Ähnlich den Analogsynthesizern haben Kassetten als Produktionsmittel mit dem gewissen Lo-Fi-Touch eine unverhoffte Renaissance erlebt, bis hin zum regelgerechten Hype mit nachfolgendem Backlash. Für Tapes als Tonträger sieht es allerdings keineswegs so aus, als würde der Boom so schnell enden. Neue Labels werden gegründet, junge Menschen interpretieren das Thema auf ganz eigene Weise und wohletablierte Namen machen einfach weiter. Es lässt sich nicht leugnen. Will Long und sein langlebiges Tape-Ambient Projekt Celer sind immer wiederkehrende Favoriten dieser Kolumne. Vor allem natürlich weil Celer unmissverständlich für eine warme und organische Variante von mit Field Recordings unterfüttertem Drone steht, der beharrlich in leicht bittersüßer Schönheit schwelgt und sich zudem so stringent und konsequent einfach gibt, dass beim Hören jedes Zeitgefühl aufgehoben wird. Ein erfreulicher Nebenaspekt sind die wohlüberlegten, mal clever ironischen bis sarkastischen, mal melancholisch in sich gekehrten Album- und Tracktitel, bei denen der Kolumnist sogar hin wieder neue englische Wörter lernen kann. Wie etwa bei Nacreous Clouds (Two Acorns) was “perlmuttartig schimmernde Wolken” meint und den Charakter dieses Reissues einer extrem limitierten Veröffentlichung von 2008 kongenial wiedergibt. Es war eines der letzten Celer-Alben an dem Longs 2009 verstorbene Ehefrau Danielle Baquette-Long beteiligt war und dem sie ihre Neigung zu etwas experimentelleren und fordernden Sounds mitgegeben hat. Ein Highlight und eine hochwillkommene Wiederveröffentlichung. Das gerade in überarbeiteter und erweiterter Form neu aufgelegte Debütalbum des Kandiers Eric Quach alias thisquietarmy spielt ebenfalls im Grenzbereich von Drone, Ambient und Lo-Fi Pop. Für Unconquered 2008-2018 (Midira) ist die elektrische Sologitarre das Fundament, auf dem aller Sound steht und entsteht. Davon abgesehen sind sowohl die Soundästhetik als auch die cleveren Tracktitel ziemlich nahe Verwandte von Celer.


Stream: Celer – Nacreous Clouds (Remastered)

Das aufstrebende dänische Label Infinite Waves hat sich auf Ambient und Soundart auf Kassette spezialisiert. Und die neusten Tapes zeigen beispielhaft was im Genre möglich ist. Newcomer Andreas Høegh etwa versammelt auf Blankenese abwechslungsreiche, experimentelle aber doch meditative Instrumentalklänge, die auch mal intensiver werden können, Masse annehmen. C. Haxholm, Soft Items und noch zehn, zwölf andere Pseudonyme sind alle derselbe Däne Claus Haxholm Jensen. Unter seinem Klarnamen produziert er Loop-Ambient nach dem Vorbild von William Basinski. Seine 2 Songs sind praktisch unveränderte, aber höchst markante Tape-Schleifen über jeweils 16 Minuten. Als Soft Items agiert Jensen wesentlich freier. Die drei langen Stücke von Pool Weaver verbinden spacige Synthesizer, Field Recordings, disruptive Percussion und viele unverbundene Elemente mehr zu einem spannenden Soundscape. Das griechische Label Sound In Silence hat sich auf das im Hipnessbarometer zur Zeit nicht gerade auf Hochdruck stehende Format der CDr spezialisiert. Die mangelnde Zugkraft des Tonträgers machen sie durch eine individuelle wie liebevolle Gestaltung, etwa handgestrickten CD-Täschchen allemal wett. Programmatisch konzentrieren sie sich auf allerruhigsten Seiten von Ambient und Postrock von eher unbekannten Musikern (die männliche Form ist hier tatsächlich leider berechtigt, im umfangreichen Labelkatalog muss man Musikerinnen mit der Lupe suchen) ohne fixes Stammlabel. So greift das kanadische Duo North Atlantic Drift auf Departures, Vol. 2 (Sound In Silence) den introvertiert mumpfigen Instrumentalsound auf, der vor zehn fünfzehn Jahren von den weitaus prominenteren Belong und Loscil definiert wurde, und poliert ihn zu neuem mattem Glanz. Das ist nicht gerade ausgefallen oder neu, aber was schert sich Eleganz um Originalität?


Stream: Giulio Aldinucci – The Eternal Transition

Michael Cottone alias The Green Kingdom aus Detroit gelingt es auf Seen and Unseen (Sound In Silence), seinem ungefähr zwölften Album schon eher einen eigenen Sound zu vertreten. Die sorgsame und sparsame Schichtung von subtilen Field Recordings, Akustikgitarre und sanften Flächen hat Cottone zu einer feinfühligen Perfektion entwickelt die seine Stücke wiedererkennbar macht. Auch hier geht es also um Verfeinerung, nicht um Avantgarde. Der Aspekt der Field Recordings ist in den Arbeiten von Giulio Aldinucci aus Siena noch stärker ausgeprägt. Sein viertes Album Disappearing In A Mirror (Karlrecords) nutzt rauschende geräuschlastige Feldaufnahmen um schwebende fließende Orgel- und Streichersounds nachhaltig zu beschweren. Dabei schreckt er auch vor einem gewissen Post-Rock-Pathos nicht zurück. Das ergibt einen körnig-matschigen Graupelschauer-Ambient, einen Vorboten des kommenden Winters im spätherbstlichem Restlicht. Irgendwo dort trifft Aldinucci bestimmt auf Ben Chatwin, der seinem opulent postrockigen Album Staccato Signals (siehe August-Motherboard) nun ein dunkles Echo namens Drone Signals (Village Green) an die Seite gestellt hat. Die Titel der beiden konzeptionell zusammenhängenden Alben sprechen Bände: wo im ersten Teil noch aufbegehrende Modularsynthesizer donnerten, verläuft und verhallt der Sound nun in still in sich gekehrte Schleifen und Flüsse die wesentlich mehr düstere Schönheit zulassen als zuvor möglich schien.

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