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Die Platten der Woche mit Convextion, Genius of Time, Less-O, Stojche und Talismann

Convextion – R-CNVX2 (A.R.T.LESS) [Reissue]

Viermal Convextion, viermal radikaler Tiefgang, viermal erhabene Zeitlosigkeit. Bereits 2018 veröffentlichte Don Williams auf seinem Label a-r-t-less zwei Convextion-Tracks wieder, nun folgen vier weitere von Gerard Hansons Dub-Techno-Weiterentwicklungen und zugleich -Standardwerken aus den Neunzigern.

Das nach der Weltallregion benannte „Kuiper” bietet einen guten Anlass, um kurz auf Hansons Biografie einzugehen. 1972 im texanischen Dallas geboren, zeigte er sich in seiner Musik beeinflusst vom Wirken der NASA in Houston. Der Track öffnet das Planetenpanorama stilsicher, nähert sich der Neptun-Region mit der gebotenen Würde an, bewahrt sich dabei in seinen spitzen Synths aber eine kindliche Neugierde. „Miranda” wiederum gibt relativ konkret Dub-Techno-Einflüsse wie Basic Channel wieder: Zwei gegeneinander arbeitende Chord-Paare und das unverzichtbare, latent aggressive Knistern legen das Fundament für eine vielschichtige, idiosynkratische Interpretation des Genres, die auf der Couch wie auf dem Floor ohne Reibungsverluste funktioniert. „Ebullience” entfesselt dank Rhythmus am Anschlag und wirren Synths eine brutale Dringlichkeit, „Niche” erinnert in seiner grazilen Verspieltheit an The Other People Place, nur eben nicht im Laptop Café, sondern in Outer Space. Viermal Convextion, viermal absolute Spitzenklasse. Maximilian Fritz

Genius of Time – The Genius of Time Vocal Series Vol.1 (Aniara)

Auf der The Genius of Time Vocal Series stellt das schwedische Duo Genius of Time die Bedeutung von Beats in den Hintergrund und zeigt, was starke Vocals mit einem Track machen können. Die kraftvolle Powerhouse-Stimme von Bassie Kay im Vordergrund verleiht „Rave Breaks” eine so starke Präsenz, dass nur relativ nüchterne Breakbeats nötig sind, um das Gesamtbild abzurunden. Es sind keine schnellen, treibenden Beats, die hier den Track tragen, sondern reduzierte Rhythmen, die ebenso wie die hymnischen Vocals stark an Bicep erinnern. Kim Stuckmann

Less-O – Cri du Cœur (TEMƎT Music)

Schon das Debüt von Less-O lobten wir über den grünen Klee, sein erstes Mini-Album ist nicht weniger außergewöhnlich. Die Breakbeats des kleinen Bruders von Simo Cell klingen wesentlich origineller als die meisten Releases auf Labels wie Sneaker Social Club, DEXT, Keysound oder Hessle Audio.

Zum einen beschränkt sich Less-O nicht auf einen einzigen Loop als Motor der Tunes. Die Tracks bleiben Takt für Takt unberechenbar. Zum anderen bewegt sich Maxime Aussel nicht wie viele Platten auf den erwähnten Labels in einer einzigen Breakbeat-Nische, sondern deckt ein viel größeres stilistisches Spektrum ab, das vom klassischen Repertoire des Hardcore Continuums über Einflüsse aus der indischen, arabischen und südamerikanischen Musik bis zur Radikal-Abstraktion von Autechre reicht. Alexis Waltz

Stojche – Metaphor (Fuse Imprint)

Mit seiner neuen Platte Metaphor debütiert Stojche auf dem wiederbelebten Label des belgischen Techno-Clubs FUSE. Dem Techno-Erbe treu bleibend, verarbeitet der Mazedonier hier Einflüsse aus dem Hardgroove-Revival mit dubbigen Elementen. Die Rollen scheinen klar verteilt. Während moderne und knackige Drums zusammen mit Rhythmus bestimmenden Toms die Tracks nach vorne treiben, füllen die Dub-Stabs und Synth-Pads den Groove gekonnt aus und sorgen für die nötige Atmosphäre.

Vor allem die ingeniös zusammengestellte Melodie aus Stabs und Pads in „Signal Drive” wirkt überaus uplifting. Auch wenn die Platte aufgrund der technischen Präzision modern klingt, hinterlässt insbesondere das Liveset-ähnliche Drum-Arrangement im Titeltrack ein Gefühl vergangener Tage, in denen noch fleißig Hand an den Drummachines angelegt wurde. Da steigt die Laune, den Dancefloor aufzusuchen, wo die vier Tracks hingehören. Julian Fischer

Talismann – Klienek 2 (Talismann)

Neues vom Talismann, da hört man gerne rein – bei dem ist Techno nämlich immer noch eine abgeklärte Sache. Dafür werf’ ich von mir aus auch ein paar Münzen ins Phrasenschwein, und dann scheppert’s noch ein paar Mal mehr, weil: Das geht nach vorne! Das schiebt an! Das macht Bock! Und so geht es dahin, Klienek in chronologischer Reihenfolge: sonnenaufgehende Closingtränendrüsen, nachtflugverspätete Augenringe, DVS1 im Copyshop und der Moment, wenn das Zeug reinpfeift und alles warm und alles gut ist. Bis es dann wieder drei Tage Nudelsuppe in Embryonalstellung gibt. Aber dafür muss die Nacht erst mal in den Tag ausfransen, und das ist mit Talismann gar nicht so einfach. Der zieht einen rein, und immer wenn man denkt, puh, jetzt ist man aber echt mal langsam raus, zieht er einen wieder rein. Das ist Stockholmsyndrom im Technoclub. Immer zum Entführer zurückkehren. Nicht loskommen. Nicht loswollen. Lieber mitmachen. Und sich dann wundern, dass es schon wieder hell ist und Montag und man das ganze Geld fürs Phrasenschwein verballert hat. Christoph Benkeser

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