Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit einem DJ Koze-Set aus dem Archiv, einem Live-Mitschnitt von John Osborn, Lakuti & Tama Sumo bei der Jubiläumsausgabe von Stamp The Wax, Pessimist im XLR8R-Podcast und Shanti Celestes Mix für Dekmantel. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

5. DJ Koze – DJ Koze at Kassablanca, Jena (21.12.2002)

Einen Monat ist Stefan Kozallas alias DJ Kozes neues Album fast schon auf dem Markt. Der Mix, welcher im Kassablanca in Jena 2001 aufgenommen wurde und vier Tage nach den Erscheinen von Knock Knock auf SoundCloud mit dem Titel „freude am tanzen und musiksause hauen mit dj koze auf die pauke“ unter einem extra dafür angelegtem Profil erschienen ist beweist, dass Kosi seinen stimmungsvollen Facetten bis heute treu geblieben ist. Von melancholisch zu totalverravet und wieder zurück, einmal querwärts durchs Beet und zurück in heimelige Glücksseligkeit: damals wie heute der DJ-Kosi-Koze-Style.

Der Mix beginnt freudvoll mit dem Beatles-Klassiker „Here Comes The Sun“, lässt einfühlsame Songs mit Vocals wie von beispielsweise Sono folgen, die mit einem immer stärker werden Bass in einem düster-trancigen Schaffel-Techno-Klassiker von Superpitcher münden: „Irre“. Abgelöst wird dieser von cheesigem Trance und experimentellen House-Tunes, zwischendurch ertönen sarkastische Ballermann-Ansagen: „Entschuldigung bitte, mein Name ist DJ Kosi Koze. Wenn es nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt, möchte ich bitte eine Frage an Sie richten: Was aufs Hundertstel genau hinter der Kommastelle geht bitte ab in Jena Citey heute Abend?“. Eine Moderation, die Koze anscheinend auf der Hinfahrt zu seinem Auftritt aufgenommen hat und die sich häufig in abgewandelter Form in seinem Mix wiederholt, als Übergang fungiert und zusammen mit Kozes Scratching und Spielereien mit den Effekten den Hip Hop-Background Kozallas unterstreichen.

Als ebenso starken aber passenden Umbruch fadet Koze ab der Hälfte des Mixes den Track „Weak Become Heroes“ von The Streets ein, zieht gute-Laune-Disco-Beats à la Daft Punk rein und lässt den House-Sound durchblitzen, auf den er sich noch 2018 mit Knock Knock nostalgisch bezieht. Und weil der Mitschnitt dieses mittlerweile legendären Abends so unvermittelt abbricht, lässt sich auf szenemag.de nachlesen, was damals ging in Jena Citey – bis aufs Hundertstel genau hinter der Kommastelle, versteht sich. (Felix Linke)

4. John Osborn – Patterns of Perception 31

Anfang Mai, Berlin: In der Lobby des ://about:blanks kocht die Luft, als Laura BCR ein wunderbares House-Set zu einem grandiosen Ende bringt und eigentlich könnte es das für heute auch sein. Draußen brennt die Sonne bereits, der Rachen ist ausgetrocknet und wenn die Nacht hier ihr Ende fände, wäre das mehr als in Ordnung. Dann aber schlängelt sich John Osborn durch die Menge, um die Booth zu übernehmen und weil es schon wieder eine Weile her ist, dass wir dem Dred-Betreiber bei der Arbeit zugesehen haben, bleiben wir noch eine kleine Weile. Aus der werden dann noch ein, zwei Stündchen und mehr. Geht ja nicht anders.

Der zweistündige Mitschnitt von Osborns Set bei der zweiten Geburtstagsfeier von Patterns of Perception ist eigentlich ein nur ungenügendes Dokument dessen, was der Brite mit hochkonzentrierter Miene in der DJ-Booth an diesem Maimorgen zusammenkocht: Satter, dubbiger House und Bassline-orientierter Techno und gelegentliche Ausflüge in Richtung des Hardcore Continuums geraten in einen energetischen Fluss, der konstant auf einem Energielevel bleibt und doch nuanciert genug ist, um immer wieder für Überraschungen und Twists zu sorgen, die von der sich langsam ausdünnenden Crowd mit zunehmenden Enthusiasmus begrüßt wurden. Und als die Erschöpfung dann doch triumphiert, bleibt bei der Abschlusszigarette im Staubwirbel des Clubgartens nur noch die eine Frage offen: “Wie zur Hölle macht der das eigentlich?” Die Antwort kennt vermutlich nur er allein, und vielleicht sogar ist das nur besser so. (Kristoffer Cornils)

3. Lakuti & Tama Sumo – Stamp Mix #100

Kerstin Egert und Lerato Khathi alias Tama Sumo und Lakuti funktionieren nicht erst seit gestern als smartes und sympathisches DJ-Duo. In der Berliner Clubszene sind sie bekannt durch ihre eigens kuratierten Finest Friday-Partys in der Panorama Bar, bei denen sie regelmäßig sowohl spannende, bereits etablierte wie auch aufstrebende DJs aus dem Bereich House, Disco, Funk und Boogie einladen. Ihre musikalischen Interessenspaletten sind vielfältig und lassen in den seltensten Fällen einen Fuß regungslos auf der Tanzfläche zurück. Dort, wo die Berlinerin und die Johannesburgerin ihren gemeinsamen Plattenschrank öffnen, ist die Dancecrowd glücklich.

Beide schaffen es, sowohl hinter dem DJ-Booth als auch bei ihren Online-Mixen, ihre Liebe für die Musik auf die Zuhörenden zu übertragen. Denn von Anfang geht es nun mal auch um ein gutes Gefühl miteinander, soll heißen: Love. Eine fundamental positive Stimmung spiegelt sich auch in der Auswahl ihres Mixes für die 100. Ausgabe des Stamp The Wax-Podcasts wider. Das Magazin bezeichnet die DJs nicht umsonst als „two of the nicest, warmest, most humble souls we’ve encountered in music, they represent all the positive values we’ve tried to channel into our curation […].” Für diesen besonderen Mix haben Lakuti und Tama Sumo wohlselektiert Stücke aus dem Gospel- und Jazz-House rausgekramt, aber auch Deep House und Soul. Ihr Ziel war es, das zu spielen, was sie normalerweise auch im Club auflegen würden. Neben Glenn Underground, Kim English, Gizelle Smith und Dan Electro stehen Matt Hughes Sju und Ge-ology auf der Tracklist. Definitiv ein 1A Sommer-Mix. (Franziska Finkenstein)

2. Pessimist – XLR8R Podcast 540

Der 104 Minuten lange Podcast, den Kristian Jabs alias Pessimist Anfang Mai für das Online-Magazin XLR8R erstellte, bezeichnet der junge Produzent aus Bristol vollkommen zu Recht als Showcase: Denn neben ein paar eigenen neuen Tracks versammelt Pessimist größtenteils unveröffentlichtes Material befreundeter Kollegen. So startet die Reise mit FLXK1 alias Felix K und DB1 vom Hidden-Hawaii-Netzwerk mit Ambient-Drones, die alsbald von einer unheilvollen Bassdrum abgelöst werden. Das Rätselraten, ob diese technoide Struktur allerdings von Jabs Kumpel Karim Maas oder einem der vielen Unknown Artists stammt, deren Identität er nicht preisgibt, gehört hier dazu.

Spätestens wenn die Jungle-Breakbeat-Patterns vom Münchener Whizkid Skee Mask in den spannungsgeladenen Pessimist-Hypno-Hybrid „SPRTLZM“ münden, und später noch die geheimnisvollen Producer Forest Drive West sowie Overlook ihre Momente haben, wird offensichtlich: Kristian Jabs kuratiert Musik von Gleichgesinnten, die zur explorativen Generation gehören, die in den letzten Jahren die Grenzen zwischen Drum’n’Bass, Techno, Industrial und Ambiance innovativ verwischen und dekonstruieren – ohne Rücksicht auf tradierte Konventionen, ohne Nostalgie, ohne die Tanzfläche als Korrektiv im Kopf. Jener progressive Ansatz also, der bereits Pessimists Debütalbum zu einer der besten LPs 2017 machte.

Im Vergleich zum Album ist der Mix mit seinen deepen Noir-Moods zwar nicht ganz so nihilistisch, aber immer noch far away von einer sommerlichen Listening-Session. Doch ganz gleich, wie Jabs seine komplexe Klangforschung auch in Szene setzt, als Cutting-Edge-Producer gehört dem Mitt­zwan­ziger die Zukunft. Nicht umsonst genießt er das Vertrauen der Kollegen, viele ihrer für 2018 anstehenden Killer-Releases vorab zu sharen. In Pessimist We trust! (Sebastian Weiß)

1. Shanti Celeste – Dekmantel Podcast 179

Vor zwei Jahren zog die gebürtige Chilenin Shanti Celeste von Bristol nach Berlin. Sie betreibt ihr eigenes Label Peach Discs und ist sowohl als Musikerin als auch als DJ gefragt. Neben ihrer monatlichen Sendung für Londons NTS Radio hat sie im Mai auch einen Mix für Dekmantels Podcast-Serie angefertigt. Der 70-minütige Mix startet und endet in den 80er Jahren – von der nach innen gekehrten Musik von Kate Bush bis zum Prelude-Disco-Track von der Nick Straker Band. Dazwischen allerdings finden sich vor allem aktuelle Tracks – von ihrem einstigen Arbeitgeber Idle Hands, von den Produzentinnen Roza Terenzi aus Australien oder Laura Sparrow alias LNS bis hin zu den Berlinern SW.SVN.

Was diesen Mix auszeichnet sind die unerwarteten Haken, die er schlägt: Anfangs dominieren Electro-Tracks, unter anderem der Detroit-Klassiker „Sharivari“ im Aux88-Remix, das junge Projekt FFT oder Sector Y. Nach etwas mehr als der Hälfte erklingt dann ein unerwartetes Pop-Highlight in Form von Jill Scotts „Gettin In“ und anschließend geht es munter weiter mit House- und Techno-Tracks wie In Syncs 93er Track „Subway Route“ oder einem Luke Slater Remix von Talaboman. Leider stehen in nächster Zeit keine Partys von Shanti Celeste in Deutschland an, denn dieser Mix macht neugierig auf mehr. Aber bis zum nächsten Auftritt kann man sich ja mit ihren Radiosendungen trösten – oder ihren Groove-Mix aus dem Dezember Revue passieren lassen. (Heiko Hoffmann)

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