Das 30-stündige Festival The Infinite Now ist eine Kollaboration von Berlin Atonal und Unsound aus Krakau. Der Staffellauf der 21 angekündigten Acts verband sich dabei mit der Beton-Kathedralen-Architektur des Kraftwerks und der Flakscheinwerfer-Lightshow zu einem immersiv-holistischen Gesamtkunstwerk, das in Rückenlage brachte.
Ausgehen wurde bei The Infinite Now nicht als Bühne zur Selbstinszenierung gedacht, sondern als Kokon zur Selbstversenkung. GROOVE-Autor Jan Joswig ist zum Wegdröhnen im Dauer-Drone angetreten. Er erklärt, warum das Festival trotz Erweckungserlebnis Lust darauf macht, sich mal wieder im Moshpit die Brille zertrümmern zu lassen.
Am Anfang war das Wort. Damit meint die Bibel das gesprochene Wort. Am Anfang war der Klang. Die Welt ist Klang. Solch sakraler Dreischritt kann einen überfallen, wenn man sich bei The Infinite Now im Berliner Kraftwerk vom Düster-Ambient-Marathon verschlucken lässt.

Das Festival hatte sich ein scharfes Profil gegeben – das ging zulasten der Vielfalt. Statt einem Kessel Ambient-Buntes war man einem monochromen An- und Abschwellen von Klangflächen ausgesetzt. Die pastellig-lichte Seite des Ambient-Genres von Olivier Messiaen über Jon Hassell oder Virginia Astley bis Fennesz wurde ausgeblendet. Das hatte programmatisches System. Das Publikum war eingeladen, sich einem psycho-akustischen Experiment hinzugeben, bei dem man an sich selbst erleben konnte, ab welchem Übermüdungsgrad Morpheus einem seine Gaukeleien einzuflüstern beginnt.
Auf dem Feldbett übers Klangmeer
Die Organisatoren hatten dafür auf der riesigen Fläche vor der Bühne ein Feldbettenlager mit einer Hängemattenabseite aufgebaut. Das Publikum – viele Paare – tappte mit Windlichtern durch die Kraftwerkshalle und reservierte sich mit den vorgedruckten Formularen eines der Feldbetten. Auf dieser Ambient-Kreuzfahrt checkte man nicht auf dem Sonnendeck, sondern im Maschinenraum ein und freute sich auf 30 Stunden Maulwurfexistenz – blind im Dunkeln, aber akustisch übersensibilisiert. Die Ersten hatten schon eine Stunde nach Beginn ihre Schuhe säuberlich unter das Feldbett gestellt und sich zum Wegdämmern bereitgelegt.

Um das unendliche Jetzt aufzustoßen, mussten sich die einzelnen Auftritte entgrenzen. Der einzelne Musiker ist nichts, das große Ganze alles. Umbaupausen gab es allerdings. Unter dieser Prämisse woben Crossover-Acts wie Adam Wiltzie (Stars of the Lid), Jim O’Rourke, Actress oder Terrence Dixon neben szeneinternen Größen wie Joanne Robertson, Kali Malone oder Paul Jebanasam am gemeinsamen Klangteppich der anschwellenden Gruftgesänge.
Licht ist für Loser
Zum Auftakt erbrachte Shane Parish mit seinen Umschreibungen von Autechre-Tracks für Sologitarre den beeindruckenden Nachweis, dass auch im krautigsten Elektronik-Geknispel eine Menge Postkartenkitsch à la Sketches of Spain steckt. Aber schon der zweite Auftritt setzte den Grundton für die kommenden 28 Stunden. Neo Gibson alias 7038634357 verflocht Drone-Elegie auf Valium mit Nornengesang am Puls der Nicht-Zeit und ließ final die Gletscher kalben. Von Joanne Robertson mit ihrer Hall-und-Flanger-Offensive über Brighde Chaimbeul am dräuenden Dudelsack bis zu Kali Malone setzte sich der statische Düsterromantik-Drone fort, bis das Hängemattenlager zur Alien-Brutstätte aus Alien – das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt morphte.

Dabei war es eher unerheblich, ob die Musik rein digital produziert wurde oder traditionelle Instrumente – Dudelsack, Tuba, Gitarre – einbezog. Eine Untersektion bildeten die Gitarristen. Neben Shane Parish mit seinen Auftaktnettigkeiten traten Raphael Roginski und Keiji Haino auf. Mit Raphael Roginski schlich sich ein waschechter Gniedel-Hippie ins Programm. Zu seinen Improv-Ausschweifungen über John-Coltrane-Themen hätte man als Hippie gerufen: „Guck mal, wie der sich schafft!” Als Punk aber: „Alter, wichs dir woanders einen ab!” Wie man Sologitarre ohne Ego-Beweihräucherung spielt, sondern als abstrakte Arbeit am Material, führte Keiji Haino vor. Er verschwand trotz silberner Haarpracht hinter den Metallkaskaden, die er aus seiner Gitarre drosch.
Besondere Hochachtung gebührte den Sonntagmorgen-Künstlern, die vor 200 liegenden und fünf stehenden Gästen spielten. Um 7:30 Uhr hieß es, alles schläft, einsam wacht Kali Malone. Sie suchte unverdrossen nach der ruhenden Welle als dem perfekten Wiegenlied. Selbst Adam Wiltzie, eine Hälfte der gefeierten Stars of the Lid, brachte niemanden dazu, seine Lider zu öffnen. Wiltzie machte nicht viel Aufhebens um seinen Auftritt im Dormatorium, drückte aber ordentlich auf die Sehnsuchtstube und zeigte sein Händchen für angetäuschte Melodien.
Die Ausreißer
Gegen die Grundstimmung des feierlich-brachialen Weggeschwemmtwerdens positionierten sich vorrangig drei Acts: das Ensemble um Romeo Castellucci und Scott Gibbons mit seiner Hairpower-Performance, Caterina Barbieri mit ihrer Popsensibilität und das japanische Quartett Marginal Consort mit seiner Basteltisch-Improvisation.

Castellucci und Gibbons ließen sechs Performer, Männer und Frauen, mit arschlangen Matten auf einem Laufsteg Aufstellung beziehen. Quer über den Laufsteg waren mit Mikrofonen bestückte Metallstangen aufgehängt. Die Performer peitschten mit ihren Haaren die Stangen. Das wirkte wie eine Mischung aus Shampoo-Werbung und Black-Metal-Trockenübung, brachte eine Spur Humor ins Programm, blieb aber als Performance interessanter denn als Musik.
Wie Dream-Ambient durch Popgriffigkeit interessant wird, weiß Caterina Barbieri. Die letztjährige Musikdirektorin der Biennale Musica in Venedig setzte eine mondäne Note mit glitzerndem Space-Pop unter dem Drone, rief Kate Bush und Italo-Disco auf und brachte die große Show in die weiten Flächen – bis an die Grenze zum Feuerzeuge-in-the-Air-Taumel.
Die Erweckung
Nach 22 Maulwurf-Stunden erwischte mich die Erweckung. Vier nonchalant ergraute Japaner postierten sich an ihren Tischen voller selbstgebasteltem Instrumentarium und warfen ihre Klänge in einen gemeinsamen Topf. Endlich keine Autisten an Tasten, sondern eine offene Gesprächsrunde aus ehemaligen Fluxus-Schülern, die über drei Stunden kollektive Arbeit am und gegen das Chaos leisteten. Mit ihrer elektroakustischen freien Improvisation klangen Marginal Consort wie das Art Ensemble of Chicago auf Glitch. Die ideale Verständigung ergibt sich jenseits von Worten und auch jenseits von Noten. Japan atonal sorgte für den Höhepunkt beim Berlin Atonal 2026.

Sonntagnacht verlängerte sich auf dem Heimweg die Kraftwerk-Dunkelheit in die Kreuzberg-Dunkelheit, und mir ging auf, wie gerne ich mal wieder im Moshpit meine Brille zerbrechen lassen und dreibeinige Punker-Hunde treten würde. Aber nein, einsam zieht man seine Bahnen auf den Schwingen der Musik im unendlichen Kosmos, vom Infinite Now bis in alle Ewigkeit.