MaerzMusik liefert seit 24 Jahren Klangexperimente aus dem Geist der klassischen und der Neuen Musik. Unser Autor Jan Joswig hat sich auf eine zehntägige Schnitzeljagd durch diverse Berliner Spielstätten begeben und dort Heavy Listening in Rotation erlebt, an der Grenze von Musik und Klang.
Als roten Faden für die MaerzMusik 2026 gibt die künstlerische Direktorin Kamila Metwaly aus, ein immersives Klanglabor für neue soziale Praktiken schaffen zu wollen. Das ist so allgemein gehalten, es gilt auch für jede Karaoke-Bar, in der schief gesungen und wild abgeschleppt wird. Man könnte eine Etage sachlicher formulieren, was das Festival ausmacht: Der rote Faden der MaerzMusik ist die hohe Qualität ihrer disparaten Einzelpositionen.

Mit Donnerhall eröffnet 11.000 Saiten von Georg Friedrich Haas die diesjährige Ausgabe. Sie schlägt mit Jan St. Werner von Mouse on Mars den Bogen zur Popkultur und feiert mit Meredith Monk eine eigenwillige Großkünstlerin der genresprengenden Avantgarde, die seit über 60 Jahren an schamanistischen Gesangslautmalereien mit Hypnose-Orgel arbeitet.
Mikrotonaler Donnerhall
Der Festival-Auftakt macht keine Gefangenen. Gute Musik muss bitter schmecken. Erst an der Grenze zum Lärm entfaltet sie ihre transzendente Macht, stellt 11.000 Saiten klar. Das hipness-geschulte Kulturbürger-Publikum, das Carhartt mit Kaschmir kombiniert, lässt sich das gerne gefallen.

Georg Friedrich Haas stellt 50 Klaviere, in Zwei-Cent-Abständen voneinander gestimmt, im Kreis auf und lässt sie mit Orchesterunterstützung vom Klangforum Wien zur mikrotonalen Maximalüberwältigung aufbrausen. Der Zuhörer ist gezwungen, abstrakten Klang als abstrakten Klang stehen zu lassen. Die Musik ist nicht heiter, elegisch oder triumphal, sondern nur präsent. Sie macht keine Angebote an herkömmliche Gefühlszuordnung, ist da wie etwas Außermenschliches, aber gespielt von Menschen.

Mit dem Instrumentarium des 18. Jahrhunderts, mit dem auch Bach oder Mozart gearbeitet haben, werden Klänge erzeugt, die nur ein Publikum des 21. Jahrhunderts als Musik identifizieren und genießen kann. Die Musik bedarf dazu keinerlei elektrischer Verstärkung oder elektronischer Verfremdung, sie entfaltet sich rein akustisch. Die Musiker dürften sich fühlen wie ein Formel-1-Fahrer, der mit einem Silberpfeil aus den 1930er-Jahren gegen die McLarens der 2020er-Jahre gewinnt. Neuer Wein in alten Schläuchen.

So faszinierend die Spielaufstellung auf Produktionsseite ist, so sehr fragt man sich als Zuhörer, der auf Plastikgestühl wie im Wartezimmer beim Amtsarzt die Vorführung aussitzt, ob auf Rezeptionsseite nicht schon mehr erreicht wurde. Der Sitzzwang ist die Achillesferse der klassischen Musik. Mit der Ablehnung körperlicher Affiziertheit grenzt sich die E-Musik dünkelhaft von der U-Musik ab. Kopfkino ohne Körperpraxis ist eine erlebnislimitierende Marotte westlicher Hochkultur.

Dabei wurde der immersive Anspruch, Musik nicht nur zu hören, sondern zu erleben, mit den psychedelischen Gesamtkunstwerken der Acid Tests von Ken Kesey und Grateful Dead und der Exploding Plastic Inevitable Shows von Andy Warhol und Velvet Underground Ende der Sechziger viel konsequenter umgesetzt und von der Clubkultur mit Techno und Drum’n’Bass Ende der Neunziger zugespitzt. Diese U-Musiken loten die Grenze zwischen Musik und Geräusch vergleichbar experimentell aus, heben aber die Distanz zum Publikum radikaler auf – indem sie zur physischen Reaktion auf die physische Präsenz der Musik einladen. Erst das Tanzen macht das Intellektuelle rund. Free your ass and your mind will follow!
Vergnügliche Sperrfeuer
Die vergnügliche Seite musikalischer Dekonstruktion zeigte das Klangforum Wien mit dem Programm Archipelische Klänge in der Akademie der Künste im Hansaviertel. Die Stücke von Laure M. Hiendl, Luxa M. Schüttler und Gerhard Stäbler setzten in turbulenter Ereignisdichte bunte Sprenkel mit Kuhglocken, Trillerpfeifen, Akkordeon oder singendem Metallpaneel. Elliptisch abgebrochene Themen bis hin zu gehackten Tönen und Stotter-Crescendo schufen eine kurzweilig burleske Aufführung, die mit ihren Kreuzseen aus Streichern und Bläsern keinen Zweifel daran ließ, dass Musik den Lauf der Zeit kaputtmachen kann.

Schafften bei früheren MaerzMusik-Jahrgängen Aphex Twin oder Squarepusher die Verbindung zur Pop-Avantgarde, fiel diese Aufgabe diesmal Jan St. Werner im Radialsystem zu. Aber seine Arbeiten als Mouse on Mars (mit Andy Toma), Lithops oder Microstoria (mit Markus Popp) schlugen bei seiner Revue Music for Commons sensed++ kaum durch. Wichtiger als seine Handschrift war die der drei Kollaborierenden, des Dudelsackverfremders Erwan Keravec, des Drummers Dirk Rothbrust und des Schriftstellers Louis Chude-Sokei.

Ein Verwirrspiel mit kulturell-geografischen Zuordnungen entfachte Erwan Keravec mit dem Mäandern zwischen konventionellem Dudelsackklang und droneartiger Verzerrung. Der abstrakte Klangschwall verband sich mit Nebelshow und Lichterdom zu einem Soundtrack für den Film Highlander („Es kann nur einen geben”), den das kinogeschulte Publikum als stimmungsmächtiger empfand, als es ein authentisches Dudelsackkonzert je sein könnte. Hollywood frisst Wirklichkeit.

Dirk Rothbrust trommelte sich frenetisch durch sein Instrumentarium, als hätte es das warnende Beispiel aus dem Fusion-Jazz der Siebziger nie gegeben. Es ist eine Illusion, dass Virtuosität zu Intensität führen würde. Die selbstbezügliche Schaffe von Rothbrust war für jemanden, der das schnörkellos sachdienliche Geklopfe von Ringo Starr und Maureen Tucker für das Nonplusultra des Drummings hält, eine kaum zu bewältigende Aufforderung zum Perspektivwechsel.

Der nigerianische Autor Louis Chude-Sokei hat mit Jan St. Werner schon 2021 auf dem Album AAI von Mouse on Mars zusammengearbeitet. Darauf wird die Stimme als verfremdetes, rhythmisiertes Instrument eingesetzt. Bei der Performance No Nation left but the Imagination tritt sie dagegen unverstellt auf, um Text mit dramatischen Vokabeln wie „exile”, „suffering”, „true tragedy” zu verlesen. Jan St. Werner kommentiert den Vortrag mit seiner Elektronik, wirkt mit seinen Comic-Sounds fast wie ein Querulant im Diskurs-Porzellanladen. Als Spaß-Guerilla scheint er zu rufen: „Stop making sense!” Ein Fall für die Fritz-Teufel-Ehrenplakette. (Ich hoffe, diese Interpretation lässt man mir als konstruktives Missverstehen durchgehen.)
Wagnis und Wellness
An den gegenüberliegenden Polen des Festivals – Wagnis und Wellness – schlugen das Duo Viola Yip/Ken Ueno und das Ensemble Dedalus ihre Pflöcke ein.

Yip und Ueno standen bei Cybernetic Entanglements auf einer new-wavigen Neon-Bühne wie eine Laokoon-Gruppe, die statt mit Schlangen mit durchsichtigen Plastikschläuchen gefesselt war. Die Schläuche gehören zu einem neu entwickelten Instrument von Viola Yip, mit dem sich vorgefertigte Tondokumente live bearbeiten lassen.

Das langsame, tänzerische Entfesseln gebiert Klänge. Je harscher die Geräusche wurden, umso mehr fragte man sich: Kontrolliert der Körper die Klänge oder peitschen die Klänge den Körper? Die Performance ging grimmig bis an die akustische Schmerzgrenze des Publikums. MaerzMusik kann also auch Industrial. Die martialische Konfrontation trieb der amerikanisch-japanische Künstler Ken Ueno bei seinem Samurai-Solo auf die Spitze. Er gab einem westlichen Publikum, was es von einem asiatisch gelesenen Künstler erwartet – und brüllte es zackig nieder. Musikalisch 8,5 von 10 Punkten auf der Throbbing-Gristle-Gedenkskala.

Beim Ensemble Dedalus im silent green trug ein Zuschauer eine Bomberjacke mit dem Kompakt-Logo. Techno war hier aber die ganz falsche Fährte. Das Ensemble ließ sich Kompositionen von Catherine Lamb und Éliane Radigue entfließen, die ihren Weg in die ozeanische Stille suchten (Ja, ich weiß: Wovon man nicht sprechen kann, darüber sollte man das spirituelle Schweigen breiten.).

Lambs Miniaturen des Dräuenden wirkten in ihrer Kürze wie ein Musterkatalog für Meditationsmusik, eine Ansammlung von Pfützen, die auf den Ozean von Radigues Komposition „OCCAM Hepta 1” einstimmte. Das Ensemble hielt für etwa 30 Minuten eine stehende Welle voller Mini-Irritationen. Diesen dünenden Atem eines schlummernden Riesen hat kein Zuhörer ohne geschlossene Augen überstanden. Unter Punks wurde so etwas einst als Eskapismus abgekanzelt, in der Achtsamkeitsepoche gilt es als Lauschen ins Post-Anthropozän.
Eintauchen und Auftauchen
Für den Festivalabschluss I’m all ears ließ Kurator Wojtek Blecharz die dunklen Innereien der Berliner Festspiele bespielen. An fünf Stationen wurden elf Arbeiten aufgeführt. Der Schwerpunkt lag auf Versenkung statt Konfrontation. Das Zentrum bildete die Drehbühne, die von den Aufführungen konstruktiv genutzt wurde. Das Publikum saß auf ihr und veränderte so seine Position zu den Musikern außerhalb der Bühne, ohne sich selbst bewegen zu müssen. Einige Musiker standen selbst auf der Bühne und glitten mit dem Publikum automatisch an ihren stationären Kollegen vorbei. Diese räumlich-akustische Dauerbewegung schöpften Joyce Beetuan Kohs String upon string mit seinem elastischen Klangdickicht aus kurz angestrichenen Tönen und WhatWhy Arts Trembling mit seinem vielteiligen Kollektivvibrato effektvoll aus.

Wie dicht Neue Musik an New Age heranrücken kann, führte das Zimbel-Stück Through companionship a sound opens into the earth’s darkness and flies von Ángeles Rojas vor. Sanft flirrende Lichtpunkte als Visuals an den Wänden, das einlullende Rotieren der Bühne, der gläserne Zimbel-Sternenklang – hier schrumpfte Musik vom intellektuell-ästhetischen Gegenüber zum emotionalen Dienstleister zusammen. Das Publikum fiel wie die Fliegen in die Rückenlage. Willkommen in Ihrer Komfortzone. Gerade im direkten Vergleich mit dieser Inszenierung wurde einem bewusst, wie sehr das Festival es insgesamt verstanden hat, die Freude daran zu wecken, von unkodierten Klängen intensiv herausgefordert zu werden.

Zur letzten Station ging es aus dem Bauch der Festspiele hinauf zur Bornemann Bar mit ihrer breiten Fensterfront, zur Afterhour mit amtlichem Minimal. Animationstänzer in Weiß, Kräutertee, Duftplättchen von Geruchsforscherin Sissel Tolaas und Atmungsübungen geben For Other Time eher das Flair einer Sober Party als der Panorama Bar, aber die Einladung zum gemeinsamen Tanz ums goldene Kalb E-Musik ist da. Nach zehn Tagen Eintauchen taucht man auf – und findet die Mauern seiner Stadt erschüttert genug, um neue soziale Praktiken zuzulassen?

PS: Am Meredith-Monk-Tag des Festivals, dem 21. März, war ich verhindert. Ich stotterte als Schreibsklave Online-Texte für eine Ferienanlage direkt an der mecklenburgischen Ostseeküste zusammen. Beim Feilschen zwischen „Steilküste”, „Abbruchkante”, „Endmoränenkante”, „Strandwand” oder „Neptuns Paravent” erklangen mir nach fünf Stunden auch ohne Meredith Monks Intervention die Sirenen in den Ohren, aber hallo!