Berlin: Tausende demonstrieren gegen digitale sexualisierte Gewalt

Tausende Menschen demonstrierten am Sonntag in Berlin gegen sexualisierte digitale Gewalt und folgten damit einem von Collien Fernandes geteilten Aufruf. Fernandes hatte in einem Spiegel-Artikel gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen schwere Anschuldigungen erhoben. Ulmen weist die Anschuldigungen zurück und geht mit Medienanwalt Christian Schertz, der schon Till Lindemann vertreten hatte, gegen die Berichterstattung des Spiegels vor

Veranstaltet wurde die Demo unter dem Motto „Gegen sexualisierte digitale Gewalt – Solidarität mit allen Opfern” von der neu gegründeten Gruppe Feminist Fight Club!. Schon zum Demostart um 16 Uhr war der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor stark gefüllt, auf den Transparenten waren Slogans wie „This is abuse not tech” oder „Die Scham muss die Seiten wechseln” zu lesen. Die Polizei hat 6700 Teilnehmer:innen gezählt, die Veranstalter sprechen von 13.000 Demonstrierenden.

Hier wird das formelhafte Berufen auf die Unschuldsvermutung in Täternetzwerken kritisiert (Foto: Marlen Friese/ Instagram)

Neben Beiträgen der Klimaschutz-Aktivistinnen Luisa Neubauer und Theresia Crone wurde auch ein Statement von Collien Fernandes verlesen. „Sexualisierte und digitale Gewalt sind weiter verbreitet, als man ahnen mag”, heißt es darin. „Aktuell gibt es diesbezüglich jedoch massive gesetzliche Schutzlücken. Der Staat kommt seiner Verantwortung für die Gewährleistung des Persönlichkeitsrechts, des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung und des Rechts auf Nichtdiskriminierung nicht nach.”

„Das muss sich ändern, wir dürfen die Täter nicht mehr davonkommen lassen”, heißt es weiter. „Sie verstecken sich hinter einer Mauer des Schweigens, und diese ist hoch – sehr, sehr hoch, wie die jüngst veröffentlichte Dunkelfeldstudie zeigt. Nur 2,4 Prozent der digitalen Gewalt wird derzeit angezeigt. Kein Wunder, wenn auf Anzeigen keine Konsequenzen folgen. Wir müssen Licht in das viel zu große Dunkelfeld bringen und diese Mauern des Schweigens einreißen. Danke für die Solidarität, die mich in dieser schweren Zeit trägt.”

Seit dem Beginn der #MeToo-Bewegung im März 2017 ist der Protest gegen strukturellen Sexismus ein dominierendes gesellschaftliches Thema. Nach Enthüllungen um Filmproduzent Harvey Weinstein, verstärkt durch Aktivistinnen wie Tarana Burke, teilten Millionen Frauen (und Männer) öffentlich Erfahrungen von sexueller Belästigung. Systematischer Machtmissbrauch in Film, Medien, Musik, Politik und Unternehmen kamen ans Tageslicht.

Mit dem Kinderwagen auf dem Pariser Platz (Foto: Marlen Friese/ Instagram)

Ein Großteil der Reformen, die daraufhin im Filmgeschäft durchgesetzt wurden, stehen in der Musik allerdings noch aus. Eine Herausforderung liegt darin, dass die Musikindustrie durch ein enormes Machtgefälle, Abhängigkeiten und ein schwer greifbares Tourleben besonders intransparent ist.

So wurden Diskussionen um Machtmissbrauch im Umfeld großer Labels und Produzenten öffentlich, es folgten Medienberichte von sexualisierte Gewalt. Vorwürfe gegen den US-R’n’B-Sänger R. Kelly führten zunächst zu Boykotten und später zu seiner Verurteilung.

In Deutschland folgen Medienberichte über Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen bei Konzerten und im Backstage in der Deutschrap– und Rockszene. Vorwürfe rund um Rammstein-Frontmann Till Lindemann führten zur umfangreichsten Debatte über sexistische Verhältnisse im deutschen Musikbereich bisher.

Dabei wurde das Thema Consent auf Konzerten tiefgehend diskutiert, die Beziehung von Fans, Crew und Management rückte in den Fokus. Zwar hatten die Berichte von Vorfällen im Fall Till Lindemanns keine direkten Folgen, dennoch werden Intimacy-Guidelines etwa bei Musikvideo-Produktionen und Awareness-Teams auf Festivals immer üblicher, Frauen übernehmen immer häufiger sichtbare Rollen auf und hinter der Bühne. Besonders in Deutschland bleiben die laxe Rechtsprechung und die Angst der Betroffenen vor Klagen wegen Rufschädigung problematisch.

„Listen To Women”: Auf der Demo am 22. März auf dem Pariser Platz (Foto: Marlen Friese/ Instagram)

Oft geht es bei Sexismus im Musikgeschäft nicht um handfeste Straftaten, sondern um sogenannte Old Boy Networks im Booking, männerdominierte Entscheidungspositionen und die intransparente Kuration von Line-ups. Gegen diese patriarchalen Netzwerke richten sich Initiativen wie Female Pressure.

Im Bereich der elektronischen Musik führten Anschuldigungen gegen Derrick May oder Guy Gerber, ähnlich wie im Fall Lindemanns, nicht zu Verurteilungen, sensibilisierten aber Veranstaltende und Fans. Im Februar 2026 kam es in der Hardtechno-Szene zu einem beispiellosen Callout durch einen Booker einer französischen Agentur, der einer ganzen Reihe von Künstlern übergriffiges Verhalten gegenüber Fans vorwarf.

Mit dem Fall Collien Fernandes rückt nun ein Thema ins Blickfeld, das auch die elektronische Musik heimsucht: Das Phänomen der digitalen Männergewalt. Während Fernandes von Deep-Fake-Pornografie und Fake-Profilen belästigt wurde, sind viele Frauen im Bereich der elektronischen Musik besonders Hasskommentaren in den sozialen Medien ausgesetzt, die millionenfach unter Beiträgen abgesetzt werden.

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