Fritz Dyckerhoff und Christoph Klenzendorf verabschieden sich von Hari: „Hari hatte die Ruhe in sich, er hat Menschen und Clubs miteinander verbunden”

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Am 7. Mai ist mit Harald Erlach, besser bekannt als Hari, eine einschlägige Feier-Persönlichkeit von uns gegangen, die sich auch als DJ und Veranstalter einen Namen machte. Jahrzehntelang frequentierte Hari als Stammgast die Berliner Clubs, ebenso war er in seiner Heimat in Osttirol eine Schlüsselfigur für die Feierkultur und verfügte über ein globales Netzwerk, das ihn bis nach Australien und Mittelamerika brachte.

Wir wollten wissen, wie Weggefährt:innen und Freund:innen Hari auf den Tanzflächen dieser Erde erlebt haben und in welchen Geschichten er auch nach seinem zu frühen Tod weiterlebt. Fritz Windish vom Garbicz und Christoph Klenzendorf vom Holzmarkt 25 erinnern sich an einen radikalen Optimisten, einen Gastgeber mit großem Herz und trockenem Sarkasmus und einen Feier-Verrückten, der vormachte, wie man in der Szene gelungen altern kann.

GROOVE: Wie ist Hari aufgewachsen?

Fritz Dyckerhoff: Hari heißt mit vollem Namen Harald Erlach. Er wurde am 15. Mai 1960 als Sohn eines Gastwirts in Osttirol geboren. Es gibt ganz süße Kinderfotos von ihm, im weißen Hemdchen und mit einem Kalbskopf in der Hand. Er ist wirklich ein Österreicher, er war in seiner Jugend lange in Wien aktiv und hat auch sonst ein recht bewegtes Leben gehabt. Sein Vater ist in Indien im Himalaya verschwunden. Mit 18 oder 19 ist Hari losgegangen und hat ihn gesucht, aber sein Vater ist nie wieder aufgetaucht. Da sind ein paar Sachen passiert, die kriege ich aber nicht mehr zusammen. Das ist eine Sache der Familie.

Christoph Klenzendorf: Haris Vater war auf einer Fahrradtour unterwegs und ist nicht mehr aufgetaucht. Irgendwann ist er beim Klettern abgestürzt. Mehr weiß man nicht.

Fritz: Das waren noch Zeiten in den Siebzigern, da war alles ein bisschen anders als heute. Hari hat mit Anfang 20 jedenfalls das Wirtshaus seines Vaters in Österreich übernommen und dann verkauft. Er hatte mehrere Immobilien in Lienz.

Christoph: Dazu gehörte ein großes Haus, wo ein H&M drin ist. Ich weiß nicht genau, ob er irgendwas gelernt, gearbeitet oder ein Studium gemacht hat. Ich glaube eher nicht. Er musste ja nie arbeiten, weil sein Vater die Immobilien hatte. Aber ganz genau weiß ich das nicht. Es kann sein, dass er vielleicht doch noch mal irgendetwas gelernt hat. Ich könnte mir vorstellen, dass er vielleicht Skilehrer war. Schließlich hat er in Lienz nahe des Großglockners gelebt. Wir waren dort mal mit ihm Skifahren, das konnte er wirklich gut. Ich glaube, er war in seinen jungen Jahren einfach ein Bergbursche.

Fritz: Er hat jedenfalls auf dem Berg gewohnt und sich eine schöne Oase gebaut, wo immer viele Sachen liefen. In Berlin hatte er auch eine Wohnung oder ein WG-Zimmer und ist immer hin und her gependelt. Er hat die ganze Bar25 mitgemacht und war Inventar in der Szene.

Christoph: Und zwar vom ersten Tag an. Er hat immer mal wieder bei uns gewohnt, in der Bar25, ist mit seinem Bus auf dem Parkplatz gestanden oder hat sein Hüttchen bezogen und mit uns viel schöne Zeit verbracht.

Ein zufriedener Hari (Foto: Archiv Hari)

Fritz: Er hatte aber die ganze Zeit auch sein Haus und seine Familie, war viel in Wien unterwegs und mit der Moni zusammen. Hari hat außerdem zwei Kinder, Timo und Nemo. Die haben so wild gelebt, wie man das eben so macht. Zeitweise in Berlin oder in Wien, dann wieder in Osttirol und dort in der Gegend. Er ist im Winter immer runter. Der Typ hat eigentlich zwei Leben gelebt. So oft, wie der um die Welt gereist ist, und was der alles gemacht hat mit seinen 66 Jahren – das passt nicht in zwei Leben.

Wie hast Du ihn kennengelernt?

Fritz: 2010 in Hamburg. Wir haben im Brandshof die erste Bachstelzen-Party gemacht und die Berliner eingeladen. Daraufhin sind die Bachstelzen rübergekommen mit Hari, auch mit Achill und den ganzen Leuten. Danach haben wir uns immer wieder gesehen. Ich habe bei Hari sogar mal sechs Wochen gelebt, bei ihm zu Hause auf dem Berg. Ich war irgendwann in Österreich für einen Gig und brauchte eine Auszeit. Da habe ich Hari angerufen, und er meinte: Komm doch vorbei. Das war eine sehr intensive und spannende Zeit, ihn und sein ruhiges Landleben kennenzulernen.

Wie sah es da aus?

Fritz: Er hatte dort auch einen komplett eingerichteten kleinen Clubraum mit einer riesengroßen Plattensammlung. Das Dorf hat sich da immer wieder getroffen. Das ist eher eine Dorfszene mit kleineren Kneipen. Sie haben Afterhours und Open Airs bei Hari auf dem Berg gemacht, wo wir auch eingeladen wurden. Das war alles noch zu Goa- und Psytrance-Zeiten mit Totempfahl drauf und so weiter. Hari war einer der ersten Stunde, der die Dinge so ein bisschen durch die Welt getragen hat. Die ganze – sage ich jetzt mal im erweiterten Sinne – Szene für elektronische Musik in Osttirol hat er aufgebaut.

„Das war schon eine Base für ganz viele Leute.”

Wenn Leute aus der ganzen Welt, aus Indien, Australien, Neuseeland, Südamerika, nach Europa kamen, haben sie immer einen Stopp bei Hari eingelegt. Er hat sie alle auf den Berg geholt. Und dann hat man da ein paar Tage lang gefeiert. Danach ist man dann weiter auf die Festivals getourt. Das war schon eine Base für ganz viele Leute.

Was hat er genau musikalisch gemacht? 

Hari hat aufgelegt. Als Hari Ohm hat er früher solo gespielt und später mit Achill zusammen. Die haben back2back gespielt. Hari und Achill Moss. Achill kommt aus dem Kontext von Ricardo Villalobos und dessen Freundeskreis. Da sind einige Schweizer dabei. Hari ist sein DJ-Partner gewesen. Die haben viel im Club der Visionäre, im Kater, in der Bar25, auf der Fusion und dem Garbicz gespielt. Wenn die beiden irgendwo unterwegs waren, war da immer gute Stimmung.

Die hast du irgendwo hingesetzt, und sie haben einfach zehn, zwölf Stunden Musik gemacht. Sie haben von Depeche Mode über Ricardo Villalobos hin zu irgendwelchen Chansons und Klassik-Sachen alles zusammengemischt. Das hat einen irgendwie rausgeholt. Gelegentlich haben sie auch Dance-Musik gespielt, Tech-House und House. Viel Minimal. So konnten sie auch auf den größeren Bühnen, etwa auf dem Garbicz, spielen. Am besten haben sie in die Morgenstunden gepasst. Endlose Afterhours. Oder in Costa Rica – du gehst an den Strand und hast Hari dabei. Dann läuft die ganze Zeit gute Musik.

Hari in einem Kartenspiel aus Bar25-Zusammenhängen (Foto: Archiv Hari)

Was waren seine Lieblingsplatten?

Hari hatte ein riesengroßes Repertoire. Sachen von Miles Davis, B-Seiten, Dinge, die man gar nicht mehr kriegt. Schallplatten von anno dazumal. Auch Goa-Geschichten. Fast alles. Außer harten Techno. Die Sammlung hat sein Sohn jetzt übernommen.

Er hat keine Resident-Advisor-DJ-Page, hatte er eine Agentur?

Eine Zeit lang war er bei Sasomo Bookings, glaube ich. Aber er war nie Touring-DJ mit Agent. Das brauchte er gar nicht. Er hatte andere Einkünfte. Hari hat das wirklich zum Spaß und aus Leidenschaft gemacht. Nicht als Beruf. So war er weltweit unterwegs. Hari hat sich das immer über Freunde organisiert, das lief über sein weltweites Netzwerk, die haben zum Beispiel eine Australien-Tour für ihn auf die Beine gestellt. In der Goa-Szene ist dieser Netzwerkgedanke noch stark. Die funktioniert ganz anders als das Techno-Business, das agenturgetrieben ist. Aber das gab es damals nicht, und Hari hat auch nie damit angefangen.

„Wenn er hinter dir am DJ-Pult saß, war das ein gutes Gefühl.”

Ich war mit Hari und Achill auf Tour in Costa Rica, da haben wir auf dem Labryinto zusammen gespielt. Das war sehr toll und lustig. Dabei standen sich ja Generationen gegenüber, Hari hatte eine ganz andere Energie. So unaufgeregt, wie man eben ist, wenn man viel Erfahrung hat. Das war ein gutes Gefühl, wenn er hinter dir am DJ-Pult saß. Du wusstest: Er sitzt da und nickt mit dem Kopf. Das hat mir Sicherheit gegeben.

Was hatte er für einen Humor? 

Hari hatte immer den richtigen Spruch zur richtigen Zeit. Wenn alle gestresst waren, musste Hari nur einen Satz sagen, und alle haben sich beruhigt. Er hatte auch diesen österreichischen Ulrich-Seidl-Humor und auch ein bisschen was von Thomas Bernhard, mit seinem Wiener Schmäh.

Wir waren mal auf einer Afterhour beim Costa-Rican-Raven-Festival. Hari hat in einer Villa gespielt. Dann sind wir weg, weitergefahren in den Dschungel. Wir haben uns eine Lodge am Vulkan gebucht. Wir kommen rein, und Hari macht den Koffer auf und hat die komplette Bar von dem Typen, bei dem die Afterhour war, geplündert. Da war richtig guter Schnaps dabei, wir haben uns eine eigene Bar aufgebaut. Und dann saßen wir da in unserer Safari-Lodge, hatten ein gutes Kit, und Hari hat uns Drinks gemacht. Außerdem hatte er immer seinen Obstler dabei. Aus Österreich. Darauf war Verlass, wenn Hari da war.

Christoph: Ich habe ihn zum letzten Mal bei Steffis Werkstattparty erlebt. Er hat mir, obwohl ich schon seit Ewigkeiten aufgehört habe zu feiern und Alkohol zu trinken, nochmal sein Fläschchen mit Schnaps in die Hand gedrückt. Das habe ich sehr zelebriert und genossen. Das ist eine Erinnerung: Hari und sein Schnaps. Wenn man auf der Party irgendwo die Fläschchen gesehen hat, wusste man: Hari war nicht weit.

In Lienz und auch in Kärnten gibt es richtig geile Destillerien. Wir waren mit ihm mal bei einer Kellerabfüllung. Im Schulhaus unten im Keller hat ein älterer Schnapsbrenner seinen halblegalen Schnaps gebrannt. Hari hat nicht selbst gebrannt, aber er kannte halt tausend Leute. Das war ein Gimmick, eine Leckerei, die zu schönen Geschichten geführt hat. Hari war wirklich ein Connecter. Der hat mit jedem einen Schnack gehabt. Er hat von allen Geschichten mitgenommen. Dadurch hat er immer was zu erzählen gehabt.

Was für eine Stimmung hat er als Mensch verbreitet? 

Fritz: Das war eine ehrliche, transparente Energie. Wenn man irgendwo reinkam und Hari in der Ecke saß, wusste man: Das wird ein guter Abend, hier bin ich nicht falsch. Selbst wenn ich niemanden finde, mit dem ich mich unterhalten kann – Hari ist da. Mit dem kann man immer reden. Der hat Leute und Clubs miteinander verbunden. Die Leute von der Renate waren auch mit ihm befreundet, ebenso vom Sisyphos und vom Kater. Alle kannten ihn. Und er war überall ein gern gesehener Stammgast.

Hari hat immer gute Geschichten ausgegraben. Irgendwann habe ich gemerkt, dass eine richtige Lücke entstanden ist und wir die jetzt selbst füllen müssen. Hari war ein sehr guter Participant. Er hat mitgeravet, Musik gemacht, mit angepackt. Beim Aufräumen, bei der Artist Care, in der Afterhour – Hari war einfach überall. Man konnte ihn überall einsetzen. Das hatte er im Blut.

Ein freudiger Hari (Foto: Archiv Hari)

Vielleicht weil er in einem Wirtshaus aufgewachsen ist.

Christoph: Er hat sich auch nie vom Geld korrumpieren lassen. Er hatte Mittel, konnte frei leben und war immer großzügig. Wenn irgendwo auf der Welt ein schönes Zusammenkommen stattfand, dann ist Hari den Einladungen gefolgt, nach Australien, Südamerika.

Fritz: Er war oft bei uns auf dem Garbicz. Irgendwann kam er mit seinen Leuten aus Österreich an. Er hatte Obstler dabei, Kürbiskernöl, Schüttelbrot und Tiroler Speck. Hari hat alle versorgt. Er war einer der gastfreundlichsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Dafür bin ich sehr dankbar. Von ihm hat man diese Gelassenheit gelernt, die heute vielen fehlt.

Hari war ein radikaler Optimist, und er war immer zuversichtlich. Dazu kam dieser sarkastische, trockene Humor. Einmal saßen wir zusammen in Thailand im Whirlpool. Die Sonne schien, Hari hielt einen Cocktail in der Hand und dann sagte er aus dem Nichts heraus: „Fritz, das Leben ist schon brutal, oder?” Das waren seine Momente. Komplett aus dem Nichts. Und immer so ernst vorgetragen, dass man kurz stocken musste.

„Er ist ein tolles Vorbild für junge Männer.”

Wenn alle komplett gestresst waren, kam ein Satz von Hari, und plötzlich war klar: Eigentlich ist alles halb so wild. Er hatte diese Ruhe in sich. Vielleicht auch weil er schon Großvater war. Die ältere Generation bringt oft so eine Selbstverständlichkeit und Entspanntheit in Prozesse hinein. Auf dem Garbicz war das genauso. Hari sitzt auf der Terrasse rum, irgendwer kommt rein und plötzlich gibt’s Essen, weil Hari gekocht hat. Er hat überall sofort so eine Heimeligkeit erzeugt. Dabei war er gleichzeitig ein Vollprofi. Er war immer der Last Man Standing und sah trotzdem immer topfit aus. Immer gut gekleidet, immer höflich, nie laut oder unangenehm. Ein sehr feinstofflicher, gefühlvoller Mann.

Das ist ein interessanter Aspekt für die Richtung, in die sich Teile der Szene entwickeln.

Er ist ein tolles Vorbild für junge Männer. Einfach um zu sehen, dass man älter werden und trotzdem Teil der Szene bleiben kann, ohne peinlich zu wirken. Klar war Hari auch mal drüber, wie wir alle auf Partys. Aber nie auf diese unangenehme Art. Nie dieser Vibe von wegen der alte Mann auf der Party. Das ist bei ihm nie passiert. Im Gegenteil. Er war eine ständige Inspiration.

Ein gelöster Hari (Foto: Archiv Hari)

Ich glaube, genau solche Figuren fehlen heute oft. Diese ältere Generation, die noch mit jungen Leuten zusammen feiert und trotzdem eine Ruhe mitbringt. Ich glaube, dass das wichtig in unserer Szene ist und bewahrt werden muss. Deswegen ist es auch schön, dass die Alten nicht außen vor, sondern weiterhin Teil des Ganzen sind und bleiben.

Christoph: Ich glaube, Hari hat einen 1A-Abgang gemacht. Er hat zu seinem Geburtstag nach Österreich eingeladen, alles geplant und abends mit allen telefoniert. Die Anlage war da, wer kommt, stand fest, das Line-up war fertig. Und dann hat er aufgelegt, sich hingelegt und ist einfach nicht mehr aufgewacht. Es war alles cool, alles war geklärt. Das war, als hätte er gesagt: „Okay, jetzt wach‘ ich nicht mehr auf.” Ich glaube, das war ein sehr schöner Tod. Er ist einfach eingeschlafen – mit knapp 66 Jahren als Rave-Papa.

Fritz: Natürlich viel zu früh. Aber gleichzeitig war es ein wahnsinnig eleganter Abgang. Hari hätte keinen Bock auf Ärzte und Krankenhaus gehabt.

Christoph: Ich glaube, dass das ein guter Zeitpunkt war. Er hat einfach alles richtig gemacht. Besser geht’s nicht.

Fritz: Er ist niemandem zur Last gefallen und war topfit bis zum Ende. Sah super aus. Die Musik, der Rave, die Szene, die sozialen Netzwerke und Freundschaften – das konserviert. Es ist schon toll, das zu erleben. Jetzt gibt es diese riesige WhatsApp-Gruppe mit über 500 Leuten aus aller Welt, die ihre Hari-Geschichten teilen. Erst dadurch merkt man wirklich, wie viele Menschen Hari bewegt hat. Wie viel Liebe für diesen Menschen existiert. Und wie viele Leute jetzt nochmal anreisen, um sich von ihm zu verabschieden.

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