Da im Sommer traditionell eine gewisse Release-Knappheit herrscht und Anfang August außerdem ein guter Zeitpunkt ist, um die heißen Monate musikalisch Revue passieren zu lassen, blicken wir in dieser Woche auf fünf der wichtigsten Veröffentlichungen der Saison zurück. Die Platten der Woche gibt’s dieses Mal im Roundtable-Format, für die Selektion zeichnet der Musikblog Ashore verantwortlich. Seit seiner Gründung 2011 produzieren seine Macher eine DJ Mix-Reihe, Radiosendungen und Podcasts und veranstalteten bereits zahlreiche Partys in der Paloma Bar, der Griessmuehle oder dem Mjut. Ashore vertraten Regina Lechner und unser ehemaliger Redakteur Sascha Uhlig, für die Groove saßen Chefredakteur Alexis Waltz und Maximilian Fritz am Tisch. Besprochen wurden stilistisch stark variierende Tracks von Llewellyn, Jump Source, Feater, Anthony Naples, Kahuun und DJ Fett Burger.

Llewellyn – These Days (Don’t Make Me Wait) (Riotvan)

Llewellyn – “These Days”

Alexis: Schönes Stück. Disco-affin, dennoch geradlinig.

Sascha: Mal direkt zugegeben: Obwohl wir von Ashore recht viel mit Leipzig am Hut haben, habe ich Riotvan immer etwas übersehen.

Alexis: Ich auch. Wobei der Producer ja ein Household-Name ist.

Regina: Ich mochte schon die letzte Riotvan-Platte von Panthera Krause, die Genki Girl-EP. Panthera Krause macht ja auch das Label. Llewellyns EP finde ich aber sogar noch etwas besser.

Max: Wollte gerade schreiben, dass mich der Sound sehr an Panthera Krause erinnert.

Max: Der Track hier ist verspielt und extrem sommerlich, tut niemandem weh und will das auch gar nicht.

Alexis: Jetzt kommt das Sample (oder Cover-Element?) von „Don´t Make We Wait“ der Peech Boys, das durch den Remix von Larry Levan zu einem der bekanntesten (und besten) Discostücke überhaupt wurde.

Max: Alexis hat seine Hausaufgaben gemacht, wie es scheint.

Regina: Hab den Track gerade in einen neuen Mix als Closer gepackt. Ich finde, es hat auch was ganz leicht melancholisches, aber nicht zu doll. Insgesamt leicht und sommerlich.

Alexis: Das trifft es.

Regina: Llewellyn ist ein Alias von Lake People.

Sascha: Ah, direkt was gelernt. Musste die ja auch nachholen für die Runde hier, zum Glück!

Max: An den Melodien kann man’s stellenweise schon erahnen, wenngleich sein letztes Album unter dem Lake People-Alias ja breakiger war.

Sascha: Breakiger, interessant. Ich dachte, er macht nur so verträumten Trance-House, der auch bei Innervisions in den letzten Jahren hätte erscheinen können. Deshalb wäre ich auch nicht drauf gekommen. Bin hier der Ahnungslose in der Runde, gefällt mir, die Position.

Max: Haha, nee, das Album war richtig gut. Frühjahr 2018, glaube ich.

Sascha: Warum ein neues Alias eigentlich? Hat er noch mehr?

Regina: Ich kenne nur das, für seinen Disco-Kram

Llewellyn – „I wish I could have seen it all“ 

Alexis: Was unterscheidet das von einer Innervisions-Platte? Diese Tracks, dieser Sound?

Sascha: Das Problem ist: Bei Innervisions denke ich immer noch an die ersten zehn, zwölf Katalognummern, die sind mir gut in Erinnerung, im doppelten Sinne. Danach wird’s schwammig.

Max: Das hier klingt auch sehr clean, aber zielt nicht so oberflächlich auf Emotionen ab. Irgendwie geschmackvoller und kredibiler.

Alexis: Auf jeden Fall der Mut zur direkten Disco-Referenz und klar herausgestellten Drums.

Sascha: Habe nur immer mal Sets von Kristian und so gehört, das war nicht mehr mein Ding, dieser Mano Le Tough-Sound. Was ja dann auch zu diesem Trance-Hype führte. Naja, Hype, ihr wisst schon.

Regina: Hab auch lange nichts von Innervisions mitgekriegt… geht irgendwie komplett an mir vorbei.

Alexis: Innervisions ist dann oft sehr flächig, die Grooves sind nicht so wichtig.

Max: Keine Innervisions-Experten am Tisch… Mich erinnert das – die Snares! – durchaus auch an diese extreme 80er-Ästhetik von Com Truise. Etwas quietschigere Synths und man könnte “Stranger Things” damit unterlegen.

Alexis: Stimmt, das ist gut beobachtet. Dennoch durch und durch Tanzmusik. Toll, die agile, kleinteilige Bassline.

Max: War jetzt aber nicht als Diss gemeint, mir gefällt auch der wieder.

Regina: Könnte auf jeden Fall auch gut bei Running Back rausgekommen sein.

Sascha: Stichwort kredibil, muss an dieses Meme denken: Wenn ein Trance-DJ eine Trance-Platte spielt, ist es scheiße, aber wenn Nina Kraviz so ein Ding auspackt, flippen alle aus. Komme nur drauf, weil wir gerade über das Nachtdigital sprachen, und die ganzen Leipziger auch voll drauf steilgehen. Da läuft dann auch mal Darude – “Sandstorm” und alle gehen mit. Aber vielleicht zurück zur eigentlichen Platte…

Max: Ein Statement gesetzt!

Alexis: Es geht halt nicht nur um die einzelne Platte, sondern um den Zusammenhang.

Max: Aber ich sehe sowas echt eher nicht bei Innervisions.

Llewellyn – „Fleshed Out“

Regina: Hier mag ich total diesen etwas stolpernden Beat.

Max: Total. In diesem Fall ist es für mich dann eher die Melodie, die in die Achtziger zurückversetzt.

Alexis: Toll, wie geradlinig der Groove ist, wie sphärisch und spielerisch die Melodien sind und wie gut diese unterschiedlichen Prinzipien miteinander kommunizieren. Viele Disco-affine Platten klingen neuerdings kontrolliert und fetischisieren die Vorbilder zu sehr.

Regina: Die Drums sind richtig stark arrangiert. Und insgesamt nicht so überladen. Alles hat genug Raum.

Sascha: Sind Achtziger gerade so ein Ding bei vielen neuen Releases, so im Nachgang von “Stranger Things” und so, oder ist das schon wieder durch? Mir fehlt die Übersicht, verdammt.

Alexis: Ich würde sagen die Achtziger sind seit den Achtzigern ein Ding.

Sascha: Stimmt, die werden wir nicht los.

Regina: Nach “Stranger Things” klingt zum Beispiel das Benjamin Fröhlich-Album total, auch wenn er uns im Interview sagte, dass das von ihm gar nicht so beabsichtigt war.

Sascha: Er hat sogar bei der zweiten Staffel aufgehört… ich nach der ersten. Vielleicht achtet man da seitdem auch nur etwas mehr drauf. Nur mal so: Mag das Release sehr, nur unerwartet, dass die von Lake People kommt. Was vermutlich weniger an ihm, sondern mir liegt. Muss da mal mehr rein, Riotvan, Leipzig und so.

Max: Die Achtziger blühen mit jeder neuen “Stranger Things”-Staffel wieder auf. Ne, aber die Serie eignet sich gut dafür, alle paar Jahre ein Revival heraufzubeschwören bzw. es damit zu begründen.

Alexis: Hier eine steile These: die Maxi ist der Tech-House-Gegenentwurf zu Soundstream. Disco ohne Sampling. Wobei hier Tech House nicht negativ gemeint ist.

Max: Ufff, der These kann ich nur schwerlich folgen. Ach so, also Eigenproduktion steht Sample-Disco gegenüber? Naja, du wirst schon Recht haben.

Regina: Ich freue mich jedenfalls immer, wenn nicht gesampelt wird. Da macht man es sich auch oft zu einfach.

Max: Wahr!

Jump Source – JS01 (Self-Released)

Jump Source – „Fabric Of Trust

Max: Jump Source ist ja das Projekt von Project Pablo und wem gleich nochmal? Für mich eine der besten EPs des Sommers. Oder Maxis, was auch immer.

Sascha: Das ist Francis Latreille, nie von ihm gehört bisher. Aber egal ob solo oder mit ihm im Duo, ich bin schon großer Project Pablo-Fan. Von so SloMo-House auf Clone über Sample-House, LoFi-Kisten mit Breaks bis eben Tech-House wie hier kann der alles.

Max: Klingt sehr nach Vancouver, auch wenn Patrick Holland alias Pablo inzwischen ja in Montréal haust. Die unverkennbaren Synths aus seinen House-Anfangszeiten kommen hier aber nicht mehr vor.

Sascha: Eher Tech-House eben, das hat inzwischen ja so einen kleinen Hass-Ruf, aber ich denke da immer erstmal an so Sachen wie alte Klang, Soul Capsule, also an den guten Kram – und da stecke ich auch das Release gerne mit dazu.

Alexis: Stimmt, das erinnert an Soul Capsule

Regina: Das pumpt auf jeden Fall ganz ordentlich.

Alexis: Aber schon eher Tool, unter anderem weil der Track so stark von dem Loop getragen wird.

Max: Scheint der Latreille’sche Einfluss zu sein, der den Tracks auch eine höhere Stringenz gibt. Latreille sagt mir übrigens auch überhaupt nichts.

Sascha: Habe vor einer Weile mal für die Groove ein Kanada-Special gemacht… vermutlich ist die Szene immer noch übersichtlich, aber Mood Hut, Pablo Project, nennt mich da ruhig Fanboy.

Max: Hier auch. Aber was sagt die Dame eigentlich die ganze Zeit? “Mute”?

Sascha: “Tooot”

Max: Macht Sinn.

Regina: Blut? Mut? Mein Geschmack ist es nicht so ganz. Etwas zu trancig, und irgendwie brummelt es so dahin. Immer dieses gleiche Vocal.

Sascha: Mich erinnert es an so 90er-Techno aus Deutschland, einfach sehr direkte Cuts, wenig Deepness-Schnösel, wie seine Tracks es ja sonst gerne mal haben. Vermutlich haben die das Zeug einfach in zwei Stunden im Studio zusammengejamt.

Alexis: Ich bräuchte diese „Pads“, die dann am Ende noch kommen, nicht. Ich fände es besser, wenn sie mehr bei dem Loop bleiben würden.

Max: Abwechslung ist Alexis‘ Nemesis.

Alexis: Genau, 1 Clubnacht = 1 Loop.

Sascha: Finde ich auch, das loopt sich halt so geil rein, wie ein paar alte Maurizios, läuft dreißig Minuten und könnte noch weitere dreißig. So, Track zwei, jetzt richtig Trance, haha.

Jump Source – „Radiant Shift

Max: Das ist der beste Track auf der EP.

Regina: Okay, sehr sphärischer Einstieg schonmal.

Sascha: Achtung, Sample! Vermutlich der clubbigste Track, so diese „5 Uhr morgens Nummer“ … so heißt übrigens ein Ordner bei mir in Rekordbox. Ehrlich gesagt hat mich das Vocal anfangs genervt, aber, oha, richtig schlimmes Wort: ein Grower, so wie die ganze EP.

Regina: 5 Uhr morgens? Das wäre für mich persönlich eher Warm-up. Erinnert mich auf jeden Fall an 90er-Klassiker, Kerri Chandler, sowas in der Art. Bleibt mir aber zu wenig hängen. Auch wieder dieses sich ewig wiederholende Vocal, nicht so ganz mein Fall.

Max: Klingt schon etwas wie dieser typische YouTube-Algorithmus-Sound á la Slav etc., finde ihn aber echt rund. Offensichtlicher Clubtrack – ok. Aber jetzt nicht aufdringlich, oder?

Alexis: Ich mag an dem Vocal, dass man gar nicht damit rechnet.

Sascha: Ich habe die komplette EP ca. zehnmal hintereinander bei einer Radtour gehört, am Ende zurück zuhause völlig begeisterten Facebook-Post abgesetzt. Radfahren ist aber eh genau meine Situation zum Musikhören.

Alexis: Musik, die kein Problem mit ihrer eigenen Harmlosigkeit hat, sondern diese zu ihrem Motor macht.

Jump Source – „Slip

Sascha: Ok, hier sogar mein Favorit der EP. Wie der vor sich hin bollert, einfach so super deep, ohne irgendwelchen Firlefanz. Kennt ihr noch Maus & Stolle, alte Klang-Leute?

Alexis: Maus & Stolle <3 Erinnert wirklich an Klang/ Playhouse in den späten 90ern/ frühen 00ern, das ist eine gute Beobachtung. Auch in seiner Testosteronlosigkeit.

Sascha: Hätte auch locker auf deren Releases drauf sein können, das war so 1996. Und das meine ich nicht negativ.

Max: Der ist definitiv der verhaltenste Track, hat aber eine ganz eigene Note. Geht nicht so auf die Euphorie-Schiene, eher seriöser.

Regina: Maus & Stolle kenne ich nicht, aber nach dem großen 90er-Revival sind jetzt endlich mal die 00er dran, oder?

Alexis: Das ist eine gute Frage, ob es ein 00 Revival geben wird.

Sascha: Regina, was taugt dir von Project Pablo? Eher seine anderen Releases oder gar nichts?

Regina: Ich fand die Come To Canada You Will Like It ziemlich gut, habe sonst aber eigentlich keinen Release so richtig auf dem Schirm gehabt von Project Pablo.

Max: Die war auch super! Aber gut, ich bin auch Fanboy. Und so ein neues Revival als Gegenbewegung zum ADHS-Sound derzeit vielleicht?

Sascha: ADHS-Sound?

Max: Naja, extrem unstraighte oder aber hämmernde Beats, die die Synapsen überfordern. Breaks, Hardcore, Gabba. Alles, was sich im Clubkontext als zeitgeistig oder avantgardistisch geriert. Da wird es sicherlich Leute geben, die sich freuen, wieder Minimal House hören zu dürfen.

Sascha: Stimmt, so gesehen also ziemlich Constructed Clubmusic.

Alexis: Es wirkt alles live eingespielt, das gibt der Musik so eine Gelassenheit. Breaks, Hardcore, Gabba ist ja oft übereditiert.

Sascha: Genau, das meinte ich mit den Jams, wahrscheinlich zwei Typen, die mal ein Wochenende Zeit, ein Studio und einfach Bock hatten. Liebe das Ungezwungene, den Groove.

Feater – Socialo Blanco (Running Back Records)

Feater – „Time Million feat. Vilja Larjosto

Sascha: Was mit Ashore-Connection! Zumindest hatten wir Sam Irl vor kurzem bei uns im Studio zu Gast, das war sehr nett.

Regina: Genau, da hat uns Sam Irl drauf gebracht, der vor kurzem in unserer Radiosendung zu Gast war und das Album mitproduziert hat.

Alexis: Dieses (Vocal-)Stück ist gar nicht repräsentativ für das Album, das eh sehr heterogen ist.

Max: Das ist halt extrem träumerischer Pop. „If time was a currency, I’d be a millionaire“ ist etwas kitschig, aber man liebt’s im Sommer.

Regina: Feater hat einen Shop für Synthesizer und Studio-Equipment in Wien, da hat Sam auch eine Weile gearbeitet. Insgesamt ist das Album eine Hommage an alte Synthies. Finde, der Track ist voll so ’ne DJ Harvey-Nummer.

Alexis: Das stimmt. Scheut sich nicht konventionell zu sein, ist dann doch sehr kunstvoll gemacht, mit den Schlaghölzern als Groove, den raumgreifenden, freistehenden Bässen und dem entrückten Vocal.

Feater – „Socialo Blanco

Sascha: Das ganze ist bei Running Back erschienen.

Regina: Ja, ein Running Back-Sublabel für alles, was keine Clubmusik ist.

Sascha: Gibt’s dazu auch die obligatorischen Bonus Beats oder den Tuff City Kids-Remix oder steht das ganze einfach nur für sich als sehr musikalisches, sommerliches Album?

Regina: Es gibt von “Millionaire” jedenfalls einen Villalobos-Remix und einen von Pépé Bradock.

Alexis: Und von Krystal Klear.

Regina: Stimmt!

Sascha: Ich mag’s übrigens sehr. Typischer Fall von: endlich doch mal angehört. Auch ohne dass wir in endlos vielen Promolisten wären, erreicht einen ja unglaublich viel.

Max: Super Track, mediterran. In Adiletten am Strand entlang. Erinnert mich etwas an die esoterisch angehauchten Sachen von William Aura.

Sascha: Vor ein paar Jahren wäre mein Bock auf den Bradock-Remix vermutlich noch größer gewesen, da habe ich noch nichtmal das letzte Album gehört. Ein Fehler?

Max: Zu Bradock kann ich mich derzeit nicht so recht äußern. Die Maxi im Herbst fand ich allerdings ganz gut.

Feater – „Gold Matches

Max: Bongos!

Regina: Bongos = Sommer. Dieser Anfang, das könnten auch Air sein.

Max: An die Gear-Heads. Das soll ja eine Hommage an die Synthesizer dieser Welt sein. Mit was wird da gearbeitet?

Regina: Die ganze Liste an Instrumenten steht glaube ich in den Credits.

Max: Zum Nachkaufen im hauseigenen Shop. Clever! Man bekommt beim Hören definitiv Lust drauf.

Regina: Finde das ist auch ein super Album für lange Auto-/Bahnfahrten. In den Urlaub, natürlich!

Max: Ja!

Alexis: Dazu eine Fusion-Gitarre, die Parliament-würdig wäre, überkandidelte 80s-Effekte und ein satter Funk-Groove.

Alexis: Augenzwinkernd und doch nicht albern. Ich finde das Album sehr gelungen, es schafft, vielen durchgenudelte Sounds nochmal etwas Neuartiges abzutrotzen.

Max: Schön auf den Punkt gebracht. Jetzt tatsächlich noch ein Sample, das den Air-Vergleich bekräftigt.

Anthony Naples — Fog FM (ANS)

Anthony Naples – „A.I.R.”

Sascha: Ich habe heute nochmal die Review zu dem Album von Philipp Sherburne bei Pitchfork gelesen. Der schrieb: „American house and techno are in a remarkably good place right now.“ … würden die Experten hier in der Runde dem zustimmen?

Max: Abgesehen davon, dass ich wohl eher kein Experte bin, würde ich sagen: Absolut! Das hier ist aufgekratzt, aber nicht aufdringlich. Schön, dass Naples seinen Sound nach einigen Irrungen und Wirrungen gefunden zu haben scheint. Das ganze Album funktioniert als konsistente Einheit. Hat sich ja in Berlin schwer getan und ist wieder nach New York zurück, wo es für ihn wie geschmiert läuft. Ui, Breaks.

Regina: Baut sich auf jeden Fall schon mal superschön auf. Alles etwas unaufgeregt auch. Ja, da wird richtig clever mit dem Beat gespielt.

Sascha: Er scheint auch dieses DIY-Ding durchzuziehen, hat zwei eigene, kleine Labels. Manchmal glaube ich, er ist etwas weniger groß bzw. erfolgreich als er es sein könnte. Vielleicht ist es dann aber doch mehr Nische, als ich es eingestehen will.

Alexis: Das ist gegen Llewelyn, Jump Source und Feater sehr amerikanisch. Großspurig, gepimpt, aber dennoch ernst. Es verbreitet so ein Gefühl von Einsamkeit.

Sascha: Lustig, „Gefühl von Einsamkeit“ … irgendwann beim Auflegen früh um fünf kam mal jemand zu mir und meinte, wir würden immer so traurigen House spielen. Habe da eine Schwäche für, erwischt.

Alexis: „Das Zarte im Harten“ wie Paul Kalkbrenner sagt.

Anthony Naples – „Fog FM”

Regina: ANS ist auch sein eigenes Label?

Max: Er bewegt sich auch im Dunstkreis von Future Times, glaube ich. Kann aber auch glatt gelogen sein.

Sascha: Brett, ebenfalls super Radfahrmaterial, haha. Pusht sehr, und würde ich auch jederzeit zur Peaktime spielen, wenn ich mal wieder Auftritte hätte.

Regina: Bucht den Mann!

Max: Ähm, das ist ja dubbig, ne? Eine sehr schöne Entwicklung, diese Sounds wieder hören zu können.

Regina: Sascha, mach doch mal nen Radtour-Mix!

Max: Radfahrtauglichkeit ist die Messlatte für alles.

Sascha: Das meinte vor zwei Tagen auch Benjamin Fröhlich von Permanent Vacation, als er zu Gast im Radio bei uns war. Er hört Demos und so immer beim Radfahren. Da muss was dran sein.

Max: Theo Parrish beim Autofahren, das ist der Unterschied zwischen Motor City und München.

Sascha: Geschickt noch etwas Werbung hier in dem Format untergebracht… checkt mein Soundc… ok, zurück zur Musik. Ja, ANS ist sein Label, dazu gehört noch das Label Incienso.

Alexis: Das ist sehr Basic Channel.

Regina: Dub war gefühlt ja auch etwas weg zuletzt, finde ich aber auch ein schönes Gegengewicht zu den ganzen auf Peaktime gebürsteten Rave-Hits.

Alexis: Aber wo ist da der Bass?

Max: Ich kann gar nicht wirklich sagen, wo der Track für mich andockt. Aber ja, Dub zurück auf die Floors.

Sascha: Klar sind ist das toolig und loopig, aber gute Loops können halt auch gerne mal über 10 Minuten laufen, Maurizio haben es vorgemacht.

Alexis: Für einen Amerikaner ist er sehr Euro-affin. Und ich finde, er macht etwas viel… oder eher: es passiert zu viel.

Sascha: Angefangen hat er ja eher mit so MCDE-Tracks. Also die Kopie einer Kopie.

Max: Stimmt, sein Durchbruch dürfte ja „Mad Disrespect“ gewesen sein, das hat klanglich damit sowas von gar nichts mehr zu tun.

Regina: Bin da auch bei Alexis, baut sich schön auf, aber gerade läuft da zu viel parallel.

Max: Ich kann’s noch verkraften. Schöne Bassline auch, die wogt höchst angenehm.

Sascha: Das Album hat auch noch ein bisschen Ambient, das Album von Naples im letzten Jahr war auch auch stilistisch eher so an Drexciya-Skizzen angelehnt. Find’s super, dass er in alle Richtungen mal geht.

Anthony Naples – „Benefit

Regina: Wie ist Anthony Naples so als DJ? Jemand mal gehört?

Max: Leider nein.

Sascha: Leider bisher nicht. Aber vermutlich gibt’s ein paar Sachen zu hören, die man sonst nicht so hört… er macht auch gerne Edits. Es gab mal vier Tracks/Edits von ihm umsonst… war für zirka vier Stunden online, bis er es gelöscht hat.

Max: Stampft, aber nicht shufflebar.

Regina: Oh ja, das klingt jetzt sehr nach Big Room.

Max: Obwohl, doch!

Alexis: Endlich Rave.

Regina: Der Berghain-Track des Albums?

Max: Tech-Housy.

Alexis: Bigroom, aber gut gemacht, shufflende Stabs, als Gegenpol zu deren Dynamik setzt er eine klare, monotone Bassline. Jetzt eine zweite Bassline.

Max: Aber ich find’s jetzt nicht schlimm. Mir fehlt nur irgendwie der Anreiz, es zu hören.

Regina: Die Bassline jetzt find ich gut, aber alles was so drüber passiert, puh. Mir zu zappelig.

Sascha: Vermutlich holt’s speziell bei dem Track der Club-Kontext bzw. der Mix des DJs raus. Höre sonst auch wenig sowas zuhause, aber das Album ist bei mir dieses Jahr stets gewachsen. Und das könnte gerade auch auf der Jump Source sein… sorry, mein Sound eben.

Max: Stimmt auffallend! Etwas blechiger ist es aber schon.

Regina: Überaschender Break, so nett irgendwie. Macht es fast housig.

Max: Haha, etwa erneut ein… GROWER?

Sascha: 100%!

Regina: Also wenn man mal von nem Techno-Set in Richtung House überleiten will, ist das perfekt.

Sascha: Ich mach’s immer andersrum, haha.

Max: Jetzt auch noch richtiggehend melodiös – ich lege mich fest: große Kunst!

Alexis: Aber unentspannt ist das, New York halt.

Anthony Naples – „Lucy’s

Max: Dub! Aber vergleichsweise wenig Gebretter. Schön kühl auch, loungig wäre hier mein Prädikat.

Sascha: Ich finde das auch mal wieder fast erfrischend, diese stompigen 4/4-Tracks… in den letzten Jahren machten ja viele seiner Kollegen eher so diese Break-House-Sound, mit dem immergleichen Sample. Lieb’s, wenn es stampft und doch tief geht. DJ-Tool halt, aber im besten Sinne.

Max: Ja, das meinte ich vorhin auch mit ADHS-Sound. Dieses Reduzierte wirkt da beinahe schon subversiv.

Alexis: Ja. Und wenn es dabei im Sound doch so freundlich tech-housy daherkommt.

Sascha: Tech-House-Counter: 15, grob geschätzt.

Regina: Aber nicht so überproduziert hier, das gefällt mir. Hat noch viel Spontaneität, ist aber auch nicht zu überladen, im Gegensatz zu vorhin.

Alexis: Das stimmt, sympathische Nummer. Das Drumming ist toll produziert und der Bass schön eingebunden.

Sascha: Nachdem sein letzte Album alles so Skizzen, Skits und kurze Tracks waren, lässt er sich hier Zeit – vor allem aber den DJs. Damit muss man ARBEITEN.

Max: Eingebundener Bass, soso.

Anthony Naples – „Follow You

Sascha: Ok, der Track nimmt lange Anlauf, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Und ist auch wieder so… einsam? Traurig? Eben Sad House, mein Genre.

Max: Nach Lo-Fi House das nächste große Ding.

Alexis: Jetzt zeigt er sich soundverliebt und ein bißchen detroity. Zumindest am Anfang, jetzt bringt er Leben in die Bude mit dynamischen „Stabs“.

Sascha: Ich fragte mich schon die ganze Zeit, also zwecks „Lo-Fi“, das war ja am Anfang unter anderem seine Schublade. Aber ist das inzwischen wirklich Hi-Fi? Ich habe einfach kein gutes Ohr für sowas. Klingt das gut und fett produziert für euch? 

Max: Vielleicht zwischen Lo- und Hi-Fi? Mi-Fi?

Alexis: Schon HiFi, er hat einen plastischen Sound, der trotzdem warm und lebendig ist. Die Effektkette ist schon ziemlich lang.

Max: Also Lo-Fi höre ich da jedenfalls absolut nicht raus. Indikator waren für mich da immer die Hi-Hats. Und die sind hier clean.

Sascha: Mi-Fi, merke ich mir!

Kahuun – Batteri (Sex Tags Mania) (2019 Repress)

Kahuun – „Batteri

Max: Erzählt mir was über Kahuun, bitte.

Sascha: Das Ding ist ein ziemlicher Klassiker, zumindest kennen den die meisten DJs, wenn man den back2back spielt. Erstmals im Jahr 2001 erschienen auf Hi Fi Therapi, dann auf Sex Tags nochmal neu veröffentlicht im Jahr 2011, der Repress kam jetzt 2019 – samt neuer B-Seite!

Max: Ich spiele aber nie b2b. Ich spiele insgesamt nie.

Sascha: Sonst kenne ich von ihm aber nichts. One-Hit-Wonder oder Bildungslücke von mir? Wobei statt Hit wohl eher doch so ein Kennerding…. oder so. Loungig auf jeden Fall! So Afterhour. Auf der B-Seite des neuen Represses dann das Gegenprogramm mit einem straighten Stomper von Fett Burger und Grillo Wiener. Aber gekauft habe ich es wegen der A-Seite.

Max: Eine Spur „Riders on the Storm“ macht sich breit.

Alexis: Ein schöner Housetrack, mit souligen Melodien, der sich im Arrangement Zeit nimmt.

Sascha: Der Track lässt sich ewig Zeit, was für frühmorgens, wenn eh keiner mehr die Minuten zählt.

Regina: Ich hab jetzt das Original nicht im Ohr, aber auf jeden Fall ein Disco-Sample. Könnte was aus Brasilien sein, so wie es klingt, ist es aber glaub nicht.

Sascha: Für Sex Tags Mania fast zu brav, aber sicherlich alte Norwegen-Homies. Und Sotofett spielt diesen Sound auch sehr gerne… es gibt so ein Set von ihm bei einer Gartenparty in Norwegen, das liebe ich.

Regina: Bongos!

Max: Beach Party-Sound. Der House-gewordene Cocktail.

Sascha: Auf Discogs heißt es: „This used to be affordable, then ‘Batteri’ got featured on a Sex Tags Ufo release and the prices skyrocketed.“ Ich erinnere mich noch daran, wie ich Sotofett mal für die Groove interviewen wollte. Er antwortet auf meine E-Mail dann mit einem Halbsatz und so, als wenn sein Manager die E-Mail beantworten würde. Haha, das sind so geile Eigenbrötler.

Regina: Diese Filter-Effekte jetzt, finde ich, aber überflüssig.

Sascha: Ach, weniger Arbeit für den DJ!

Alexis: Da hört man, wann die Musik entstanden ist.

Sascha: Nach dem vierten Cocktail?

Max: Ist aber das klassische Roundtable-Syndrom: Man sucht sich fünf Platten, die erstmal mächtig Eindruck machen. Und dann putzt man sie selbst runter.

Regina: Ich würde Caipi dazu trinken.

DJ Fett Burger & DJ Grillo Wiener – „Strom

Sascha: Die A- und B-Seite passen hier nicht wirklich zusammen, aber wird von mir trotzdem dankend mitgenommen.

Max: Nicht wirklich? Das sind zwei unterschiedliche musikalische Planeten. Der ist als Abschluss echt schwierig, jetzt lief’s doch so smooth die ganze Zeit. Direkt aus der House-Geisterbahn.

Alexis: Das ist eine bratzige Technonummer mit schrägen, ja, Geisterbahnsounds.

Regina: Finde den schön schräg. Mit der A-Seite verkauft sich das Ding doch eh, dann kann man auch den experimentellen Kram auf die B-Seite packen.

Sascha: Finde den hier auf der Anlage aber gerade sogar besser als zuhause. Auch super: Tolle B-Seiten in der eigenen Sammlung entdecken! Die nehme ich mal wieder mit demnächst, danke Roundtable! Zu meinen Sets, die ich nicht habe.

Alexis: Das Asset der Nummer ist ihr dichtes, verschachteltes Drumming. Insgesamt aber unausgegoren.

Max: Jayda G meinte zu mir ja, dass bei Fett Burgers Sets in der Paloma Bar die Leute auf den Stühlen tanzen. Das kann ich mir gerade nicht so recht vorstellen.

Sascha: Du hast bis jetzt genau eine Minute des Tracks gehört.

Max: Zu viel!

Sascha: Eher unausgegorenes Urteil, würde ich sagen.

Alexis: Daher endet unser Roundtable auf einem Low Point.

Sascha: Na dann, ich gehe!

Max: Du meinst wohl: schwinge mich aufs Rad.

Sascha: Haha, das stimmt sogar.