Die Platten der Woche mit Der Zyklus, Mary Gehnyei, Ciel & Mathis Ruffing, Red Rooms und re:ni & BiggaBush

Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.

Der Zyklus – Truth Matrix (Clone Aqualung Series)

Düster, schnell, elektrisch. Und dann sind da plötzlich Delfine? Der Zyklus bietet ein solches Klangerlebnis. Man nehme industrielle Claps, eine hektische  Bassline und füge Sounds hinzu, die klingen, als würden Delfine von links nach rechts kommunizieren. Das Ergebnis ist das Gefühl, als stecke man in einem U-Boot fest, am tiefsten Grund des Meeres. Gestresst davon, dass man sich weit weg vom Festland und unlimitiertem, frischem Sauerstoff befindet. Die Delfine sind eine vage Erinnerung, wie es noch über dem Meeresspiegel war. Das Thema Wasser, oder Unterwasser, ist eines, das sich durch Veröffentlichungen des Produzenten Gerald Donald zieht, Stichwort Drexciya. Doch im Gegensatz zu Elektronisches Zeitecho / Mathematische Modelle von 2024 ist auf diesem Cover keine schwungvolle Welle zu sehen. Außerdem ist die aktuelle Platte viel düsterer und dunkler als die letzte. Ein Hinweis auf das gesunkene U-Boot und die mit ihm gesunkene Stimmung? Der Track und sein „DPX Data Sanitization Remix” wurden auf dem Label Clone Aqualung Series veröffentlicht. Auch wer kein Latein hatte, kann wohl den allgegenwärtigen Bezug zu Wasser herstellen – und zu Delfinen in der elektronischen Tanzmusik. Greta Allgöwer

Mary Gehnyei – Afterhouse 03 (Spazio Disponibile)

Was kommt nach House? Das Label Spazio Disponibile von Donato Dozzy und Neel beantwortet diese Frage für sich mit perkussiven Tools. Die vier Tracks, die die Römerin Mary Gehnyei auf Afterhouse 03 bereitstellt, legen mehrere Verwendungszwecke nahe: Beispielsweise könnten sie in einem Set den erst schleichenden, plötzlich gar nicht mehr so subtilen Übergang von House zu Techno markieren („Torn Me”). Oder Spannung aufbauen, die sich mit zunehmender Dauer wahlweise ekstatisch entlädt oder ein uneingelöstes Versprechen bleibt („Dagba”). Oder mit Dub-Chords, die an die legendäre Wax-Serie erinnern, und weiteren Synths gerade so viel Ätherik zulassen, dass der fein arrangierte Rhythmus trotzdem die Attraktion auf dem Open-Air-Floor bleibt („Anima”). Oder mit minimalen Mitteln ein musikalisches Möbiusband spinnen, das jeden Gedanken an ein Ende des Raves im Keim erstickt („Dirty Sand”).

Das unspektakuläre White-Label-Cover kommt nicht von ungefähr. Diese handwerklich perfekten Tools, denen die dickbauchige Klangsignatur des Labels innewohnt, bewegen mit einfachen, gleichzeitig essenziellen Mitteln. Was, wenn es gar nicht mehr braucht, nie mehr gebraucht hat? Maximilian Fritz

Ciel & Mathis Ruffing – Hot Squid (Punctuality)

Was braucht eine kraftvolle Tech-House Platte, um so richtig aus der Couch zu drücken? Eine dunkle Bassline, die sofort ins Ohr fetzt, und eine Handvoll Snares und Claps, die den melodischen Pads wechselseitig Raum geben. Das Ganze unterlegt eine funktional komprimierte Four-to-the-Floor-Kick. Komponenten, die für die achte Scheibe des Label Punctuality in ein musikalisches Korsett gefüllt werden, um mit voller Energie wieder aus den Nähten zu platzen. Rund um den Schneidertisch versammeln sich dieses Mal Ciel und Mathis Ruffing.

Mit viel Feingefühl bewegt sich der Opener „Hot Squid” genau in diesem Schnittmodell. Auch der Roza-Terenzi-Remix zieht mit seiner rollenden Bassline Tanzschritte in alter Marschmanier nach sich. „Little Voice” hingegen klingt nach organischem und weichem Stoff, um dann mit „Bong Bong” per Kreuzstich wieder bei technoiden Klängen zu landen. Als Exegese beider fügt „Late Summer” alles in einem durchdachten Muster zusammen. Manches scheint nie aus der Mode zu kommen: So wie Tinted Sunglasses oder die Golden Era von Tech-House. Michael Sarvi

Red Rooms – Endurance EP (Rot)

Gerade noch mit vier Tonnen über Freddys Label Key gewalzt, schon herrscht Alarmstufe Rot. Jetzt, endlich, gibt Sicherheitsbeauftragter Red Rooms sein eigenes Gefahrenschutzprogramm raus. Und was darf auf der neuen Baustelle nicht fehlen? Natürlich Endurance, das heißt: wahlweise ausgewogen frühstücken; einen auf Hafti machen; oder wenn gar nichts mehr hilft, diese Platte auflegen. Da darf man minimal durchschnaufen und dann gar nicht mehr. Was Sinn macht, wenn man sich mal überlegt, wieso Batteriehersteller gerne Hasen als Testimonials in ihre Werbung packen und Viagrafirmen nicht. Wahrscheinlich weil sich nur eine der beiden an 50-jährige Lycramänner richtet, die auf 12.000 Euro teuren Zukunftsversprechungen durch Fußgängerzonen pedalen. Warum? Um es allen zu zeigen: Ausdauer ist Key, und Endurance blinkt Rot. Christoph Benkeser

re:ni & BiggaBush – Bass Is The Space (Ilian Tape)

Wie macht Dub, also außer bum-bum-tschk und bum-tse-k? Genau, manchmal macht er auch bum-bum-bum und bum-bum-bum-tschk. Das möchte dann aber lieber Dub Techno genannt werden und ist, wie das Klangbild schon vorwegnimmt, etwas geradliniger. Will sagen, im berlinischen Sinne beinahe tanzbar – sonntags. Das klingt dann nicht mehr nach Perry’schem Hotbox-Schrottteillager, sondern nach Logic Pro und entrahmter Mandelmilch. Na ja, wenn es schmeckt. Und irgendwo muss man ja anfangen.

Auch re:ni, die war nämlich auch mal klein und hat wohl ganz genau zugehört, was ihr werter Herr Papa BiggaBush seit den frühen Neunzigern zusammengeschraubt hat. Jetzt haben die beiden eine EP auf Ilian Tape veröffentlicht, die hat A, B, C und D und läuft vom Abstrakten ins Konkrete: Über atmosphärischen, verspulten Instrumental-Dub auf dem Titeltrack hin zu „Mae Uprising”, der dem Dub–Setting in Klang und Farbe zwar verhaftet bleibt, die Rhythmik aber deutlich in den Vordergrund rückt. Von hier an driftet die Kurzspielscheibe in Gefilde immer enger werdender Bass-Music-Praktiken ab. „Death By Dubplate” ist eine astreine, versetzte Breakbeatnummer mit 2-Step-Anleihen in bester Kode9-Hyperdub-Manier. Die entrückten, ominösen Spoken-Word-Elemente lassen beste Erinnerungen an den leider verstorbenen Underground-Lyrizist The Spaceape wachwerden. Das abschließende „BigLozTek” ist eine flotte Dub-Techno-Nummer, die sich weniger über bassmeditative Bedachtheit und ausgedehnte Low-Ends als über einen repetitiven Loop-Groove definiert.

Eine EP, die nicht mit Kohärenz, dafür mit intergenerationaler Varianz zu gefallen weiß. Jakob Senger

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