Das Motherboard aus dem Mai findet ihr hier, die Mixe des Monats hier.
Anastasia Kristensen – Bestiarium Sombre (Intercept)
Seit 2019 veröffentlicht die Kopenhagenerin Anastasia Kristensen abwechslungsreiche elektronische Tanzmusik auf Houndstooth, Arcola, Turbo oder ihrem eigenen Label, Absorb Emit. Auf einen Stil festlegen ließ sie sich dabei bisher nicht, vielmehr ist alles, was abseits des Dance-Mainstreams stattfindet, Trumpf. Da verwundert es nicht, dass auch ihr Debütalbum mit einer wilden Mischung glänzt. Schwere Bass-Music-Beats verbinden sich freudig mit Electronica-Atmosphären, das ambiente Stück „Intro” überrascht an zweiter Stelle, gefolgt von einem wilden Dancefloor-Track, der wie eine rasende Electro-Nähmaschine klingt. Dann wieder stampfender Technobeat, der natürlich durch den Stolperbeat-Wolf gedreht wird. Und zum Finale dürfen Jungle-Breaks nicht fehlen, eingeleitet von einem irgendwie uk-garage-artigem Ambient-Techno-Track. Ihr merkt: Man fragt sich ständig, was Kristensen nun wieder geritten hat – aber auf die gute Art. Denn eins macht diese Musik auf jeden Fall: Spaß. Das Sounddesign ist eher kühl-dystopisch und technoid, ohne jedoch nach kalter Depression zu klingen. Vielmehr entwickelt sich jeder Track – wie bei einem guten DJ-Set – aus dem vorherigen. Und dank einer verquer-verquirlten Logik passt tatsächlich alles ineinander, sodass man am Ende des Albums sogleich wieder von vorn beginnen möchte. Nicht zuletzt weil alle Ideen dieser vor Überraschungen sprühenden LP gar nicht in einer Hörsession erfasst werden können. Tim Lorenz

Calibre – Tricklemore Sea (Signature)
Auf seinem neuen Album zeigt sich Dominick Martin wieder von einer ganz persönlichen Seite. Mit Fokus auf der eigenen Stimme sowie einem Stilmix, der abseits seiner Drum’n’Bass-Wurzeln die emotionale Tiefe in den Vordergrund stellt. Ähnlich wie Planet Hearth oder die beiden LPs unter seinem bürgerlichen Namen ist Tricklemore Sea ein intim klingendes Album zwischen Ambient, Shoegaze und Downtempo geworden, das trotz unterschiedlicher Einflüsse aus Jazz und Soul bis hin zu Dub oder Techno von Calibres Sensibilität für tiefgründige Kompositionen zusammengehalten wird.
Viele Tracks durften dabei seit 2019 langsam reifen; manche Ideen stammen noch aus dem Lockdown in Berlin, andere Titel sind bislang unveröffentlichtes Material, das nun endlich einen passenden Kontext gefunden hat. Für Calibre bedeutet der Titel selbst so viel wie „der Fluss in mir, der ins Meer fließt”. Dementsprechend introspektiv, melancholisch und atmosphärisch fühlt sich der Vibe der Platte an. Für Langzeit-Fans eine willkommene Abwechslung im Calibre-Katalog und ein toller Zugang, um den Künstler dahinter noch besser zu verstehen. Leopold Hutter

Faze Action – Distant Dreams (Faze Action Records)
Fuck Yeah! Ich habe Faze-Action-Platten garantiert ein Jahrzehnt lang in jedem Set, also jede Woche teilweise dreimal gespielt. Mit Distant Dreams liefern sie keinen nostalgischen Disco-House-Aufguss ab, sondern ein erstaunlich detailverliebtes Album zwischen Balearic Soul, orchestraler Deepness und jener warmen Studioperfektion, die heute kaum noch jemand so selbstverständlich beherrscht. Die Brüder Robin und Simon Lee arbeiten weiterhin mit den Werkzeugen klassischer Dancefloor-Dramaturgie, denken diese aber weniger funktional: Tracks öffnen Räume, endlose Flächen und Grooves, statt nur Drops vorzubereiten. Die Basslines rollen elastisch unter schimmernden Rhodes-Electropiano-Keys, Streicher tauchen eher wie Erinnerungsfetzen als offensichtliche Disco-Zitate auf. Vieles wirkt, als hätten Faze Action ihre jahrzehntelange Liebe zu Philly Sound, Britjazzfunk, Nigerian Bubblegum Disco, Yacht Soul und UK-Late-Night-House in einem Studio voller analoger Maschinen destilliert. Der Groove bleibt dabei stets körperlich, aber nie plump. Ein Ultrafan der Vocals bin ich zwar nicht, aber wenigstens rutschen sie nicht in Café-del-Mar-Kitsch ab. Statt eskapistischer Beliebigkeit entsteht eine eigentümliche Melancholie – Musik für Sonnenaufgänge nach zu langen Nächten, nicht für algorithmisch kuratierte Sundowner-Playlists. Produktionstechnisch ist Distant Dreams ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Nichts wirkt steril. Gerade diese Balance aus Präzision und Wärme unterscheidet das Duo von vielen aktuellen Nu-Disco-Produktionen, die ihre Referenzen nur noch zitieren, statt sie weiterzudenken, schlecht herumsampeln, weil sie wirklich keinen Plan von Musikgeschichte haben. Mirko Hecktor

Gigi Masin – Movement (Sacred Bones)
Seit seinem Debüt Wind von 1986 gilt Gigi Masin als einer der Gründerväter des langsamen Ambient. Gleichzeitig suchte der Venezianer aber stets den Kontakt zu aktuellen Entwicklungen und neuen Verfechter:innen des Genres. So zeigen seine letzten Kollabos wie Postcards From Nowhere mit Jonny Nash oder auch die Gaussian-Curve-LPs mit Young Marco eine frische Dimension dynamischer Ambient-Musik, in der dezente Rhythmen und housige Einflüsse durchaus ihren Platz haben.
Darum geht es auch auf Movement, einem Album, das weniger für den einsamen Konsum im stillen Kämmerlein, sondern für „kommunales Erleben, Tanzen und Romantik” gemacht ist, so Masin selbst. Was mit schwebenden Drones („Bed on Mars”) vertraut beginnt, nimmt schon bald Fahr tauf und paart den typischen Reduktionismus mit perkussiven Elementen. „The Age of Sampling” ist dabei ein augenzwinkernder Verweis auf seine Rolle als einer der meistgesampelten Künstler der Popgeschichte – von Björk bis Nujabes. Der Titeltrack bricht mit Ambient-Konventionen und flirtet offen mit atmosphärischem Deep-House, bevor „UMI” das Tempo rausnimmt und lediglich ein melancholisches Jazz-Piano zurücklässt. Auf „Golden”schimmern hoffnungsvolle Arpeggios, während „Deception Dance”gar rollende Breakbeats enthält: „Dance music from another planet”, nennt Masin das, bevor er den Kreis auf klassische Weise schließt und in beruhigende Klänge entlässt, in denen sich Drones, Pads und Synthesizer in glückseliger Ruhe entfalten. Leopold Hutter

GÖRL – Dark Silver Moon Light (Grönland)
Tiefnachts, am dunklen Wasser, nur Mondlicht spiegelt sich. GÖRL stehen an einem See, Vollmond, eine silbrig goldene Schneise auf schwarzer Oberfläche. Eine Frau erscheint, springt ins Wasser, verschwindet. Dort, wo es am tiefsten ist. Realität oder Projektion? Genau aus diesem Schwebezustand heraus entfaltet sich Dark Silver Moon Light, das erste gemeinsame Album von Robert Görl und Sylvie Marks. Dass Görl als Mitbegründer von DAF die Grammatik elektronischer Körpermusik neu geschrieben hat, ist Pop- und Technogeschichte. Dass Sylvie Marks als erste weibliche Resident-DJ des Frankfurter Dorian Gray und später als Produzentin auf Labels wie International Gigolo oder BPitch Control Club- und Gegenwartskultur entscheidend geprägt hat, ebenso. Entscheidend ist, was hier zusammenkommt: keine Addition von Biografien, sondern ein Verstehen, aus dem etwas Eigenständiges entsteht. Dark Silver Moon Light ist kein Rückblick, es ist ein Aufbruch. Der Sound von GÖRL ist reduziert, mechanisch, körperlich.
Schon die erste Single „Irgendwann ist jetzt” setzt den Ton: eine hypnotische Keyboard-Line, romantisch-wehmütig, ein Fanal gegen das Aufschieben. Sylvie Marks bringt es auf den Punkt: Als junger Mensch glaubt man, die Zeit sei unbegrenzt, und plötzlich ist sie es nicht mehr. Görl ergänzt: Der Mensch verschiebt gerne auf irgendwann. GÖRL brechen diesen Kreislauf. Jetzt ist irgendwann. Was folgt, ist ein Album, das sich dem Dazwischen verschreibt. „So wie du bist” wirkt vordergründig kühl und dunkel, trägt aber eine verletzliche Zärtlichkeit in sich – eine waidwunde Seele im stählernen Gewand. Görls Stimme, wehmütig und unprätentiös, verleiht diesen minimalistischen Strukturen eine unerwartete Intimität. Marks’ Handschrift ist stets präsent: in den schwebenden Synthflächen, im Gespür für Raum, im feinen Gleichgewicht zwischen Clubtauglichkeit und innerer Bewegung. Besonders deutlich wird die gemeinsame Haltung in „Der falsche Ton”. Was bei DAF einst als Provokation begann – der Vorwurf, das sei keine Musik, die Töne seien falsch –, wird hier zur ästhetischen Maxime. Der falsche Ton ist der richtige. Punk nicht als Pose, sondern als Entscheidung. Nicht einsortierbar sein, sich nichts sagen lassen. „Wir lassen uns beide absolut nichts sagen“, sagt Görl. Marks kontert mit einem Lächeln: Man passe aufeinander auf, sei eine Musik-WG. Vertrauen als Produktionsbedingung.
Dark Silver Moon Light ist treibend, bisweilen wild, manchmal dräuend. In seiner Geradlinigkeit liegt etwas Erlösendes. Je tiefer man in die Songs eindringt, desto deutlicher treten die feinen Ornamente von Drums und Keyboards hervor, die diesem Album seine Tiefe geben. Repetition wird hier nicht zur Leere, sondern zur Verdichtung. Die Texte gewinnen mit jeder Wiederholung an Schärfe. Mit „Don’t stay at home” öffnen GÖRL einen anderen Raum: eine düsterglamouröse Ballade, die an OMD oder Ultravox erinnert, ohne je epigonal zu wirken. Hier ist es Sylvie Marks‘ Keyboard-Arbeit, die Wärme und Zuversicht ausstrahlt – ein leiser Trost in einer Welt, die schneller, lauter und bedrohlicher wird. Diese Musik hält die Hand, ohne zu vertrösten. Der Titeltrack bündelt schließlich alles: Begehren, Sehnsucht, Traumimpressionen. Wenn Görl singt: „Der Mond verschwand im See, ich blieb am Rande stehen”, klingt darin ein Echo von David Bowie ebenso an wie das Verschmelzen zweier Lebenslinien. Musik als Erscheinung. Als Frage.
Am Ende steht „Es ist nie zu spät”. Ein Satz wie ein Versprechen. Unheilvoll schwebend, offen, verstörend schön. Der letzte Ton bleibt hängen, verstimmt, lässt zurück am Ufer. War es eine Erscheinung? Ein Traum? Eine Illusion? Bis heute wissen Robert Görl und Sylvie Marks nicht, wo die Frau am See geblieben ist. Aber sie haben aus dieser Nacht ein Album gemacht, das zeigt, wie zeitlos radikal elektronische Musik sein kann, wenn sie sich selbst ernst nimmt – und den Moment. Liron Klangwart

Karim – Lila (Tikita)
Von den alten Meistern lernen mag als Leitsatz für ein Technoalbum wie das Debüt des marokkanischen Produzenten Karim etwas unpassend erscheinen, denn nach einer Verbeugung vor der Vergangenheit klingt Lila eher nicht. Spartanische Synthesizer, die bis zur Besinnungslosigkeit ihre ostinaten Figuren spielen, kein Drumcomputer, aber fast durchgehend eine treibende Bewegung, sehr direkt auf den Körper zielend. Dabei hat Karim keineswegs völlig ohne Schlagwerk gearbeitet. Der Beat kommt von herkömmlichen Perkussionsinstrumenten, Vorbild war die Musik der Gnawa, die schon reichlich Musiker, von Pharoah Sanders bis Jimi Hendrix und Peter Gabriel, fasziniert hat. Deren kollektive Trance-Rituale übersetzt Karim an seinen modularen Apparaturen in repetitive Patterns, die er nach und nach variiert, gelegentlich um Shaker oder Kastagnetten ergänzt. Beim letzten Track, „Miloir”, nimmt er schließlich doch einen, nun ja, handelsüblichen Viererbeat. Wobei es darauf am Ende gar nicht so sehr ankommt. Was Karim drumherum und darüber verschaltet, spielt so fein mit geradlinigen Technomustern einerseits und polyrhythmisch-tribalistischer Vertrackheit andererseits, dass man kaum anders kann, als mit auf seinen Trip zu gehen. Maximaler Wahnsinn mit extrem wenigen Mitteln. Tim Caspar Boehme
