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Die Platten der Woche mit Ben Kaczor, Julia Govor, Mattias El Mansouri, Miles J Paralysis und Skyline System

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Ben Kaczor – Peace In Mind (Stólar)

Endlich mal eine Platte, die nicht so tut, als hätte man nach der Afterhour noch eine Form von Gewissen. Ben Kaczor legt dafür einfach eine Spur aus Nebel. Über die tapst man sehr langsam, weil man nicht weiß, ob sich darunter die Realität oder nur noch Restwürde findet. Peace In Mind, sagen die einen. Carpe diem, die anderen. Und irgendwo finden wir sicher jemanden, der dazu Teelicht-Techno sagen könnte. Aber nein, nein, da schleicht er sich schon an, der Kaczor, wie so eine WhatsApp-Nachricht, die man längst archiviert hatte. Er, der Kaczor, hat sie nämlich: die Touchscreen-verschmierten Flächen. Sie legen sich übereinander wie Filter auf einem leicht zu ehrlichen Selfie. Man könnte auch einfach einen Zeit-Podcast hören, aber das kommt ohne diese peinliche Ich-fühl-mich-so-deep-Attitüde, die sonst nur Singer-Songwriter mit Hut tragen. Stólar rahmt das jedenfalls mit Berliner Egalheit, die sagt: Wir tanzen, aber wir wissen auch, dass morgen Mittwoch ist. Oder Donnerstag. Oder so. Christoph Benkeser

Julia Govor – Riders On The Roof (Jujuka)

Selten fiel es schwerer, eine EP in eine Schublade zu packen. Julia Govor legt mit Riders On The Roof ihre erste Veröffentlichung seit 2024 vor und verwirrt das Sensorium nachhaltig. Klar, jeder der fünf Tracks lässt sich im Techno verorten. Wann und wo sie aber maximale Wirkung erzielen, ist schwer zu beurteilen. Der Titeltrack mischt eine hypnotische Bassline, wie sie von Rrose stammen könnte, mit glockenklarem Gebimmel und raschen Chord-Progressionen, knietief im Sumpf, den Kopf in den Wolken. „Umbrella” knattert im Unterbau wie Testes „The Wipe” und exerziert darüber schamlos ein atziges Bigroom-Motiv durch, bis die Kniescheiben klackern und die Zunge schwitzt. „My Time, New Time” spielt mit prominenten Rimshots wie „Meet Her At The Loveparade” und legt darüber Synths, wie sie einst auf Courtesys Kulør-Compilation Hirnrinden versengten. „Wheel Of Fortune” zieht das ohnehin schon hohe Durschnittstempo der EP nochmals an, bleibt im Melodielauf aber bewusst vage. Wie auf den anderen Anspielstationen verschickt Julia Govor auch hier mit Genuss, macht den Four-to-the-Foor-Rhythmus zum Labyrinth und bricht etablierte Strukturen dessen auf, was Techno zu tun und zu lassen hat. Maximilian Fritz

Mattias El Mansouri – Disintegration (Nous’klaer Audio)

Ein Nostalgieeffekt schon beim ersten Hören: Die neue EP von Mattias El Mansouri weckt Erinnerungen, die man nie erlebt hat. „Struktur”, der Opener, entpuppt sich als klare Peaktime-Versprechung. Getragen von präzise gesetzten Elementen, treffen die Vocals direkt ins Trommelfell, bevor der Track seine volle Zugkraft entwickelt. Die Gradlinigkeit wirkt dabei fast kalkuliert, wie eine Formel, deren Ergebnis unausweichlich auf kollektive Euphorie hinausläuft.

Auf der dreiteiligen EP bleibt eine Konstante spürbar: Emotion. Statt auf Zurückhaltung setzt El Mansouri auf Verdichtung: Melodien, Pads und Vocals laden sich zunehmend auf und verleihen den Tracks eine spürbare Dringlichkeit. Während der Einstieg sommerliche Ekstase sucht, kippen die folgenden Stücke in ernstere Gefühlszustände. „Disintegration” überzeugt mit rauen Drums und konträren Pads sowie warmen Basslines, die stellenweise fast ambient wirken und dem Track eine unerwartete Weite verleihen. Damit reiht sich die Veröffentlichung stimmig in die clubfunktionale Serie von Nous’klaer Audio ein und dürfte mit ihrer direkten Emotionalität schon bald auf dem ein oder anderen Festival-Reel wiederzufinden sein. Ein Sound zwischen Peak-Time-Energie und introspektiver Tiefe, bei dem Tanzfläche und Gefühl selbstverständlich ineinandergreifen. Paul Sauerbruch

Miles J Paralysis – Don’t Forget The Ritual ([Emotional] Especial)

Hier mal eine Scheibe, der man den fingerbreiten Staub auf der Röhre noch anmerkt. Aber warum eigentlich drüberwischen? Gehört der Rahmen noch zum Wohnzimmer, oder ist er schon Teil des digitalen Sperrbereichs? Und überhaupt, woher kommen diese wandernden Pixelhorden, die sich über das solide Schwarz des Grundig-Findlings hermachen und die Augen kurzerhand auf Eco-Mode schalten? Während man also da sitzt und sinniert, wie sich der innere Tapekabelsalat noch abwickeln lässt, ob es neben Ninja-Schildkröten auch Samurai-Schwanzlurche gibt und ob Dave Gahans Stimme immer schon so eine monophone Schleifspur war, liefert der Bandcamp-Feed immerhin Antworten.

Miles J Paralysis macht das nämlich auch so, aber in style, also mit Tonband-Ästhetik und massig Reverb, dass man sich fragt: sitzt die Ohrmuschel noch richtig? Sprich, hier trifft hypnotischer, stringenter Stoner-Dub auf körperlose, dissoziative Vocals. Das klingt nicht nach elektronischer Hochglanzpolitur, sondern wie analoger Purismus in variablem Format. „It’s Only Shadows Talking” ist gemächliches Four-to-the-Floor-Gestampfe mit reduzierter Chord-Progression, während „Come On Fleet” seine Wave-Dub-Ästhetik mit Latin-Bass-Rhythmik versieht. Das abschließende „The Delicate Fairytale” ist eine zehnminütige reduzierte Downtempo-Meditation, deren schemenhaft-entrückte Vocals und die unterlegte Drumcomputer-Repetition langsam zurück an den Anfang des Kassettenbands begleiten. Jakob Senger

Skyline Systems – Escape Vector (Physical Education)

Hypnofuturistisch – so oder so ähnlich könnte die Wortneuschöpfung für die Debüt-EP von Skyline Systems lauten. Endlich wieder in alte Detroit-Gefilde eintauchen: Analoge Synthesizer und Drumcomputer, untermalt von vorwärts treibenden Basslines. Klänge, die auf eine Reise durch gedämpftes Licht und vorbei an roboterartigen Gestalten einladen. Trotz proklamierter Kälte fügt sich alles im Kontext wärmerer Deep-House-Pads zusammen. Kurz gesagt: Zwei unterschiedliche Gestalten treffen irgendwo zwischen Lake Michigan und Lake Erie auf einer Raststätten-Toilette aufeinander und erschaffen etwas, das zwar nicht neu ist, in Präzision und Klarheit aber wie ein perfektioniertes Wunderkind wirkt. Nur dass es diesmal aus Down Under kommt. Halb so wild, Grenzen sind ohnehin etwas für Menschen mit Absonderungsdrang und Genrefetischismus. Michael Sarvi

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