Das PHRE Festival in München: Globale Musik als Teil einer gemeinsamen Gegenwart erlebbar machen

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Das Münchner PHRE Festival dauert noch bis zum 22. August. Zwischen Afrobeat, Anatolien, Dub, Noise und Diaspora entsteht hier ein Programm, das weniger Weltmusik sein will als ein Labor für die Klänge einer postkolonialen Gegenwart.

Sun Ra sprach nicht von Jazz. Er sprach von „PHRE” – einem Begriff, der sich den Kategorien entzog und Musik als offenen Möglichkeitsraum verstand. Genau dort setzt das gleichnamige Festival seit vier Jahren an, das noch bis zum 22. August im Import Export in München andauert. Nicht als Showcase globaler Folklore, sondern als kuratorisch präzise gesetztes Festival für Künstler:innen, die musikalische Herkunft weder konservieren noch repräsentieren, sondern transformieren. Während Global Music oft noch als Genre gehandelt wird, versteht PHRE kulturelle Identität als Rohmaterial. Traditionen werden neu zusammengesetzt und in gegenwärtige Kontexte überführt. Anatolische Psychedelia trifft auf Dub, kolumbianische Gaita auf Noise, irakische Gesänge auf Industrial, Sufi-Poesie auf experimentellen Pop.

Wer Captain Yossarian & the Giesing 90 oder die legendären Gaitas y Tambores de San Jacinto und Pixvae verpasst hat: Kein Problem, es wird noch spannender. Am 13. August stehen mit Mary Ocher und Ivo Dimchev zwei der eigenwilligsten Stimmen des europäischen Avant-Pop im Mittelpunkt. Während Ocher Folk, Psychedelia und politische Songtradition zu kompromissloser Popmusik verdichtet, bewegt sich Dimchev virtuos zwischen Chanson, Performance und Theater. Anschließend öffnen am 14. August Walid Ben Selim sowie Adil Smaali & Le Grand Bal Raï den Blick auf spirituelle Poesie und nordafrikanische Klangwelten, bevor Lucy Sky und djayDarismus den Abend in den Club überführen. Ein besonderer Schwerpunkt des Festivals ist die PHRE-Residency, die am 15. August ihre Premiere feiert. Sandy Chamoun, Anthony Sahyoun, Simon Popp und Dumama entwickeln während einer mehrtägigen Residenz ein gemeinsames Werk, das an diesem Abend erstmals öffentlich zu erleben ist. Ergänzt wird das Programm von Carl Gari sowie den DJ-Sets von Kiawash und Mazza Mazza. Musik erscheint hier nicht als fertiges Produkt, sondern als offener Prozess kollektiver Arbeit.

Kuratorische Haltung statt Weltmusik

Die letzten Festivalabende führen den Gedanken konsequent weiter. Am 20. August verbindet Roda de Santo afrobrasilianische Terreiro-Musik mit zeitgenössischer Performance, begleitet von Bigu am DJ-Pult. Zum Finale am 21. August treffen Cocanha und Derya Yıldırım & Grup Şimşek aufeinander. Während Cocanha okzitanische Gesänge aus musealen Zusammenhängen befreien und in hypnotische Gegenwart übersetzen, gehören Derya Yıldırım & Grup Şimşek seit Jahren zu den wichtigsten Stimmen einer neuen anatolischen Psychedelia. Katscha begleitet den Abend mit einem DJ-Set. Den Abschluss bildet am 22. August eine lange Clubnacht mit Habibi Funk, Morena Leraba und Seducation. Zwischen SWANA-Grooves, Famo aus Lesotho und globalen Vinyl-Raritäten schließt sich der Kreis des Festivals.

An den Festivalabenden versammelt PHRE 2026 mehr als 30 Acts sowie zahlreiche DJs aus Europa, Afrika, Südamerika und dem Nahen Osten. Entscheidend ist dabei weniger die geografische Vielfalt als die Konsequenz der kuratorischen Auswahl. Kaum ein anderes Festival im deutschsprachigen Raum denkt globale Musik so als Teil einer gemeinsamen Gegenwart.

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