Besuch bei Reimund Spitzer im Golden Gate an der Berliner Jannowitzbrücke: „Wir sind eine Zeitkapsel”

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Zwischen glatt polierten Konzernfassaden und brausenden Zügen behauptet sich das Golden Gate an der Jannowitzbrücke als einer der rauesten und intimsten Freiräume Berlins. GROOVE-Autorin Mascha Schaper hat Betreiber Reimund Spitzer im Rahmen des Tags der Clubkultur besucht. Ein Gespräch über den Charme von Sedimenten an den Wänden, bürokratische Überlebenskunst und das Gefühl, im Leib der Mutter zu tanzen.

Der Weg zum Golden Gate führt durch ein Berlin der Kontraste. Entlang der S-Bahnbögen zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke herrscht an diesem Samstagnachmittag eine ruhige, fast trübselige Stimmung. Der Himmel über der Stadt ist grau. Unter den Bögen reihen sich Asia-Märkte, verschiedene Fitnessstudios und ein Tattoo-Studio aneinander, während hoch oben die Berliner S-Bahnen auffällig laut über die Schienen rollen. Zur Linken ragen die gläsernen modernen Bürokomplexe von Konzernen wie der Onlinebank N26 empor, die Straße wirkt wie eine scharfe Trennlinie zwischen zwei völlig unterschiedlichen Welten. Dort Investorenarchitektur, hier riecht es nach Dreck, kalter Luft und Eisenbahn. Klassischer Berlin-Geruch.

In meinem Ohr vermischen sich Autosirenen und der Lärm der stetig vorbeifahrenden Züge mit Gelächter, das ich nicht eindeutig zuordnen kann. Tauben, die in den Stadtbahnbögen nisten, flattern über mir und ich entdecke einen unscheinbaren Zugang in der Betonwand unter der Brücke. Aus der Öffnung selbst, die lediglich von einer schwarzen Plane überdacht wird, drängen dumpfe Bässe nach draußen. Das Golden Gate ist in vollem Betrieb, was keine Überraschung für einen Samstagnachmittag ist. Der Club ist bekannt für exzessive Weekender und lange Afterhours.

Streetart, die an das klassische ungarische Vorbild erinnert (Foto: Mascha Schaper)

Am Eingang wartet bereits Reimund Spitzer. Beiger Parka, weißes Shirt, schmale Jeans, im Rucksack eine leise Musikbox. Sein Gesicht ist von der Zeit gezeichnet, strahlt aber eine gelassene Herzlichkeit aus.

Zwischen Paletten und Paragraphen

Direkt neben uns erstreckt sich der Außenbereich, auf dem einige Gäste an der frischen Luft sitzen und quatschen. Auf den ersten Blick wirkt die Konstruktion aus Paletten und Holzplatten wie ein improvisierter DIY-Freiraum. Unter der Woche steht der Bereich den Passant:innen frei und es sitzen regelmäßig Leute dort. „Der Außenbereich gehört eigentlich gar nicht so richtig zum Club, weil er auf öffentlichen Parkplätzen liegt“, erzählt Reimund.

Die Kunstwerke sind über die Jahre zu Teilen der lebenden Gemäuer geworden: manche nur auf Zeit, manche für länger.

„Während der Pandemie war das noch ganz anders, weil man ja Sachen draußen anbieten musste, drinnen durfte man ja nicht veranstalten. Daher wurde da ein Auge zugedrückt“, bekomme ich erklärt. Doch mit dem Ende der Auflagen änderte sich die Haltung der Behörden schlagartig: „Sobald das vorbei war, ging es in die andere Richtung, aus Angst, dass sich jetzt die Schleusen öffnen und jeder macht, was er will und schon immer haben wollte.“

Um den Gästen am Wochenende Privatsphäre zu bieten und gleichzeitig allen behördlichen Vorschriften zu genügen, brauchte es jahrelange Tüftelarbeit und zähe Verhandlungen mit dem Bezirksamt.

Die Fassade des Golden Gate mit bunten Graffitis und Streetart (Foto: Mascha Schaper)

Wir laufen um das Gebäude herum, um uns die Fassade und die Außenwände genauer anzuschauen. Bei einem Club, der so zentral und gleichzeitig so versteckt unter den Trassen liegt, sind sie weit mehr als bloßer Beton: überall finden sich Schichten von Tags, Graffitis und Streetart. „Nicht von uns“, betont Reimund, sondern ein Zeichen der Zeit. „Manchmal werden Pieces niedriger angebracht, aber die werden sehr schnell geklaut“, erzählt er schmunzelnd. „Es gibt scheinbar Sammler, die das mitnehmen. Wir hatten hier schon alles Mögliche dran.“

Die Kunstwerke sind über die Jahre zu Teilen der lebenden Gemäuer geworden: manche nur auf Zeit, manche für länger. Reimund zeigt mir einige seiner Favoriten. Ganz oben an der Wand deutet er auf „ein ganz witziges Ding“: zwei plastische Figuren, die wohl das klassische ungarische Street-Art-Rolemodel darstellen sollen. Ein paar Schritte weiter schauen wir uns ein weiteres schönes Bild sowie ein kleines 3D-Kunstwerk an, das sich schon erstaunlich lang an der Wand behauptet. 

Sedimentschichten der Berliner Clubgeschichte

Wir betreten den Club und tauchen sofort in die warme, schwitzige Luft ein. Es ist schmal, eng, dunkel und stickig. Im Flur passieren wir die Garderobe und blicken auf die Bar und einen kleinen, aber charmanten Eingangsbereich. Die Einrichtung erinnert im ersten Moment an ein gemütliches, leicht abgenutztes Wohnzimmer im Stil der 20er-Jahre. Links führt eine Treppe hoch zu einem kleinen Rückzugsbereich samt Klavier, rechts geht es auf den Floor. „Kompakt“, bringt es Reimund auf den Punkt. Trotz der Enge wirkt das Innere erstaunlich lebendig. Über die Jahre haben sich unzählige kleine Elemente abgelagert. „Die Wände des Clubs sind wie Sedimentschichten.“ Manchmal schaue er an eine Ecke und fragt sich selbst: Waren wir das?!

Auf die Frage, wie das Golden Gate es schafft, seinen rauen Charme zu bewahren, verweist Reimund auf die Deutsche Bahn als Vermieterin.

Wir gehen über die dunkle Tanzfläche, von der rhythmische Beats mit Vocals dröhnen: „In the side of space, you will get lost, turn your screen off so we can unite, turn your screen off so we can be together“, singt eine Männerstimme. Ein wohl passendes Sinnbild für den Ort, an dem wir uns befinden. Jubelrufe klingen durch den Raum und wir steigen die Treppe am Rand hinauf, mit jeder Stufe wird die Luft heißer und feuchter. Oben angekommen geht es vorbei an den Toiletten, rein in den Backstage. Im hinteren Bereich setzen wir uns in eine ruhige Ecke. Sogar hier oben spürt man das Vibrieren der Bässe. Der Sound muss unten so eingestellt werden, dass die Anwohner:innen in den gegenüberliegenden Hochhäusern sich nicht gestört fühlen.

Der Blick aus dem Fenster fällt auf die letzte große Brache der Umgebung. „Da warten wir jetzt zur Zeit drauf, dass die da anfangen zu bauen“, erzählt Reimund. Nach langem Ringen gab es kürzlich eine Einigung zwischen dem Bezirk Mitte, dem Baustadtrat und dem Investor. „Da kommt ein Hochhaus hin – 105 Meter, also anderthalbmal die Höhe der Hochhäuser da drüben.“ Ein gewaltiger Einschnitt ins Stadtbild direkt vor der Haustür.

Retro-Graffiti und ein Poster-Street-Art (Foto: Mascha Schaper)

Auf die Frage, wie das Golden Gate es schafft, seinen rauen Charme zu bewahren, verweist Reimund auf die Deutsche Bahn als Vermieterin: „Da haben wir natürlich den Vorteil, dass die Bahn kein normaler Vermieter ist. Die kommen nicht auf die Idee, hier maximal viel Profit rauszuziehen, die wollen vor allem, dass ihre Züge fahren. Das ist ja schon schwierig genug“, sagt er lachend. Dank regelmäßiger Sicherheitsprüfungen und eines moderaten Mietvertrags bleibt der Ort bestehen. „Man kann ja auch nicht bauen, man kann das Gebäude nicht abreißen, es muss stehen bleiben. Und es kann nicht wirklich saniert werden – es ist eine Zeitkapsel.“

Ein Rückzugsort im Leib der Mutter

Dass Orte wie das Golden Gate vom Senat über den Tag der Clubkultur unterstützt werden, hält Reimund für eine wichtige Initiative, die einst unter Kultursenator Klaus Lederer ins Leben gerufen wurde. Vor allem der Zusammenhalt in der Szene habe sich verändert: „Bis zur Pandemie war es in Berlin eigentlich immer so ‘Ja ja, die da hinten… Das ist ja gar kein richtiger Club! Nur wir sind die Geilsten’ – kaum Zusammenhalt, keine Solidarität. Seit der Pandemie ist das viel besser geworden und der Tag der Clubkultur ist ja so eine Plattform, die das auch greifbar macht.“

Gleichzeitig blickt er mit Sorge auf die Kürzungspläne der scheidenden schwarz-roten Landesregierung im Kunst- und Kulturbereich. „Wenn die das jetzt weiter gemacht hätten für einige Jahre, dann wäre Berlin einfach nur noch so ein großes Hannover, wo man sich fragt: Warum soll ich denn dahin?“

Crew-Tags gibt es auch in Genüge an der Fassade des Golden Gate (Foto: Mascha Schaper)

Für ihn sind Musik, Kunst und Theater das eigentliche Aushängeschild der Stadt: „Mit dieser Kulturszene, von der die Clubs ein ganz wichtiger Bestandteil sind, hat die Stadt eine weltweite Ausstrahlung. Ich habe Leute in Kanada getroffen, in Asien, die sind dann nach Berlin gezogen, weil die DJs sind oder weil sie was mit Musik machen.“ Dass viele Politiker das nicht verstehen, ärgert ihn: „Das ist eigentlich der Markenkern, den man am Leben halten sollte. Und natürlich die ganze Kunstszene und die Künstler. Die gehen ja auch feiern, treffen da ihresgleichen und dann gibt es Synergieeffekte. Es ist ja nicht nur so, wie das viele Politiker im Kopf haben: ‘Da schießen sich die Leute ab’ – als wäre das hier irgendwie so ein Volksfest im Dauerzustand.“

Erst ein paar Stunden später ploppt eine WhatsApp-Sprachnachricht von Reimund auf meinem Handy auf.

Wie intensiv das Golden Gate auf viele Menschen wirkt, beschreibt Reimund mit einer Anekdote einer englischen Freundin, die sonst nie in Clubs geht: „Sie meinte, es hat so dieses regressive, man ist wieder im Leib der Mutter, man hört den Herzschlag, das ist der Beat, da ist dann dieses gedämpfte Licht und es ist schön warm, da will man sich eigentlich so einkuscheln und nicht mehr raus“, lacht er.

Nach unserem Gespräch gehe ich zurück durch den Club, überquere die Tanzfläche und schaue mich nochmal um. Die Beschreibung der Freundin trifft es wirklich auf den Punkt. Es sind genau diese Freiräume wie das Golden Gate, die vielen Menschen abseits des Stadtalltags Schutzräume bieten und Platz für Gedanken, Begegnungen und ein Stück Unangepasstheit schaffen. 

Wandteppich mit Webfehler, der einen Jaguar im Dschungel abbildet. (Foto: Reimund Spitzer)

Als ich das dunkle Bogengewölbe dann schließlich verlasse, schlägt mir draußen wieder der vertraute Lärm der S-Bahn und das geschäftige Rauschen der Stadt entgegen. Hinter der schlichten schwarzen Plane unter der Brücke läuft die Zeit einfach weiter in ihrem ganz eigenen Takt. 

Mit der Antwort auf meine letzte Frage, ob es eine ganz bestimmte Lieblingsstelle oder ein besonderes Detail mit Erinnerung im Club gibt, lässt mich Reimund allerdings noch etwas warten. Erst ein paar Stunden später ploppt eine WhatsApp-Sprachnachricht von ihm auf meinem Handy auf. Ihm sei da nachträglich noch etwas eingefallen: „Der Wandteppich hinter dem DJ ist was besonderes, dazu gibt’s auch ’ne witzige Geschichte. Wir wissen gar nicht, wo der herkommt. Durch so eine Art Webfehler denkt man manchmal, dass der dort abgebildete Jaguar im Dschungel drei Augen hat. Wenn man davor steht, hat man so einen irritierenden Moment. Das ist ganz witzig.“ 

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