Zuerst erschienen in Groove 171 (März/April 2018).

Wer besitzt eigentlich eine Oculus Rift oder die Vive? Google Daydream, anyone? Ich kenne niemanden. Und wer sowieso nur Bahnhof versteht, untermauert direkt ein Problem der Technologie, die sich Virtual Reality schimpft. Ob die erwähnten Headset-Brillen nun von Samsung oder Sony, Facebook oder Google stammen: VR kämpft um Akzeptanz. Vielleicht wird deswegen jahrein, jahraus das nächste „Year of Virtual Reality“ ausgerufen. Trotz Verlustgeschäfte boomt der Markt wohl, und laut The Virtual Reality Report 2016 sollen bis 2020 rund 37 Millionen VR-Headsets weltweit in Benutzung sein. Von einer Mainstreamisierung kann angesichts der hohen Kosten, der starken Fokussierung aufs Gaming, unklarer Gesundheitsfolgen sowie diffuser Erwartungshaltungen aber keine Rede sein.

Während Vorreiter wie das Coachella-Festival – dort, wo 2012 das Hologramm des verstorbenen Rappers Tupac „auftrat“ – schon seit Jahren VR-Livestreams anbieten, wird die Technologie in der elektronischen Musikszene eher mit aufwendigen 360°-Videos von Squarepusher oder Björk verbunden. Dabei ist selbst die Idee vom virtual clubbing seit dem ersten VR-Boiler-Room im letzten Jahr kein Hirngespinst mehr.

Diese Entwicklungen verdeutlichen, so die Fürsprecher, wie Virtual Reality das Musikhören verändern wird. Gut, das tun Drogen auch. Aber Spaß (und Ernst) beiseite: Alle Skeptiker müssen nicht gleich zum Neo-Luddismus konvertieren. Selbst wenn der Coming-of-Age-Technik im Konzertbereich eine vielversprechende Zukunft bevorsteht, wird das VR-Clubbing niemals den realen Rave, das Tanzen und Schwitzen, die flirtenden Blicke oder das Gemeinschaftsgefühl ablösen oder gar ersetzen können. Genauso wenig werden neue Apps, wie die virtuelle Mixing-Simulation „Vinyl Reality“, richtige DJs oder das Erlernen des Handwerks obsolet machen.

Die Aussicht auf neue Wege der Musikproduktion, die sich VR-Hardware zu Nutze macht, weckt zwar Neugierde beim Optimisten in mir, doch dann erinnert sich das pessimistische Pendant daran: Das größte Problem des Fortschritts ist, dass sich auch die Nachteile weiterentwickeln.

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