Der queere Partyveranstalter Bob Young ist am 18. Juni im Alter von 64 Jahren verstorben. Als Betreiber des 90 Grad in der Dennewitzstraße in Berlin-Schöneberg und als Schöpfer der Party-Reihe GMF war Bob Young die ikonische Figur des schwulen Berliner Nachtlebens der Neunziger. Zuletzt setzten ihm die Folgen eines schweren Fahrradunfalls zu. Vor zwei Wochen war noch wohlauf, berichtet Stefan Sauerbrey im Tip. Am vergangenen Donnerstag verstarb er jedoch auf einem Berliner Golfplatz an einem Herzinfarkt.
Bob Youngs Nächte in der zweiten Hälfte der Achtziger und in den Neunzigern waren ein Gegenentwurf zu fast allem, für das das Berliner Nachtleben heute steht. Auch, wenn Westbam und Paul van Dyk immer wieder hinter den Plattentellern standen, lief dort kaum Techno, sondern Disco, House und Pop. Es ging auch nicht darum, sich anonym auf dem Dancefloor zu verlieren.
Vielmehr sorgten Drag-Performances, Modeschauen und Celebrity-Gäste wie Matt Damon, Leonardo DiCaprio oder Hugh Grant für Schauwerte. Auch von der Schroffheit der Lederszene setzten sich Young und seine Mitstreiter:innen ab. „Bei uns gibt es keinen Darkroom. Unsere Gäste sind nicht so hardcore”, erinnerte er sich später.
Bob Young wurde 1961 oder 1962 in Memphis, Tennessee geboren. Sein Vater war Oberstudienrat, die Mutter Musiklehrerin, Sohn Bob besuchte ein konservatives Privatcollege.

„Das [Leben dort] war nicht super streng, aber das Thema queer war mir während meiner Kindheit total fremd”, berichtete er 2022. 1983 kam er für einen Austausch im Rahmen seines Wirtschaftsstudiums ins damals geteilte Berlin, entdeckte sich als schwuler Mann und distanzierte sich von seinem Studium – aber nur ein bisschen. Buchhaltung und Kostenrechnung fand er „irgendwie nicht so besonders abendfüllend”, erklärte er 1999 der WELT. „Management konnte ich mir weiterhin vorstellen. Es musste ja nicht in einer Autoreifenfirma sein”, sagt er weiter.
Young arbeitete als Kellner, an der Bar, in der Garderobe, wurde Geschäftsführer des Clubs Bee Hive. Seine erste eigene Party veranstaltete er für das tonangebende Londoner Magazin i-D. 1988 gründete er mit Britt Kanja die Tanzstelle, eine Wanderparty in ausrangierten U-Bahnhöfen und stillgelegten Schwimmbädern. Das Format orientierte sich mit aufwendig umgesetzten Mottos, Dekorationen und ungewöhnlichen Orten am britischen Nachtleben, war eine Absage an den morbiden Existenzialismus des Risiko und die Abgecooltheit des Dschungel.
Im Oktober 1989 eröffnete Young mit Britt Kanja einen eigenen Club in der leerstehenden Halle einer Autowerkstatt in der Dennewitzstraße. Den Namen wählten die beiden, weil die Dennewitzstraße dort mit einer zackigen 90-Grad-Kurve in die Kurfürstenstraße übergeht. Young und Kanja gelang es, einen exzentrischen Treffpunkt für Queers, Nachtschwärmer:innen, Kreative und Wendezeit-Bohemiens zu schaffen. Tausendfach erzählt sind die Anekdoten von Britney Spears, die von einem Türsteher abgewiesen wurde, oder von Georges Clooneys Flirt mit der Klofrau, die von ihm einen Kuss auf die Wange bekam. Boris Becker ließ man erst rein. Als er sich ein Bier gekauft hatte, schickte man ihn hinaus, um ihn dann wieder reinzuholen.

Als „Glamour ohne Hochglanz, Exzess ohne Pose” charaktisierten Christian Knuth und Michael Rädel den Spirit des 90 Grad. „Bob schenkte Berlin seine Partykidz – jene wunderbaren Gestalten der Nacht, die jede Veranstaltung in eine Party verwandelten”, schreibt Stefan Sauerbrey im oben verlinkten Nachruf. „Selbst seine Türsteher wurden zu Szenepersönlichkeiten.”
Eine düstere Seite brachte der bereits 2009 verstorbene Dag Harbach in die 90-Grad-Crew. Bob Young stieg schon 1999 aus dem Club aus, der noch bis 2008 weiterbetrieben wurde. Der Abriss des Gebäudes erfolgte 2011 für den Bau des „Wohnpanorama am Park”, in dessen Innenhof heute eine Gedenktafel an das 90 Grad erinnert.
Youngs einflussreichstes Projekt neben dem 90 Grad war GMF (gesprochen: GayMF), die erste schwule Partyreihe in einem der maßgeblichen Clubs im Berlin-Mitte der Neunziger. Young startete im WMF an der Leipziger Straße und wechselte später ins Café Moskau und danach ins Weekend am Alexanderplatz. Ein weiteres einschlägiges Event war die Halloween Masquerade, die über zwei Jahrzehnte lief. Daneben betrieb er zeitweilig die 808 Bar in Berlin-Mitte und eine Veranstaltung auf der Dachterrasse des Stilwerk in Charlottenburg.
Mit der Pandemie wurde es stiller um ihn, doch das Interesse am Nachtleben verlor er nie. „Die Szene hat sich gewaltig verändert. Bei den Jüngeren ist es kein Thema mehr, dass man unbedingt queer ausgehen muss”, sagte er 2022. „Schwule Männer fühlen sich mittlerweile auch in anderen Clubs frei und sicher. Vor allem in der Techno-Szene. Das Publikum ist gemischt. Ich finde das gut, weil es das Leben zeigt, wie es wirklich ist. Das Wort gay ist heute beinahe antiquiert, man sagt queer oder LGBT. Das schließt auch Lesben, Bisexuelle und Transgender ein.”
In den sozialen Medien kondolieren zahlreiche Weggefährt:innen, etwa Miss Sam Königsmann. „Du hast Räume geöffnet, Vertrauen geschenkt und dazu beigetragen, dass das, was verloren schien, wieder ins Fließen kommen konnte”, schreibt Königsmann.
„Danke für deinen Glauben an uns. Danke für deinen Halt, deine Menschlichkeit und deine Großzügigkeit. Und danke, dass wir dich ein kleines Stück deines Weges begleiten und dir als leise Verbündete zur Seite stehen durften”, schreibt sie weiter. „Bob und ich haben viel Zeit miteinander verbracht und gemeinsam Veranstaltungen organisiert”, erinnert sich Tresor-Gründer Dimitri Hegemann gegenüber der GROOVE. „Ich mochte seine lebensbejahende und motivierende Art. Bob war jemand, der nicht nur quatschte, sondern tatsächlich viel auf die Beine stellte.”
„Der Mann hatte es vollbracht, aus einem alten Wieland-Schuhgeschäft am Herrmannplatz einen Ort wohliger Dekadenz zu machen”, erinnert sich Zeitzeuge Andreas Hahn. Gratis-Sekt aus Plastikgläsern undZigaretten von Davidoff in rauen Mengen an jedem Tisch. Der Dancefloor ein staubiger Perserteppich, die Musik war nicht so hip, aber der Gestaltungswille beachtlich. Die Nacht begann da meist gegen vier, wenn UFO meist zumachte. Die Mauer stand noch, die Westberliner Welt in Ordnung. Später in Schöneberg dann die internationale Variante. Nicht mehr so schön kaputt, dafür aber mehr Taler, denk ich.”







