GROOVE Reviews: Teil 1 der Alben im April

Die Mixe des Monats im April 2026 findet ihr hier.

Actress & Suzanne Ciani – Concrète Waves (Werkdiscs)

Intergenerationelle musikalische Begegnungen sind eigentlich nichts Ungewöhnliches. In der elektronischen Musik erst recht nicht, lässt es sich doch mit Oszillatoren oder Computern ganz fantastisch altern beziehungsweise jung bleiben. Zwei Junge im Geiste, die hier aufeinandertreffen, sind der britische Ex-Fußballprofi und Produzent Darren Cunningham alias Actress und die amerikanische Synthesizerpionierin Suzanne Ciani. Beide kennzeichnet ein unerschrockener Forschergeist, der Cunningham die Grenzen von House austesten und irgendwann hinter sich lassen ließ, während Ciani in ihrer buchla-gestützten Klangforschung keine Berührungsängste mit der kommerziellen Nutzung ihrer Ergebnisse zeigte, besonders bekannt ihr klangmalerischer Jingle für Coca Cola. Auf Concrète Waves lassen sie sich, wie es scheint, treiben, erzeugen elastische Patterns, die anbranden und abebben. Nach einer beatlosen Eingewöhnungsphase lässt Cunningham dann seine in sich verschobenen Klapperpulse losbrechen, Ciani reagiert ihrerseits mit verstärktem Rauschen. Dazwischen kommt es wieder zu Atempausen, traumgeborene Klavierklänge inklusive. „A beast of its own”, wie man auf Englisch so schön sagen kann. Und schön ist dieser ausgedehnte Trip, in London und Barcelona entstanden, auf seine Weise allemal. Tim Caspar Boehme

Appleblim – Neolithic Neon (Sneaker Social Club)

Nachdem Appleblim im vergangenen Monat mit Liminal Tides, einem Ambient-House-Album von klassischer Schönheit, überraschte, lässt er es im April wieder mehr krachen. Neolithic Neon auf Sneaker Social Club nämlich ist eine Wucht, eine faszinierende Reise durchs britische Hardcore Continuum, so euphorisierend wie eine Kanne kurz gezogenen Tees.
Appleblim beginnt die Reise, die man gerne auch Trip nennen darf, mit modernen Variationen englischer Electronica, von synkopierten Beats durchs Bass-Music-Universum getrieben. Bereits in den ersten Tracks entsteht ein hypnotischer Sog zwischen modernem Dubstep und technoiden Electro-Einschüben, die sich dank verwehter Synthesizer-Flächen jedoch nie in Dystopie verlieren. In ihrem organischen Sound lassen sie eher an klandestine Outdoor-Festivals irgendwo abseits des M25 denken. Kein Wunder also, wenn Appleblim zum Höhepunkt der Reise im Jungle ankommt. Hier verwehen dann weniger Synth-Pads als vermehrt Reese-Bässe und Hoover-Sounds. Um dann zum Ausklang wieder in clever klackernden IDM-Beats und seligmachendem Ambient zu enden. Ein Album, das das weitgefächerte britische Breakbeat-Genre somit als originäre Folk-Musik der E-Generation verortet. And it is a trip. Tim Lorenz

Bergsonist – Depths (Dark Entries)

Mit Drummachine und Field Recordings baut die in New York lebende Selwa Abd alias Bergsonist eine Brücke in das Land ihrer Geburt, Marokko. Mit dem sechsten Album entwickelt sie ihren Sound der technoiden Electronica mit arabischen Klangeinflüssen weiter. Man denke an Azu Tiwaline mit knarzender Elektronik. Oder Muslimgauze, besonders beim aufgekratzt treibenden „Loin de Toi”. „Underwater World Pursuit” könnte nicht nur des Titels wegen als Referenz auf die Afrofuturism-Legenden Drexciya verstanden werden. Die stärksten Momente entstehen auf Depths, wenn organische Klänge die Konturen Marokkos in den Mix zeichnen. Wenn Abd mit ihrer Stimme arbeitet oder auf dem Track „Ode To Life”, der von einer Oud getragen wird.

Wo diese Elemente fehlen, findet das Album die Balance zwischen Stimulation und trance-erzeugender Monotonie nicht immer. Das Arrangement wirkt simplistisch. Oft drängen sich die eher ruppigen Synthesizer-Loops zu stark in den Vordergrund. Hier und da geht mal ein Filter auf, sonst ist wenig Variation in den Spuren. Es muss aber auch gesagt werden: Das Album wird nur auf einem Soundsystem richtig zur Geltung kommen, das ihm standesgemäßen Ausdruck verleiht, weil Bergsonists langsames und wuchtiges Stakkato mindestens so sehr auf körperliche wie auditive Wirkung baut. Es schließt mit dem deskriptiven Titel „End” in einer atmosphärischen Synthpop-Klangfarbe, die einmal mehr die vielfältigen Potenziale der Künstlerin zeigt. Depths bringt jede Menge spannendes Material in eine unfertig wirkende Montage, die mit etwas mehr Feinschliff ein gutes Album geworden wäre. Philipp Gschwendtner

Brendon Moeller – Shadow Language (Samurai Music)

Brendon Moeller surft in seinem neuen Album auf sehr absurd-witzig-interessante Art zwischen Kruder & Dorfmeisters 1998-K7-Album und UK-Dub-Industrial-Techno-Dancehall-Afro-Polyrhythmik umher. Diese Referenzen in einer sehr aufgeräumten Techno-Frequenzen-Druck-Produktion 2026 zu hören, obwohl ich ein Kind der Siebziger bin und mit dem ganzen Verweis-Wahnsinn sowie der Vorstellung von Analog-Output aufgewachsen bin, konnte ich mir vor diesem Album tatsächlich nicht so wirklich vorstellen. Ich merke: Ist viel Zeit vergangen seit Moellers Zweitausender-Jahre-Releases auf Carl Craigs Planet E. Er hat plötzlich eine Soundästhetik, die sich keinem Techno-Trend mehr anbiedert und deshalb etwas eigenständig Vertrautes bekommt. Nimmt man Musikproduktion ernst, ist sofort klar: Brendon arbeitet seit Jahrzehnten weniger an dem nächsten Business-Festival-Gig und seinem gut aussehenden, sicheren Crowd-Money-Verteiler, sondern schlicht an seiner eigenen Entwicklung. Wir hören hier keinen Frequenz-Bullshit für den erstarrenden Kindergarten-Dancefloor und schnellen DJ-Ruhm wie so oft in den letzten 25 Jahren, sondern zur Perfektion ausgearbeitete Elektronik-Utopien. Tja: Was sagt ein Rock- zu einem Jazz-Gitarristen im Taxi? „Zum Flughafen, bitte.” Vielleicht muss man sich entscheiden, wo man hinwill, welcher Schwachsinn einen nervt, für was man in Erinnerung bleiben will und für was man brennt. Moeller brennt meiner Meinung nach für etwas Richtiges. Mirko Hecktor

Carla dal Forno – Confession (Kallista)

Mit ihrem Solodebütalbum You Know What It’s Like trat die australische Musikerin Carla dal Forno vor zehn Jahren noch auf dem Label Blackest Ever Black an, genau wie die Band F Ingers, in der dal Forno zu der Zeit spielte. Heftig verwaschener Synthiepop mit Gruß in Richtung Achtziger-Minimal-Wave bestimmte damals ihre Songs. Inzwischen veröffentlicht sie auf ihrem eigenen Label Kallista und hat über die Jahre auch ihren Stil leicht verändert. Die Achtziger bilden weiter eine wichtige Folie für ihren Ansatz, doch klingt sie auf Confession klarer, aufgeräumter und zeigt vor allem eine Vorliebe für Dub, wie er einst im Post-Punk angeeignet wurde. Drumcomputer und mäßig synkopierte Rhythmen sorgen bei ihr dafür, dass kein allzu heftiges Roots-Schunkel-Gefühl entsteht. Zwischen treibend und schleppend bewegen sich die reduzierten Songs, die aber alle Grundzutaten haben, Strophen und Refrains inklusive. Passend dazu geben sich die Texte elliptisch, meistens geht es um Fragen, die in Beziehungen aufkommen können, doch dal Forno deutet vieles bloß an, lässt ihre Betrachtungen gern offen enden. Ihr Gesang gewohnt nüchtern, die helle Stimme ganz leicht eingetrübt. Auf ihrem vierten Album wirkt Carla dal Forno beeindruckend gesammelt. Dass sich die Songs insgesamt sehr ähneln, stört da nicht weiter. Tim Caspar Boehme

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