Africaine 808

Wie ein altes Ehepaar

Foto: Anna Lorbeer

Die Geschichten, die Dirk Leyers und DJ Nomad alias Hans Reuschel allein während der fünfminütigen Autofahrt vom Bahnhof Berlin-Ostkreuz zum Funkhaus Nalepastraße zum Besten geben, könnten glatt als Aufmacher zu einem Fortsetzungsband von Klang der Familie durchgehen. Die beiden lassen sich schließlich mehr oder minder zu Veteranen der elektronischen Musik zählen, die in der Summe auf mehr als 40jährige Raveerfahrungen zurückblicken können und sich dabei immer wieder neu erfunden haben. Die Vielfältigkeit und Offenheit lokaler Szenen, die sie dabei in den Neunzigern und frühen Zweitausendern erlebten, und ihre eigenen Experimente fernab von festgeschnürter Genregrenzen ebneten den Weg für eines der aktuell spannendsten interdisziplinären Projekte zwischen House und afrikanischer Rhythmuskultur: Africaine 808. Groove-Autor Felix Hüther traf die beiden anlässlich der Veröffentlichung ihres Debütalbums Basar auf Golf Channel zum Gespräch.

 


 

Seit wann kennt ihr euch überhaupt?
Hans: Seit ungefähr 16 Jahren. Musikalisch kam das Ganze über Micha, einen gemeinsamen Freund, zustande, der mit Dirk in Köln aufgewachsen und irgendwann nach Berlin gezogen ist. Da hab ich ihn kennengelernt und er hat uns öfters voneinander erzählt und Sachen des jeweils anderen vorgespielt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt nämlich zusammen mit N-Dee ein Projekt bei BPitch Control, White Dolemite hieß das. Dirk veröffentlichte zusammen mit Matias Aguayo als Closer Musik. Richtig kennengelernt haben wir uns dann aber erst auf der Fuckparade 2000, wo der legendäre Techno Viking getanzt hat. Und ja, wir haben den Techno Viking tatsächlich live gesehen.

Ist nicht wahr.
Dirk: Man sieht uns nicht im Video, aber das war genau die Ecke.
Hans: Von da an hat es aber noch fast 10 Jahre gedauert, bis wir zusammen Musik gemacht haben.


Video: The original Techno Viking video

 

Woran lag das?
Hans: Zum einen lag das daran, dass Dirk noch in Köln gewohnt hat und erst herkam, nachdem das Projekt mit Matias auseinandergegangen ist. Gleichzeitig habe ich um 2000 oder 2001 herum aufgehört zu produzieren, weil ich Probleme hatte, wirklich Fuß zu fassen. Wir sind aus dem Studioraum geflogen, ich habe keine Unterstützung von BPitch Control bekommen, hatte super wenig Geld und musste sehen, wie ich über die Runden kam. Dann hab ich wieder angefangen, Graffiti zu malen und bin jede Nacht rausgegangen. Als dieser Street Art-Hype losging, war ich da plötzlich mittendrin und konnte damit Geld verdienen. Da stand ich dann faktisch am Scheideweg und hab mich nicht mehr so viel um’s Produzieren gekümmert.

Musikalisch zusammengefunden habt ihr aber dennoch irgendwann.
Hans: Ja. Dirk lag mir immer in den Ohren, dass ich doch mit zu ihm ins Studio kommen solle. Mit Musikproduktion war ich jedoch fertig und habe ihm das auch gesagt. Platten kaufen und auflegen ging aber natürlich weiter. Eine ganze Zeit lang hab ich mit Hunee Blockpartys veranstaltet, wo wir von Disco über Soul, Funk, Afro, House und Reggae alles miteinander gemischt haben. Daraus sind dann mehr oder weniger die Vulkandance Partys entstanden, bei denen der Fokus dann nur noch auf Afro, Island und Latin liegen sollte, denn das war es, was mich wirklich interessiert hat. Über diese Partys entstand dann der Gedanke, manche Rhythmen alter Stücke zu überarbeiten und in ein modernes Gewand zu kleiden. Dann hab ich mich doch von Dirk überreden lassen.

Hat die Zusammenarbeit direkt gut harmoniert?
Dirk: Über die gemeinsame Arbeit im Studio lernst du dich ja nochmal auf einer ganz anderen Ebene kennen.
Hans: Vor White Dolemite habe ich Drum’n’Bass produziert. Da gehst du auf bestimmte Art und Weise mit dem Engineering um, da du auf 165 BPM eine hohe Dichte an Informationen hast. Ein klarer Mix ist also ungemein wichtig und das ist auch etwas wo Dirk und ich ein und dieselbe Sprache sprechen, auch wenn wir musikalisch aus unterschiedlichen Ecken kommen. Da ist es dann wirklich so, dass einer über etwas nachdenkt und der andere hat es schon gemacht.
Dirk: Wie ein altes Ehepaar. (lacht)
Hans: Dadurch, das wir so gut aufeinander eingehen, ergibt sich ein sehr flüssiger Workflow. Gleichzeitig habe ich mir dann aber auch den Vorwurf anhören müssen, dass das mit afrikanischer Musik ja nicht mehr so viel zu tun hätte was wir da machen, weil afrikanische Musik ja diese Rawness ausmachen würde und bei uns wirkt das alle so durchproduziert. Uns geht es allerdings auch nicht darum, afrikanische Musik zu machen, sondern Africaine 808 zu sein. Wir wollen genau diese Schnittstelle bedienen.

Dirk, dein musikalischer Weg ist, zumindest was die Veröffentlichungen anbelangt, nicht unbedingt der kontinuierlichste. Nach Closer Musik kam erst zwischen 2005 und 2009 wieder regelmäßiger Output, dann warst du weg von der Bildfläche und ab 2013 ging es dann langsam wieder los. Wie kam das und warum willst du es jetzt nochmal so richtig wissen?
Dirk: Also eine Antwort ist sicherlich, das vor vier Jahren meine Tochter geboren wurde. Hans war auch der Erste, dem ich erzählt habe, dass ich Papa werde.
Hans: Beim Angelurlaub war das. (lacht)
Dirk: An dem Punkt habe ich mir gesagt, dass ich das erst mal nicht verpassen will. Erst nach einem guten Jahr wollte ich langsam wieder zurück und habe Andi und Jan (Mouse On Mars, Anm. d. A.) gefragt, ob bei denen im Studio noch Platz ist.

Versteht denn deine Tochter schon, was du machst?
Dirk: Ich glaube sie hat das ziemlich früh nachvollzogen. Sie ist immer bei uns ins Studio reingekrabbelt, saß dann bei Hans auf dem Schoß und hat die 808 malträtiert.
Hans: Die 808 ist ihr Lieblingsinstrument. Das Jogwheel von der MS20 war dann irgendwann auch mal ganz großes Thema.
Dirk: Sie hat aber auch eine sehr spezielle Technik entwickelt, nachdem sie herausgekriegt hat, das da ein Ton rauskommt, wenn man die Tastatur spielt. Und zwar hat sie ihren Ellbogen draufgelegt und mit den Fingern an den Reglern gedreht. Beim Casio-Synthesizer kannte sie die vorprogrammierten Drumpattern irgendwann auch ganz gut und pitcht die jetzt immer extrem hoch. Manchmal sitze ich dann da so und denke mir: Poah, das ist aber ziemlich geil, was da grad aus der Kiste rauskommt. (alle lachen)

Wie seid ihr musikalisch auf einen Nenner gekommen? Denn der Afro-Einfluss war ja schon etwas Neues für dich Dirk, zumindest in Bezug auf die Platten die du vorher veröffentlicht hast.
Dirk: Naja, ganz so krass war es dann doch nicht. Ich hab mir ja schon mit 14 Jahren eine E-Gitarre umgeschnallt, mit meinen Homies im Proberaum Hendrix nachgespielt und mich mit Jazz, Funk und Blues auseinandergesetzt. Der Zugang ist da keine Hürde gewesen.


Stream: AfricaineNgoni

 

Wie kam denn die Idee zustande, jetzt ein Album zu machen?
Hans: Die Idee kam eigentlich durch einen Track den wir gemacht haben, der jetzt das Titelstück ist, und zwar „Basar“. Beim dem Track war uns direkt klar, dass das keine 12inch wird. Das ist kein Dancetrack, der auf eine Maxi muss, sondern vielmehr Dancemusic für erwachsene Zuhörer, also eigentlich Listening Music. Von dem Track ausgehend hat sich alles entwickelt.

Lässt sich die Entstehung als kontinuierlicher Prozess beschreiben?
Hans: Wir haben schon einfach erst mal drauf los gearbeitet. Am Anfang noch sehr viel unbewusster, bis dann nach dem zweiten oder dritten Track die Richtung klar war, nämlich die Zweitverwertung von afrikanischer Musik.
Dirk: Eigentlich war es auch total befreiend, zu sagen, man macht ein Album, weil du dann nicht in diesem 12inch-Gedanken festhängst. Sich mit der Idee eines Langspielers auseinanderzusetzen, hat echt Spaß gemacht.

Die Zweitverwertung von afrikanischer Musik war also das Konzept?
Hans: Das Konzept hat sich so erschlossen. Da tauchten dann eben so Fragen auf, wie sich die afrikanische Rhythmuskultur etwa auf der Erde verbreitet hat, nämlich maßgeblich durch Sklaverei. Es fand eine Vermischung der verschiedenen musikalischen Stile statt und heraus kam etwas ganz Neues. Das setzt sich immer weiter fort, bis aus Funk und Soul dann irgendwann Techno und Electro wird.
Dirk: Dabei wollten wir aber gängige Stereotypen nicht noch weiter füttern oder verstärken, sondern wirklich an der Schnittstelle dieser Fusion einen gemeinsamen Nenner herausarbeiten.

Könnt ihr mal konkrete Beispiele dafür geben, welche Einflüsse in welchen Tracks verwendet worden sind?
Hans: Am offensichtlichsten ist dieser Blues-Aspekt mit senegalesischen Einflüssen in „Yes We Can’t“. Da steckt auch so ein bisschen siebziger-Jahre-US-Retrofeeling von Leuten drin, die sich damals mit diesem Bluegrass-Ding in den Staaten auseinandergesetzt haben. Wichtig war hier, wie die Musik aus dem Senegal oder aus Mali da angekommen ist und wie sie sich weiterentwickelt hat. Dann gibt es natürlich einen klaren Gospelbezug bei „Lord Is A Woman“ und Dub bei „Nation“. Da ist dieser Lee Perry-Einfluss, den wir beide vergöttern, auf jeden Fall zu spüren. Auch ein bisschen Berlin-Techno und Basic Channel findet da statt. „NGONI“ spielt mit Einflüssen aus Westafrika und „Rhythm Is All You Can Dance“ zielt mit Augenzwinkern auf nigerianischen Synth-Sound ab, vergleichbar der Musik eines William Onyeabor. Ich liebe ja diese wirklich rawen Synthesizer, wie den Ms20 oder die Moogs, die da gespielt werden.


Stream: Africaine 808Rhythm Is All You Can Dance (12″ Mix)

 

Gibt es rund um den Entstehungsprozess noch eine nette Anekdote, die es sich zu erzählen lohnt?
Hans: Zu „Fallen From The Stars“ mit Nova Campanelli zum Beispiel. Dirk hat am Synthesizer an einer Melodie herumgeschraubt, zu der ich sofort einen Refrain im Kopf hatte.
Dirk: Es gibt immer so Ideen, die du über Jahre mit dir rumschleppst, die in deinem Kopf herumspuken, sich aber ewig nicht materialisieren. Das war ein gutes Beispiel dafür.
Hans: Es ist natürlich nicht so einfach, einen Sänger mit so einer halben Idee zu briefen, bei Nova war das allerdings gar kein Problem. Sie gehört ja seit Tag eins zur Familie bei Vulkandance, hat sich um die Deko gekümmert und mir bei den Veranstaltungen geholfen. Sie hat sich das angehört, war gleich begeistert und meinte, sie ließe sich was einfallen. Wir haben sie mit dem Track im Studio alleine gelassen, sind runter in die Kantine um was zu essen und als wir nach einer halben Stunde zurückkommen hatte sie die Verse schon komplett niedergeschrieben. Wir waren ganz perplex, haben aufgenommen und zack, fertig war der Track. Da hat einfach alles gepasst.

Wo soll es mit dem Projekt jetzt weiter hingehen? Ein abgeschlossenes Album ist ja immer so ein großer Meilenstein. Was habt ihr jetzt noch für Ideen?
Dirk: Wir wollten uns jetzt auflösen. (lacht) Nein, Spaß beiseite. Die nächste 12inch, die nach dem Album auf Golf Channel kommt, ist schon fertig. Es stehen auch ein paar Remix-Produktionen für befreundete Musiker an und dann geht es vordergründig darum, mit der Band zu proben und live zu spielen.
Hans: Wir haben vor circa drei Jahren angefangen mit dem Projekt live zu spielen und haben dann festgestellt, dass es verschiedene Dimensionen für das gibt, was wir live umsetzen wollen. Zum einen den elektronischen Liveact für Clubs und zum anderen die Festivalvariante, wenn man so will. Da sind dann mit Eric und Dodo, die Percussion und Drums, spielen noch zwei weitere Musiker mit an Bord und der Jam-Charakter tritt viel mehr in den Vordergrund. Wenn da dann 15 Minuten einfach nur eine einzige Kraut-Jam abgeht und keiner weiß eigentlich wohin der Weg führt, dann sind das die schönsten Momente. Visuell ist das ja auch nochmal viel spannender für das Publikum, als wenn sich da zwei Typen hinter ihren Synthesizern und Drummachines verstecken.


Stream: Africaine 808Basar

Das Album Basar von Africaine 808 ist auf Golf Channel erschienen.