Mit der Veranstaltungsreihe Berlin Beats verwandelt der Hamburger Bahnhof seinen Vorplatz im Sommer regelmäßig in eine Open-Air-Tanzfläche. Tausende Besucherinnen und Besucher strömen donnerstags zu kostenlosen DJ-Sets von Größen der elektronischen Musikszene. Was das Museum als Niedrigschwelligkeit und zeitgenössische Kunstvermittlung feiert, stößt bei den Machern der Berliner Clubkultur jedoch auf deutliche Kritik.
Dimitri Hegemann, Gründer des legendären Berliner Techno-Clubs Tresor, und Marcel Weber, Vorstand der Clubcommission Berlin, suchen das Gespräch mit der Kuratorin Johnna Knauf und Direktor Till Fellrath. Ihr Vorwurf: Das staatlich geförderte Museum nutze die über Jahrzehnte gewachsene Clubkultur als Publikumsmagneten, ohne die lokale Szene einzubinden oder an den wirtschaftlichen Erträgen und Synergien teilhaben zu lassen.
Im folgenden Gespräch berichten Hegemann und Weber von einem ernüchternden Aufeinandertreffen mit der Museumsführung. Außerdem erklären sie, warum der Ausverkauf von Kultur unter dem Deckmantel des Gratis-Angebots der Berliner Clublandschaft nachhaltig schadet.
GROOVE: Dimitri, du hast dich kürzlich mit Marcel Weber von der Clubcommission mit den Verantwortlichen des Hamburger Bahnhofs getroffen. Welcher Eindruck ist bei diesem Gespräch hängengeblieben?
Dimitri Hegemann: Ich war von Anfang an sehr direkt. Der Hamburger Bahnhof veranstaltet mit Berlin Beats regelmäßige Techno-Events im Außenbereich, zu denen 5.000 bis 7.000 Menschen kommen. Der Eintritt ist frei, die Tickets werden umsonst über Plattformen verteilt. Was mich sauer gemacht hat: Hier wird sich in unser Kerngeschäft eingemischt, das wir seit über 35 Jahren mühsam aufgebaut haben. Das Museum feiert sich dafür ab, elektronische Musik zugänglich zu machen, ignoriert aber völlig die Akteure, die diesen Standort überhaupt erst attraktiv gemacht haben.
„Öffentliche Museen haben durch ihren Status ganz andere Zugänge zu großen Sponsoren als ein privater Club oder ein Nachwuchsfestival wie das Atonal.”
Marcel Weber
Marcel Weber: Der Eindruck war leider von Abwehr geprägt. Wir sind mit dem Ziel hineingegangen, ins Gespräch zu kommen und Kooperationen auszuloten. Bisher gab es seitens des Hamburger Bahnhofs keinerlei aktiven Outreach in die Berliner Clubkultur. Man bucht zwar namhafte Künstler:innen aber die Institutionen wie der Tresor oder andere Clubs, die seit Jahrzehnten für dieses Kulturphänomen kämpfen, werden komplett ignoriert.
Das Museum argumentiert, dass das Format kostenfrei sein soll, um auch Menschen Zugang zur Kultur zu ermöglichen, die sich keine Clubtickets leisten können. Ist das kein legitimer Ansatz?
Marcel Weber: Das ist absolut legitim, aber das eine Argument hebt das andere nicht auf. Das Problem ist die fehlende Einbindung und Aufbereitung des Kontextes. Der Hamburger Bahnhof hat bisher herzlich wenig dafür getan, dass Berlin ein Zentrum für Clubkultur wurde. Jetzt profitiert man von diesem Image, nutzt aber nicht einmal die eigene museumspädagogische Aufgabe, um den Besucherinnen und Besuchern die Hintergründe der Szene zu vermitteln.

Dimitri Hegemann: Am Donnerstagabend, wenn die Leute umsonst im Museum tanzen, stehen wir im Tresor da, müssen 110 Angestellte bezahlen und 15 Euro Eintritt verlangen, um wirtschaftlich zu überleben. Wenn man dann noch über Großkonzerne wie CTS Eventim abwickelt, entzieht das dem Markt weitere Mittel. Das hat nichts mit Solidarität zu tun. Wenn ich Madonna umsonst auf die Straße stelle, kommt auch jeder. Aber wir müssen als Betreiber betriebswirtschaftlich rechnen.
Gab es im Gespräch Raum für gegenseitiges Verständnis hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage beider Seiten?
Marcel Weber: Leider driftete das Gespräch schnell in eine defizitäre Aufrechnungsdebatte ab. Uns wurde vorgehalten, wie schwer es die staatlichen Museen haben und dass 95 Prozent der Mittel für Sonderprojekte über Drittmittel eingeworben werden müssen. Das mag auf der Metaebene stimmen, aber es darf kein Jammer-Wettbewerb werden. Öffentliche Museen haben durch ihren Status ganz andere Zugänge zu großen Sponsoren wie Dior oder Chanel als ein privater Club oder ein Nachwuchsfestival wie das Atonal.

Welche konkreten Lösungsvorschläge habt ihr dem Hamburger Bahnhof unterbreitet?
Dimitri Hegemann: Wir haben vorgeschlagen, dass man über einen symbolischen Beitrag nachdenkt – etwa eine freiwillige Spendenempfehlung oder einen Soli-Beitrag von zwei bis drei Euro pro Ticket. Bei 5.000 bis 7.000 Gästen kämen da pro Abend schnell Beträge zusammen, die direkt in die Nachwuchsförderung, gemeinnützige Projekte der Clubcommission oder in Bildungsprogramme wie unsere Akademie fließen könnten. Wer das Geld absolut nicht hat, zahlt nichts. Aber die Mehrheit der Besucher:innen würde so etwas unterstützen.
„Es verlangt niemand, dass sie die Reihe einstellen.”
Dimitri Hegemann
Marcel Weber: Es geht um die Erzeugung von echten Win-Win-Situationen. Warum stellt man nicht bei jedem Event ein Berliner Label oder Newcomer-Künstler:innen vor? Warum gibt es um 22 Uhr zum Ende des Events keine Durchsage oder Flyer, die auf die Clubs verweisen, die danach öffnen? Andere Institutionen zeigen, wie es geht: Beim Durchlüften-Festival im Humboldt Forum ist die freie Szene aktiv ins Booking eingebunden und wird fair entlohnt.
Wie geht es nach diesem ersten Aufeinandertreffen nun weiter?
Dimitri Hegemann: Wir lassen das Gespräch jetzt erst einmal sacken und werden dem Hamburger Bahnhof unsere Vorschläge noch einmal schriftlich formulieren. Wir möchten einen gemeinsamen Weg finden. Es verlangt niemand, dass sie die Reihe einstellen. Aber wir erwarten, dass man die Aufbauarbeit von Jahrzehnten respektiert und die Szene an diesem Erfolg teilhaben lässt.
Marcel Weber: Das Prinzip lautet: „Never about us without us!” Das Einmaleins des Ausstellungsmachens ist die Kontextherstellung. Wenn ein Museum Zeitgeist und Clubkultur ausstellt, dann muss es diese auch erklären und mit den Menschen zusammenarbeiten, die sie tagtäglich tragen.