dass man erst gar nicht darüber nachdachte, eines Tages außerhalb der eigenen Stadt den Durchbruch zu schaffen. Wenn es doch jemand schaffte, national oder gar international, dann war das eine große Sache. Bands wie Joy Division blieben dennoch in der Stadt und zogen nicht nach London. Man wollte in der eigenen Stadt etwas aufzubauen, das war der Anspruch von Factory. New Hormones war auch so ein großartiges DIY-Label, die Spinal Scratch EP von den Buzzcocks ist beispielsweise dort erschienen.

Biting Tongues
Biting Tongues. Foto: Archiv 808 State

Wir veröffentlichten bei New Hormones unser zweites Album, auf Kassette. Die Botschaft damals war: Arbeite einfach mit dem, was du hast, und schäme dich nicht für deine Defizite, sondern mach daraus eine Stärke. Vieles von dem, was wir taten, war komplett improvisiert. Als wir knapp zehn Jahre später anfingen, mit Maschinen Musik zu machen, erwies sich das als sehr nützlich. Nun arbeiteten wir mit Midi-Equipment, Computern und Synthesizern. Trotzdem waren wir in der Lage, aus dem Stegreif heraus zu improvisieren. Während meiner Zeit bei den Biting Tongues wurde mir klar, welche Bedeutung dieser gemeinschaftliche Aspekt für die Musik hat, man erschafft zusammen etwas aus dem Augenblick heraus. So war es später auch, als wir mit Björk zusammenarbeiteten. Damals stellten sie und ich fest, dass wir ganz ähnliche Wurzeln haben. Mit ihrer Band Kukl machte sie in den Achtzigern ja völlig anarchistische und freie Musik. Jazz spielte für uns beide eine wichtige Rolle, wobei Jazz für mich ein etwas problematischer Begriff ist, denn viele Leute denken dabei an Kenny G, während es mir um Roland Kirk geht.

„Arbeite einfach mit dem, was du hast, und schäme dich nicht für deine Defizite, sondern mach daraus eine Stärke.“

Was begeistert dich an Jazz?

Ich mag den Outsider-Jazz, also Leute, die in der musikalischen Tradition des Jazz stehen, ihr aber eine neue Form geben. Sun Ra verfolgte diesen Ansatz. Als ich 22 war, spielte er in Manchester. Für mich war dieses Konzert eine Offenbarung. Da stand eine Band auf der Bühne, die erst Mitklatsch-Musik aus den 1930er-Jahren spielte, um sich kurz darauf weit hinaus ins Weltall zu schießen. Dann gaben sich die Musiker freier Improvisation hin, woraufhin wieder etwas total Durchkomponiertes folgte.

In der Musik von 808 State finden sich ja auch immer wieder Elemente dessen, was du als Outsider-Jazz bezeichnest. Ich denke da zum Beispiel an euer Album 90, darauf ist der Track „Cobra Bora” finden, der ja mehr als nur ein bisschen vom Jazz geprägt ist.

Oh ja, schon unser erstes Album Newbuild klingt stellenweise sehr polyphon. Wir missachteten Tonarten. Mir gefiel an Acid House, dass diese Musik fremdartig und durcheinander klang. Das war für mich die Verbindung zwischen Acid House und der Musik der Biting Tongues. Die war auch meist hässlich, genau das zelebrierten wir.

Der Acid-Sound auf Newbuild ist ja eigentlich gar keine DJ-Musik. Die Tracks haben mehr von einer wilden Jamsession. Ganz allgemein sind 808-State-Stücke nur selten strikt loopbasiert.

Melodien spielen in unserer Musik eine zentrale Rolle. Komposition ist uns immer wichtig gewesen. Wenn ich irgendwo als DJ auflege, komme ich normalerweise nicht auf die Idee, solch durchkomponierte Tracks zu spielen. Das sind für mich getrennte Welten. Wir haben für unsere Alben immer so etwas wie Langlebigkeit angestrebt. Ich bin im Zeitalter der Alben aufgewachsen, bis zu einem gewissen Punkt kann ich das bis heute nicht abschütteln. Unter einem Album stelle ich mir etwas vor, das Variation zulässt. Man setzt sich hin und begibt sich auf eine Reise. Und zwar ohne auf die Idee kommen, von Track zu Track zu skippen. Das ist zumindest meine Wunschvorstellung.

Die Zeit, in der du musikalisch aufgewachsen bist, dieses Zeitalter der Alben, waren die 70er-Jahre. Was hast du denn als Teenager gehört?

Als Teenager faszinierte mich Punk mit seiner Energie, die viel wichtiger war als musikalisches Können. Gleichzeitig habe ich damals schon viel Musik gehört, die von technisch begabten Musikern war. Ich bewunderte das durchaus. Auf der anderen Seite war ich der Meinung, dass dieses Könnertum in eine Sackgasse führt. Punk war primitiv, so wie auch eine auf einem Keyboard gespielte Einfinger-Melodie über einem stampfenden Beat primitiv ist. Das klassische Punk-Instrument ist für mich eine Trompete, die man nicht spielen kann. Man könnte manchmal denken, dass jede Band eine hatte – von Throbbing Gristle bis A Certain Ratio. In meiner Band hatte ich diesen Job. Dieser Spirit führte später zum 808 State-Track „Pacific State” und seinem Saxophonpart. Am Abend vor der „Pacific State”-Session hatte mein Biting Tongues-Kollege Howard Walmsley sein Saxophon im Studio stehen gelassen. Ich schnappte mir einfach das Instrument und spielte diese Tonfolge. Ich war kein Saxophonist, trotzdem wurde diese Tonfolge zu einer der berühmtesten Saxophonmelodien überhaupt. 

„Für mich war Acid eine Fortsetzung dessen, was ich an Miles Davis liebte.“

Die erste Inkarnation von 808 State bestand noch aus dir, Martin Price und Gerald Simpson, besser bekannt als A Guy Called Gerald. Was brachte euch zusammen?

Wir lernten uns in Martins Plattenladen kennen, bei Eastern Bloc. Uns drei verband die Begeisterung für diese schräge neue Musik, für Acid House. House gab es ja schon eine ganze Weile. Leute wie Farley „Jackmaster” Funk landeten in den UK-Charts große Hits. Aber ich interessierte mich nicht sonderlich dafür, das war ja Musik, die eher in der Gospeltradition stand. Die abstrakten, schrägen Aspekte von House kamen erst mit Acid. Für mich war Acid eine Fortsetzung dessen, was ich an Miles Davis liebte. Newbuild ist das Ergebnis der Interaktion von uns dreien. Wir hatten damals zum Beispiel keine Möglichkeit, das Mixing zu automatisieren. Beim Abmischen der Tracks waren ständig unsere sechs Hände am Mischpult, das musste vorher natürlich geprobt werden.

808 State
A Guy Called Gerald um 1988. Foto: Archiv 808 State

Im nächsten Schritt wurden die Tonbandaufnahmen mit Rasierklingen editiert. Das hatte ich in einem Tontechnikkurs gelernt, den ich zu dieser Zeit belegte. Im Studio meiner Tontechnikschule nahmen wir das Album auf. Teilweise basierten die Tracks auf Projekten für meine Tontechnikerausbildung, sie wurden also auch benotet. Diese Tonband-Edits sind einer der Gründe, warum man einige der alten 808 State-Stücke überhaupt nicht mixen kann. Wenn man modernes DJ-Equipment verwendet, sieht man, dass unsere Edits sich nicht in das Taktraster einpassen. Wir waren eben keine Profis, unsere ersten Platten entstanden aus der Spontaneität heraus. Und kaum waren sie veröffentlicht, liefen sie schon bei John Peel auf BBC Radio 1. Das war ein großartiges Gefühl. Es kamen ja jede Woche so viele Platten heraus, ausgerechnet unsere Musik war im ganzen Land im Radio zu hören.

War das Radio für euren Erfolg wichtiger als Clubs und DJs?

Ja, durchaus, doch es kamen einige Dinge zusammen. Wir waren in Manchester extrem umtriebig, man kannte uns. Vor allem aber änderte sich die Kultur gerade, ein Expertentum, das den Prozess der Veränderung begleiten konnte, hatte sich jedoch noch nicht herausgebildet. Diese Hierarchie des Inputs kam erst ein paar Jahre später, als Magazine wie Mixmag auf den Markt kamen und spezialisierte Journalisten eine Struktur vorgaben. Wir profitierten davon, denn so konnte noch wirklich merkwürdige Musik durchs Netz schlüpfen, die es einige Jahre später vielleicht nicht mehr geschafft hätte.

Wir hatten ja nicht reihenweise Floorfiller gemacht, auf die sich sämtliche DJs stürzten. Den Großteil unserer Musik muss man im Kontext der Albumkultur sehen, obwohl wir bei Eastern Bloc direkt an der Quelle saßen und jede Woche die neuesten Import-Maxis checkten. Ich würde sagen, wir leisteten auch jenseits von Clubhits einen wichtigen Beitrag zu dieser neuen Kultur, denn die Leute wollten in den Clubs zwar Floorfiller hören, aber als plattenkaufendes Publikum hatten sie das Bedürfnis nach etwas anderem. Das erfüllten wir. Es entstand gerade eine neue Albumkultur, die ihren Ursprung auf der Tanzfläche hatte. Ehrlich gesagt waren wir damals aber manchmal etwas verunsichert, denn wir selbst dachten, dass wir Musik für die Clubs machten. Doch im Rückblick ist mir schon klar, dass unsere Stärken nicht in diesem Bereich lagen.

Für Gerald Simpson kamen mit Andy Barker und Darren Partington zwei DJs in die Band. Die beiden waren deutlich jünger als Martin Price und du. 

Ja, Martin ist ein paar Jahre älter als ich, während Andy und Darren zehn Jahre jünger sind. Die Band war also geteilt, auf der einen Seite waren die alten Typen, auf der anderen die Kids.

Andy Barker, Darren Partington
Andy Barker und Darren Partington Mitte der 80er-Jahre als Spinmasters. Foto: Archiv 808 State

Was war denn die Rolle der einzelnen Mitglieder? 

Darren und Martin hatten wirklich ein starkes Selbstbewusstsein. Sie waren laut, vulgär und etwas eigenwillig. Bei uns im Studio ging es oft temperamentvoll zu, da war viel Energie. Manchmal fand man genau das großartig, in anderen Momenten wünschte man sich, die würden das vor der Tür austragen. Ich persönlich dachte, dass vier Leute schon ziemlich viele sind, denn vier Leute haben vier verschiedene Meinungen. Oft funktionierte das richtig gut, doch ab und zu war das Ergebnis so chaotisch wie die Session. Es war zum Teil echt kompliziert, wir diskutierten ewig über Details. Unmittelbar vor unserer ersten US-Tour stieg Martin dann plötzlich aus. In der Nacht vor dem Abflug rief er an. Es gab vorher ein Problem zwischen uns, wir hatten keine Zeit mehr, das zu lösen. Also mussten wir ohne ihn auf Tour. Irgendwie hat’s geklappt.

Was war denn der Grund für seinen Ausstieg?

In den letzten Jahren haben wir nur selten miteinander gesprochen, meist ging es dabei um Geschäftliches. Es bleibt alles ein bisschen rätselhaft. Ich vermute mal, dass er der Meinung war, mit uns viel erreicht zu haben, er wollte wohl einfach etwas Neues anfangen. Martin war immer jemand, der sehr darauf bedacht war, dass möglichst viele seiner Ideen umgesetzt werden. Ich war ja auch so, also war das Verhältnis zwischen ihm und mir ein ständiges Kräftemessen. Ich glaube, er hatte auch nicht wirklich Lust darauf, mit uns auf Tour zu gehen, lieber arbeitete er im Studio. Sein Ausstieg veränderte die Dynamik in der Band gewaltig.

Die Zeit zwischen unserem Album Ex:el und dem Nachfolger Gorgeous wurde zu einer schwierigen Übergangsphase. Plötzlich war da viel DJ-orientierter Input. Es war ein ständiger Kampf zwischen einem DJ-Ansatz und meinem Denken in Album-Kategorien. Gorgeous ist wohl das Album von uns, das ich am wenigsten mag. Danach lief es besser. Don Solaris ist eines meiner Lieblingsalben. Eine schwere Geburt war es trotzdem. So viele Male warfen wir alles über den Haufen. Das Ergebnis war ein Album, dessen Idee sehr klar formuliert war. Es war eine Platte voller Sonnenlicht. Doch danach zweifelte ich daran, ob wir so etwas jemals noch mal hinbekommen würden. Es dauerte Jahre, bis Outpost Transmission fertig war. Wir hatten einfach viel zu lange daran gearbeitet. Danach hatte ich richtiggehend Angst, ein neues Album in Angriff zu nehmen. Da war so viel Ballast aus der Vergangenheit, so viel Geschichte. Ich hätte all das am liebsten ausgelöscht.

Euer Album Ex:el aus dem Jahr 1991 enthält neben den Rave-Bangern „Cubik” und „In Yer Face” zwei Stücke, die ihr mit Björk aufgenommen habt. Für ihr 1995 erschienenes zweites Soloalbum Post hast du zwei Tracks produziert und mitgeschrieben. Einer davon ist „Army of Me”, ihr vielleicht erfolgreichster Song überhaupt. Ein Grund für den Erfolg dürfte diese brachial rollende Bassline sein.

Das ist ein extrem simples Stück, fast schon Punkrock. „Army of Me” ist ein Popsong im mixolydischen Modus. Das ist eine der merkwürdigsten Tonarten, die es gibt. Also genau richtig für mich, denn ich liebe derart gebrochene Tonarten. Wir nahmen „Army of Me” an einem einzigen Nachmittag in Manchester auf, im Studio eines Freundes. Das war ein kleines Homestudio. Wir machten uns keine große Gedanken. Manchmal braucht es keine wochenlange Arbeit, sondern reichen zehn Minuten und dann ist ein Track einfach da. Ich bin sehr stolz auf diesen Song. 

Björk, 808 State
808 State mit Björk im März 1991. Foto: Archiv 808 State

Euer neues Album habt ihr nur zu zweit aufgenommen. Darren Partington ist seit 2015 kein Mitglied mehr von 808 State. Damals wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er mit Heroin und Crack gedealt hat. Ist er rausgeworfen worden?

Diese Sache spielte eine Rolle, mehr will ich dazu aber in der Öffentlichkeit nicht sagen. 

„Da ist eine neue Generation am Start, denen wir völlig unbekannt sind. Wir müssen also wieder von vorne anfangen. Auf seine Historie kann man sich nicht verlassen.“

Nächstes Jahr wirst du 60. Was sind deine Pläne für 2020 und darüber hinaus?

Für mich ist es immer noch das Größte, Musik in die Welt hinauszutragen. Nun haben wir neues Material und ich freue mich darauf, live zu spielen. In diesem Sommer traten wir auf dem Bluedot Festival auf. Kraftwerk waren die Headliner, außerdem spielten dort unter anderem New Order und wir. Der Großteil des Publikums hatte gar keine Ahnung, wer wir waren. Mein Neffe kannte sogar Kraftwerk nicht. Die spielten all ihre Hits und er fragte mich: „Wer ist das?” Dabei ist er bereits 34! Da ist eine neue Generation am Start, denen wir völlig unbekannt sind. Wir müssen also wieder von vorne anfangen. Auf seine Historie kann man sich nicht verlassen. Im Bereich der elektronischen Musik kommen jede Woche unzählige neue Tracks raus. Warum sollten die Leute unsere hören? Deshalb will ich unbedingt rausgehen und spielen.

808 State by Nick King
808 State live 2016 bei The Playground im Londoner Club KOKO. Foto: Nick King

Ich weiß, dass es dann funktioniert, dass wir mit unserer Musik auch Leute, die 20 sind, erreichen können – so wie mich damals Sun Ra begeistert hat. Bis zu einem gewissen Grad bin ich durchaus ein Fan meines eigenen Schaffens. Ich habe aber keinerlei Interesse, dorthin zurückzugehen, wo ich 1990 war. Ich will mit frischen Ideen meinen Teil zum heutigen Geschehen beitragen. Natürlich entdecke ich in den Clubs von heute vieles, von dem ich kein Teil sein will. Irgendwo aufzutreten, wo die Musik nur eine Nebenrolle spielt, wäre für mich ein Albtraum. Aber gleichzeitig sind da heute so viele tolle neue Orte für elektronische Musik. Insofern glaube ich, dass wir für unsere Rückkehr gar keinen schlechten Zeitpunkt gefunden haben. Wir leben in einer Zeit, die zunehmend von Chaos gekennzeichnet ist. In solchen Zeiten wird Musik umso mehr gebraucht, als Reaktion auf all das. Als wir damals Teil der gesellschaftlichen Revolution waren, die mit Rave kam, ging es nicht zuletzt um Selbstermächtigung, denn viele Menschen fühlten sich entmachtet. Wenn man kreativ ist, dann ist das ein Akt der Selbstermächtigung. Punk hatte das, Rave ebenso. Und heute brauchen wir genau das wieder. 


Drei Klassiker von 808 State

808 State – Newbuild (Creed Records, 1988)

1988: Aus dem Underground-Phänomen Acid House wurde speziell in Großbritannien ein Hype. Die Musikindustrie witterte einen Trend mit Umsatzpotenzial und die großen Medien berichteten über die verrückten Partypeople aus den Londoner Clubs und gaben Fashion-Tipps. Auch Drogen waren natürlich schon ein Thema. Noch vor dem ganz großen Hype kam die erste 808 State-LP Newbuild. Martin Price war damals nicht nur Besitzer von Eastern Bloc, dem besten Plattenladen von Manchester, sondern betrieb auch noch das Label Creed Records, wo diese wundersamste aller Acid-Platten dann erschien. Graham Massey hatte jahrelang in der Postpunk-Band Biting Tongues gespielt und Gerald Simpson gerade seine erste Platte als A Guy Called Gerald herausgebracht. Die drei waren übelst angefixt vom Acid-Sound aus Chicago, doch ihre Interpretation dieses US-House-Genres war deutlich extremer. Sie klingt noch heute völlig einzigartig. So kaputt, so wagemutig, so trippy. Die sieben Tracks sind eine wilde und doch hochkonzentrierte Jamsession, Einflüsse aus Industrial/EBM und Psychedelic Rock inklusive. Newbuild ist ein freundliches Fuck You an die Konventionen von Acid House. Damals wie heute.

808 State – Cübik/Olympic (ZTT, 1990)

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Text über „Pacific State” stehen, jenem ambienten House-Stück mit seiner düdeligen Saxophon-Hookline und dem omnipräsenten Seetaucher-Zwitscher-Sample, mit dem sich 808 State im Jahr 1989 in den UK-Charts wiederfanden. Doch die ein Jahr später veröffentlichte Maxi Cübik/Olympic ist die interessantere 808 State-Platte. „Cübik” auf der A-Seite war in den schnelllebigen Zeiten um 1990 herum ziemlich weit vorne. Hier fand so manches statt, was erst 1991 im UK-Hardcore oder im belgischen Techno stilbestimmend sein sollte, hinzu kommt ein Rock-Gitarrensolo-Sample. Was einst irgendwie revolutionär war, taugt heute aber vor allen Dingen als Zeitzeugnis. Aber eigentlich ging es hier schon immer um die B-Seite mit „Olympic”. Im „Euro Bass Mix” greift das Stück die Synthesizer-Stabs von „Cübik” auf, erweist sich im Verlauf jedoch als ungemein vielschichtiger Track mit Deep House- und Kraut-Einflüssen. Vollends krautig geht es dann im „Flutey Mix” zu. Ein paar Jahre später wurde „Olympic” zur Titelmusik der populären BBC-Fernsehserie „The Word”.

808 State – In Yer Face (ZTT 1991)

Kein 808 State-Track war in den Clubs so erfolgreich wie „In Yer Face”. Hört man die Platte heute, wundert man sich schon ein wenig. Erst das Weltklasse-Intro mit einem Sample aus dem Grace Jones-Stück „Operattack”, Trevor Horn, Mitinhaber von ZTT und Grace-Jones-Produzent machte es möglich. Dann die Bassline, In Your Face, voll auf die Fresse. Irgendwann schlängelt sich eine Synthesizer-Melodie durch den Track, die an Kraftwerk und Breakdance-Electro Funk erinnert. Die Beats sind programmiert, aber breakbeatig. Der Subbass-Break winkt schließlich LFO hinterher. Vor drei Jahren remixte das nordirische Duo Bicep „In Yer Face” und konzentrierte sich dabei nur auf zwei Teilaspekte des Originals. Weggefräst wurden alle Teile, die abstanden oder gefährlich werden konnten. Kann man verstehen, denn dass „In Yer Face” ein Clubbanger wurde, ist im Rückblick ziemlich erstaunlich.