SPFDJ (Foto: George_Nebieridze)

Die schwedische Künstlerin SPFDJ ist vor allem für ihren harten, groovigen Sound sowie Veröffentlichungen von namhaften Künstler*innen auf ihrem eigenen Label namens Intrepid Skin bekannt. Als Resident der Berliner Veranstaltungsreihe Herrensauna wurde Lina Jonsson 2018 mit ihrem Debüt im Boiler Room international bekannt. Im Interview verriet die DJ unserer Autorin Franziska Nistler, wie sie zu ihrem ersten Auftritt auf dem Glastonbury Festival kam und warum ihr Astrophysik-Studium der Künstlerin ungewollt zu ihrem Karrierestart verhalf. Wie aus einer zufälligen Begegnung mit VTSS ein eingeschweißtes Team wurde und was das alles mit Analsex zu tun hat.


Mit dicken schwarzen Kopfhörern biegt SPFDJ lächelnd auf ihrem Fahrrad in die Köpenicker Straße in Kreuzberg ein. In der GROOVE-Redaktion angekommen, funkelt bei näherem Betrachten die Halskette der Künstlerin mit der Aufschrift No Anal No Fun im Sonnenlicht. Auf ihrem Instagram-Account macht Lina Jonsson immer wieder Anspielungen auf die sexuelle Vorliebe, und auch der labeleigene Merchandise-Shop verkauft T-Shirts mit dem Aufdruck Techno, Acid, Hardcore, Trance, Anal Sex.

„Ich war schon immer ziemlich offen, was das Thema Sex betrifft, in den sozialen Medien. Da ich vor ein paar Jahren eine Art sexuelle Befreiung erlebte, habe ich mein sexuell unterdrücktes Selbst geteilt.” Als die Künstlerin 2017 dann mit ein paar Stofffarben eines dieser T-Shirts für sich selbst gestaltete, bekam sie viele Komplimente dafür. „Irgendwann ging es dann darum, was für Merchandise ich für mein Label machen möchte, und da musste ich natürlich nicht lange überlegen.”

SPFDJ (Foto: Marta Michalak)

Ihren Musikstil beschreibt die DJ sowohl als rau und emotional als auch als groovig. Vor allem die emotionalen Aspekte sind in ihren Tracks sehr präsent. „Dabei spielt es keine Rolle, um welche Art von Emotion es sich handelt: Aggression, Wut, Sentimentalität, Glück – und manchmal ist meine Musik sogar frech und keck. Hauptsache es ist eine Art von Emotion vorhanden.”

Trotz ihrer Offenheit für Sounds und Stile sucht SPFDJ ihre Tracks nach einem sorgfältigen System aus. „Wenn ich Tracks auswähle, befolge ich meine Fünf-Sekunden-Regel, bei der ich den Track nur ein paar Sekunden anspiele. Wenn er diesen Test besteht, dann schaue ich ihn mir genauer an. Dieser erste Test hat mehr mit dem Groove, den Drums und dem Sound zu tun. Gerne wähle ich eine etwas härtere Kickdrum. Ich bevorzuge Tracks, in denen oft etwas passiert, anstelle der etwas loopigeren.”

„Ich habe nicht wirklich eine Verbindung zur schwedischen Technoszene. Die Leute fragen mich immer, wie die Szene in Schweden ist, aber ich habe keine Ahnung.”

Als Kind und Jugendliche kam Jonsson jedoch kaum mit elektronischer Musik in Berührung, „abgesehen vom Eurotrance, den mein Bruder mir vor spielte. Sehr kitschig, sehr harte und schwere Kicks, mit schrägen Bässen und sehr kratzigen Synthesizerlinien.” Die Künstlerin wuchs im Norden Schwedens in einem kleinen Dorf mit weniger als 1000 Einwohner*innen auf. „Es gab viel R’n’B, und ich hatte auch eine Indie-Phase. Vor allem hörte ich Destiny’s Child. Heutzutage höre ich zu Hause immer noch eher alternativen R’n’B oder Neo Soul.”

Mit 16 zog sie dann in die nächstgelegene Stadt Umeå. Bevor die Künstlerin jedoch ihre Liebe zum Techno entwickelte, zog sie für ihr Studium nach Großbritannien. „Ich habe nicht wirklich eine Verbindung zur schwedischen Technoszene. Die Leute fragen mich immer, wie die Szene in Schweden ist, aber ich habe keine Ahnung. Die einzigen Leute, die ich aus der schwedischen Szene kenne, sind Leute, die ich in Berlin oder auf Partys in Großbritannien getroffen habe.”

Jonsson studierte Physik mit dem Schwerpunkt Astrophysik in Leeds. Schon als kleines Kind interessierte sie sich sehr für den Weltraum. „Dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es keine nennenswerte Licht- oder Luftverschmutzung. Daher ist der Nachthimmel einer der klarsten in Europa. Im Winter habe ich mich oft bei minus 30 Grad mit mehreren Jacken in den Schnee gelegt und in den Himmel gestarrt. Man konnte den Nebel mit eigenen Augen sehen. Man brauchte keine Ausrüstung.” Sie stellte sich existenzielle Fragen, welche sie dann zur Physik führten.

SPFDJ (Foto: Johanna Ghebray)

Vor etwa zehn Jahren begann die Künstlerin dann auch mit dem Auflegen. „Die Musik hat mich völlig absorbiert. Ich habe sie von Anfang an zu meinem ganzen Leben gemacht. Ich hatte nicht vor, als DJ aufzutreten, ich habe mir einfach ein paar Plattenspieler gekauft, weil ich sehr neugierig war, wie das alles funktioniert. Ich habe also in meinem Schlafzimmer ein paar Platten aufgelegt, einfach zu Hause, für niemanden und ohne jeglichen Ehrgeiz. Ich war einfach neugierig und interessiert.”

2013 spielte Jonsson dann auf ihrer ersten Veranstaltung in Großbritannien. „Das hört sich jetzt witzig an, aber die erste Veranstaltung, auf der ich gespielt habe, war das Glastonbury in Großbritannien. Ich wurde jedoch nicht von den Veranstalter*innen gebucht, sondern hatte einige Freund*innen, die kleine Tipi-Zelte auf dem Marktplatz von Glastonbury betrieben. Also fragten sie mich, ob ich spielen wolle. Ich brachte ein paar Platten mit und spielte eine Stunde vor maximal 50 Leuten.”

Vor Aufregung konnte sie damals kaum ihre Hände bewegen. Sie erinnert sich daran, dass einer ihrer Tracks, während sie mixte, plötzlich komplett beatlos war. „Als er dann zurückkam, war er natürlich aus dem Takt.” Da sie sich selbst als Perfektionistin bezeichnet, sieht sie vor allem diesen ersten Auftritt bis heute als gute Lernerfahrung.  

„Ich dachte damals, dass das Auflegen nur eine lustige Nebensache wäre, die ich mit Freunden mache.”

„Ich hätte nie gedacht, dass mich so etwas wie das Auflegen reizen würde, bei dem man seine Arbeit allen anderen zeigt, während man sie macht. Man kann nicht zu Hause sitzen und daran feilen, bevor die Leute sie hören. Es war wirklich gesund für mich, mich in diese Situation, in der ich nicht die Kontrolle habe, zu begeben. Es war toll zu sehen, dass es mir egal war, wenn etwas schief gelaufen ist.”

Drei Jahre später spielte die DJ dann erneut vor Publikum, als sie in London mit fünf weiteren Frauen ein Kollektiv gründete, Universe of Tang. „Das waren einfach illegale Lagerhaus-Raves, die wir selbst veranstaltet haben und für die wir außer uns auch niemanden buchten. Wir haben uns selbst nicht allzu ernst genommen und hatten eine sehr gute Stimmung auf den Partys.” Nachdem Jonsson ihren Master in Astrophysik in Großbritannien abschloss, zog sie für eine Doktorandenstelle nach Potsdam. Sie promovierte dort, kündigte jedoch nach vier Monaten aus gesundheitlichen Gründen.

„Ich dachte damals, dass das Auflegen nur eine lustige Nebensache wäre, die ich mit Freunden mache. Aber nachdem ich das Universe-of-Tang-Kollektiv gründete, nach Berlin gezogen war, hier ein paar Mal aufgelegt hatte und das mit dem Doktortitel nicht geklappt hatte, habe ich angefangen, mich mehr auf die Musik zu konzentrieren, und gemerkt, dass es das ist, was ich eigentlich machen will.” Durch einen Freund, der Jonssons Mixe an das Berliner Kollektiv Herrensauna schickte, durfte sie dort ihr erstes Set spielen. „Mein Set hat ihnen gut gefallen, und so wurde ich ein paar Monate danach wieder eingeladen. Ein Jahr später, 2018, haben sie mich dann gefragt, ob ich Resident werden möchte.”

SPFDJ nach ihrem Besuch in der GROOVE-Redaktion (Foto: Franziska Nistler)

Sie verliebte sich in die Herrensauna und begann, wann immer sie konnte, hinzugehen. Ihre erste Veranstaltung dort beschreibt sie als sehr hedonistisch und rau. „Die Toilettensituation war ein einziges Chaos, aber das trug irgendwie zur Stimmung bei.” Im Hinblick auf die Künstler*innen habe die Veranstaltung sich jedoch auch verändert. „Ich glaube, dass sie versuchen, diverser zu buchen, sowohl musikalisch als auch politisch oder in Bezug auf die Identität.”

Für die Künstlerin ging es bei Herrensauna vor allem darum, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. Queere Menschen, die einen Ort brauchen, um ihrer alltäglichen Unterdrückung zu entkommen. Da sie selbst bisexuell ist, kam es ihr von Anfang an natürlich vor, dort zu spielen. Auch die Atmosphäre auf queeren Veranstaltungen beschreibt sie als ausgelassener. „Die Leute dort sind lustiger und einladender und umarmen dich, du bist nicht die seltsame Außenseiterin in einer Gruppe von aggressiven Techno-Bros. Queer-Partys sind ein Ort, an dem die Menschen keine Angst haben, ihr authentisches Selbst zu zeigen.”

Durch ihre Residency spielte sie immer wieder auf den Veranstaltungen und kehrte so auch immer wieder zu einer ähnlichen Zuhörer*innenschaft zurück. Das brachte die Künstlerin dazu, ihren Musikstil weiterzuentwickeln. „Es ist fast immer das gleiche Publikum, das dich als DJ herausfordert. Du kannst nicht das gleiche Set spielen, also musst du dich ein wenig erneuern. Der Vibe hat mich dazu gebracht, meinen härteren Techno-Stil weiterzuverfolgen, weil das Publikum den wirklich gut fand.”

Sie selbst beschreibt ihr Boiler-Room-Debüt als eines der wichtigsten Dinge, die ihr zu Beginn ihrer Karriere passiert sind. Herrensauna wollte 2018 einen Boiler Room aus dem Berliner Club Tresor. Diese 60 Minuten stellten sich im Nachhinein als SPFDJs Durchbruch heraus, die ihr zu größeren Bookings verhalfen.

Auf Veranstaltungen reagierte das Publikum immer sehr positiv auf die Musik der Künstlerin. „Das lag zum Teil daran, dass es damals nicht so viele weibliche DJs gab. Diese spielten Techno, der etwas abseits von dem lag, den die männlichen DJs spielten. Vor dieser neuen Revolution war das die Art und Weise, wie Frauen gebucht wurden. Als ich dann kam, wurde den Leuten klar, dass sie mehr Frauen buchen mussten, jedoch ohne Kompromisse beim Technostil eingehen zu wollen. Ich kam sozusagen zu einer Zeit, als die Leute den härteren Techno wollten, aber auch froh waren, eine Frau spielen zu sehen.”

Bei ihrem ersten internationalen Auftritt lernte sie auf einer Brutaz-Party in Warschau dann VTSS kennen. Diese war damals dort Resident, und SPFDJ erzählt davon, wie die beiden sich auf einer Afterparty das erste Mal trafen. „Ich erinnere mich, dass sie sagte, dass sie froh sei, endlich eine Frau zu treffen, die dieselbe Art von Techno spielt, auf die sie selbst steht.”

„Ich war damals wütend auf Nina Kraviz, weil ich noch nicht verstanden hatte, dass ich meine ganze Weiblichkeit und Sexualität ablegte, um in der Technoszene ernst genommen zu werden.”

Ein paar Monate später spielte VTSS dann in der Herrensauna, dort feierten die beiden erneut gemeinsam. Aufgrund ihres selben Musikgeschmacks sowie des gleichen Humors wurden die beiden DJs schon ziemlich früh enge Freundinnen. „Wir passen gut zusammen, weil wir uns selbst nicht zu ernst nehmen. Und eine andere Frau zu haben, die dich in deiner Entwicklung begleitet, das war sehr wichtig.” 2018 gründete SPFDJ dann ihr eigenes Label namens Intrepid Skin, auf dem Ende Dezember die erste EP, Self Will von VTSS, erschien.

Seitdem Jonsson mit dem Auflegen anfing, war es ihr Traum, irgendwann ein eigenes Label zu gründen. „Damals habe ich selbst noch nicht produziert, aber sein eigenes Label zu betreiben ist eine Möglichkeit, trotzdem etwas zur Szene beizutragen. Man kann eine eigene kleine Welt schaffen, in der man die Musik, das Artwork und alles andere kuratieren kann. Ich wollte einfach etwas Eigenes, etwas, bei dem ich völlig unabhängig bin.” Sie plante jedoch, erst ein eigenes Label gründen, wenn sie als DJ eine Plattform hat. „So muss ich niemanden mehr davon überzeugen, dass es gut ist. Ich kann es einfach rausbringen.”

SPFDJ (Foto: Marta Michalak)

Um ein Intrepid-Skin-Act zu werden, sucht sie vor allem nach Künstler*innen, die einen eigenen, identifizierbaren Sound haben. „Ich bekomme so viele Demos zugeschickt mit hochwertigen Tracks, die ich gerne spiele, aber ich wäre nicht in der Lage zu sagen, dass das beispielsweise nach Marcus L. klingt.” Darüber hinaus möchte die gebürtige Schwedin DJs auf ihrem Label haben, die sie nicht nur musikalisch, sondern beispielsweise auch politisch unterstützt. „Mich inspirieren alle Künstler*innen, die auf meinem Label sind. Also VTSS, Nene H, Schacke sowie Marcus L. Generell lasse ich mich von vielen Frauen inspirieren. Viele der Frauen, die ich aufsteigen sehe, haben weniger Angst davor, die Regeln nicht zu befolgen. Ich denke, jeder oder jede, der oder die sich nicht an das Regelwerk hält, inspiriert mich.”

Hinter ihrer Offenheit und Unterstützung weiblicher Künstlerinnen steckt jedoch auch eine Art politische Agenda. „Ich erinnere mich noch genau an das Interview mit Nina Kraviz auf Resident Advisor, in dem sie in einer Badewanne gefilmt wurde und darüber sprach, wie einsam sie auf Tournee ist. Die Reaktionen darauf waren enorm. Ich war damals sogar wütend auf sie, weil ich noch nicht verstanden hatte, dass ich meine ganze Weiblichkeit und Sexualität ablegte, um in der Technoszene ernst genommen zu werden. Ich war wütend, weil sie es wagte, ihre Sexualität zu benutzen.”

Ein Freund fragte sie daraufhin, ob Nina Kraviz nicht so sein könne, wie sie ist, wenn das zu ihrer Persönlichkeit gehört. Das öffnete Jonsson die Augen, und ab diesem Punkt begann sie, sich ihre Weiblichkeit wieder zurückzuholen. „Was bei den Leuten wirklich ankommt, ist Authentizität. Wenn du du selbst sein kannst und es dir gelingt, deine Persönlichkeit rüberzubringen, dann ist es egal, ob du nerdige Selfies postest.”

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