Kaum ein Festival bildet die elektronische Musiklandschaft so umfassend ab wie das Drei–Tages-Event im Parco Dora im italienischen Turin. In unserem Kappa-Futur-Nachbericht erfahrt ihr unter anderem, wie man damit fertig wird, zwischen Skrillex und Jane Fitz wählen zu müssen.
Palms Trax schaut auf seine Platte. Der virtuose, verspielte, elektronische Disco-Sound will hier nicht so ganz verfangen, auf der saftig grünen Wiese am Rand des Festivalgeländes des Kappa Futur tanzen nur ein paar Versprengte. Ob wenigstens von denen jemand diese Digging-Meisterleistung zu schätzen weiß? B2B-Partner Floating Points sitzt hinter ihm auf einer Bassbox. Die Mainstage nebenan beginnt sich zu füllen, von dem derben Tech-House von Nicole Moudaber im b2b mit Paco Osuna fühlen sich die Leute an diesem Freitagnachmittag eher abgeholt.

Das Kappa Futur hat vor einigen Stunden begonnen, mit seinen sieben Floors bringt es die DJs in einer Konkurrenzsituation, wie sie angesichts der stilistischen Breite des Programms des Turiner Festivals selten zu erleben ist, die unerwartete wie spannende Dynamiken erzeugt. „Don’t quit”, kreischt eine Frauenstimme von der Solar Stage, dem Hardtechno-Forum des Kappa Futur. Diese Mahnung kommt in den ersten Stunden des dreitägigen Festivals verfrüht. Und auch die Hardtechno-Begeisterten vor der Bühne scheinen noch ein wenig mit dem Sound zu fremdeln, der sie in den kommenden drei Tagen zu Begeisterungsstürmen verleiten wird.

Dass auch in diesem frühen Moment des Festivals, trotz oder wegen sengender Sonne schon Abfahrt möglich ist, demonstrieren Jamie Jones, Joseph Capriati und Seth Troxler in ihrem kolossalen B2B2B. Sie stehen auf der Voyager Stage, der zweitgrößten Bühne des Festivals, die traditionell dem in Italien so gefeierten Tech-House gewidmet ist. Gebündelte, verdichtete Grooves stehen im Zentrum dieser Musik, sie sprechen eine unmissverständliche Sprache, sie sind packend, aber nicht pushy. Die Basslines untermauern das Ganze, ohne verbissen oder nervig zu sein. Die Stücke sind immer in Bewegung, hier kündigt ein Trommelwirbel ein neues Element an, da läuft für einige Takte ein Melodie-Splitter mit.

Vocals gibt es nur vereinzelt, wenn, dann keine Songs, nur geloopte Phrasen, die für einen Moment einen Akzent setzen, der sich dann wieder im Fluss der Rhythmen verliert. Veteran DJs sind die drei, und das scheint sich hier auszuzahlen. Das amerikanisch-britisch-italienische Trio inszeniert keinen Abriss, eher will man auf der Basis eines guten, warmen Grundgefühls einen Energieaustausch lostreten, der noch stundenlang so weitergehen könnte. Ein solches Fundament kennt das B2B2B von Diplo, Busy P und Tatyana Jane nur bedingt. Ihr Auftritt auf der Mainstage funktioniert ganz anders, hier führen Hits oder ikonische Sounds durch das Set, etwa Daft Punks „Harder, Better, Faster, Stronger”.

Das klappt bestens und entspricht dem Duktus der Hauptbühne. Das DJ-Set funktioniert hier eher wie ein Konzert, bei dem man sich auf bekannte Stücke freut und sie feiert, wenn sie dann endlich gespielt werden. Dabei muss es nicht mal die eigene Musik sein, wobei Busy P als Manager und Kreativpartner des Duos durchaus maßgeblich an der Entstehung der Daft-Punk-Songs beteiligt war. Die Crowd ist jetzt ganz und gar auf dem Festival angekommen. Die Sonne senkt sich, auf der Hardtechno-Bühne steht der Kölner KUKO, der lustigerweise diverse Nummern mit deutschsprachigen Vocals spielt, etwa einen Edit von SSIOs „Der Kanalreiniger”. Der kleine, drahtige DJ mit seinen gebleichten Haaren elektrisiert die Crowd, einer reißt seine Knie an die Brust in einem irrwitzigen Stepptanz, die meisten bewegen sich angesichts der enormen Hitze etwas ruhiger. Nebenan übernimmt Michael Bibi.

Die einprägsamen, an Hip-Hop-geschulten Basslines des Solid-Groove-Machers zehren anders als Diplo, Busy P und Tatyana Jane von einer bestimmten Clubästhetik, sprechen aber im Vergleich zu Jones, Troxler und Capriati die unmissverständliche Sprache des Big Rooms, die jede:n mitnehmen will. Wo Bibi mit seinen langsamen Fades ein geduldiger Erzähler ist, arbeitet Four Tet nebenan auf der Voyager Stage mit abrupten, effektvollen Brüchen. Dann ist auch schon Zeit für die Closings dieses ersten Festivaltags.

Hardtechno-Franzose Onlynumbers liefert. Dass er sich nicht signifikant von seinen Vorgänger:innen unterscheidet, scheint eher Asset denn Mangel zu sein. Solomun hat die gigantische Crowd vor der Voyager Stage ähnlich wie Troxler, Jones und Capriati im Griff.

Während das Trio den Feierverrückten genau die richtige Dosis verabreichte, gibt ihnen Solomun immer ein bisschen weniger – und holt so die überhitzten Gemüter mit hanseatischer Zurückhaltung zurück auf den Boden der postindustriellen Parklandschaft. Ein ähnlich starkes Closing liefert Enrico Sangiuliano mit seinem „Archivio Set”. Der aus dem norditalienischen Reggio Emilia stammende Musiker zelebriert seine frühen Produktionen – ein spröder, durchlässiger Sound, irgendwo zwischen Detroit- und Dub Techno, der zu Recht begeistert.

Ein weiterer Höhepunkt ist das Stoor-Live-Set von Chris Liebing, Sterac und Mastermind Speedy J. Der staubige Floor vor der kleinen Bühne ist brechend voll, im Set entsteht klangliche Offenheit, die den DJ-Sets strukturell fehlt. Wo es dort oft darum geht, Bestehendes zu optimieren, ist hier eine Unberechenbarkeit vorhanden, am ergebnisoffenen Prozess der Musiker teilzuhaben – und nicht nur etwas präsentiert zu bekommen

Der erste Kappa-Futur-Tag begann kraftvoll, am zweiten Tag setzen die etwa 45.000 Raver:innen nochmal eins drauf, obwohl es nochmal deutlich heißer ist als am Vortag. Dass beim Set von Hardtechno-Act Mad Dog Poolspielzeug zum Aufblasen durch die Luft fliegt, obwohl es auf dem Festivalgelände keine Badegelegenheit gibt, spiegelt die überhitzte Stimmung wider. Solomun spielt nach dem Set gestern auf dem Tech-House-Floor ein zweites Set auf der Mainstage, das er mit seinem Edit von „Somebody Told Me” von The Killers mit einem kolossalen Finale beendet, das schon in Las Vegas und New York Aufsehen erregte und auf elegante und kreative Weise auf den Umstand reagiert, dass man der Mainstage-Crowd ihren vertrauten Brocken hinwerfen muss.

Es zeugt dann von Solomuns Klasse, dass er etwas Eigenes zu bieten hat, einen Edit, der die Poperfahrung seiner Alterskohorte aufnimmt und diese in den Clubkontext projiziert. Dass dabei ein Quäntchen Nostalgie mitschwingt, unterstreicht auch, dass als Ergänzung der Zweitausender-Referenz zuvor Elemente von „Dub Be Good To Me” von Beats International als Neunziger-Anmutung zu hören waren.

Dass solche Popsongs in House-Sets allerdings nichts mit der eigenen Biographie zu tun haben müssen, demonstriert Miss Monique, die ihr komprimiertes, bretterndes Set mit „No Good” von The Prodigy garniert, das aber keine vergleichbare Resonanz erzeugt. Eine ganz andere Welt sind die drei kleinen Floors des Kappa Futur. Sie operieren auf einer anderen emotionalen Temperatur, der Anspruch und der Stolz der DJs dort verbietet es, die mit Pop-Smashern verbundenen Emotionen aufzurufen.

So stellt Rhadoos fragiler Minimal-House sich mit seinem Interesse an Leerstellen in der Musik konsequent den Überbietungsgesten der großen Floors entgegen. Batu trotzt ambitionierten Breakbeat-Gebilden eine housige Leichtigkeit ab, die die gelöste Festivalstimmung aufnimmt. Mala geht den entgegengesetzten Weg, er nimmt die von der Hitze induzierte Schwere in mal fauchenden, mal pulsierenden Bässen auf.

Seine Fan-Schar ist überschaubar, dafür aber eingeschworen und äußerst international. Ein geniales B2B-Match, wie man es wohl nur auf dem Kappa Futur erleben kann, sind Konduku und Marco Shuttle. Kondukus Spaß an komplexen Rhythmus-Gebilden trift auf Shuttles behutsame, fast nachdenkliche Behandlung der Klänge, sodass ein ungewöhnlich befreiter Umgang mit dem Vokabular der Clubmusik entsteht. Auf den Voyager Stage steht mittlerweile Maceo Plex.
In seinem kraftvollen, konzentrierten Tech-House-Sound kommen auch seine Produzenten-Skills zum Tragen. Diese Nerdigkeit wird von Späßen wie dem „You call her Stephanie, I call her Headphanie”-Rap von Young M.A. aus dem Song „Stephanie” aufgefangen, den Maceo Plex im HNTR Extended Remix zockt, DER ähnlich wie der Killers-Edit bei Solomun schon wiederholt Aufsehen erregt hat.

Ein Höhepunkt des Festivals bisher ist das B2B von Marcel Dettmann und Ben Klock, das vor der Nova Stage zur absoluten Überfüllung führt. Obwohl oder gerade weil hier mal wenig passiert, erzeugt der fast schon autistische Techno-Groove der beiden eine immersive Sogwirkung, die auf dem Festival bisher kaum ein Set hinbekommen hat.

Wo andere mit Melodien und anderen Schnörkeln abholen wollen, nageln Dettmann und Klock den Tänzer:innen ein Techno-Brett vor die Stirn, das nicht vermitteln und verführen will. Eher hebt die elementare Bezogenheit auf den Groove die Grenze zwischen innen und außen auf. Ein ähnlich konsequentes Techno-Statement ist die zweite STOOR-Session, für die sich Speedy J mit Colin Benders und Lady Starlight zusammengetan hat, die einen Gegenentwurf zu Klock & Dettmann bildet: Wo die auf perfekt ausproduzierte Tracks setzen, aus denen die jeweiligen Produzenten das letzte Quäntchen Geilheit herausgequetscht haben, arbeitet das niederländisch-US-amerikanisch-britische Trio mit einer elementaren Offenheit.

Zwar dominiert hier auch hier der Groove die meiste Zeit, die Sounds fahren aber ihren eigenen Film mit Dynamiken, die in keinem Narrativ aufgehen wollen und damit immer wieder Irritationsmomente schaffen, was auf dem Kappa Futur eher selten passiert. Die anderen Closing-Sets kommen in dieser Nacht ebenfalls von einer Reihe von Schwergewichten. Von Jane Fitz etwa, die an diesem Abend einen reduzierten, durchlässigen, trancigen Sound verfolgt, dessen Flirren mit der überhitzten Nacht verschmilzt. Richie Hawtin ist auf der Nova Stage wie immer gut aufgelegt und liefert sein DEX-EFX-XOX-Konzept mit gewohntem Schmiss. Carl Craig hat nach Miss Monique und Maceo Plex zu kämpfen, seine sphärischen Detroit-Sounds und entkoppelten Grooves sprechen die Sprache des Clubs, nicht des Festivals – eine Problematik, die unter ihm zu sein scheint, wie der Engländer sagen würde.

Auf dem Hardtechno-Floor bedient Restricted, wobei es nach einem Dutzend Hardtechno-Workouts an den vergangenen zwei Tagen durchaus nicht einfach ist, noch Unterschiede herauszuhören. Auf der Hauptbühne kommt das Finale von Skrillex und Four Tet, die einen britisch-amerikanischen Schlagabtausch im B2B-Format abliefern. Skrillex ist bestens aufgelegt, Four Tet schaut ein wenig verdutzt drein, als Vorgänger Dawn Patrol den Remix des WM-Smashers „Celebration” spielen, der auf ihrem Label erschienen ist, und dessen Vocals nun aus zigtausend Kehlen ertönen. Aber die Irritation hält nur für einen Moment, Skrillex umarmt Four Tet noch kurz und klopft ihm auf den Rücken. Dann wird geliefert. Welcher DJ für welchen Track verantwortlich ist, lässt sich dabei leicht entschlüsseln.

Die Dubstep-Basslines der Skrillex-Nummern sorgen für eine bestimmte klangliche Untersetztheit und neigen deshalb zu einer gewissen Schwere, wie man auch aus den Sets älterer deutscher Tech-House-DJs kennt. Four Tet kontiert mit einer Londoner Gewitztheit, die vertrackte Breakbeats genauso beherrscht wie naiven Bubblegum-Pop. So erzeugt auch dieses Set Reibungsflächen, die man sich so fast nur auf dem Kappa Futur vorstellen kann.

Wer eineinhalb Stunden später mit den etwa 40.000 Beglückten durch die Tore des Festivals strömt, tut das mit dem Wissen, elektronische Musik in ihrer gesamten Breite erlebt zu haben. Kuratorisch so aus dem Vollen zu schöpfen, zeugt von einer Leidenschaft, die sich heute nur noch ganz wenige Festivals in Europa leisten können oder wollen.