Als ihr in den Neunzigern mit neuen Medien wie Computerspielen und CDROM experimentiert habt, war euch da bewusst, dass dieser multimediale Ansatz bald zum Standard im Musikgeschäft werden sollten?
Black: Es war uns bewusst. Mehr noch, wir versuchten, die Welt davon zu überzeugen. Es gibt eine Dokumentation, in der ich ganz aufgebracht sage: „Das ist moderne Kunst! Die Kunstwelt sollte sich besser gestern als heute dafür interessieren.“ Ich war sehr arrogant. Vermutlich wurden wir deshalb lange vom Kunst-Establishment ignoriert. Aber rückblickend hatte ich Recht! (lacht) Große Teile der Internetkultur und vor allem auch elektronische Kunst haben ihre Wurzeln in den Neunzigern. Natürlich waren wir nicht die Einzigen, aber wir spürten definitiv, dass die Sache großes Potenzial hat. Wir wussten nur nicht, wie man damit Geld machen könnte.
More: Da war viel Neugierde und Leidenschaft im Spiel.
Black: Und Frust! Weil wir wussten, was wir wollten. Aber die Technologie war noch nicht so weit. Die Computer waren noch nicht leistungsstark genug.

Ein gutes Beispiel für eure Vorreiterrolle im audiovisuellen Bereich ist das Musikvideo zu „Timber“, bei dem Tonund Video-Schnipsel von Holzarbeitern auf raffinierte Weise synchronisiert sind. Wie fühlt es sich heute an, 20 Jahre später, wenn ihr das Video anschaut?
Black: Gut!
More: Aber ich sehe auch die Fehler. Die Details, die ich rückblickend gern anders gemacht hätte. Es ist okay, aber das Video hätte so viel besser sein können.
Black: Ich weiß nicht, ob ich dir da zustimme. Ich bin noch immer sehr zufrieden damit. Ich gab Stuart [Warren-Hill, vom Multimedia-Kollektiv Hexastatic, Anm. d. Aut.], einem befreundeten VJ, damals das Video-Schnittprogramm Adobe Premiere, ein Showreel der New Yorker Multimedia-Künstler Emergency Broadcast Network und ein paar Naturdokus. Mein Auftrag: Mach was damit! Sein Ergebnis war dann so gut, dass wir den Track noch einmal besser produzierten und neue Sounds hinzufügten. Wir taten uns jahrelang schwer damit, „Timber“ zu toppen. Es war technisch sehr außergewöhnlich. Thematisch war es ziemlich am Punkt.


Video: Coldcut & Hexstatic – Timber

1997 habt ihr die Software VJAMM auf den Markt gebracht, die es Usern ermöglichte, Videomaterial in Echtzeit zu remixen und Sounds damit zu triggern. Ein Programm, das maßgeblich zur Verbreitung von VJ-Kultur beigetragen hat…
Black: … gut, aber die Verbindung von Klang und Bild in dem Kontext war ja prinzipiell nicht neu. Schon Leonardo da Vinci hat angeblich Feste am Fürstenhof mit Feuerwerk und gefärbtem Licht untermalt. Aber klar, die Erkenntnis, dass wir mit digitaler Technik diese Elemente auf völlig neue Weise verbinden könnten, war neu und aufregend.

Heute geht der Trend ja mitunter in die entgegengesetzte Richtung: Musiker wie Four Tet setzen bei ihren Partys auf Minimalbeleuchtung, um den Fokus wieder auf die Musik zu richten. Was haltet ihr davon?
Black: Ich finde diesen Ansatz gut. Er ist auch gar nicht weit von unserer Ausgangssituation entfernt. Wir fühlten uns als DJs in Lagerhallen immer in der Ecke am wohlsten. Aber als die Musikindustrie immer mehr Einfluss auf die Clubkultur nahm, standen wir plötzlich auf der Bühne und die Leute starrten uns an.
More: So kam uns überhaupt erst die Idee mit der Live-Visual-Show.
Black: Aber Four Tet hat schon Recht. Ich erinnere mich an unser Konzert beim Creamfield-Festival. Nach unserer Show ging ich in eines der anderen Zelte. Die Bühne war von zwei riesigen Leinwänden flankiert, auf die riesige, rotierende Zigarettenschachteln projiziert wurden. Ich dachte mir: „Oh Mann, wir haben ein Monster erschaffen!“ Ich fand es ärgerlich, dass diese großartige Technologie dafür missbraucht wurde, um Zigaretten zu verkaufen.