Das kommende Traumburg Festival könnte das letzte sein. Diese traurige Nachricht hat die veranstaltende Crew in einem Instagram-Post verbreitet. Im Gespräch erklärt Mitbegründer Jan Goldmann, warum sich die Veranstaltung mit dreistelliger Gästezahl im Schloss Dornburg in Sachsen-Anhalt, unweit von Magdeburg, bei einem Ticketpreis von 200 Euro nicht mehr rechnet und damit dem Anspruch der Zugänglichkeit nicht mehr gerecht werden kann. Weiter beleuchtet Goldmann, warum es sich dabei um eine strukturelle Krise der ambitionierten DIY-Kultur handelt, die mehr will als Kinderschminken und Sektschorle.
GROOVE: Ihr schreibt, dass das Traumburg 2026 trotz Rekord-Vorverkauf und höherer Ticketpreise wirtschaftlich auf der Kippe steht. Welche Kosten sind in den vergangenen Jahren konkret so explodiert?
Jan: Im Großen und Ganzen ist fast alles teurer geworden. Die Miete für das Gelände hat sich seit unserer letzten Edition etwa verfünffacht. Die übrigen Produktionskosten haben sich ungefähr verdreifacht. Das betrifft technisches Equipment, den Ausbau der Infrastruktur, ausgelagerte Dienstleistungen und die Miete zusätzlicher Campingflächen. Hinzu kommen zahlreiche neue Auflagen von Behörden und Gemeinde, die mit erheblichen Kosten verbunden sind – etwa höhere Sicherheitsanforderungen und mehr externe Security. Dass wir das Festival überhaupt noch organisieren können, liegt nur daran, dass niemand daran verdient, wir eine unglaubliche Community aus Volunteers haben und viele Artists für Freundschaftsgagen spielen.

Traumburg wird von einem ehrenamtlichen Team organisiert, verzichtet auf Sponsoren und öffentliche Förderung. Wo liegt heute das strukturelle Problem dieses DIY-Modells?
Einfach gesagt sind es die gestiegenen Kosten, die uns zu schaffen machen. Komplizierter gesagt beobachten wir vielerorts eine Verdrängung von Underground- und DIY-Kultur. Die Idee dieses Formats ist: Viele packen mit an. Dadurch spart sich das Festival Personalkosten, während die helfende Community keine Tickets kaufen muss. Für viele von uns – Crew wie Volunteers – ist die Mitarbeit zwar harte Arbeit, aber eine, die einen Gegenpol zur Lohnarbeit bildet. Sie funktioniert, weil die Beteiligten dem Projekt und der gemeinsamen Erfahrung einen höheren Wert beimessen als dem Geld.

Übrig bleiben Kosten für Gelände, Technik, Infrastruktur und Programm. Die werden über einen möglichst fairen Eintrittspreis und den Umsatz an der Bar wieder reingeholt. Unser Publikum besteht also aus den Volunteers selbst, deren Freund:innen und allen, die darüber hinaus Wind davon bekommen. Ein Modell, von dem Menschen sämtlicher Einkommensklassen profitieren, ohne dass sich das Festival selbst kommerzialisieren muss.
Wenn jedoch die verbleibenden Kosten so stark steigen, dass sie die eingesparten Personalkosten übersteigen und sich genau die Menschen, für die DIY-Kultur ursprünglich entstanden ist, kein Ticket mehr leisten können, funktioniert dieses Modell nicht mehr. Genau an diesem Punkt sehen wir uns – und viele andere Festivals – inzwischen angekommen.

Traumburg ist als DIY- und Community-Festival entstanden. Darauf sind wir unglaublich stolz und dafür sind wir sehr dankbar. Aber selbst bei einem Festival, auf dem niemand bezahlt wird, lässt sich ein solches Projekt kaum noch wirtschaftlich umsetzen. Es ist inzwischen eine Minusrechnung.
Gleichzeitig werden Fördermittel immer knapper. An Kultur wird gespart, gerade im ländlichen Raum. Seit Jahren sind alle unsere Versuche, Förderungen zu bekommen, gescheitert. Es gibt zwar weiterhin gute Programme, doch auf viele Bewerbungen kommen nur wenige Zusagen. Wir gehen dabei wie viele andere regelmäßig leer aus.

Ihr bittet eure Community ausdrücklich darum, nicht nur Tickets zu kaufen, sondern auch Essen, Getränke und Merch vor Ort als Unterstützung zu verstehen. Was muss einem ein Festivalwochenende heute wert sein, damit es wirtschaftlich tragfähig ist?
Unser Ticket für vier Festivaltage kostet in diesem Jahr 200 Euro. Diesen Preis festzulegen, war alles andere als einfach. Unser Credo war von Anfang an, die Kosten für unsere Community so niedrig wie möglich zu halten. 200 Euro sind viel Geld. Hätte uns vor sechs Jahren, als wir völlig planlos angefangen haben, jemand gesagt, dass wir einmal diesen Preis für ein DIY-Festival verlangen würden, hätten wir uns wahrscheinlich für verrückt erklärt – oder das Projekt direkt wieder aufgegeben. Der letztlich festgelegte Preis war pragmatisch: günstiger können wir es nicht machen, sonst zahlen wir am Ende selbst drauf.

Trotzdem versuchen wir weiterhin, an vielen Stellen etwas zurückzugeben. Der Campingplatz bleibt kostenlos. Sekt kann man im Webshop für rund ein Drittel weniger als an der Bar vorbestellen und bekommt ihn vor Ort eiskalt in die Hand gedrückt – ganz ohne Schleppen. Auch bei unseren Partner:innen achten wir darauf, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die wir gerne unterstützen. Der Sekt kommt von Sekko Soziale, einer Initiative, die einen Teil ihrer Einnahmen spendet. Unser Merch wird nicht bei einer günstigen Onlinedruckerei produziert, sondern von der Leipziger Crew Can’t Decide, die unter anderem mit dem Nachtdigital zusammenarbeitet. Bestickt und bedruckt wird alles in Leipzig – keine zwei Stunden vom Festival entfernt. Community bedeutet für uns eben auch, andere innerhalb der Community zu unterstützen.

Die Bar und der Merch-Stand sind neben dem Ticketverkauf unsere einzigen Einnahmequellen. Niemand muss dort etwas kaufen. Aber wer es sich leisten kann, hilft uns damit enorm. Für ein kleines Festival zählt am Ende buchstäblich jeder Euro. Bisher haben wir es bei mitgebrachten Getränken wie die Fusion gehalten: Bring mit, was du tragen kannst, und genieße es überall auf dem Gelände. Ob wir uns das auch künftig noch leisten können, wissen wir allerdings nicht. Das hängt davon ab, wie sich der Ticketverkauf entwickelt. Wir hoffen sehr, dass alles beim Alten bleiben kann. Falls nicht, müssen wir auch diese Regel überdenken. Der Umsatz an der Bar könnte am Ende entscheiden, ob wir weitermachen können – oder zumindest, wie groß unser Verlust ausfällt.
Trotzdem bleiben wir unserem Anspruch treu: Die Preise an der Bar und bei den Foodtrucks sollen so niedrig wie möglich bleiben. Wasser ist selbstverständlich kostenlos. Aber wir müssen ehrlich sein: Schon 200 Euro für das Ticket sind viel Geld. Wer uns darüber hinaus noch an der Bar unterstützt, greift tiefer in die Tasche, als wir uns eigentlich wünschen würden.

Sollte Traumburg tatsächlich zum letzten Mal stattfinden – was würde der elektronischen Musikszene verlorengehen? Und was müsste sich politisch, wirtschaftlich oder innerhalb der Szene verändern, damit Festivals wie eures auch in fünf oder zehn Jahren noch existieren können?
Verloren ginge etwas, das ausschließlich aus Leidenschaft entstanden ist. Traumburg war nie als Festival geplant. Das Projekt ist organisch gewachsen: Aus einem einmalig gedachten Sommerfest nach dem ersten Lockdown 2020 mit rund 50 Freund:innen wurde ein internationales Kunst- und Musikfestival mit mehreren hundert Gästen und über 80 Künstler:innen. Heute kommen Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus zu uns. Das zeigt uns, dass viele genau nach dem suchen, was wir anbieten: eine Zusammenkunft jenseits einer hoch kommerzialisierten Ausgehkultur. Gut kuratiert, und trotzdem DIY. Aus der Community, für die Community.

Vielleicht ist Traumburg auch eine Erinnerung an eine Zeit, in der solche Orte häufiger existierten. Eine Erinnerung an etwas, das sich viele zurückwünschen. Wenn Traumburg verschwindet, verschwindet deshalb nicht nur unser Festival, sondern ein weiteres Stück dieser Kultur. Politisch und wirtschaftlich scheint diese Kultur jedoch immer weniger gewollt zu sein – so hart das klingt. Wir sehen das überall und sind längst nicht die Einzigen, die davon betroffen sind.
Langfristig braucht es einen deutlich einfacheren Zugang zu Fördermitteln, gerade im ländlichen Raum. Es braucht Räume, in denen kulturelle Projekte entstehen können, ohne dass über jeder Bar ein Heineken-Logo hängt und ohne dass Teilhabe vom Einkommen abhäng. So ist die elektronische Musikszene einmal entstanden.

Wir müssen uns viel häufiger fragen, für wen Festivals und Clubs eigentlich gemacht werden und wer sich Ausgehen überhaupt noch leisten kann. Wenn die Antwort irgendwann nur noch lautet: diejenigen, die genug Geld haben, dann hat die Szene eines ihrer wichtigsten Gründungsideale verloren.

Zuletzt noch zum Traumburg 2026: Worauf können sich eure Gäste freuen? Was ist neu? Worauf freut ihr euch besonders?
Wir freuen uns riesig darauf, in diesem Jahr wieder ein umfangreiches Programm mit einigen spannenden Neuerungen präsentieren zu können. Zu den musikalischen Highlights gehören neben Acts wie Bennet und Camilla Rae auch DJ-Legende Handmade, ein Back-to-back von DJ Chichi und Mark Gill aus der Fandango-Crew, YoungWoman aus Amsterdam, die Münchner Digging-Crew SuperSoundGlobal, Newcomerin Hedda, Slyn aus Glasgow, Edouard Hauki aus Brüssel sowie TamTam, Kopf der Berliner Underground-Reihe Public Display of Affection (PDA).
Dazwischen erwarten die Besucher:innen auf vier Ebenen immersive Installationen, Performances und zahlreiche Workshops – von Fusion Jazz aus Berlin über eine ortsspezifische Cluboper bis hin zu einem Workshop, bei dem elektronische Instrumentenskulpturen aus Fundmaterial entstehen, oder eine 90s-Gabber-MC-Impro.

Bespielt werden das gesamte Schloss und sein Außengelände. Neu ist unser verlegter Indoor-Floor im Mitteltrakt mit großen Bogenfenstern, die perfekt auf Sonnenuntergang und Sonnenaufgang ausgerichtet sind. Ebenfalls neu ist ein 24-Stunden-Hybrid-Floor mit ausgedehnten Ambient- und Listening-Sets und Performances. Jeder Floor verfügt über ein eigenes Soundsystem: Im Keller läuft das handgebaute Sol Systems aus Amsterdam, im Indoor-Bereich Alephalef Bahama aus Berlin, ebenfalls handmade, und im Garten das bewährte System von d&b audiotechnik.
Außerdem gibt es neue, fest installierte Toiletten, Warmwasserduschen und zusätzliche Bars mit jeweils standortspezifischen Getränkekonzepten. Und weil wir uns selbst nie zu ernst nehmen wollen, haben wir natürlich auch noch die eine oder andere Überraschung vorbereitet.

Tickets fürs Traumburg findet ihr hier.
Transparenzhinweis: Jan Goldmann war als Praktikant und freier Autor für die GROOVE tätig.