ost:end-Mitbetreiber Jonathan Warneck über das zukünftige Leipziger Kulturquartier Tanklager West: „Club – aber auch Kunst-Kontor, kulturelle Begegnungsstätte oder Permagarten”

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Derzeit ist das Industrieareal in der Plautstraße im Leipziger Westen vor allem durch den Club ost:end bekannt. Entstehen soll hier aber das Tanklager West, ein Kulturquartier. Im Zentrum dieser nachhaltig angelegten Begegnungsstätte soll die Förderung diverser künstlerischer, handwerklicher und gärtnerischer Projekte stehen. Bislang ist aber das ost:end Kraftzentrum des Geländes.

Der Club hat sich über die letzten Jahre als feste Größe im lokalen Nachtleben etabliert und eine Lücke gefüllt, die seit der Schließung von Clubs wie IfZ oder Axxon N. in der Feierszene der Stadt klafft. Nun sollen als nächste Evolutionsstufe die Open Airs auch durch regelmässige Indoor-Raves ergänzt werden.

Allerdings sehen sich Dennis Scheffler und Jonathan Warneck als Betreiber des Kulturorts beim Genehmigungsprozess für den Ausbau zum Tanklager West mit so massiven bürokratischen Hürden konfrontiert, dass kürzlich eine Spendenaktion gestartet werden musste, um das Projekt am Leben zu halten.

Im Videocall ins Baustellenbüro wollten Alexis Waltz und Jakob Senger von ost:end-Co-Initiator Jonathan Warneck wissen, mit welchen Hürden die Kulturstättenbetreiber zu kämpfen haben – und wie sie diese bewältigen wollen.

GROOVE: Was macht für euch das ost:end besonders?

Jonathan Warneck: Das ist eine Mischung aus ganz vielen Dingen. Das Clubprojekt ost:end ist letztlich aus zwei großen Freund:innenkreisen gewachsen, aus dem von Dennis [ Scheffler, Anm.d.Red.] und dem von mir. Ebenso wichtig war die Liebe zur Musik. Bei meinem ersten Fusion-Besuch wurde mir klar: Ich will dieser Kultur etwas zurückgeben und einen Ort schaffen, der zu einem Sammelbecken für Menschen mit alternativen Lebensvorstellungen werden kann.

Der Anbau mit den charakteristischen Glasbausteinen von innen (Foto: ost:end)

Wie ist der Club in das Tanklager West eingebettet?

Das ost:end ist Teil des Tanklager-West-Netzwerks, ein 10.000 Quadratmeter umfassendes Kunst- und Kulturzentrum hier in der Plautstraße 41, das wir seit dreieinhalb Jahren stetig entwickeln, egal ob als Kunst-Kontor, als kulturelle Begegnungsstätte oder als Permagarten. Es wurde relativ schnell klar, dass eine wirtschaftliche Tragfähigkeit des gesamten Projektes nur im Zusammenschluss mit den anderen Kultursparten hier auf dem Areal des Tanklager West möglich ist.

Der Anbau mit den charakteristischen Glasbausteinen von außen (Foto: ost:end)

Wofür steht der Club musikalisch?

Wir sind Techno- und House-Menschen. Also Dennis Scheffler, mit dem ich das ost:end gegründet habe, und ich. Zu nennen ist auf jeden Fall noch Gina Sabatini. Sie hat die letzten vier Jahre unser Booking und Marketing federführend gestaltet. In dieser Funktion hat sie natürlich massiven Impact auf die Entwicklung und Positionierung des Clubs gehabt.

Die alte Abfüllhalle in ihrer ganzen Pracht (Foto: ost:end)

Wie hört sich das dann an?

Tagsüber läuft House, nachts Techno. Das liegt vor allem an unserer Sozialisierung im Robert Johnson und in der Partyszene von Kassel. Aber generell sind wir mit unseren Bookings ziemlich offen: Neben den Partys haben wir Punk- und Hip-Hop-Konzerte veranstaltet, und zuletzt gab es auch Anfragen für ein Klassik-Open-Air. Ein Ziel ist es zum Beispiel auch, feste Spielstätte der Leipziger Jazztage zu werden. Dafür soll hier bald eine Konzerthalle entstehen, damit hier wirklich jede Art von Musik unterkommen kann. Generell geht es uns um eine Rückbesinnung auf gewisse Grundwerte in der Tanzkultur.

Im Keller der Abfüllhalle (Foto: ost:end)

Wie meinst du das?

Wir wollen hier ein kleines Gegenangebot zur generellen Kommerzialisierung der Clubkultur machen. In den letzten Jahren hat sich das Veranstalten in eine Richtung entwickelt, dass du 4000 Euro Gage zahlen musst, um die größtmöglichen Namen an Land zu ziehen und damit mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Das alte Treibstofflager bei Nacht (Foto: ost:end)

Wie können sich Veranstaltende dagegen wehren?

Heute ist Wirtschaftlichkeit meistens wichtiger, das ist aber nicht unser Ansatz. Uns geht es nicht um kontinuierliches ökonomisches Wachstum oder darum, äußeren Erwartungen oder Trends gerecht zu werden. Hier passiert alles aus unseren eigenen Überzeugungen und kreativen Vorstellungen heraus.

Clubbetrieb im ost:end (Foto: ost:end)

Kommt das bei den Leuten an?

Bei sämtlichen Veranstaltungen der letzten zwölf Jahre hatten wir fast immer einen Einlassstop. Ich denke, das spricht für sich und zeigt, dass die Leute Bock drauf haben.

So soll das Areal um die alte Autogarage nach der Fertigstellung aussehen (Illustration: ost:end)

Jetzt habt ihr aber eine Soli-Spendenaktion gestartet. Euch fehlen rund 65.000 Euro. Worauf ist das zurückzuführen?

Das kommt daher, dass wir den Club, in dem bald regelmäßige Veranstaltungen stattfinden sollen, nicht als rein wirtschaftliches Projekt führen, sondern als ein ideelles. Dann siehst du dich permanent mit bürokratischen Hürden konfrontiert, die gefühlt nur zunehmen, anstatt sich zu lösen.

Was wird konkret von euch verlangt?

Wir haben zum Beispiel in Absprache mit den zuständigen Behörden ein Mobilitätskonzept entwickelt, in dem dokumentiert wurde, dass etwa 99 Prozent unserer Gäst:innen mit dem Fahrrad kommen. Nach der recht zeit- und kostenintensiven Ausarbeitung sollen wir aber zusätzlich 35 Auto-Stellplätze bereitstellen, weil die Behörde uns als Vergnügungsstätte einstuft.

Diese Grafik stellt den Publikumsfluss durch den Club dar (Illustration: ost:end)

Das klingt unverhältnismäßig.

Genau. Die Probleme liegen meiner Meinung nach im Gesetzbuch: Viele Regelungen sind absolut kleinlich oder zu pauschal. Eine individuelle, lösungsorientierte und sinnvolle Lösung ist in den allermeisten Fällen gar nicht möglich. Unsere Immobilie ist denkmalgeschützt und altlastenverseucht, also ein Worst Case. Wir wollen die Gebäude nutzbar machen, weil sie andernfalls abgerissen werden – oder weitere 25 Jahre leer stehen. Aber statt konstruktiven Gesprächen wartest du zwei Jahre auf deine Genehmigung – oder hast beim Bauantrag einen viermonatigen Verzug.

Mauerwerk unter einer Dachkonstruktion aus Beton: Das alte Treibstofflager (Foto: ost:end)

Wo liegen die Ursachen für dieses Missmanagement?

Viele sind meiner Meinung nach strukturell bedingt. Ich bin 2016 nach Leipzig gekommen, zu der Zeit gab es in der Stadt eine Menge Freiräume. Wir haben direkt anderthalb Jahre nach passenden Locations gesucht, sind aber nicht wirklich fündig geworden. Auch über Zwischennutzungen hat es nicht funktioniert. Uns wurde irgendwann klar, dass eine Einmietung keinen Sinn macht.

Im alten Treibstofflager (Foto: ost:end)

Wie seid ihr zu dem Schluss gekommen?

Das Risiko, rausgeschmissen zu werden, ist viel zu hoch. Das Problem mit den leerstehenden Immobilien ist, dass sie zu großen Teilen im Besitz von Investorengruppen oder Familien sind, die kein wirkliches Interesse an einer Nutzung haben. Hinzu kommt die Verkürzungsfrist, die es einer Investorengruppe ermöglicht, Immobilien bewusst leer stehen zu lassen, ohne dauerhaft rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen.

Im Club (Foto: ost:end)

Also habt ihr das Gelände gekauft?

Ja, weil wir wussten, dass wir damit einige dieser Probleme aushebeln können. Aber natürlich ergeben sich dadurch auch tausend neue Probleme, mit denen man konfrontiert wird. Etwa bei den ganzen Genehmigungsprozessen, bei denen du regelmäßig fünf Schleifen drehst und abartig lange Wartezeiten aussitzen musst, bevor sich irgendetwas tut. Das ist kein regionales Problem, das passiert überall in Deutschland. Hier ist es nur sichtbarer als andernorts.

Dieser Bereich ist jetzt schon als Club-Freifläche genehmigt und wird so genutzt (Foto: ost:end)

Fühlt man sich da allein gelassen?

Wie gesagt: Meiner Ansicht nach ist das ein strukturelles, ein bürokratisches Problem. Auf der anderen Seite gibt es ganz viele tolle Menschen, die sich jeden Tag extrem viel Mühe geben, dass das hier existieren kann und sich kontinuierlich weiterentwickelt. Explizit nicht nur in unserem eigenen Umfeld, sondern auch auf Seiten der Stadt, der Behörden. Es ist bloß anstrengend, zu merken, welche Steine dir in den Weg gelegt werden, wenn du ein Projekt am Leben erhalten willst, das sich keine Gewinnmaximierung auf die Fahne schreibt – sondern nachhaltig und niedrigschwellig Räume für Kulturschaffende jeglicher Art schaffen will.

Seit zwölf Jahren wird hier gefeiert. (Foto: ost:end)

Ist das heutzutage überhaupt noch in dieser Form möglich?

Im Grunde ist das Problem hausgemacht. Es basiert auf der Fragestellung, ob und wie Kultur Kultur bleiben kann, wenn Leute davon leben wollen. Und wir merken in diesem Prozess seit Jahren, dass das echt hart ist. Aber das ist der Trade-off, auf den du dich einlässt, um zu einer Rave-Kultur zurückzukehren, wie ich sie damals kennengelernt habe.

Was hat dich damals so beeindruckt, dass du es heute fortführen willst?

Damals gab es mehr kreativen und individuellen Spielraum. Heutzutage erlebst du eine krasse Professionalisierung in allen Bereichen des Clubbetriebs: Social Media, Booking, you name it. Das ist irgendwie von allem zu viel. Auch die Line-ups sind zu groß, der Dancefloor ist überfüllt und es gibt zu viele Regeln. Damit meine ich explizit nicht Benimmregeln und Awareness-Arbeit.

Links Container, rechts die alte Abfüllhalle (Foto: ost:end)

Und wie kommt man davon deiner Meinung nach wieder weg?

Wir wollen wieder zu den Basics zurück. Dafür war es wichtig, den finanziellen Druck rauszunehmen. Und das fängt bei Kleinigkeiten an – auch bei der Tür. Klar, es ist völlig ok, eine andere Meinung zu haben. Jemanden aber wegen abweichender Klamotten abzulehnen, funktioniert für uns nicht. Es ist wichtig, nicht nur in den eigenen Bubbles zu feiern, sondern sich wieder ein bisschen zu öffnen. Seit Corona haben sich die Abgrenzungen ziemlich verstärkt. Aber es gibt auch Menschen, die in der Pandemie gerade 19 oder 20 waren und die Ausgehkultur vorher gar nicht wirklich kennengelernt haben. Die wollen wir auch abholen. Früher war der Dancefloor ein Ort, wo alle aufeinander getroffen sind. Da wollen wir wieder hin. Das dauert aber. Und du musst akzeptieren und lernen, dass gute Dinge nur mit genügend Zeit entstehen können.

Der Barbereich vor dem Umbau (Foto: ost:end)

Wie bewältigt ihr den finanziellen Druck?

Wir haben im Zuge dessen eine Baufirma gegründet und halten uns mit Querfinanzierungen über Wasser. Anders wäre das in der Anfangszeit nicht möglich gewesen, dann hätten wir bis Ende des Jahres überhaupt keine Veranstaltungen machen können.

Gibt es neben den behördlichen Erleichterungen noch andere Sachen, die du dir wünschen würdest?

Das klingt vielleicht abgedroschen, aber wir müssen wieder mehr miteinander reden und uns nicht innerhalb der Szene abfucken. Bevor man in den Dialog geht, zeigt man lieber mit dem Finger auf andere. Da sind oft massive Ego-Probleme im Spiel. Meiner Meinung nach geht es nicht darum, wer die:der größere Raver:in ist, wer linker ist oder was auch immer – das ist alles ausuferndes Konkurrenzdenken.

In jedem Moment eine andere (Licht-)Stimmung (Foto: ost:end)

Wie würdest du positiv formulieren, um was geht?

Der neuen Generation zu zeigen, wie man miteinander interagiert. Der alten Generation zuhören. Dass ich heute hier sitze, liegt vor allem daran, dass mich auf Raves auch mal jemand abgeholt, beiseite genommen, sich mit mir ausgetauscht und auch mal gemaßregelt hat – andernfalls würde es diesen Ort heute nicht geben.

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