Erika de Casier (Foto: Dominique Brewing)

Das Pop-Kultur fand dieses Jahr womöglich zum letzten Mal in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg statt. Panels, Installationen, Diskussionen und nicht zuletzt musikalische Darbietungen aus diversesten Genres standen traditionellerweise an der Tagesordnung. Exemplarisch für diese Diversität haben wir uns drei Konzerte herausgepickt, für die wir im vielzitierten nasskalten Wetter ausgeharrt haben. Mit dabei: Synth-Pop aus Österreich, die Bühnen-Manifestation der Detroit-Berlin-Achse und das nächste große R’n’B-Ding.


Conny Frischauf

Conny Frischauf Pop Kultur by Dominique Brewing
Conny Frischauf auf dem Pop-Kultur 2021 (Foto: Dominique Brewing)

Es ist ein grauer und kühler Nachmittag am Festival-Samstag. Conny Frischauf kalibriert sich auf der Bühne des Pavillons nahe des Eingangs. Ein paar Fans versammeln sich in der ersten Reihe. Sie schaut kaum auf und spricht nur wenige wienerische Wörter, aber ihre Präsenz ist warm und freundlich. Wie zum Beispiel ein nüchternes „Hallo” nach ihrem ersten Lied. Lyrisch hält sie es ebenfalls einfach, aber entfaltet damit die interessante Bedeutung einzelner Wörter. Mit ihrer angenehmen Stimme zieht sie durch Hall und Wortwiederholungen wie eine mythologische Sirene in den Bann von post-neudeutscher Welle und anderen Genre-Gewässern.

Wer eine bodenfeste Songstruktur erwartet, dem*der lernt Frischauf das Schwimmen im Unbekannten. Dabei spricht sie Worte aus, die vermutlich jede*r denkt, aber sich nicht auszudenken traut. Es wäre leise genug, um sich zu unterhalten, aber das Publikum wippt stattdessen aufmerksam und gespannt im Takt. Ein betrunkener Engländer fühlt sichtbar die Akkorde mit fliegenden Armen und verkündet, dass es sein erstes Konzert seit langem sei.

In einem assoziativen Prozess lässt sie ihre Instrumente in Ruhe ausklingen und improvisiert mit bekannten Fragmenten ihrer Alben. Was auch immer währenddessen für bunte Elemente aus ihren Synthesizern und MIDI-Modulen kommen. Instrumentelle Fehler münzt sie in perfomatives Potenzial um und tritt so mit ihren Geräten in einen harmonisch-melodischen Diskurs. Mit ulkigem Sounddesign versteht sie es, ungewohnte Hörräume zu öffnen und kreisende Gedanken auf Reisen zu schicken. Zum Schluss durfte man sich über eine fast ausschließlich vokale Wiedergabe von „Kompass” freuen. Meinen persönlichen Favoriten ihrer zweiten EP, bei dem sie das zwischenmenschliche Verlorensein mit einer hoffnungsvollen Wanderung gleichsetzt. Giovanna Latzke

Detroit Residency (Kesswa & Tereza)

Detroit Residency Tereza Kesswa Pop Kultur by Kaethe deKoe
Die Detroit Residency (Kesswa und Tereza) auf dem Pop-Kultur 2021 (Foto: Käthe deKoe)

Undankbare Slots gibt es zur Genüge: Vor dem Headliner, während des Headliners, während eines Gewitters. Besondere Anstrengungen erfordert es aber, das erste Set des Tages zu bestreiten – das Publikum ist für gewöhnlich träge, auf dem verwinkelten Gelände der Kulturbrauerei verlaufen sich die wenigen Anwesenden ohnehin wie Ameisen. Die Ehre respektive Bürde, den Festival-Freitag zu beginnen, wurde Kesswa und Tereza zuteil, die im Rahmen der Detroit Residency ein hybrides Programm über etwa 45 Minuten ausgeheckt hatten.

Tereza agierte dabei hinter den Decks, während ihre Detroiter Partnerin Kesswa eine vermittelnde Rolle zwischen Moderation und Interpretation einnahm. Heißt: Nicht nur erklärte sie das Vorhaben der beiden, nämlich eine musikalische Reise von Berlin nach Detroit, wieder nach Berlin und wieder nach Detroit zu inszenieren, und kündigte die Tracks an, die diese pflasterten, sondern sang auch gelegentlich, vor allem eigene Songs wie „Open”, „Contemplate” oder „To Find”.

Das funktionierte nach dem passend ausgewählten Start mit „Trans Europa Express” gut und ließ die Menge vor der Pavillon-Bühne schon kurz nach 17 Uhr merklich anwachsen. Zwar kündigte Kesswa einen Waajeed-Track als K-Hand-Nummer an, deren „Without You” wenig später erklang, dieser Schnitzer fiel aber nicht ins Gewicht.

Das lag zum einen an der Bühnenpräsenz der beiden Künstlerinnen, die ihrer Herkulesaufgabe engagiert und selbstsicher begegneten, zum anderen natürlich auch daran, dass die ganzen Klassiker aus Berlin und Detroit auch am Spätnachmittag ihre Wirkung entfalteten: Maurizios „Domina” im Carl-Craig-Remix, DJ Assaults „Bangin’ The Beat”, Detroit In Effects „Nothing’s Like Detroit” und – besonders hervorzuheben – George Kranz’ Kurzauftritt mit seinem perkussiven 1983er Hit „Din daa daa” zwischen Playback und vokalistischer Höchstleistung. Maximilian Fritz

Erika de Casier

Erika de Casier Pop Kultur by Press
Erika de Casier auf dem Pop-Kultur 2021 (Foto: Presse)

Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Bühnenabdeckung. Das ziemlich kleine Publikum der jungen Nachwuchs-R’n’B-Größe Erika de Casier trotzt ignorant dem Wasser von oben. Kurz zuvor hatte die junge Dänin eigenen Angaben zufolge noch auf YouTube nachgeschaut, wie man sich als Artist zwischen den Pausen der Songs zum Publikum verhält. Zum Beispiel übers Wetter sprechen. „Nass”, meint sie, und beginnt mit dem nächsten Song. Alles Banger übrigens.

Der Sound kommt vom Schlagzeuger, der auf seinem E-Set vertrackte 2-Step-Rhythmen fabriziert, dazu eine ebenso famose Akustikgitarristin. Darüber ihre leichte und verspielte Stimme, die vor allem durch ihre Ausstrahlung, ihre Spielfreude an Energie gewinnt. Simple, nachvollziehbare Texte, eine unverstellte Persönlichkeit, feinster Pop. Eine junge Frau, die selbstbewusst einfach ihr Ding macht und darüber singt. Passte der Einstieg nicht, wurde der Song neu begonnen. Vergaß sie den Text, verzieh das Publikum mit Gelächter und Applaus. Man ist eben zu gut, um sich dadurch die Laune negativ beeinflussen zu lassen. Man freute sich über jeden Song, wusste mitzusingen und hatte für eine Dreiviertelstunde mal wieder ausgelassen Spaß an schöner Musik. Für so ein Intermezzo ist Erika de Casier perfekt. Lutz Vössing

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