Woche für Woche füllen sich die Crates mit neuen Platten. Da die Übersicht behalten zu wollen, wird zum Fulltime-Job. Ein Glück, dass unser Fulltime-Job die Musik ist. Jeden Monat stellt die Groove-Redaktion zur Halbzeit fünf ganz besondere Alben vor, die es unserer Meinung nach wert sind, gehört zu werden. Dieses Mal mit GAS, Jan Jelinek, Jon Hopkins, Luke Slaters L.B. Dub Corp-Projekt und Skee Mask – ganz neutral in alphabetischer Reihenfolge.

5. GAS – Rausch (Kompakt)

Wolfgang Voigt scheint wieder richtig Freude an seinem maßgeblichen GAS-Projekt zu haben. Nach einer 17-jährigen Pause zwischen Pop und Narkopop, der Veröffentlichung einer aufwändig verpackten Werkschau und Live-Konzerten kommt nun mit Rausch wieder ein fabelhaft treffend tituliertes Album im Jahresturnus heraus.

“Mit dem Hören von GAS auf Heavy Rotation kannst du in eine musikalische Opiumhöhle abtauchen, was durchaus in meinem Sinne ist”, hat der Kölner vor einem Jahr einem Journalisten ins Mikrofon diktiert und an der suggestiven Sogwirkung, die diese nach wie vor so einzigartige Musik auszulösen vermag, hat sich auch nichts geändert. Es rauscht und tönt also wieder mehrdeutig, bildgewaltig und hochemotional durch nebelverhangene Wälder, dass es eine reine, ernste Freude ist. Voigt hat mit seinem GAS-Projekt so etwas wie eine perfekte Formel gefunden, die kein Anfang und kein Ende zu besitzen scheint. GAS ist GAS ist GAS. (Thilo Schneider)

4. Jan Jelinek – Zwischen (Faitiche)

Aus Stille Musik machen: Das ist das Konzept von Jan Jelinek auf seinem Album Zwischen, das kürzlich auf seinem eigenen Label Faitiche erschienen ist und eine Kurzversion des für den SWR2 produzierten Hörspiels gleichen Namens abbildet. Wie der Titel bereits andeutet, geht es um Momente dazwischen. Genauer gesagt, um die Fülllaute in Interviewsituationen bekannter Persönlichkeiten. Dabei klingen die sonst sprachgewandten Rednerinnen und Redner wie Slavoj Žižek, Yoko Ono, John Cage oder Alice Schwarzer gar nicht mehr so eloquent.

Wir kennen und machen sie alle, die Verlegenheits- und Fülllaute, wenn wir uns unterhalten: Ein “Hm”, ein “Äh” oder “Errh”, während wir überlegen; ein unruhiges Schmatzen oder lautes Einatmen, um die Stille zwischen den Sätzen zu füllen. Jan Jelinek hebt eben genau diese, jede Kommunikation begleitenden Diskurspartikel hervor, die sonst im Redefluss so banal erscheinen.

Auch wenn sie semantisch eher belanglos sind, so schafft Jelinek es, ihnen auf Klangebene eine Bedeutung zu geben. Denn da dienen sie als Klang erzeugende Mittel, angeknüpft an modulare Synthie Sounds. Die repetierende Anordnung und Delays der Lautfetzen, die sich zuweilen mit synthetischen Brummen und Loop-Strukturen überlagern, gestalten experimentelle Klangcollagen. Das kann auch schon mal an Alva Notos Vocal-Arbeiten erinnern, manifestiert aber in erster Linie eine weitere künstlerisch bemerkenswerte Arbeit Jelineks. (Franziska Finkenstein)

3. Jon Hopkins – Singularity (Domino)

Die Musik von Jon Hopkins transzendiert Räume zwischen Club-Öffentlichkeit und privater Intimität, als wäre es das Einfachste der Welt. Die große Stärke des Produzenten sind die warmen und weichen Töne von Synthesizern oder Klavieren, mit denen er verträumte, introvertierte und melancholische Stimmungen erzeugt. Diese Ambient-Kernkompetenz bekommt durch Hopkins’ Idee für passende Beats und ein sicheres Gespür für den schmalen Grad an Härte, der mitreißt und nicht von sich stößt, immer wieder neue Qualitäten.

Nutzte er auf seinem ersten Album von 2001 noch langsam schleppende Downbeats als Unterbau, hat er das Tempo im Laufe der Jahre angezogen und ist mit dem zu Recht viel gelobten Album Immunity (2013) bei einer treibenden Mixtur aus gebrochenen und geraden Beats angekommen. Damit hat er seine dichten Melodienebel um Club-Erfahrbarkeit erweitert, ohne den Hang zur Trance zu verlieren. Auch mit seinem neuen Album schafft er es, den einzelnen Menschen anzusprechen und voll und ganz in sein Musikuniversum zu ziehen – ob alleine mit Kopfhörern oder in einer tanzenden Menge im Club.

Der Produzent kreiert auf Singularity eine Patina aus Klangpartikeln, deren Vibrieren menschliche Ambivalenz hörbar macht. Unsere Körper können in kraftvoller Anspannung, aber auch im Zusammenbruch zittern, vor Stärke und Schwäche, vor Freude und Trauer. Hopkins schichtet gleich zu Beginn Klänge zu emotionalen Wirbelstürmen auf, die mit geisterhaften Synths, rauschenden Field Recordings und ausfransenden, pulsierenden Bässen manchmal überfordernd lärmen. In der Mitte des Albums lässt er schließlich die Beats erst einmal auslaufen und betont bei dem schönen Stück „Feel First Life“ mit Hilfe von stehenden Synthesizerklängen, kurzen Piano-Melodien und Choralstimmen eine tiefe, bewegende Ruhe. Die Gegensätze zwischen Minimalismus und Fülle, zwischen Entrückung und Kollaps führen bei Jon Hopkins’ fünfter Solo-LP nicht zu harten Brüchen. Er schafft stattdessen organische Übergänge zwischen den Polen, die bei ihm gleiche Teile eines fein ausbalancierten Ganzen sind.

Der Produzent, der auch schon für Filme Musik komponiert hat, leitet gekonnt und packend von Stück zu Stück über, knüpft an Klänge an, greift einzelne Sounds auf, die er in eine neue Richtung führt. So zieht er die bedächtigen, atmenden Klaviertöne, die bei „Echo Dissolve“ als einzige Klänge den Raum füllen, mit hinein in den anschließenden Track „Luminous Beings“. Leise scheppernde Geräusche markieren den Wandel hin zum pumpenden Clubtrack mit quirligen Bässen und 4/4-Kicks. Später verklingen die Field Recordings und in den nun von Bass und Drums geöffneten Raum breiten sich wiederum ausufernde Piano-Schimmer aus, die vom Schluss des mit über elf Minuten längsten Tracks zum letzten Stück des Albums tragen.

Dass im Pressetext Wert darauf gelegt wird, Singularity am Stück durchzuhören, bleibt dadurch keine leere Phrase und findet einen weiteren Widerhall darin, dass es mit dem gleichen Ton endet, mit dem es begonnen hat. Am Schluss hört es sich an wie eine einstündige, durchdachte Komposition mit dynamischen Spannungsbögen, nicht nur zwischen den einzelnen Stücken, sondern auch in den Tracks selbst. Dabei schwingt auch immer etwas Geheimnisvolles, vielleicht auch Spirituelles mit. Jon Hopkins ist ein Meister der ekstatischen Katharsis durch Sounds, die im Club wie im Privaten Charaktermasken zum Fallen bringt und uns zu dem macht, was wir letzten Endes sind: Menschen. (Philipp Weichenrieder)

2. L.B. Dub Corp – Side Effects (Mote-Evolver)

Ein gefühltes halbes Jahrhundert ist Luke Slater schon mittlerweile dabei und nein, er erfindet das Rad nicht mehr neu. Muss er auch nicht, das Portfolio ist schließlich schon divers genug: Neben seinem verlässlichen Output als Planetary Assault Systems, dem kürzlichen Gipfeltreffen mit Steve Bicknell und Function unter dem Gruppen-Alias LSD sowie einem fantastischen Archiv-Release als The 7th Plain schlägt der Mote-Evolver-Betreiber nun mit Side Effects das nächste Kapitel in der Geschichte seines L.B. Dub Corp-Monikers auf. Darauf zu hören: wenig Neues, dafür aber durchweg Gutes.

Derweil L.B. Dub Corp für Slater vorwiegend als House-Abschussrampe gilt, mangelt es auch diesen elf Tracks erneut nicht an der klanglichen Dichte und hyperfokussierten Grundstimmung, die seit Anfang der neunziger Jahre die Techno-Produktionen des Briten prägen. Zwar gleiten die Stücke an mehr als vorhersehbaren Verlaufskurven entlang, der Sound aber entschädigt die strukturelle Bescheidenheit – das hier sind Satzbausteine, die zwar als Album verstanden, vor allem aber in DJ-Sets eingeflochten werden sollen. Gleichermaßen entschlackt wirkende wie dicht klingende Banger für die Peak Time, die ihre Innovationsansprüche im stillen Kämmerlein abgelegt haben. Bitte aufdrehen, gerne abgehen. (Kristoffer Cornils)

1. Skee Mask – Compro (Ilian Tape)

Als der Münchner Skee Mask 2014 mit einem geheimnisvollen Sound debütierte, etablierte er sich schnell als einer der aufregendsten Produzenten der deutschen Szene. Nach seinem Debütalbum Shed im Jahr 2016 dockt nun sein zweites Album an dessen Klangpalette an und legt sogar noch eine Schippe drauf. Compro erscheint auf Skee Masks Stammlabel Ilian Tape und besteht aus 12 Stücken. Intro sowie Outro werden bestimmt durch ambiente Tracks mit klaren Synths und ekstatischer Atmosphäre, “Cerroverb” und “Calimance (Delay Mix)” spannen ihre Klangbögen um die seismischen Tiefen und knisternden Höhen des charakteristischen Breakbeats, dessen Lo-Fi-Charme von zornig-hämmernden Techno-Synths verdunkelt wird. Chain Reaction, Warp und Counterbalance sind die Eckpfeiler dieses Sounds.

Compro zeugt von einer intensiven Auseinandersetzung mit den Klängen des Breakbeats und wurzelt dabei in der Dance Music der achtziger Jahre, identifiziert sich damit und innoviert sie doch. Die Hörerschaft durchläuft eine Klangsynthese durch die eisige Kälte des Winters, mit allen emotionalen Höhen und Tiefen. Skee Mask bleibt mit dem Album nicht nur seiner metaphorischen Verbindung zum Winter treu, sondern auch seiner musikalischen Linie, einen Track mit ausgewählten Elementen interessant zu machen. Zwischen Tanzbarkeit und Introspektion durchläuft Compro so unterschiedlichste Stimmungen mit wenigen Mitteln. (Felix Linke)

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