Von jetzt an fassen wir die Reissues quartalsweise zusammen. Dieses Mal gibt es viel zu entdecken: den kosmopolitischen Funk von A Certain Ratio, das Ausstellen von Unbehagen durch Lärm bei Body Without Organs, ein minimal arrangierter Mix aus Drone, EBM, Elektronik, Kosmische und Psychedelic bei Dark Star, melancholische Stringsounds mit Untiefen von Electro Music Union, Sinoesin & Xonox, Minimaltechno, Clicks & Cuts, Listening Electronic, IDM und Glitch bei Gramm, Slowmo-Funk zwischen Boogie und Disco und (Deep)House von Linkwood, das Zusammenkommen von Jazz und japanischer Folklore bei Minoru Muraoka, eine finstere Klangsprache,  die mehr Dark Ambient ist als Techno bei Silent Servant, energiegeladenen, eingängigen, hypnotisierenden Noise-Pop von Stereolab und den vertonten Weltraum bei Tangerine Dream.

A Certain Ratio – acr:box (Mute)

„Funk Noir“ nannte Simon Reynolds die Musik von A Certain Ratio in seiner Geschichte des Postpunk Rip It Up and Start Again und illustrierte seine Wortschöpfung mit einem eingänglichen Witz: „At times, ACR sounded like Joy Division getting on the good foot“. Funk Noir: Lyrische Depression, zu der man tanzen sollte/konnte, ohne dabei jemals die Sonne zu sehen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn (vor allem niemals die Sonne der Pop-Charts, die zumindest in den Achtzigern noch sowas wie Ziel und Zweck repräsentierten).

Der Vergleich zu Joy Division ist selbstverständlich wie nur irgendwas. Schließlich war man zur selben Zeit am selben Ort und auch derselben Sound und Designästhetik, die man bei Factory Records in Manchester Ende der 70er aus dem brachliegenden Industrieboden stampfte, verpflichtet. Zudem klingt die Stimme von ACR-Mitbegründer Simon Topping der von Ian Curtis verdächtig ähnlich, nur weniger eindringlich. Topping spielte allerdings auch Trompete, was für das Soundbild von ACR nicht unwesentlich war. ACR wollten in ihren Militärstiefeln nicht auf dem Boden stampfen, sondern über ihm schweben. Ihre erste entscheidende Maßnahme war dann auch, mit Donald Johnson einen afrobritischen Drummer in die Band aufzunehmen, der das schwebende Zeug auch spielen konnte.

Tatsächlich war ihre 1979 erschienene Debüt-Single „All Night Long / The Thin Boys“ mit der stolzen Seriennummer Fac 5 eine der ersten Factory-Platten überhaupt. Sie klingt noch sehr wie die Bemühung von (sehr fähigen) Joy Division-Adepten. Allerdings solche, die ause bereits heimlich nur noch Funk-Platten hören. Programmatisch ist sie dem Nachtleben gewidmet. Noch ist es eine Nacht von Isolation, Paranoia und Bierpfützeneskapismus.

Mit den beiden Tracks der Debütsingle eröffnet auch die umfassende Compilation acr: box, insgesamt 54 Stücke, 28 von den Singles samt B-Seiten und Raritäten, der Rest bisher unveröffentlicht. So eine Box ist eine gute Art, eine historische Entwicklung nachzuvollziehen, nicht nur dieser (außer von den zuständigen Kritiker*innen) immer irgendwie unterschätzten Band. In den frühen 80ern hatte die britische Postpunk-Szene nur zwei Auswege – Reggae oder Funk/Soul. In den 90ern erreichte sie dann den rettenden Hafen der Rave-Kultur. ACR sind dafür exemplarisch. Der Electro-Funk der Maxi „Waterline“ (Fac 52) von 1981 klingt wie nichts sonst auf Factory und ist von einer New Yorker Funk-Platte der Zeit kaum mehr unterscheidbar. Man hatte sich ein Ziel gesetzt und erreicht: Die B-Seite „Funaezekea“ präsentiert dann einen rumpelnden Midtempo Dub, die andere Seite der Medaille.

Mitte der 80er wandten sich ACR dann plötzlich Brasilien zu. Mit der 1984 für das Factory-Schwesterlabel Benelux produzierten Maxi „Brazilia“ erfanden sie so etwas wie Brazil Industrial, um auch diesen Pfad dann wieder zu verlassen. „Brazilia” war dennoch ihre schönste Musik bis dahin. Auch dieser Track ist in dieser sich am Ende als fantastisch erweisenden Box selbstverständlich enthalten. Sie gewährt den Einblick in die Geschichte einer Band, die, anders als ihre Vetter von New Order, niemals Hymnen für pillenschluckende Fußballfans produziert hat, zunächst einen „Funk Noir“ ins Auge fasste, um schließlich einen kosmopolitischen Funk zu zelebrieren. Andreas Hahn

Body Without Organs – Isis and Thoth (Dark Entries) 

Der Einfluss des französischen Dichters Antonin Artaud reicht bemerkenswert weit. Auch im Industrial fand er einiges Gehör. Die kurzlebige Band Body Without Organs aus New York benannte sich 1982 gar nach einem Zitat aus dessen Radiohörspiel Pour en Finir avec le Jugement de dieu (1947), dem Körper ohne Organe, der zuvor vom französischen Philosophen Gilles Deleuze als Begriff des organlosen Körpers eingeführt worden war. Body Without Organs waren ziemlich underground: Vier Kassetten erschienen auf dem von Bandmitglied Carl Howard betriebenen Label Audiofile Tapes. Isis and Thoth, nach zwei ägyptischen Gottheiten benannt, war 1985 ihr Debütalbum. Auf dem bedienten sie viele der im Industrial beliebten Themen mit „gefundenen“ Sprachaufnahmen: Nationalsozialismus („She-Women of the SS“), Satanismus („Vanishing Pentagram“) oder Magie und Artaud („Dada Kabalah“). Dazu Gitarren-Loops, brummend verzerrte elektronische Drones oder repetitive Synthesizer-Patterns mit Drumcomputer, gelegentlich rückwärts gespielte Stimmen. Wobei sich die Inszenierung nicht auf das im Gerne gern verbreitete Ausstellen von Unbehagen durch Lärm (oder „Schmerz“) beschränkt, sondern hier und da auch gebrochen wird. Etwa wenn das Stück „Dada Kabalah“ mit einem Interview beginnt, in dem der Interviewte nicht allein die Faszination für rituelle Magie rückblickend thematisiert, sondern auch den ungesunden, da exzessiven Lebensstil Artauds, dem er selbst abgeschworen habe. Ansonsten: Klaustrophobie rules, nicht uninteressant. Tim Caspar Boehme

Dark Star – Cryonics: 1989-1992 (Knekelhuis)

Toll, wie sich das niederländische Label Knekelhuis mit zeitgenössischer Musik und Archivveröffentlichungen zu einer der aktuellen heißesten Adressen für dunkle elektronische Musik entwickelt. Nach dem aktuellen Tribal-Industrial von Zaliva-D aus Peking nun eine LP, die sich dem Werk des in Freiburg ansässigen Produzenten Wolfgang Reffert widmet. Seit 1988 macht dieser als Dark Star vornehmlich instrumentale Musik, die sich als minimal arrangierter Mix aus Drone, EBM, Elektronik, Kosmische und Psychedelic versteht und weitestgehend auf analoge Synthesizer-Sounds setzt. Die hier versammelten Tracks verbreiten eine bedrohliche Atmosphäre, in deren Mitte ein metallisches Herz schlägt, das mit rauem Pulsschlag nervöse Tanzbewegungen evoziert. Eine Archivsammlung, deren Drive mit Jetzt-Musik von Künstlern wie Beau Wanzer oder Terreke vergleichbar ist. Nur eines ist anders: die Angst vor dem Zünden der Pershing-Raketen am Ende des kalten Krieges macht die Musik von Dark Star authentischer. Michael Leuffen

Electro Music Union, Sinoesin & Xonox – Works 1993-1994 (Cold Blow/Ava.)

In Zusammenarbeit mit dem finnisch-britischen Label Cold Blow hat Damiano von Erckert ein gutes Cratedigging-Näschen bewiesen. Dass dem kurzlebigen UK Techno-Label Metatone eine Compilation gewidmet wurde, kann man wirklich nur herzlich begrüßen. Dass die Original DAT-Tapes noch zur Verfügung standen, ist dabei ein glücklicher Umstand. Der Metatone-Sound von Acts wie Electro Music Union, Sinoesin und Xonox bewegte sich irgendwo zwischen dem frühen UK-Techno von Labels wie Applied Rhythm Technology und der 1993 gerade in den Startlöchern stehenden IDM-Welle, ausgelöst von den beiden Artificial Intelligence-Compilations auf Warp. Nur sechs Maxis und eine CD-Compilation sind auf Metatone erschienen, dann war Schluss. Dabei hat die Musik von Electro Music Union oder Xonox noch heute etwas irre Erhabenes, der Zahn der Zeit konnte ihr nichts anhaben. Doch kaum einer bekam etwas mit von Metatone. Die Platten landeten nicht in den Geschäften. Warum dies so war, darüber lässt sich nur spekulieren. Jason Atkins, der das Label mit Damon D’cruz gründete, schaut heute jedenfalls nicht ohne Verbitterung auf die Zeit damals zurück. Zuvor hatte er zwei recht erfolgreiche Jahre in der Breakbeat- und Hardcore-Szene, sein Partner Damon D’Cruz hätte eigentlich als Gründer von Jack Trax genug Erfahrung im Musikgeschäft mitbringen müssen. Auf der vorliegenden Compilation, deren Cover von Damiano von Erckert gestaltet wurde, geht es um die drei Projekte von Jason Atkins. Zu hören sind also Tracks der bereits erwähnten Electro Music Union, Sinoesin und Xonox. Ausgelassen wurden die beiden Maxis von Anthony Boninsegnas Projekt Nine-L. Immer wieder ist es ein Bad in melancholischen Stringsounds. Die Stücke haben dabei aber genug Facetten und (Un)Tiefe, um nicht in einem Wohlfühlseminar zu enden. Holger Klein

Gramm – Personal Rock (Fatiche)

Jan Jelineks Alias Farben galt in den späten Neunzigern neben Matthew Herberts Kosmos und Wolfgang Voigts Studio 1-Reihe als eines der wirkmächtigsten Projekte in einem ohnehin brodelnden, hyperkreativen Umfeld. Minimaltechno, Clicks & Cuts, Listening Electronic, IDM und Glitch waren die Terminologien und aufblühenden Stile der Zeit, und Jelinek einer der prägenden Musiker. Farben jonglierte häufig mit Soul-Samples, oft über zeitgeistig-dubbigem Fundament, und ging gerade noch so als Dancefloor durch, auch wenn Jelinek hier vermutlich weitere Rezeptions-Räume als den Club im Auge hatte. Sein Album Personal Rock unter dem Pseudonym Gramm, ursprünglich auf dem Heidelberger Label Source erschienen, konkretisierte diese Richtung: Hier gibt es nur noch zwei Stücke, die im weitesten Sinne House oder Techno sind, alle anderen siedeln klar im Listening-Kontext und weisen den Weg, den Jan Jelinek konsequent gehen würde: Noch mehr Eigen- und Verspieltheit, noch mehr Experiment und Humor. Auf seinem Label Fatiche, wo nun auch die Download-Wiederveröffentlichung von „Personal Rock“ erscheint, hat er seit über zehn Jahren einen grandiosen Kosmos seines Ideenreichtums kreiert. Das gelang ihm mit Projekten wie Gesellschaft zur Emanzipation des Samples (G.E.S.), Groupshow (zusammen mit Andrew Pekler und Hanno Leichtmann) oder den Alben mit dem japanischen Vibraphonisten Masayoshi Fujita – allesamt höchst entdeckenswerte Werke, die die Geschichte von Personal Rock und Farben nicht nur ergänzen, sondern oft überraschend weiter erzählen und ausbauen. Mathias Schaffhäuser

Linkwood – System (Night Theatre)

Was vor 10 Jahren schon ein tolles Album mit viel Charme war, ist es bis heute geblieben. Linkwood bringt seine Debüt-LP, die 2009 ursprünglich bei Trus‘Me‘s Prime Numbers erschien, nochmal selbst heraus. Das System besteht immer noch aus zehn Tracks – jetzt in allerdings leicht anders angeordneter Form – und wurde zwei Auswechsel-Updates unterzogen; laut Linkwood genau die Form, in der es nach ihm schon damals hätte erscheinen sollen.

Jedenfalls groovt die Platte immer noch gemächlich sympathisch vor sich hin, schlängelt sich gekonnt von Kraftwerk-Electro (“Robot Parade”) in Richtung Slowmo-Funk und gelangt über Boogie und Disco schließlich hin zu (Deep) House. Durch die geänderte Reihenfolge und die beiden Neuzugänge “Three” und “Lost Experiment” gehen die Tracks viel stimmiger ineinander über, und das beatlose Finale zu “Nectarines” schwelgerischen Synth-Kaskaden schließt das System sinnig in sich ab. Kleine Änderung mit großer Wirkung. Leopold Hutter 

Minoru Muraoka – Bamboo (Mr Bongo)

Seit ein, zwei Jahren werden Reissues mit japanischem Jazz auf den Markt geschwemmt. In den allermeisten Fällen großartiger Jazz, den amerikanischen Vorbildern oft ebenbürtig. Doch bleibt mitunter die Originalität auf der Strecke. Also: Der Jazz aus Japan verrät im Allgemeinen mehr über die Öffnung Japans zur Welt als über Japan selbst. Bis in die Siebziger hinein galt halt das große Interesse der Jugend im Land der aufgehenden Sonne dem kokujin jazz, dem schwarzen Jazz. Insofern ist Bamboo von Minoru Muraoka, das jetzt bei Mr Bongo wiederveröffentlicht wurde, schon etwas Besonderes. Denn die Musiker*innen hier bedienen sich zumindest einer traditionellen japanischen Instrumentierung. Minoru Muraoka spielt die Shakuhachi, eine im Zen-Buddhismus gebräuchliche Bambusflöte, die anderen greifen zur Koto, einer mit 13 Saiten bespannten Zither, zur Biwa, einer birnenförmigen Laute, oder zur Tsuzumi, einer Trommel in Form einer Sanduhr. Diese Instrumente haben eine ganz eigene Klangsprache und sind für die Exaktheit westlicher Musik eigentlich nicht gemacht. Dass sich aus diesem Zusammenkommen von Jazz und japanischer Folklore ein originärer Sound entwickeln kann, wird auf Bamboo auf genau zwei Stücken klar: “Nogamigawa Funauta” und “The Positive And The Negative” (das auch auf der Jazzman-Compilation Spiritual Jazz 8 im letzten Jahr zu finden war). Nur bei diesen beiden Eigenkompositionen zeigt sich, was DJ Shadow oder Cut Chemist an dieser Musik zu huldigen glauben. Der leicht verschleppte Groove und das nicht für den genauen Takt gemachte Instrumentenspiel harmonieren hier wunderbar. Die anderen sieben Stücke auf der zuerst 1970 erschienenen Schallplatte sind Coverversionen bekannter Hits von Dave Brubeck, den Beatles, Simon & Garfunkel oder Burt Bacharach. Leider werden die Songs so sehr in die vorgegebene Schablone gedrückt, dass das Ergebnis nicht mehr als cheesy Weltmusik ist. Das braucht 2019 kein Mensch mehr. Sebastian Hinz

Silent Servant – Negative Fascination (Hospital)

Sechsunddreißig Minuten – mehr brauchte Juan Mendez nicht, um sich 2012 unter seinem Pseudonym Silent Servant endgültig als einer der interessanteren Akteure im düsteren Spektrum von Industrial, Techno und Wave-Musik zu positionieren. Zwei Jahre vorher war das Album Feed-Forward der Produzenten-Supergroup Sandwell District erschienen, an dessen febriler Atmosphäre Mendez maßgeblich mitschraubte. Negative Fascination ist rückblickend nicht nur sein Solo-Debüt, sondern auch eine Brücke zwischen den frühen EPs, ersten Kollaborationen und den entrückten Darkwave-Hymnen, die er später noch mit Camella Lobo als Tropic Of Cancer entwerfen sollte. Auf die eine oder andere Weise ist das hier alles hörbar. Fürs Tanzen eher weniger geeignet, entfaltet sich die Faszination dieses Albums also dem Titel entsprechend mittels finstrer Klangsprache, ist manchmal mehr Dark Ambient als Techno, manchmal aber auch beides. Das Intro „Process” eröffnet mit flackerndem Klackern über drohenden Pads, entwickelt dann langsam Atmosphäre; Brummen, Wummern, entfernt raunende Sprachsamples treten hervor. Alles steigt auf, wird dringlich und entschwindet wieder, ohne die angedeutete Klimax zu passieren. „Invocation Of Lust” operiert zwar mit 4/4-Beat, doch nur als hypnotisches Moment vor einer Leinwand aus anschwellender Fermate. Dem 808-Pattern von „Moral Divide (Endless)” steht die auch verdammt gut. In der Ferne deutet sich hier etwas an, das schon wieder nach einem unheilvollen Omen klingt, aber hinter dunklen Gebirgszügen aus Bassoszillation verborgen bleibt. „Temptation & Desire” sowie „A Path Eternal” funktionieren für sich vielleicht bestenfalls als Skizzen, bereiten in diesem kurzen und knackigen Albumkontext aber den Weg für das finale „Utopian Disaster (End)” vor. Aquatischer Beat, anflutende Synthesizer und pure Hektik inmitten taufeuchter Texturen: Gebannt schaut man dem Szenario zu, das sich da entfaltet. Nils Schlechtriemen

Stereolab – Transient Random-Noise Bursts With Announcements / Mars Audiac Quintet (Warp Records)

Warp ist ja vor allem für die Musik elektronischer Künstler*innen ein Name. Jedoch finden sich neben Größen wie Aphex Twin oder Plaid auch Indietronicas wie Broadcast oder eben Stereolab auf dem Roster des Labels. Deren energiegeladene, eingängige, hypnotisierende Noise-Pop- und Krautrocktitel werden maßgeblich vom Gesang Lætitia Sadiers bestimmt, die den Sound der Band auf mittlerweile 14 Alben seit 1992 mit ihrer lieblichen Stimme prägt. Transient Random-Noise Bursts With Announcements von 1993 war ihr zweiter Wurf und ist neben Dots and Loops und Emperor Tomato Ketchup wohl einer ihrer besten. 

Ihre wichtigsten Alben werden nun remastered neu aufgelegt. Sound-Ingenieur Bo Kondren hat im Berliner Calyx im Zuge des authentic mastering besonders den Mitten Tiefe verschafft und die Dichte beibehalten, was speziell den Nummern auf Transient Random-Noise Bursts With Announcements zugute kommt. Die klingen wie lange Jams vom Tonband – es endet, wenn das Band zu Ende ist. Der Eindruck dieser Künstlichkeit wird verstärkt durch den stetigen Einsatz von langgezogenen Tönen mittels Synthesizer, welche die Nummern äußerst flächig erscheinen lassen. Flächen, die treiben, die die Grenzen im Sound verschwimmen lassen und das Zeit- und Raumgefühl auflösen. Der Gesang, vom Moog begleitet, ist so rein und perfekt wie durch Tasten erzeugt. Als Ornamentierung dienen dann seltsame, unheimliche Audioaufnahmen aus dem Radio. Musik aus der Elektronik-Werkstatt. Höhepunkte auf dem Album sind „Golden Ball“ und „Pause“. Laut Tim Gane – Gitarrist der Band und Verfasser interessanter Anekdoten im Inlet – auch welche seiner liebsten. Mit „Crest“ liefern sie einen Song, der stark nach Neu! riecht, was man ihnen aber nicht übel nimmt. Oder dass man, um die Urheberrechte zu umgehen, ein George Harrison-Snippet einfach nachspielte. Das Endergebnis klingt, wie eigentlich immer bei Stereolab, weniger experimentell, als es in Wahrheit ist, sondern wie aus einem Guss. Entspannend, zum Wegdriften. Stereolab ist eine Avantgarde-Band, der man die Avantgarde beim ersten Hören gar nicht anmerkt – im allerbesten Sinne. Der Nachfolger Mars Audiac Quintet beginnt wie der Vorgänger ziemlich flott, ist im Gesamten aber weniger experimentell, gitarrenfokussierterer, spacig-loungiger Power- oder Noise-Pop, der dafür den Bandcharakter betont. Man kann Mars Audiac Quintet als den Übergang heraus aus ihrer Velvet Underground-Phase betrachten. Es ist zwar songorientierter, jedoch teilweise etwas monoton. Lutz Vössing

Tangerine Dream – In Search of Hades: The Virgin Recordings 1973–1979 (UMC)

„Im Absurden liegt oft das künstlerisch Mögliche“, hat Elektronikpionier und Klangkosmonaut Edgar Froese einmal in einem Interview gesagt. Der Gründer der mutmaßlich bedeutendsten deutschen Band des 20. Jahrhunderts starb 2015 in Wien, doch die Musik von Tangerine Dream reißt das Tor in den Weltraum selbst 50 Jahre nach der Mondlandung noch immer weit auf. 15 Stunden und 43 Minuten lang dauert die Reise auf In Search of Hades: The Virgin Recordings 1973–1979 durchs All, führt über 60 Stücke und 16 CDs durch die wichtigsten Jahre der Bandgeschichte und beamt sich mit unveröffentlichtem Material und einem nicht nur für Soundpurist*innen schmackhaften Surround-Mastering von Porcupine Tree-Frontmann Steven Wilson in eine neue Galaxie. Eine Galaxie, die Tangerine Dream in den Siebzigern mit einem radikalen elektronischen „Un-Rock“-Sound (Simon Reynolds) kontinuierlich erforschen konnten. Schließlich stattete sie das 1973 gerade erst gegründete Virgin Records nicht nur mit einem Zehnjahresvertrag, sondern auch mit den finanziellen Freiheiten aus, um musikalischen Ideen zu folgen, die zu dieser Zeit völlig aus dem Rahmen fielen. Es gab außerhalb akademischer Kreise einfach nichts Vergleichbares zu dem Sound, den Tangerine Dream aus ihren modularen Synthesizern quetschten. Während man in Düsseldorf mit repetitivem Minimalismus die deutsche Vergangenheit auf der Autobahn abschüttelte, gingen TD in West-Berlin weiter – und vertonten den Weltraum. Mit Musik, die durch pulsierende Moog-Bässe und wohlig warme Mellotron-Wogen in die Zukunft schaute oder gleich mit Außerirdischen kommunizierte. Ein Wahnsinn, dass zwischen dem Pionier-Album Phaedra und dem bereits ins Prog Rock abdriftende Force Majeure gerade mal fünf Jahre (und fünf weitere Alben!) liegen – und neben neu gemischten Konzertaufnahmen (unter anderem das berühmte erste Auslandskonzert der Band am 16. Juni 1974 in London) jetzt auch die unveröffentlichte Musik zum Sci-Fi-Drama Oedipus Tyrannus auf der Compilation zu hören ist. Christoph Benkeser