Berlin, Oberschöneweide. MaHalla. Man fährt da erst mal hin, vorbei an alten Fabrikhallen, hinein in diese massive, sakrale Industriearchitektur, die sofort was mit einem macht. Sanctum of Sound heißt das Ganze, und die Ansage von den Machern Max Jurisch und Ralf Schmerberg war unmissverständlich: Hört verdammt nochmal auf das, was um die Musik herum passiert. Keine Reizüberflutung, dafür: Geduld. Reines Zuhören. Eigentlich ein radikaler Akt im Jahr 2026.
Das Festival findet dieses Jahr vom 3. bis 5. Juli statt. Von den Zeitlupenvertonern Bohren & der Club of Gore bis hin zum Alles-andere-als-Zeitlupentechno um Woody92 steht Ausgelesenes auf dem Line-up-Poster. Darunter findet sich auch: Notte Infinita. Ein Künstler, der sonst drüben im Berghain oder OHM auftritt. Und einer, der auf Labels wie Midgar veröffentlicht, wo seine Tracks von Leuten wie Donato Dozzy oder Objekt wie Staatsgeheimnisse behandelt werden.
Notte Infinita nimmt zerklüftete UK-Sounds, entkernt sie und bettet sie in Techno ein. Das hat etwas von einem Tagtraum, den man am späten Nachmittag hat, wenn das Licht schön seltsam fällt. „Träumen”, sagt er im GROOVE-Interview, sei sowieso eine große Inspiration. Genauso wie Italo Calvinos Bücher. Und das große Schmelzen, das er für sein Set auf dem Sanctum of Sound ankündigt. Vorab hört ihr aber seinen Festival-Podcast.
GROOVE: Wie ist dein Set zustande gekommen?
Notte Infinita: Dieses Set ist ein Live-Mitschnitt von einer Performance, die ich letztes Jahr in Mailand in einer minimalistischen Galerie gespielt habe. Mikey Womack, der Art Director des Events, ist auf mich zugekommen, weil er meinen Sound schon länger verfolgt hat und dachte, dass er perfekt zum Konzept passen würde. Es fühlte sich nach der richtigen Gelegenheit an, mein Non-Dancefloor-Material zu präsentieren. Das Set zog das Fashion-Week-Publikum und ein paar lokale Freunde an und schuf eine ruhige, tiefgehende Listening-Atmosphäre.

Welche Elemente bereitest du im Vorfeld vor, und wo lässt du Raum für Spontaneität und Improvisation?
Viele der Sounds im Set sind mit meinen eigenen Produktionen verknüpft, aber sie tauchen in einer schwereloseren Form auf: befreit von ihren Beats und reduziert auf ihre atmosphärischen Elemente. Insgesamt ist der narrative Bogen ziemlich festgelegt. Mir ist es wichtig, ein Gefühl von Fluss und Progression zu haben, deshalb wechsle ich voll ausformulierte Kompositionen mit improvisierten und spielerischen Passagen ab. Ich habe mit Ableton und einem MIDI-Controller performt. So kann ich einige der Techniken, die ich beim Musikmachen im Studio verwende – zum Beispiel FFT und spektrale Bearbeitung – live wieder aufgreifen.
„Ich präsentiere eine klare Vision, und da gibt es nicht viel Spielraum für Kompromisse.”
Du lebst und performst in Berlin, tourst aber auch viel durch Asien und Australien. Prägen unterschiedliche Orte, Zielgruppen und kulturelle Kontexte deine musikalischen Entscheidungen?
Dadurch, dass ich so viele verschiedene Kontexte für Sound-Performances erlebt habe, habe ich ein breiteres Gespür dafür bekommen, was möglich ist und was ich in meine eigene Arbeit einbringen möchte. Dieses Bewusstsein versuche ich mitzunehmen, wenn ich für verschiedene Slots und in verschiedenen Ländern gebucht werde. Ich achte sehr genau auf Raum und Zeit, wenn ich zusage, ein Live-Set zu spielen. Das funktioniert einfach nicht überall und zu jeder Zeit. Gleichzeitig sind meine DJ-Sets viel flexibler und offener dafür, sich mit der spezifischen Stimmung eines Raumes und Moments zu synchronisieren. So wichtig es für einen DJ ist, flexibel zu sein, so wichtig ist es für einen Producer, bei der Präsentation eines Live-Sets auch mal kompromisslos zu sein. Ein Live-Set bedeutet zu 100 Prozent eigene Produktionen. Ich präsentiere eine klare Vision, und da gibt es nicht viel Spielraum für Kompromisse.

Wie viele deiner eigenen Tracks spielst du ungefähr und an welchem Punkt der Reise baust du sie am liebsten ein?
Ich freue mich sehr, wenn ich es schaffe, meine eigenen Sachen in ein DJ-Set einzubauen, aber ich tue das nur, wenn sich das Set auch in diese Richtung entwickelt. Einige meiner Tracks sind sehr abstrakt oder emotional aufgeladen. Dafür gibt es manchmal nicht den richtigen Moment. Ich brauche jedenfalls Zeit, um in die Dinge reinzukommen – beim Tanzen genauso wie beim Auflegen. Wenn ich einen zweistündigen Slot am frühen Abend habe, spiele ich keine Tracks, die zu energiegeladen sind oder eine zu dramatische Stimmung haben. Ich tease das an und baue es langsam auf. Man muss sich diese Euphorie Stück für Stück verdienen, erst dann zündet sie so richtig.
„Das Potenzial innerhalb von Raum, Textur, Bewegung und Atmosphäre ist riesig.”
Das Set wirkt traumhaft, erzeugt aber gleichzeitig ein starkes Gefühl von Präsenz. Welche Sprache oder welches Vokabular benutzt du, wenn du über deine Musik nachdenkst und sprichst?
Ich mag es, dass du das Wort „traumhaft” benutzt, weil die Dimension von Träumen ein Ort ist, aus dem ich viel Inspiration ziehe. Das heißt: Ich versuche, Bewegung und Bilder von abstrakten Orten heraufzubeschwören. Ich erinnere mich an ein Zitat von Daniel Barenboim, der Musik als eine Nachahmung des Lebens beschrieb: Der Komponist entscheidet, wann ein Klang beginnt, wie lange er dauert und wie er im Schweigen verschwindet. Mit Sounddesign lässt sich das über bloße Klanggesten hinaus noch verstärken. Das Potenzial innerhalb von Raum, Textur, Bewegung und Atmosphäre ist riesig.
Warum hast du „Notte Infinita” als Alias gewählt?
Der träumerische Aspekt ist auch mit dem Namen verbunden. „Notte Infinita” heißt unendliche Nacht. Ich bin fasziniert vom Konzept der Unendlichkeit, das ich als eine Art ultimatives Geheimnis der Existenz sehe. Das Geheimnisvolle ist ein sehr wichtiges Element in meiner künstlerischen Sprache: Ich möchte Raum für Interpretationen lassen, anstatt die Dinge zu offensichtlich zu machen.
Übrigens: Ich habe einmal in einem Buch von Italo Calvino (Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend) die perfekte Formulierung dafür gefunden. „Leopardi sagt: ‚Wörter wie fern, alt und dergleichen sind höchst poetisch und angenehm, weil sie weite und unbestimmte Vorstellungen wecken (…)’ (25. September 1821). ‚Wörter wie Nacht, nächtlich etc. und Beschreibungen der Nacht sind höchst poetisch, weil die Nacht die Objekte verdunkelt, sodass der Geist nur ein vages, undeutliches und unvollständiges Bild sowohl von der Nacht selbst als auch von dem, was sie enthält, entwirft. Ebenso Dunkelheit, Tiefe etc. etc.’ (28. September 1821).”
Ich fand, dass diese aneinandergereihten Worte etwas auf den Punkt brachten, das ich instinktiv fühlte. Ich glaube immer mehr, dass es am besten ist, Entscheidungen zuerst nach dem Bauchgefühl zu treffen und sie erst später zu rationalisieren – wenn man das überhaupt tun muss.

Zum Schluss noch eine Frage zum Sanctum of Sound: Was reizt dich am Festival, wie bist du dazugekommen und worauf freust du dich bei diesem Erlebnis am meisten?
Max Jurisch (Radiance, Delta Rain) und ich haben uns vor einiger Zeit online vernetzt und haben sofort gemerkt, dass wir eine ähnliche Wellenlänge haben – etwas Geduldiges und Introspektives in der Art, wie wir beide an das Kuratieren von Sound herangehen. Er hat mich eingeladen, bei einer Ambient-Reihe in Biesenthal zu spielen und anschließend bei der Radiance-Night im RSO. Ich freue mich also schon darauf, diesen Slot am späten Nachmittag zu spielen und darin zu verschmelzen. Außerdem ist das Line-up vollgepackt mit so vielen fantastischen Künstlern, dass ich mich riesig darauf freue, ihnen zuzuhören und das Long-Form-Programming in dieser ikonischen Location im MaHalla zu erleben.
Tickets für das Sanctum of Sound findet ihr hier.