Die Platten der Woche mit Andy Martin, Any Mello, Klasse Wrecks, Vakula und Will Hofbauer

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Andy Martin – Tierra De Nahuales (Animalia)

Tierra de Nahuales bedeutet übersetzt Land des Nahual, ein Formwandler aus der mesoamerikanischen Mythologie. Die Azteken und Maya nahmen an, er könne in tierischer oder pflanzlicher Gestalt auftreten. Der aus Guadalajara stammende Andy Martin hat nicht nur seine EP nach der Heimat dieses Wesens benannt, sondern spiegelt dessen Mystik und Geheimnisumwobenheit auch musikalisch wider. Die vier Tracks der auf Animalia erschienen EP sind allesamt getragen von psychedelischen Rhythmen, tribalistischen Elementen und bassgetriebenen Dub-Einflüssen. Organische Perkussion und hypnotische Grooves öffnen dabei einen Raum zwischen Ritual und science-fiction-artigem Futurismus, in dem sich lateinamerikanische Einflüsse, Mythologie und elektronische Musik auf eindrucksvolle Weise begegnen. Das Release ist eine perfekte Darbietung der Spiritualität und Atmosphäre seiner Musik. Jeder Track entfaltet dabei seine eigene erzählerische Dimension.

„Sky Spirals” und „Pleiadian Sound Clash” sind dunkel und hypnotisch, während Afrofuturism” und „Tierra de Nahuales“ euphorisch und fast schon im positiven Sinne chaotisch wirken. Tierra de Nahuales fühlt sich nicht nur wie eine EP an, sondern wie das Tor zu einer Welt, in der Mensch und Tier keine getrennten Sphären besetzen, sondern ineinander verwoben sind. Der Nahual wird so zum Vermittler zwischen diesen Ebenen. Ein Wesen, das auf der Schwelle zwischen physischer Realität und spiritueller Dimension wandert. Die spirituelle Energie dieser Welt speist sich aus Ritualismus, Naturverbundenheit und Transformation. Sie ist nicht statisch, sondern ständig in Bewegung, genau wie jeder einzelne Track auf Andy Martins Release. Daniel Böglmüller

Any Mello – Esperança (NRBK)

In einem früheren Leben war Any Mello in Clubs fürs Licht zuständig, seit ein paar Jahren produziert sie und legt auf. Um es vorsichtig auszudrücken: Keine allzu ungewöhnliche Entwicklung, die die brasilianische, na klar, Wahlberlinerin da genommen hat. Ihre aktuelle EP Esperanca, die auf Nørbaks vokalberaubtem Label NRBK erscheint, legt mit dem Titeltrack auf 138 BPM los. Durch diesen ziehen sich Synth-Schlieren wie in Tolkachev-Nummern, unermüdliches Rimshot-Gehoppel sorgt für organische Glaubwürdigkeit im Unterbau. Egal ob aus der DAW oder nicht, hier meint’s jemand ernst. „Objetivo” zieht das Tempo nochmal an und erinnert in seiner Chord-Progression an DVS1s „Black Russian”. Irgendwann setzt der Backbeat ein, und selbst die verbissensten Techno-Orks gehen ins Licht – oder endlich nach Hause. Operator simplifiziert die Nummer im Remix im Anschluss noch und verpasst ihr ein muskulöseres Low-End. Ein Reality Check, der auf der Tanzfläche hält und die Geschöpfe des Dunklen Herrschers zur Umkehr bewegt. „Busca” sendet elektroakustische Signale aus und spricht die Wald- und Wiesentänzer-Fraktion an, die Techno von der verkünstelten, spirituellen Seite her denkt. Es flirrt und sirrt, es kreucht und fleucht, no dreadlocks in sight, just people enjoying the moment. Mit „Poder Silencioso” und Stimmengewirr im flüssigen Aggregatzustand läuft die EP aus. Der Körper spürt Big Room, das Herz Verwirrung. Maximilian Fritz

VA – WRECKS303 (Klasse Wrecks) 

Hier die Sache mit der 303: Niemand sollte das Ding im Jahr 2026 verwenden. Niemand. Natürlich tun es manche trotzdem. Man nennt das dann Hommage. Wobei es meistens eher so ist, als würde man einem alten, ehrwürdigen Professor in die Lederjacke helfen und ihn mit einer Flasche Wodka-Ahoi in den nächsten Kellerclub schubsen. Die 303 pummelt nämlich seit 1992 in Frequenzen, die normalerweise nur Delfine und Leute verstehen, die hauptberuflich mit Trillerpfeifen hantieren. Klasse Wrecks schüttelt den Kopf und sagt: Jetzt kannst du auch Acid House! Und so einfach ist das, sofern man bei Pappe sofort an die Bastelschere denkt. Das Cover zu WRECKS303 kann man nämlich verbasteln. Zu einer, aha: 303. Die haben Luca Lozano, Dominik Marz, Andrew Red Hand und Mr. Ho ziemlich sicher auch verwendet. Es ist natürlich eine Hommage geworden. Zum Glück! Christoph Benkeser

Vakula – Times (Oath)

Der umtriebige ukrainische Produzent Vakula meldet sich mit einer Maxi-EP zurück, die sowohl an seine früheren Tage erinnert als auch die persönliche Entwicklung der letzten Jahre widerspiegelt. Nachdem sich Mikhaylo Vityk zeitweise ganz vom Dancefloor verabschiedet hatte und mit seinen experimentellen Langspielern besonders die spirituell-psychedelischen Weiten des Universums zu erkunden schien, treibt Times seinen fluiden, atmosphärischen Sound weiter. Dub und Broken Beat bilden das rhythmische Fundament der Platte, jeder Track hat eine eigene Identität, während sich Einflüsse aus House, Ambient und Jazz abwechseln und sich ein gemeinsamer, nachdenklicher, meditativer Ton durch das ganze Release zieht. Die Stücke fühlen sich organisch an, entwickeln sich mühelos und schaffen es auf besondere Weise, eine symbiotische Verbindung von Mensch und (Musik-)Maschine zu verkörpern. Leopold Hutter

Will Hofbauer – Flurries EP (Rhythm Section)

Das Thema Elektronische Musik taugt hervorragend dazu, gleichzeitig innigste Herzensangelegenheit und übelste Pein zu sein – ähnlich wie, sagen wir mal, Neil Young, Breaking Bad oder Sozialismus – um bei ähnlichen Kalibern zu bleiben. Bei all dem miesen Mittelmaß, das ständig auf eine:n eindröhnt, fällt es oft schwer, die nötige Geduld aufzubringen, das liebende Herz zu füttern. Will Hofbauer gehört zu den seltenen Exemplaren der Spezies Produzent, denen es immer mal wieder gelingt, weiter an der Evolution einschlägiger Genres zu stricken. Wir reden hier nicht von Revolution, klar. Aber einen flotten Standard-Housebeat mal nicht mit Standard-Bässen und anderen Baukastenklötzchen zu kombinieren, sondern mit spooky Synths und Stimmen wie im Opener hier, macht direkt Spaß. Das folgende „Stair Car” könnte dann einem Hommage-Projekt zu Ehren Kraftwerks entsprungen sein, die eintaktige, aufsteigende Synthiefigur erinnert sehr an die aus „Heimcomputer” und läuft quasi unverändert über den kompletten Track zu einem ebenfalls typisch rheinischen Bumm-Zack-Beat – Augenzwinkern inklusive. Als Hit der EP entpuppt sich aber das verführerisch-funkige „Rectangle Hours”, die definitive Nummer eins der Weniger-ist-mehr-Charts dieser Woche. Mathias Schaffhäuser

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