Fotos: Presse (Under Festival)

Techno und House haben einen schweren Stand in der lettischen Hauptstadt. Anders als in anderen osteuropäischen Städten wie Kiew oder Tiflis konnte sich dort seriöse elektronische Tanzmusik in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht so recht etablieren. Dabei gab es in den 90er Jahren schon einmal eine amtliche Rave-Szene – warum sich diese irgendwann einmal auflöste, darauf weiß auch Ksenia Kamikaza keine rechte Antwort. Die in Riga aufgewachsene DJ, Party-Veranstalterin, Radio-Host und Label-Betreiberin vermutet, dass es an dem zunehmenden Einfluss der Russen liegen könnte, die fast die Hälfte der Einwohner der Stadt ausmachen und die lieber in schicke Nachtclubs mit EDM-Rundumversorgung gehen als in heruntergekommene Industriebrachen. Kamikaza lebt zwar inzwischen in Tiflis, wo sie zwei Partyreihen organisiert, mit dem Under Festival hat sie im vergangenen Jahr den ersten Versuch unternommen, etwas von dem alten Rave-Spirit wieder in ihre alte Heimatstadt zurückzubringen.

Am letzten Mai-Wochenende gab es nun die zweite Auflage des Festivals, das wie schon das vergangene in einem Rave-gerechten, stillgelegten Fabrikgebäude in einem Industriegebiet am Stadtrand stattfand. Das Booking wurde erfreulich konsequent und nerdig programmiert, außerdem stammten gut die Hälfte der Acts aus Lettland selbst. Die Location bot schnörkellose Mitt-90er-Rave-Atmo mit dem typischen Geruch leerstehender, feuchter Gemäuer und zwei Dancefloors auf zwei Etagen, wobei der große Floor von einer deutlich überproportionierten Anlage beschallt wurde. Außerdem gab es einen großen Outdoor-Bereich mit Sitzmöglichkeiten und einer Funktion-One-beschallten kleineren Bühne, auf der unter anderem Nina Elektrichka ein hinreißendes Happy Hardcore-Set gespielt hat. Generell muss man dem Booking zugute halten, wenig Kompromisse für das eher Rave-unerfahrene Publikum gemacht zu haben: Mit Acts wie Antigone, François X, Prequel Tapes, Artefakt, Throwing Snow oder Byetone gab man sich relativ nerdig, außerdem stammten gut die Hälfte der Acts aus Lettland selbst. Und auch wenn man sich manchmal noch 300-400 Leute mehr gewünscht hätte, ging das musikalische Konzept ziemlich gut auf – am Freitag war es vor allem der ultra energetische Neo-EBM-Act Schwefelgelb, der die Leute begeisterte, aber auch auf den konzentriert akademischen Ambient Techno von Byetone konnte sich das insgesamt eher zurückhaltend wirkende Publikum einlassen. Am Samstag stand dann vor allem das DJ-Set von Apparat im Mittelpunkt und er traf mit seiner sehr emotional aufgeladenen, im besten Sinne hittigen Musik genau den Nerv des Publikums. Hier stellte sich schließlich – eine der wenigen Momente muss man sagen – noch einmal diese ganz besondere Stimmung ein, die das Ganze von einer normalen Party unterscheidet.

Warum sie in Riga musikalische Aufbauarbeit leistet, erzählte uns Ksenia Kamakazi anschließend im Interview.

 


 

Ksenia, du hast dieses Jahr zum zweiten Mal das Under Festival organisiert, wie zufrieden bist du mit der Party?
Ich denke, wir haben wirklich einen Schritt vorwärts gemacht, hauptsächlich mit der Organisation und dem Sound. Technisch gesehen hat alles fast perfekt funktioniert, besonders im Vergleich zum ersten Jahr. Und wir hatten fast doppelt so viele Besucher, das Interesse war also wirklich hoch und es gab viele positive Kommentare danach.

Das Line-Up fand ich sehr ambitioniert, Künstler wie Byetone zum Beispiel spielten zur Prime Time. Was war dein Konzept für das Line-up?
Riga hat eine lange Geschichte mit elektronischer Musik. Ja, momentan ist die Szene nicht wirklich stark, aber sie war Avantgarde in den 90er Jahren: große Raves, coole Clubs, wahre Underground-Orte. Der erste sowjetische Vinyl-DJ Janis Krauklis stammte aus Riga, er war der Guru seiner Zeit. Bei den Parties ging es nur um Musik, es ging um Kultur: Installationen, Performances, Experimentalgruppen. Und fast alle jungen Leute haben damals nach neuer Musik gesucht und davon geträumt, zur Love Parade zu fahren. Der Background ist also sehr stark. Außerdem haben wir eine lange Geschichte mit dem Skaņu Mežs Festival, das Künstler wie Autechre, Mouse On Mars, Laurel Halo, Elektro Guzzi oder James Holden nach Riga brachte. Irgendwie hat die Stadt ihre starke Party-Atmosphäre verloren, aber Musikliebhaber sind immer noch da. Byetone war für uns ein doppeltes Vergnügen: ein Geschenk für die ältere Generation und eine Entdeckung für die jüngere Generation.Gleichzeitig haben wir auch neue Namen wie Artefakt und Schwefelgelb eingeladen, die erst am Anfang ihrer Karriere stehen und ich glaube, dass sie alle Möglichkeiten haben, Klassikerstatus zu erlangen. Apparat zu buchen war ein Dankeschön an die melodische Elektronik. Der Grundgedanke des Bookings war es, den Leuten zu zeigen, wie unterschiedlich elektronische Musik sein kann. Sie können dazu tanzen, sie können es hören, sie können dazu träumen und es kann sie in die Luft jagen. Es ist eine große kulturelle Nische in der modernen Welt und Riga sollte diese Tatsache nicht länger ignorieren.

Warum hat diese Musik denn kein größeres Standing in Riga und glaubst du, dass sich das in den nächsten Jahren ändern könnte?
Wie ich oben erwähnt habe, haben wir eine Geschichte mit elektronischer Musik und Clubs, aber sie ist irgendwie verloren gegangen. Frag mich nicht, wieso das passierte, darauf kann niemand eine vernünftige Antwort finden. Die Krise von 2008 hat viele Veränderungen in Lettland bewirkt, viele Menschen sind gegangen, und es war vor allem unsere Zielgruppe: junge intelligente Menschen, die Fremdsprachen sprechen. Damals zogen es die Leute vor, an Orten mit leichter Musik zu feiern, sie wollten nicht in dunkle Clubs gehen. Die Szene hatte sich sehr verändert. Jetzt können wir sagen, dass wir es wieder aufbauen. Es gibt mehrere Orte in Riga, die House und Techno spielen, und das Publikum beginnt wieder, mehr Interesse zu zeigen. Aber es ist nicht so einfach wie in Tiflis zum Beispiel: Elektronische Musik ist dort ein Hype, du eröffnest einen Club, machst gute Bookings und die Leute kommen, weil es ein Teil ihres Lebens ist. In Lettland sind die Leute skeptisch, man muss sie davon überzeugen, dass das, was man tut, wirklich wichtig ist. Aber die Begeisterung wird wiederkommen, da bin ich mir sicher.