Die Platten der Woche mit Lawrence, Mia Koden, Mayashiba & Behzad, Shed und Sun People x Other Worlds

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Lawrence – Poppies (Smallville)

Ich hatte es zum Jahreswechsel festgestellt: 2025 lief gut für Smallville, und Lawrence spinnt den Faden in typisch unaufgeregter Manier weiter. Gut, sich für diese Katalognummer einen Künstler ranzuholen, der das Momentum elegant verlängert, anstatt Dinge künstlich zu forcieren. Aus „Angels” tropft aparter, nachdenklicher Piano-House mit melancholischer Grundierung, so unverkennbar Lawrence, dass man nicht zu sagen vermag, ob wir das Jahr 2011 oder 2026 schreiben. „Ray” entwickelt durch geleeartige Bässe mehr Bauchumfang und mäandert kunstvoll ins Nirgendwo. „Ocean Drive” gibt sich extrovertiert und fix, kühle Keys betten den klassischen Smallville-Funk weich. Der Titeltrack an vierter und letzter Stelle atmet organisch und hebt die Wärme in jenem subtil fließenden Abglanz hervor, der Peter Kerstens Musik war, ist und immer sein wird. Maximilian Fritz

Mia Koden – Bittersweet (Self-released)

Top-aktueller UK-Bass fürs Frühjahr 2026: Bittersweet ist eine dieser EPs, bei denen sofort klar ist, warum sie nur aus London kommen kann. Vier Tracks, präzise, low-end-lastig und voller Musikgeschichte.

„Bittersweet” ist ein Bass-Reggae-Dub-Monster mit Gespür für Balance. Der Bass brodelt wie ein Vulkan, die Vocals schweben warm darüber, während sich Klangflächen wie Weed durch den Track dehnen. „Bout Dis” zieht die Schraube an: vertrackte Breaks, aufsteigende Synths, Vocals, die wirken, als wären sie gescratcht. Hier blitzt sie auf, die Londoner Broken-Beat-DNA. Und mit „Endgame (Blame)” kippt die Stimmung. Der Track atmet im Subbereich, zieht sich zusammen, dehnt sich aus, während ein wunderschön gesetzter Hall dem massiven Druck Raum gibt. Tief, schwer, sehr nice. „Send Off” löst die Spannung: Verspielt schwebende Klangflächen, sanfte Synths, ein chilliges Outro zum Runterfahren. Liron Klangwart

Mayashiba & Behzad – No Borders (Global Frequency)

„No Borders” von Mayashiba & Behzad ist ein packender Clubtrack, der hypnotischen Techno der Oscar-Mulero-Schule mit den schweren Bass-Music-Grooves mit Ethno-Einschlag verbindet, wie man sie von TSVI kennt. Der „Downtempo Mix” der Nummer entwickelt mit einer digitalen, durchdringenden Bassline und Mayashibas Gemurmel einen faszinierenden Ethnofuturismus, der beschwört, sich aber dennoch nicht zu ernst nimmt. Der Club-Smasher auf dieser Platte ist der Substance-Remix von „No Borders”. Das gute Gewissen der Berliner Technoszene verpasst dem Track mit schneidendem Drumming eine Amphetamin-Infusion, die die Tänzer:innen zuerst auf dem Dancefloor festnagelt und sie dann mit einer sich in den Track schraubenden Synth-Spirale in den Wahnsinn treibt. Gelungener könnte der Einstand des neuen Labels aus Paris also kaum sein. Alexis Waltz

Shed – IT077 (Ilian Tape)

Der Frühling ruft, und pünktlich dazu meldet sich wie jedes Jahr dieses ganz bestimmte Leinenhemd mit gelb-rotem Schachbrettmuster aus den Abgründen des Kleiderschranks. Das, obwohl es seit Menschengedenken nicht mehr in die schwarzgraue Garderobe passt und im hölzernen Vintage-Quader verwahrlost, womöglich auch die nächsten vier Umzüge überleben wird. Weil: Für den textilen Restzweifel an der eigenen urbanen Identität sollte immer ein Platz reserviert sein. Trotz ausdrücklicher Ausmusterungsempfehlung. Problem: Das schreit nach Juck-Kratz-Zyklus und riecht wie Eau de l’Antiquariat. Ich meine: Motten-Mief. Gut, vielleicht erst mal auslüften. Na ja, irgendwann, irgendwann.

Wer hingegen immer einen Platz im Kleider-, äh, Plattenschrank hat, ist Shed. Seine neue EP kratzt zwar auch, meint aber Overdrive und kommt aus einer Schublade mit der Aufschrift EFX. Für die 77. Ilian-Tape-Ausgabe rangiert Shed irgendwo zwischen Storgeräuschsender und einsturzgefährdetem Dancefloor samt übersteuernder Monitore. Also: brüchiger Dub Techno mit verzerrten, analogen Fransen und verspulten, sich überlagernden Rhythmen. Und außerdem: Der drückende Techno-Tool-Edit eines sich einwählenden DSL-Modems. „Worn” heißt der dritte Track auf der EP und klingt wie 30 Jahre durchgerockt und trotzdem noch auf den Beinen. Das abschließende „Cross” ist eine sich ausdehnende Modular-Studie mit tapsend-taumelnden Kicks und hintergründiger Distortion, vor einer andächtig-balearischen Soundkulisse. Das sitzt wie angegossen. Jakob Senger

Sun People x Other Worlds – Endophyte (All Things Records)

Endophyten sind Mikroorganismen. Bei diesem Mikroorganismus von Simon Hafner alias Sun People und Multiinstrumentalist Florian Pirker alias Other Worlds geht es ums Verschmelzen von Elementen aus Jungle, Techno, Electro, Ambient und Juke – und alles Mögliche, was man sonst noch raushören kann. In vier Tracks beweisen die beiden, die aus Graz stammen, warum sie die dortige Underground-Szene mitprägen.

„Sunnyview” fängt an und wirkt wie eine Erinnerung daran, kurz die Augen zu schließen und mal fünf Minuten nichts zu tun. Einfach zu lauschen, zu atmen, sonst nichts. Eine kleine Pause machen. „Endophyte” selbst passt energetisch wohl eher in den Club, ein mitreißender Rhythmus, mit Klängen, die vielleicht von einer Flöte stammen? „Psychicemotus” ist der dritte und längste Track der EP. Er baut sich schichtweise auf und hebt sich experimentell von den anderen ab. Die Stimmung in „June” kommt eher schleppend auf und mutet an wie eine Erfahrung, die hinter „Sunnyview” ganz gut passt. Die Belohnung für die fünf Minuten Pause, die man sich genommen hat. Ein sanfter Abschied von der ersten gemeinsamen EP der Grazer. Greta Allgöwer

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