Vorschaubild: Camille Blake (CTM Festival/transmediale)

Kollektives Unbehagen hat sich auf dem diesjährigen CTM Festival breitgemacht. Unter dem Motto Turmoil bettete es Clubmusik in Diskurse ein und untersuchte künstlerischen Ausdruck nach Relevanz, Aktualität, Form und Inhalt. Um nach den eigenen historischen Verwicklungen und Widersprüchen zu fragen, in Dialog zu treten und Antworten auf die Misere zu finden, befragte das CTM Wissenschaftler*innen nach dem Stand der Musiktechnologie und ihren Auswirkungen, nahm den Sound der brasilianischen Favelas unter die Lupe, beauftragte Performances, die uns in neue Soundräume katapultieren und holte chinesische DJs nach Berlin, um das untergehende Europa auf die Zukunft der Musik vorzubereiten. Das CTM wollte alles. Höchste Zeit, ein bisschen Ordnung ins Geschehen zu bringen und die vier spannendsten Programmpunkte Revue passieren zu lassen.

5Machine Learning: die Trennlinie zwischen Dystopie und Utopie

Wer programmiert hier eigentlich wen? (Foto: Camille Blake)

Alle reden sie von künstlicher Intelligenz, die Erkenntnisse aber variieren. Anders während der von Peter Kirn und Ionn Maria kuratierte Diskursserie MusicMakers Hacklab. Die beschäftigte sich mit Machine Learning: Algorithmen, die durch das Einspeisen von großen Datenmengen eigenständig zu lernen anfangen. Die Maschine antwortet auf Gehörtes und Gesehenes und kann neu gelernte Informationen nachahmen. Creepy und faszinierend.

Machine-Learning-Technologien führen uns die Auflösung der Trennlinie zwischen Dystopie und Utopie vor Augen, was auch Gene Kogan im Vortrag „The New DAW: Deep Audio Workstations“ thematisierte. Je besser sich die Technologien entwickeln, so Kogan, desto mehr vereinfacht sich die Musikproduktion, indem sie es uns ermöglichen, Musikgenres und Bands nachzuahmen. Besonders funktionale Musik könnte dann en masse und eigenständig produziert werden. Einerseits also könnte die Technologie also zur Demokratisierung der Musikproduktion beitragen. Anderseits kann sie uns in einen Strudel aus immer gleichen Melodien werfen.

Kirn schreibt in seinem CTM-Essay „Minds, Machines, and Centralisation: Why Musicians Need To Hack AI Now“, dass „wir nicht länger Musikkonsum von den Daten, die er generiert, oder von der Art und Weise, wie diese Daten genutzt werden, trennen können. Wir müssen die Aufmerksamkeit auf diese zentralisierten Datenmonopole und deren Anwendung richten und uns darüber bewusst sein, dass diese Art der Algorithmen unsere Wahlmöglichkeiten und Medien umgestalten.“

Estela Olivia hinterfragte am Ende ihres Talks „AI Futures: Training Our Algorithms To Be“ das deterministisch-reduktive Design von Algorithmen. So reflektieren Algorithmen in erster Linie die Ideen ihrer Entwickler*innen und Auftraggeber*innen, einschließlich all ihrer Voreingenommenheit. Wir sollten die scheinbare Neutralität von Technologien in Frage stellen und nach Zugängen, Transparenz und Nutzen fragen. Mehr Mündigkeit ist also gefordert, sonst wird der Mensch irgendwann aus der Gleichung gestrichen.

4Mit Technik gegen den Lärm der Zeit

Über die funktionale Bedeutung von Sound sprach der Creative Director von 4DSOUND, John Connell, unter dem Titel „Understanding Space Through Sound“ gesprochen: Ihm zufolge bestimmt die Art und Weise, wie wir hören, unseren Begriff von Realität. So transportieren akustische Wellen Informationen, über die wir diverse Raumeigenschaften wahrnehmen. Sound ermögliche ein Bewusstsein für unsere Umwelt. Unser Hörsinn werde besonders in urbanen Räumen überreizt, weshalb wir gelernt haben, Geräusche zu filtern, auszublenden oder mit anderen Sounds zu überlagern. Das Resultat: Wir können nicht genau hinhören. Connell allerdings möchte das Hören als eigene Disziplin kultivieren. Mit dem Wechsel hin zu immersiven Soundtechnologien, die durch Decken-, Boden- und Seiten-Lautsprecher einen 3D-Klang ermöglichen, verändert sich das gesamte Klangerlebnis. Die Frage seines Vortrags: Formt der Sound dieser neuen Technologien uns – oder formen wir den Sound?

Die oder zumindest eine Antwort darauf folgte auf dem Fuße: Zusammen mit dem Klangraum MONOM im Funkhaus Berlin lud das CTM den Visionär Gaika für die Performance The Spectacular Empire II: The Time Machine beauftragt. Eingetaucht in rotes Licht, umringt von acht Bildschirmen, 48 Lautsprechern und neun Subwoofern, performte der Warp-Künstler in der Mitte des Raums. Ohne Bühne. Ohne Scheinwerfer. Ohne Absperrung. Auf den Bildschirmen flackern abwechselnd Warthog-Gewehre, abstrakt verfremdete Polizeivideos, achteckige Schlagstöcke, 3D-animierte Menschen und eine Motorradgang, die auch in Gaikas Sci-Fi-Geschichte The Spectacular Empire: A Future Imagined vorkommt, das dazugehörige Logo wabert ebenfalls durch den Raum.

In seinem Sci-Fi-Szenario stellt Gaika einen Zusammenhang her zwischen eingeschriebenem postkolonialen Rassismus in Großbritannien, Bandengewalt und der kläglichen Wohnsituation marginalisierter Menschen in London. Das Soundexperiment bietet allerdings keine erkennbare Storyline. Stattdessen sind wird das Publikum von Sound, kargen Beats, Gaikas mit Auto-Tune verzerrter Stimme eingehüllt: Wir können mitten durch Londons verstörende Sounddystopie laufen. Unheimlich wirkt das. Denken wir an die Unruhen in London 2011, Theresa May 2016 und Grenfell 2017, so scheint es gar keine Zukunftsvision mehr: Die jüngere Vergangenheit ist bereits die nahende Zukunft. Gaikas Soundspektakel passt leider nur zu gut zur derzeitigen europäischen Untergangsstimmung.

3Polizei, Proibidão und Jukeboxen in Rio de Janeiro

Musik aus dem Widerstand als Widerstand: Pedro Olivera

Das Überthema Turmoil impliziert, dass Widerstand nicht nur auf der Straße, sondern auch in der Musik zu finden ist – manchmal geht es auch miteinander einher. Der in Deutschland lebende brasilianische Wissenschaftler Pedro Olivera hat die Beziehung zwischen Polizei- und Bandengewalt im nördlichen Teil Rio de Janeiros, dem Musikstil Proibidão und Jukeboxen untersucht. Laut Olivera befinden sich mehrere Tausend Jukeboxen in den Favelas, diese sind zum großen Teil illegal. Gehören sie lokalen Drogenbanden oder Barbesitzern, befindet sich darauf neben Popmusik jede Menge Proibidão (zu Deutsch: „streng verboten“), ein Musikgenre, das seit Anfang der 90er in Rios Armutsvierteln, den sogenannten Favelas, kursiert und als wichtige Protestmusik von Afro-Brasilianer*innen gegen den Staat gilt.

Die Jukebox markiert dabei das Territorium von Drogenbanden, die wiederum Zugang zu Internet, Strom, Wasser und Wohnraum in den Favelas verwalten. Nach großen Razzien haben brasilianische Milizen die Kontrolle in diesen Gebieten übernommen und die Lücke gefüllt, die durch das Wegbrechen der illegalen Verwaltungsstrukturen entstanden ist. In den Favelas haben sie die Jukeboxen mit Proibidão-Musik durch solche mit Mainstream-Musik ersetzt. So gelten besonders lange Proibidão-Playlisten sowie die Abwesenheit von Musik als Indikatoren für Gewalt, entweder ausgeübt durch die Drogenkartelle oder durch die Polizei; sie markieren deren Machtspiel. Musik ist so zugleich Warninstrument und Stimmungsbarometer.

2Aufbruch gen Osten: Die Cyberpunk-Stadt Shanghai

Hatte auch heute keine Blumen für dich: 33EMYBW

Aufbruchsstimmung verbreitete das Panel und die DJ-Sets der Künstler*innen GOOOOOSE, 33EMYBW, Hyph11E und Jason Hou. Die The Quietus-Journalistin Mollie Zhang befragte die vier Chines*innen nach der Musikszene ihrer Heimat: GOOOOOSE macht den Anfang und erklärt, dass die Szene einer Wüste gleichkomme und elektronische Musik kaum bekannt sei. Genau dieser Zustand aber verleihe einer Stadt wie Shanghai einen Cyberpunk-Status: kein Druck durch Labels, Konsument*innen oder Musikzeitschriften – das bedeute für den Produzenten Freiheit. Sein Set am Abschlussabend des CTM im SchwuZ war beeindruckend und erschlagend: scheppernder elektronischer Math-Rock und flackerndes Strobo-Licht.

Im Anschluss legte 33EMYBW auf, ihr Gesicht in eine Maske gehüllt, auf ihrem Shirt ein Print ihres Gesichts. Ihr Sound und Style bezieht wie ein Tumblr-Blog seine Einflüsse von überall her: harte Percussion trifft auf grelle Synthies und wummernden Techno. Auf dem Panel erzählte, dass sie von der Erwartungshaltung außerhalb Chinas genervt ist: So wird ernsthaft von ihren Visuals erwartet, dass Dumplings oder Blumen darin vorkommen. Dabei liegt gerade in den Überraschungsmomenten ihres entgrenzten Sounds die wahre Stärke des Duck Fight Goose-Mitglieds.

Jason Hou bezieht sich als einziger der Versammelten in seinen Sets explizit auf seine Herkunft: So verbindet er in seinem Set in der Panorama Bar Samples von traditionellen chinesischen Instrumenten mit Grime, lateinamerikanischen Rhythmen und elektronischer Clubmusik. Die Genres rattern im Fünf- bis Zehnminutentakt durch, ohne Brüche, komplett tanzbar. Auf dem Panel preist er besonders die Veränderungen der Szene in den letzten anderthalb Jahren an. Während das Publikum noch vor fünf Jahren zu 90% aus Westler*innen bestanden habe, seien es jetzt nur noch 10% und 90% Chines*innen. GOOOOOSE hinterfragt in seinem Wortbeitrag, wer in Shanghei eigentlich ein Local sei. Ihm ist Diversität auf Partys sehr wichtig, aber er begrüßt auch die mittlerweile entwickelte chinesische Szene. Zang möchte wissen, wie Zensurbehörden auf ihre Musik reagieren. Alle sind sich einig, dass sie gelernt haben, mit der Zensur umzugehen und dass weit weniger elektronische Musik blockiert werde, als der Westen es sich vorstelle. Die Künstler*innen sehen sich nicht als Opfer. Das wird besonders klar, als aus dem Publikum gefragt wird, ob sie sich manchmal isoliert fühlen. GOOOOOSE kontert: „Ich kenne die Musik aus den Westen, kennst du chinesische Musik? Wer von uns beiden ist eigentlich isoliert?“ Das sitzt.

1Turmoil? Turmoil!

Nach dem CTM ist vor der nächsten Diskussion: Weiter geht es u.a. mit ZULI

Was hieß das also, Turmoil? Am Ende des CTM blieb das Oberthema vage und vielschichtig zugleich, seine Interpretation widersprach sich nicht selten: Hier wird die eigene Bubble für ihre Identitätspolitik getadelt, dort zur sensiblen Verwendung genau jenes Vokabulars geraten und irgendwo im Nirgendwo zwischen Technikskepsis und Hackingeuphorie wird die Aufbruchstimmung durch die politische Situation in Europa und Amerika getrübt. Grenzen werden beim CTM gerne ausgetestet, sie zu überwinden ist aber noch lange nicht so einfach, wie das auf dem Dancefloor manchmal schien.

Das Traurigste am CTM sind aber all die im großen Unbehagen der Undergroundszene verpassten Talks, Panels, Workshops, Konzerte oder wenig beachtete Musikerinnen wie Nadah El Shazly, die mit Stimmgewalt begeisterte oder Medusa’s Bed um Lydia Lunch, ZahraMandi und Mina Zabelka, die eine feministisch-rockig-zerschmetternde Performance im HAU 1 hingelegt haben. Doch die Nachwirkungen werden zum Glück hörbar gemacht: Am 23. März wird beispielsweise im Deutschlandfunk das CTM-Interview mit dem ägyptischen Produzenten ZULI ausgestrahlt, das interessante Einblicke in seine preisgekrönte Arbeit Magma gibt.

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