Einen großen Einfluss auf diese Entwicklung war die Plattensammlung seines Bruders, wo Massive Attack und Björk eine ganz neue Dimension im Kopf des Zehnjährigen aufgestoßen haben. Andere Einflüsse, die er nennt, sind Nine Inch Nails, Janet Jackson, Aaliyah oder der Glitch der frühen Nullerjahre, Aphex Twin oder Squarepusher. Nach der Highschool zieht Ghersi nach New York. Neue Welten tun sich auf. Eigentlich wollte er Philosophie an der Columbia studieren, doch da er nicht angenommen wurde, fing er mit Musiktheorie an, bis er Musikproduktion und Audio Engineering als sein Hauptfach belegte.

„Sobald die Leute etwas erwarten, werde ich das Gegenteil tun.“

Im New Yorker Underground fand er sich schließlich unter Gleichgesinnten und ein Flyer zu einer GHE20G0TH1K-Party sollte der Schlüssel zu seinem Befreiungsschlag werden. Die von Venus X 2008 begründeten Partys, die Wellen bis nach Berlin zu den Janus-Party schlugen, entwickelten sich zum Leuchtstreif der Subversion, wo – mit den Worten von Venus X – „bärbeißige Punks, schwarze Lesben und Straßenkinder zur selben Zeit im selben Raum gemeinsamen feiern“.

Björk: Alias das Über-Ich

2012 veröffentlichte Arca drei EPs auf dem UNO NYC Label, Heimat von so Künstlern wie dem queeren Rapper Mykki Blanco oder den frühen Releases von Future Brown-Zugpferd Fatima al-Qadiri. Auf den Stretch-EPs hört man ihn rappen, mittlerweile nur noch ein Highlight seiner Live-Shows, und dann ausschließlich in Spanisch, und er spittet Rhymes von Schwänzen, die er sich gern einführt. „Das ist so mit das Krasseste, womit du die Hip Hop-Community konfrontieren kannst“, sagt er. Leider, immer noch. Doch alle Konventionen, die herrschen, stehen momentan auf dem Prüfstand. Lotic greift aggressiv Heteronormität an, Rabit legt sich mit der Religion an, FKA Twigs hinterfragt weiblichen Sex. Für Letztere produziert Ghersi dann einige Tracks auf ihrer EP2 und ihrem Album LP1, Kanda verpasst Twigs dann prompt ein Distortion-Make-over mit Manga-Augen im von ihm kreierten Video zu „Water Me“. Dass Künstler wie Arca an einem idiosynkratischen Gesamtkunstwerk arbeiten, in dem nicht nur die Grenzen zwischen Genres verschwinden, sondern auch Grenzen zwischen Kunstform und Institution, beweisen sie häufig mit einer großen Nähe zur Kunstszene. Janus arbeiten mit zahlreichen Galeristen wie Isabella Bortolozzi zusammen oder legen bei Kunstmessen auf, Kanda inszenierten ihr dystopisches Multimediaprojekt TRAUMA im New Yorker MoMA.

Und dann kam Björk. Ende 2014 fragte sie Ghersi, ob er ihr siebtes Album Vulnicura, zusammen mit The Haxan Cloak, produzieren möchte. Ghersi zögerte keinen Moment: „Ich hatte die Möglichkeit, Zeit mit jemandem zu verbringen, der nicht nur nachhaltig die Art und Weise geprägt hat, wie ich Musik höre, sondern der nie, absolut nie Kompromisse eingeht. Ich wusste gar nicht, dass so was möglich ist. Die Art, wie sie als Mensch existiert, hat einen immensen Einfluss darauf, wie ich als Mensch existiere“, sagt er. So wie sie zusammen mit ihrem Langzeit-Kollaborateur, dem inzwischen verstorbenen Mark Bell von LFO, Ende der Neunziger Pionierarbeit geleistet haben, hat sie nun genau solche Pioniere wieder um sich geschart. Ghersi nennt sie große Schwester. Für den Janus-Resident Lotic alias J’kerian Morgan, der den Björk-Track „NotGet“ für Vulnicura gemixt hat, ist sie eine Mutterfigur.

Mutant: Alias das Exzentrische

Mittlerweile unter großer Aufmerksamkeit durch die Presse folgte dann im November mit Mutant der Nachfolger zu Xen. Und es ist noch undurchdringbarer als Xen. „Sobald die Leute etwas von mir erwarten, werde ich das Gegenteil tun.“ Die Momente des Vertrauten sind hier zu Nanosekunden reduziert. Wieder ist es die Kollision von Gegensätzen, die betäubenden Synths in einem fieberhaften, polyrhythmischen Tanz, die sich langsam in eine Melodie legen, wie auf dem Opener „Alive“ zum Beispiel. Das Ohr kann nun aber viel besser damit umgehen.


Video: ArcaSin Rumbo

Wenn Ghersi auf Xen seine Seele auseinandergeschraubt hat und von einem Insektoiden-Streichquartett vertonen ließ, ist Mutant das genaue Gegenteil, und zwar eine fette Party auf einem Atompilz. Es geht ums Feiern, um seine Freunde und die Leute, die ihn inspiriert haben. Das Titelstück ist seinem guten Freund Oliver Shayne gewidmet, dem Kopf des Kultmodelabels Hood By Air. Der Bonustrack ist an Ashland gerichtet, also den Janus-Resident Total Freedom. Und „Snake“ – der ist für Björk.

Ich habe zu Beginn ein falsches Versprechen gegeben. Arca lässt sich nicht ergründen. Es ist, als würde man nach dem Endpunkt des Internets suchen. Fest steht, dass wir noch viel Zeit haben werden, es trotzdem zu versuchen. Denn fest steht auch: Hier beginnt eine neue Ära.