Das Mahagoni Festival findet jährlich in Sachsen-Anhalt statt. 3.000 Besucher:innen tanzen dort im vergangenen Jahr am letzten Juli-Wochenende zu Techno, House und Hip-Hop. Mit selbstgebauten Bühnen, Workshops und lokalen Kunstausstellungen will sich das Mahagoni von der Mainstreammasse abheben. „Intim”, heißt es auf der Homepage. Wie sich das vor Ort anfühlt, hat GROOVE-Autor Ferdinand Görig in seinem Festivalbericht nachvollzogen.
Vollgepackt stehe ich mit meinem Freund Elias an Gleis drei des Berliner Hauptbahnhofs und warte auf den Rest der Belegschaft, die mit uns aufs Festival fährt. Das Gleis ist rappelvoll, vereinzelt erkennt man Personen, die auch Zelt, Schlafsack und Isomatte auf ihren riesigen Rucksack gespannt haben, manche ziehen sogar einen Bollerwagen mit Festival-Zeug hinter sich her. Philip und Jakob kommen kurz vor knapp an, und gemeinsam steigen wir in den Flixtrain Richtung Basel. „Na, dann wollen wir mal!”, entgegne ich meinen Freunden.
Die Zugfahrt ist doch recht angenehm, wir können alle beieinandersitzen, in unserem Wagon sind ein paar Personen, die uns Sekt anbieten. Für mich ist es das erste Mal Mahagoni, für Philip und Elias das zweite. „Wenn meine Powerbank nicht hält, raste ich aus”, sagt Philip. Er ist doch immer recht viel am Handy.
In Halle angekommen, stoßen wir auf das erste Problem: Am ZOB stehen ungefähr 400 Leute, die auf den Bus warten, der halbstündlich zum Festivalgelände fährt. Eine Freundin aus Wien erzählt mir, dass viele schon in den letzten Bus nicht reingekommen sind und es jetzt beim nächsten mit aller Kraft und Gewalt probieren. Wir beschließen kurzerhand, ein Taxi zu rufen.

Gegen 16 Uhr kommen wir auf dem Gelände an. Der Einlass ist easy, keine Schlange, wir haben das Glück, ein paar DJs persönlich zu kennen, somit stehen die meisten von uns auf der Gästeliste. Am Silent Camp vorbei führt uns der Weg in Richtung Maja, sie ist schon seit 10 Uhr auf dem Campingplatz und hat eher halb-erfolgreich Plätze reserviert. Um uns herum ist es extrem voll, wir bilden eine Enklave des guten Musikgeschmacks. Neben uns halten es Leute für eine gute Idee, ein viermal sechs Meter großes Zelt aufzublasen. „Die haben sogar ein eigenes Zelt, in dem nur Alkohol gelagert wird”, sagt Maja. Wir bauen unsere Zelte auf und beschließen, uns erst mal einen Überblick zu verschaffen.
Schwüle Luft und Bauchtaschen
Man gelangt geradeaus an den Essensständen vorbei durch den Eingang auf das Festivalgelände. Nun kann man sich für eine von zwei Richtungen entscheiden. Auf der linken Seite geht es hinunter zum See, auf der rechten Seite zu den großen Bühnen.
Die Anlage bringt den Sound so klar und wuchtig, dass man meint, selbst Teil des Rhythmus zu werden. Vor der Stage herrscht ein kollektives Pulsieren.
Weil noch keine Musik läuft und die Luft schwül ist, gehen wir zum See. Entlang des Weges kommen wir an vier Pavillons vorbei. Der erste verkauft Sextoys – seltsam. Der zweite repariert Zelte und andere Campingausrüstung – nützlich. Der dritte verkauft Bauchtaschen – meinetwegen. Und beim letzten kann man Second-Hand-Kleidung kaufen – gut, ist für heute auf jeden Fall nichts für mich.

Der See ist recht milchig. Das soll wohl vom kalkhaltigen Boden kommen, laut ChatGPT typisch für die Region. Hinter dem See befindet sich eine Sauna, was eine echt nette Idee ist. Bei einer Außentemperatur von 27 Grad ist mir das jedoch zu warm. „Dann lass‘ uns doch einmal die Bars auschecken”, sagt Elias. Mir gefällt der Moscow Mule, der als Vodka-Gingerbeer verkauft wird. Sonst gibt es neben einer Stage namens „Weinbar” eine Weinbar, die einen ganz tollen spritzigen Lambrusco kredenzt, der auf Eis fabelhaft schmeckt.

So langsam setzt auch das Hungergefühl ein, und wir begeben uns wieder zu den Essensständen am Eingang des Festivalgeländes. Nach dem ganzen Lambrusco und Moscow Mule hab ich echt Bock auf was Deftiges. Burger gibt es. Lange Schlangen sprechen ja oft für das verkaufte Produkt. Spoiler: Dem ist in diesem Fall nicht so. Die Pattys gibt es nur in Vegetarisch, der Käse sieht nach Plastik aus und aus irgendeinem Grund sind Tortilla-Chips drauf. Alles Geschmacksache, aber meins ist es nicht, doch: Der Hunger treibt es rein, und die 30 Minuten warten kann ich auch verkraften, weil der erste Act, den ich sehen will, erst um 20 Uhr startet.
Liebe fürs Detail
Nach einer amtlichen Druckbetankung am Camp heißt es dann ab zur Tessarakt-Stage. Amadeo b2b DJ Feuerdrache beginnen. In einem untypischen Schritt entscheiden sich die beiden auf ein geschätztes Tempo von 145 BPM bei der Übergabe an die nächste DJ. Als Empath denke ich mir, dass daran anzuschließen für ttyfal jetzt schwierig sein muss. Nichtsdestotrotz meistert sie die Aufgabe ganz wunderbar. Sie legt ein Set hin, das in den Bauch fährt. Die tiefen Tribal-Drums rollen wie Wellen über den Floor, jede Percussion schlägt Funken. Die Anlage bringt den Sound so klar und wuchtig, dass man meint, selbst Teil des Rhythmus zu werden. Vor der Stage herrscht ein kollektives Pulsieren.

„Lasst uns doch mal bisschen das Gelände erkunden, wir können nicht die ganze Zeit bei der Tessarakt chillen.” Philip hat recht, also machen wir uns los. Überall stehen kleine selbstgebaute Sitzgelegenheiten aus Holz, es gibt sogar Türme, die man besteigen kann. Die haben hier wirklich ein Auge fürs Detail. Die Beleuchtung ist der Hammer, der Vibe erscheint wie eine Mischung aus einem Psilocybin-Trip und Mad Max. Gerade die Hauptbühne namens Korrosion ist eine atemberaubende Konstruktion.
Ein riesiger Haufen Erde wurde aufgeschüttet, auf diesem liegt jetzt eine alte Pick-up-Karosserie. Geladen hat sie Fässer mit der Aufschrift „TNT”. Rechts daneben noch ein zerbeulter Wagen. In der Mitte thront die DJ-Booth über der Crowd. Sie sieht aus wie ein wütender, verrosteter Truck, in dem, nun ja, DJs spielen. Ihn umgeben riesige Antennen, an denen Beleuchtungen angebracht sind, alles ist in der Farbe Rost gehalten. Vereinzelt findet man auch auf dem Floor rostende Karosserien. Immer mal wieder werden Flammen meterhoch in die Luft gespuckt. Ich sage, wie es ist: Das beeindruckt mich wirklich. Auf einem Festival, das 3000 Leute fasst, sieht man eine so eine Produktion und eine solche Liebe fürs Detail nicht oft.
Die Noctura-Stage befindet sich ganz am Ende des Weges, der an sämtlichen Bühnen vorbeiführt. In einem Kreis mit einzelnen Ausfahrten zum See oder den Bars sind diese so angeordnet, dass man sich bei wenig Licht im Kopf oder Himmel noch sehr gut zurechtfindet. Noctura könnte auch auf der Fusion stehen. Der oder die DJs stehen in einem beleuchteten Hexagon, das wie ein Portal in ein Psytrance-Paradies aussieht. Jetzt läuft aber schwurbelnder Drum’n’Bsass und Jungle von DJ Birch b2b Lilicious. Das ist mir gerade wirklich zu schnell und zu doll, mir fehlt noch der nötige Schlafentzug.

Bier trinken, Bananen schälen
Pünktlich bin ich auf der Tesserakt zurück zu BASHKKA. Auch sie legt wie ttyfal ein unfassbares Set hin. „Digga, was willste auch anderes erwarten, BASHKKA bleibt krass.” Was Elias sagt! Schöne Trommeln ziehen sich durch. BASHKKA spielt kein Set für den Hintergrund, sie fordert Präsenz, Bewegung und Haltung.
Weil es schon spät ist und der Vodka mit dem Gingerbeer immer wieder in meiner Faust spawnt, entscheide ich, mich für eine Stunde von innen anzusehen. Für das Closing von countershine will ich fit sein.
Auf dem Weg zur Stage jage ich mir noch schnell zwei Knoppers rein, ist ja schließlich schon sechs Uhr.
Irgendwie habe ich es geschafft, mich aus dem Schlafsack zu pellen. Auf dem Weg zur Stage jage ich mir noch schnell zwei Knoppers rein, ist ja schließlich schon sechs Uhr. countershine legt mit aktuellem Progressive House und fast leerer Stage los. Er schafft den Übergang zu luftigem House aus den frühen Zweitausendern, die Stage füllt sich langsam wieder, der Höhepunkt ist erreicht, als es discoider wird und die Stimmung überkocht.

Glücklich und beseelt begeben wir uns wieder ins Camp, ab mit mir in die Koje, versuchen wenigstens ein paar Stunden zu pennen. Gegen zwölf Uhr werden wir von unseren entzückenden österreichischen Nachbarn geweckt. „Hawi, I hob den eh austrunkn.” Sie spielen Bierball, toll. Ich quäle mich aus dem Zelt und sehe unser verwüstetes Camp. In der Mitte sitzt mein Freund Jakob und isst eine Banane. Jesus, Maria und Joseph, alles tut weh. Aber Spaß hatte ich. Das ist jetzt nunmal die altbekannte Rechnung, die man bezahlen muss.
Fleisch, Tunnel, dicht!
Wir gehen zum Foodcourt und entscheiden uns für Bratwürste. Sie sind regional und haben einen sehr hohen Gemüseanteil. Das wird mir zumindest vom äußerst netten Verkäufer in mansfeldischem Dialekt erklärt. Auch das Ketchup sei aufgrund seines hohen Tomatenmarkanteils besonders. The more you know. Spaß beiseite, schmecken tut sie super, und genau das brauche ich jetzt auch. Es ist noch Platz im Kessel, und ich gehe zu zwei älteren Damen, die Currywurst mit Pommes verkaufen und sich über die Musik der Baristas von nebenan aufregen. Ich lasse mir große Pommes-Rot-Weiß raus. Jetzt spannt der Ranzen ordentlich, würde meine Oma sagen. Aufgeladen schnappen wir uns alle Badehosen und Handtücher und gehen an den Sextoys, dem Campingreparateur, den Bauchtaschen und der Second-Hand-Kleidung den Hügel hinunter zum See.

Wir sind logischerweise nicht die Einzigen. Manche schwimmen in DDR-Tradition nackt, andere in bundesdeutscher mit Badehose, das Wasser ist angenehm. Gegen Nachmittag treffen wir uns am See, diesmal aber zum Tanzen. Nizar Sarakbi und Katia Curie legen auf der Düne auf, in klassischer Tech-House-Manier stellen wir unsere Sandalen vor uns und tanzen dahinter. Komplett eingenebelt bewegt man sich zu „Dirty-Business-Tech-House” – zumindest erklärt mir das Nizar nach seinem Set so. Nach diesem gelungenen Abschluss kommt Panorama-Bar-Größe nd_Baumecker hinters Pult.

Die Crowd ändert sich sichtlich: Die Fleischtunnel-Dichte erhöht sich, einige Herrschaften tragen Zylinder und ich muss mir kurz die Augen reiben, um sicherzugehen, nicht doch im Sisyphos gelandet zu sein. Dem ist Gott sei Dank nicht so, und wir gehen weiter ab. nd_baumecker spielt sehr lockeren und freudigen House. Das macht richtig Laune, doch der Lambrusco lockt schon wieder. Wir gehen kurz hoch zur Weinbar. Dort spielen gerade shmonéss b2b Vivienna. Auch hier ist der Sound supergut.

Dann gehe ich rüber zu kwam.e. Die Live-Stage wird das ganze Wochenende kein einziges Mal mehr so voll. Und der Izza hat komplett abgeliefert. Ich bin jedes Mal aufs Neue begeistert, dass sich Beatboxen tatsächlich cool anhören kann. Für mich ist es einer der, wenn nicht sogar der talentierteste deutsche Rapper derzeit. Heute wird früh ins Bett gegangen, denn morgen wird es schlümm.
Haben Sie mein Nashorn gesehen?
Siebeneinhalb Stunden durfte ich schlafen. Die Österreicher nebenan knacken noch, und jetzt bin ich mal laut. Zum Frühstück gibt es Bratwurst, keine Experimente. Der Kaffee, der verkauft wird, ist auch lecker. Ich bin bereit, den Tag anzugreifen. Übermotiviert öffne ich die erste Büchse Warsteiner: Es ist alles Gold, was glänzt.
Selbes Spiel wie gestern: Schwimmen, dann an die Düne. Gerade spielt DJ sweet6teen. Und das ist mal erwachsener Prog. Keiner auf dem Floor lächelt, jetzt wird es bierernst. Ich reihe mich in die Stimmung ein und tanze. Ausgestattet mit amtlichem Stankface wackle ich ab.
„Gekleidet wie ein Nashornschützer aus dem Serengeti-Park, mit Hut, Weste und Sonnenbrille, steht er neben der Erfurterin, und die beiden spielen tribalen, funkigen, perkussiven Sound.”
Soeben bekomme ich mit, dass in der Weinbar Anne Karmané spielt. Also nichts wie hin. Doch was ich dort erblicke, sprengt wirklich den Rahmen. countershine, der vorgestern noch die Tesserakt mit seinem feurigen Set abgeschlossen hat, steht neben ihr, und die beiden geben sich die Platten in die Hand. Gekleidet wie ein Nashornschützer aus dem Serengeti-Park, mit Hut, Weste und Sonnenbrille, steht er neben der Erfurterin, und die beiden spielen tribalen, funkigen, perkussiven Sound.

Das ist zusammen mit dem Lambrusco eine Kombination für Götter. Nach zwei Stunden habe ich immer noch nicht genug und bleibe auf der Stage. Lina 12345 kommt hinter den DJ-Tresen. Sie wartet den Applaus für beiden anderen ab. Daran anzuknüpfen, wird schwer, aber nicht unmöglich. Es beginnt breaky und bassig, genau mein Wetter.
Endlich, das Lieblingsset!
Unsere Bande löst sich noch einmal auf, und wir verabreden uns alle um 22 Uhr auf der Tesserakt, um zu Angel D’Lite zu tanzen. Ich höre noch die letzten 15 Minuten von DJ Exotic. Der Nürnberger spielt melodiestarken Progressive House mit punchy Kicks, treibendem Flow und cineastischem Tiefgang. Ein Sound zum Eintauchen.
Dann legt die pinkhaarige Londonerin los. Das Set ist dramaturgisch perfekt. Ein Auf und Ab, mal trancy und verspielt, dann wieder bitterernst. Eine runde Sache, so wird es gemacht, dem ist nichts hinzuzufügen. Sie hat verstanden, Gas zu geben, der Crowd Pausen zum Durschnaufen zu geben und die Kiste wieder in den sechsten Gang hochzudrücken. Wow. Ich glaube, das war mein Lieblingsset.

Jetzt spielt die nächste UK-Granate: Byron Yeates. Nur verstehe ich hier nicht so ganz, wo er hinwill. Man würde ein tranciges, housiges, progressives Set erwarten, UK-lastig, eben. Dem ist aber nicht so: Er serviert Techno. Absolut keinen schlechten Techno, aber halt etwas Hartes, Grooviges. Das passt gar nicht zu den vorherigen melodiösen Sets. Ich bin enttäuscht, jedoch ist Herr Yeates keineswegs hier, um meine Erwartungen zu erfüllen. Ich tanze trotzdem.
Stilecht stinken
Am Sonntagmorgen war mein Zustand schon mal besser, aber auch schlechter. Mir geht es mittel. Wir zicken uns beim Lagerabbruch an, packen alles ein, buchen einen Zug zurück nach Berlin und bringen vorbildlich den Müll weg. Vollgepackt schleppen wir uns zur Bushaltestelle. Die Idee hatten auch ein paar andere, und so warten wir verschwitzt, ungeduscht und mit Schädel auf den Bus. Natürlich ist der nach gefühlt zwei Sekunden voll, der nächste kommt in einer Stunde. Beschissen. Die Taxizentrale ist dicht, wir sind logischerweise nicht die Ersten, die auch auf diese Idee kommen.
„Dann der Schock: Unsere Freund:innen haben es nicht geschafft.”
Mir kommen fast die Tränen. Den Zug verpassen wir. Nach einer Stunde kommt der nächste Bus, mit letzter Kraft drücke ich mich an anderen armen Körpern vorbei. Ich hab es geschafft, bin samt Gepäck im Bus. Dann der Schock: Unsere Freund:innen haben es nicht geschafft. Die Türen sind schon zu, und der Bus fährt los, hektisch wird rumtelefoniert, sie erreichen immer noch kein Taxi. Wieso tut uns das Gott nur an?
Am Hallenser Hauptbahnhof angekommen, ist der schlechte An- und Abtransport wirklich die einzige Sache, die man am Festival auszusetzen hat. Unsere Freundinnen bekommen doch noch ein Taxi. Wir steigen in den ICE nach Berlin, Elias sagt zu mir: „Du stinkst!” Philip ist der Einzige, der sich noch einen Sitzplatz ergaunern konnte. Der Rest darf stilecht auf dem Boden Platz nehmen. Und da gehören wir nach einem Wochenende Mahagoni Festival auch hin.