Das Motherboard aus dem März 2026 findet ihr hier, die Mixe des Monats hier und die Compilations hier, Teil der Alben hier.
Chris Liebing – Evolver (CLR)
Chris Liebing hat gesagt, er wolle das Rad mit Evolver nicht neu erfinden und stattdessen lieber die Musik machen, die er seit 30 Jahren feiert. Aber gleichzeitig spricht der Titel von irgendeiner Art Entwicklung. Also, ist das jetzt Neuwerk oder Reimagination? Ja und ja. Weil: Hier wird schon noch geschranzt, aber mit Fingerspitzengefühl. Also: Es wird zwischen grobkörniger Clubmonitor-Distortion und Klanglabor-Interieur musiziert. Und somit das Gefühl eingefangen, das man bekommt, wenn man mit dem voll beladenen Autoanhänger über das Kopfsteinpflaster des historischen Dorfkerns tuckert und schließlich auf den Asphalt der Landstraße gleitet: strapaziös, aber belohnend. Der gebürtige Gießener bleibt sich bei der Wahl des musikalischen Settings treu, und das ist wie gewohnt düster und nihilistisch. Die industrielle Maschinenraum-Ästhetik, die er seinen Tracks seit den späten Neunzigern eingeschrieben hat, verschiebt sich auf der neuen LP jedoch um einige Jahre in die Zukunft.
„Unfold” kommt mit retro-futuristischem Arrangement daher, während die darunterliegenden, wummernd-pulsierenden Kicks einen bedrohlich-okkultistischen Rhythmus anrühren. Das hat vangelische Future-Jazz-Anleihen, unterwandert von einer aufdringlichen Cyberpunk-Alptraum-Ästhetik. „Symphonie des Seins” definiert sich weniger über seine Atmosphäre als über den schnörkellos einsetzenden, hypnotischen Techno-Loop. Das passiert im Zustand eines permanenten Build-ups mit kleinen Filterfahrten, schrittweisen Verdichtungen und einer simplen Acid-Line, die mit monoton verlesenen Trip-Berichten von Charlotte de Witte unterlegt sind. „Roy Batty” hingegen, benannt nach dem Blade Runner-Antagonisten mit einem Herz für Tauben, ist ein kompromissloser mechanischer Stampfer mit druckvollen, körperlichen Kicks und gewittertartig geschichteten Hi-Hats vor einer filmreifen Soundkulisse aus granularen Pads und dystopisch-aversiven Vocals.
Das ist gleichzeitig die große Stärke von Evolver: Die Tracklist. Sie wechselt homogen und überraschend nahtlos zwischen atmosphärisch-futuristischem Drone, funktionalem Hochintensitäts-Techno und schwerem, drückendem EBM. Also beständiges Durchatmen, Aufhorchen und Weiterschreddern, das vom rohen und zugleich hochaufgelösten Sounddesign zusammengehalten wird und mit andauernder Spielzeit zunehmend schroffer, kratziger und eben, let’s face it, schranziger wird. Das funktionierte damals, funktioniert heute – und wird wohl auch 2077 noch greifen. Jakob Senger

Makam – Tarp (Dekmantel)
Fast zehn Jahre sind vergangen seit Makams letztem Album Than Sadet, einer Ode an das thailändische Inselparadies Koh Phangan. Dass auch Tarp mit seiner minimalistischen, nach Samples klingenden Perkussion leicht Assoziationen mit dem Dschungel aufkommen lässt, schreibt die Geschichte quasi weiter. Hier geben organisch anmutende Loops und mit Dub gefärbte Effekte der Platte einen naturfarbenen Anstrich. Er wollte sich ganz neu ausleben, sagt der Künstler selbst – und so gibt es lediglich eine Prise zurückhaltenden Funk, die den Kurs ab und zu zurück Richtung Dancefloor korrigiert. Spuren von House und Disco sind jedoch zu finden, aber immer mit einem gewissen Leftfield-Charme versehen; Makam war es wichtiger, atmosphärisch dichte Soundscapes zu schaffen, anstatt vorgefertigten Rezepturen zu folgen. Das macht Tarp zu einem lohnenden Hörerlebnis voller interessanter Texturen, Rhythmen und Überraschungen. Leopold Hutter

Modeselektor – Classics Vol. 1 (We tried hard and failed again… enjoy!) (Monkeytown)
Nicht nur die Modeselektor-Fanbase dürfte sich über Classics Vol. 1 freuen, das definitiv kein Best-of ist. Schon der Opener „Blessed Speed” setzt den Ton: sphärisch, reduziert, fast entrückt. Verlangsamte Bongos tasten sich durch einen Raum aus schiebenden Klangflächen. Harmonien gleiten ineinander, nichts drängt und alles fließt. Darüber schwebt eine Synth-Melodie wie ein ferner Gedanke. Das ist keine Club-Ansage, das ist ein Zustand. Ambient, Drone, Dub. „Edgar (CV1)” knüpft daran an und vertieft die Innenschau. Ein Stück, das sich langsam entfaltet, mit tragender, melancholischer Melodie, dezenter, beinahe zurückhaltender Rhythmik. Hypnotisch, schwebend, ein permanentes Ein- und Ausatmen. Modeselektor präsentieren sich hier in ihrer vielleicht stärksten Disziplin: Geduld. Nichts wird übererklärt – der Track lebt von seinem inneren Puls. Dann der Kontrast: „Blockchain”. Treibend, massiv, gebaut für große Hallen und fette Soundsystems. Druckvoll, klar, körperlich, pure kinetische Energie. Das sind Modeselektor als Architekten von Raum und Lautstärke, mit einem Gespür dafür, wie Frequenzen physisch wirken können. Und das sind nur die ersten drei von acht durchweg exzellenten Tracks. Classics Vol. 1 funktioniert wie ein konzentrierter Querschnitt durch ein Werk, das sich nie festlegen wollte: zwischen Abstraktion und Funktion, Introspektion und Eskalation, Studio und Bühne. Es ist Musik, die aus der eigenen Geschichte schöpft, ohne sich von ihr fesseln zu lassen. Dass all das auf Monkeytown erscheint, fühlt sich folgerichtig an. We tried hard and failed again… enjoy! ist kein Gag, sondern Programm: ein gescheiterter Versuch im besten Sinne. Diese Platte beweist, dass Modeselektor nicht zurückblicken, sondern vorwärts denken. Liron Klangwart

Nadia Struiwigh – IKIGAI (Distorted Waves)
Clubmusik hat in der Pandemie eine ihrer bisher heftigsten Dellen verpasst bekommen, was bis heute Spuren hinterlässt. Wo die einen sich seitdem stärker darauf verlegten, die eigene Innerlichkeit zu erkunden und darüber das Tanzen etwas aus dem Blick verloren, hat sich am anderen Ende des Spektrums eine Renaissance von Ballertechnoformen Bahn gebrochen, in der Trance und andere Entwicklungen der Neunziger in neuen Konstellationen mit mäßigen Innovationen durchgespielt werden. Dazwischen gibt es Produzent:innen wie Nadia Struiwigh, die eine Vielzahl von Punkten in dieser Konstellation verbinden, Ergebnis offen. Eine der Folien, der sie sich bedient, ist IDM. In dem Genre wurde eines die Blaupause für Zwischentöne aller Arten geschaffen, um das Verhältnis von Klangforschung und Tanzfläche neu auszuloten.
Genau das tut Struiwigh auf ihrem Album Ikigai mit einer Entschlossenheit, die wissenschaftliche Präzision in der Arbeit am Sound mit einer Leidenschaft für die daraus entstehenden Gebilde kombiniert und die auf mehreren Ebenen bewegt. Aus angedeuteten Akkordflächen, krisseligen elektronischen Geräuschen und oft sparsam tappendem Beat entstehen Tracks, die ohne Worte etwas zu erzählen scheinen. Das gilt auch für die Momente, in denen sie einen zäh schleppenden, doch markanten Breakbeat hinzuzieht. Stets eignet sie sich ihre Inspirationen so an, dass sie zu ihrer persönlichen Sache werden. Ob man dazu im Club träumt oder zu Hause ausrastet, oder beides, steht selbstverständlich frei. Tim Caspar Boehme

Nathan Fake – Evaporator (Infiné)
Wie fast immer bei Kunstwerken gibt es auch für das neue Nathan-Fake-Album verschiedene Interpretationsansätze. Einen liefert das Label gleich mit, dieser spricht von „daytime electronica”, was definitiv passt. Man stelle sich einen Frühlingsmorgen mit blauem Himmel, strahlender Sonne und angenehm kühler Luft vor und wandle diese Impression innerlich in Sound um – so klingt Evaporator über weite Strecken. Aber wir sind hier nicht im Achtsamkeits-Retreat und benutzen auch keinen Verdampfer (deutsch für Evaporator), um in andere Sphären zu gelangen. Solche Unterstützung benötigt Fakes Musik auch nicht, denn sie ist – jetzt kommt die Autoren-Interpretation – Pop. In transformierter Form, was aber Pop letztendlich immer ist, steter Wandel gehört zu seinen Fundamentaleigenschaften.
Exemplarisch dafür steht „Bialystok”: Der Song trägt echte Rave-Gene in sich – Beat, Tempo, hochemotionale Akkord-Kadenz mit bester Breakdown-Eignung –, benutzt diese aber weniger als Tanzimpulsgeber denn als Erinnerungstrigger, der beim Hören, vor allem mit clubbingerfahrenen Hirnzellen, ein wohliges Gefühl vermittelt und den kompletten Körper von oben bis unten ergreift, ohne sich die Nacht um die Ohren schlagen zu müssen. Nach viereinhalb Minuten und einer klassischen Ausblendung ist alles vorbei. So geht Pop. Und ebenfalls äußerst poptypisch auf der LP ist das Verarbeiten eines breiten Stilspektrums, hier: Ambient, Disco, Drone oder Trance. Solche Vielfalt ist in der anspruchsvollen Elektronica- und Dance-Szene immer noch etwas verpönt, Nathan Fake realisiert sie wie selbstverständlich und auf höchstem Niveau. Mathias Schaffhäuser

Nene H – Second Skin (UMAY)
So spezifisch es klingen mag: Ein Soundtrack, während eine sektenartige Opfergabe in einer kalten, nur mit Kerzenlicht beleuchteten Ruine abgehalten wird. Die Stimmung ist gruselig, unbehaglich, schwer, aber auch gespannt und in gewisser Weise majestätisch. Denn was hier vorgeht, ist eine Zeremonie. Zumindest überliefern sechs Minuten und elf Sekunden „Where I was” genau dieses Gefühl.
Aber schon im nächsten Track „Promises, promises”lassen wie zufällig angeordnete Piano-Sounds die Stimmung in eine andere Richtung kippen. Ein mystischer Chor ist in den ersten zwei Tracks von Second Skin von Nene H sehr prominent. Doch bis zum letzten, neunten Song „The Castle” bekommen die Titel immer mehr Power, Bass und einen schnelleren Rhythmus. Die Electronica Komponente wird prominenter, auch wenn sie nicht ausreicht, um das Album tanzbar zu machen. Es bleibt eher experimentell und weniger clubtauglich.
In „Ode to Machina” unterstützt Nene H die Melodie mit Vocals in türkischer Muttersprache. „The Castle”bringt etwas Träumerisches ein. Nene H beschreibt den Entstehungsprozess dieser LP als einen, in dessen Zuge ihr eine neue Haut gewachsen ist. Das Album sei ein Neun-Track-Tagebuch über den „Abschluss [mit] und die Befreiung [von]” ihrer gescheiterten Ehe. Greta Allgöwer

Polar Inertia – π (Mama Told Ya)
Ein letztes Aufbäumen, die finalen Schritte durch eine kalte, indifferente Welt. Sind wir erst dieses Jahr in ihr aufgewacht? Wohl kaum. Und doch: Scheinbar geschieht alles über Nacht. Betäubt vom Rausch der Geschwindigkeit haben wir vergessen, woher wir gekommen sind – und wohin wir ziehen. Im historischen Whiteout unserer Gegenwart suchen Polar Inertia nach den dunklen Konturen am Horizont, die Philosophen wie Paul Virilio schon vor einem halben Jahrhundert erahnen konnten. So sprach der Begründer der Dromologie geradezu prophetisch vom „rasenden Stillstand”, von einer „Globalisierung der Affekte” und der „Kontrolle des Weltbildschirms” vor dem Hintergrund einer dystopischen Kulturzersetzung im Fast-Forward-Modus. Polar Inertia greifen diese Gedanken, Bilder und Schriften nicht nur in Titeln oder ominösen Monolog-Passagen auf. Das weitgehend anonyme Kollektiv aus Paris, dessen einziges bekanntes Mitglied der arrivierte 4/4-Schreiner Voiski ist, weiß darüber hinaus mit cineastischen Soundscapes ein Gefühl von unwirklicher Beschleunigung und kosmischer Weite zu beschwören. Immer im Leinwand-Format, versteht sich.
EPs wie Kinematic Optics (2015) oder das brillante Boiler-Room-Live-Set, das die Gruppe 2017 im Bassiani in Tbilisi ablieferte, gelten dementsprechend schon seit vielen Jahren als wenig beachtete Prachtexemplare zeitgenössischer Techno-Tonkunst. 2024 folgt dann mit Environment Control ein erstes Album, das sich wie die Begleitmusik zu einem Sci-Fi-Mindfuck von Cronenberg und Carpenter auf Pervitin entfaltet. Für manche ein instant classic des Genres, für andere zu lang, zu verkopft. In jedem Fall aber eine Fusion aus Industrial, Ambient, Techno und Power Noise, die es in dieser Form schlicht noch nicht gegeben hat.
Mit π ist nun der Nachfolger erschienen – gleichzeitig kolossale Kontinuität und wohl auch ultimativer Abschluss des Projektes. Auf deutlich über 100 Minuten und drei LPs loten Polar Inertia hier die auditiven Dualitäten von Geschwindigkeit, Stillstand, Entfremdung und Immersion aus. Die Resultate sind nichts weniger als atemberaubend. Schon ein Track wie „Frame Dragging” ballert zwar mit um die 180 BPM aus den Boxen, klingt aber dank raunender Pads und metallischer Effektkaskaden trotzdem abgefahren atmosphärisch – als kollidierten Gabber und Dark Ambient im Teilchenbeschleuniger. Körnige Aufnahmen von UAPs in Tic-Tac-Form, die mit Mach 20 unsere Stratosphäre entern, flackern da durchs Kopfkino. „Floating Memory” hingegen pulsiert beim synkopierten Beat-Tiefflug zwischen brutalen Noise-Shots, gleich einem außerirdischen Wow!-Signal jenseits unserer Kryptographiekenntnisse. Am anderen Ende des Spektrums fasziniert π aber auch mit einem hochverdichteten Atmosphären-Management vom Kaliber „Sea Of Data” oder „Intimate Intensity” – teils verzerrter Industrial, teils entrückt schwebender Space Ambient oder stygischer Drone, den selbst ein Lustmord um die Jahrtausendwende nicht besser beherrschte. Gemäß dem ersten Satz der Thermodynamik bleibt dahingehend auch die schiere Intensität dieses in sich geschlossenen Albums stets konstant, egal mit welcher Energie es durch halluzinogene Soundbombardements wie „Hava |∞” oder „t_Pkyo” hastet. Zeit und Raum verdichten sich analog zur wahrgenommenen Akzeleration. So schließt sich also auch hier der Kreis. Nils Schlechtriemen
