5Laurel Halo & Hodge – Tru / Opal / The Light Within You (Livity Sound)


Mit Laurel Halo und Hodge haben sich zwei Künstler zusammengetan, die wandlungsfähiger kaum sein könnten. Halo legte mit Dust 2017 ein experimentelles Pop-Album vor, das ihr abermals überstrapazierte Nicolas Jaar-Vergleiche einbrachte. Mit Raw Silk Uncut Wood produzierte sie zuletzt psychedelischen Ambient für einen Kunstfilm-Soundtrack. Hodge repräsentiert seine Heimat Bristol hingegen mit einem mal schlagkräftigen, mal dezenten Gemisch aus Techno, Dubstep und Bassmusik und verleiht den Kollaborationen eine distinkt britische Note. Diese spiegelt sich vor allem in zappelnden Beatmustern, Rave-Ansätzen und dubbigen Chords wider. Kommt „Tru“ noch relativ fix daher, tritt „Opal“ immer wieder auf die Bremse und ergeht sich in unaufhörlichen Kapriolen, die sich nirgends wohler fühlen dürften als auf Livity Sound. „The Light Within You“ geht zum Abschluss als klares Highlight der EP durch. Fortlaufend moduliert, predigt ein Sample „All good things come to me“ und wird dabei von einem grollenden Beat und wabernden Flächen unterstützt. Insbesondere der Einsatz einer epochalen Snare in den letzten Minuten hebt den Track nochmals in neue Sphären und prädestiniert ihn zu einem Tool für sämtliche Bass-Partys. Maximilian Fritz

4Parris – Puro Rosaceae (Idle Hands)


Fein perlt die Percussion aus den Lautsprechern, wird von sanften Synthesizer-Wellen umspielt. Weiche Bass-Töne kommen dazu, schieben sich quirlig unter hohen Beckenschlägen voran. Parris praktiziert mit dem Titeltrack seiner EP für Idle Hands feingliedrigen Dub, der seine Musik seit seiner ersten Platte 2014 auf Tempa als roter Faden durchzieht. „Puro Rosaceae“ entwickelt einen (ent-)spannenden Sog zwischen treibendem House und pulsierendem Dub, ohne das durch massive Drumsounds zu forcieren. Dieser Dynamik wird auch Kassem Mosse in seinem Remix des Tracks gerecht. Er betont die Schubkraft der Bässe und arbeitet damit den Dub sogar noch ein Stück weiter heraus. Mit der B-Seite „Soft Touch“ zeigt Parris, wie zurückgelehnt Breaks klingen können. Zu vollen, schmeichelnden Synthesizer-Akkorden baut er ein gleitendes Bassgerüst und Beats zwischen HipHop und Bassmusik. Parris’ Tracks zelebrieren damit einmal mehr überzeugend Zurückhaltung mit Zug zur Tanzfläche. Philipp Weichenrieder

3Dreamscape – Welcome To Our New Age House (World Building US)


Am Anfang sind die Reissues von morgen kaum mehr als ein Getuschel. Aufgeschnappt von den Plattendecks irgendwelcher Nerds in stickigen Kellerlöchern werden die Tracks über die Selectors-Bühnen an die Oberfläche gespült. Von dort aus erreichen sie über Videoschnipsel in den sozialen Medien Zehntausende. Eine Endlosschleife des Wiederkauens, innerhalb derer die Sehnsucht nach dem Glücksgefühl der glamourösen Jahre in ein immer zügelloseres Bohei ausartet. Kein Wunder also, dass das Wiederaufleben ehedem stiefmütterlich behandelter Kleinstpressungen zu einer Industrie geworden ist. Die Arbeiten von Ed Marshall deuten allerdings eher darauf hin, dass wir bis auf weiteres nicht ohne dieses Spiel auskommen. Als Dreamscape veröffentlichte der New Yorker Fotograf 1994 und 1995 zwei Platten, die den US-House von Dream 2 Science und Bobby Konders in einen Kontext mit dem italienischen Deep-House von Dreamatic und Don Carlos bringen. Die Verquickung von Balearic, Esoterik und Spiritualität ist es dabei letztlich, die Tracks wie “Born”, “New Age” oder “To Think We Met Just Yesterday” von vielen anderen Produktionen jener Zeit unterscheidet. Der Weg zurück in die Plattenregale ist damit nur konsequent und längst überfällig – Bohei hin oder her. Felix Hüther

2Claudio PRC – Volumi Dinamici Extended (Semantica)


Der unterschätzte Claudio PRC geht mit seinen fließenden, hypnotischen Tracks in eine ähnliche Richtung wie Donato Dozzy und Neel, die ihren Durchbruch mit ihrem Voices From The Lake-Album auf seinem Label Prologue hatten. Während die beiden sämtliche Teile des Tracks vom Drumming bis zum Bass und den Soundscapes zu einem einzigen sphärischen, flirrenden Impuls verschmelzen wollen, setzt Claudio PRC auf Spannung zwischen den einzelnen Elementen. Auf diesem Nachschlag zu seinem 2016er Album Volumi Dinamici geht er von gewaltigen, nebligen Flächen aus, die unerwartet von aufgekratztem Vogelgezwitscher, entrückten Acidsounds und wütendem Bassgegrummel gebrochen werden. Claudio PRC erreicht die Trennschärfe und Subtilität der experimentellen elektronischen Musik und doch sind die Tracks durch und durch Techno. Die Remixer versuchen da, Komplexität zu reduzieren: Die bohrende, ignorante Bassline von „Segmento“ klingt im Remix von Sverca abgeklärt und gelassen, Aleksi Perälä macht aus mysteriösen Flächen einen bouncenden, unkomplizierten Clubtrack. Alexis Waltz

1Matias Aguayo ft. Mujaji The Rain – Rain (Cómeme)


Kaum ein Musiker hat so viel für die weltweite Vernetzung queerer Clubszenen getan wie Matías Aguayo. Die besondere Qualität seiner Arbeit liegt darin, dass er das Gefälle zwischen den elektronischen Avantgarden des Nordens und den (post-)folkloristischen Sounds des Südens aufhebt. In letzter Zeit ist er besonders in Südafrika aktiv. Im Netzradio seines Cómeme Labels waren südafrikanische Künstler wie Electronica-Legende Felix Laband, die Gqom-Pioniere RudeBoyz und der Kwaito-Star Sleef McZaul zu hören. „Rain“ hat Aguayo in Johannesburg mit der Schauspielerin und Sängerin Ayanda Seoka aufgenommen, die als Resident unter dem Alias Mujaji The Rain bei der lesbischen all-femme Pussy Party in der Bar Kitchener im Zentrum Joburgs auflegt. „Rain“ und „Serious“ verbinden mit ihrem zugleich schwergängigen und unaufhaltsamen Groove zwei entgegengesetzte Energien und fordern die DJs mit ihrem Dreivierteltakt heraus. Missy Elliott ahmte bei ihrem Schlechtwetter-Klassiker „The Rain“ mit einem kleinteiligen Groove die einzelnen Regentropfen nach. Aguayos und Seokas Track vertont einen überwältigenden Regenguss, der kein Anfang und kein Ende hat und alles mit sich reißt, der die postkoloniale Depression so verkörpert wie die Rebellion dagegen. Alexis Waltz

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