Schall pflanzt sich fort durch Raum und Zeit. Für bestimmte Sounds, Ideen von Klang und Struktur gilt das nicht unähnlich weit über die Physik hinaus, also über Kontinente und Jahrzehnte. Greg Stasiw, ein an der US-amerikanischen Ostküste lebender jugendlicher Weltreisender in Sachen Elektronik, holt sich die Inspiration und Anregung für sein Albumdebüt Guesswork (Hidden Harmony, 2. Februar) zum Beispiel bei der minimalistischen Environmental Music Kankyō Ongaku, die in Japan Mitte der Achtziger eine kurze, aber lange nachwirkende Blüte erlebte. Was er damit macht, ist allerdings ganz und gar sein eigenes Werk. So gleiten minimale Soundpatterns aneinander entlang, nicht isoliert, aber doch unterhalb, außerhalb eines melodisch funktionalen Rahmens. Sie dürfen sich wiederholen, sind in der Wiederholung dann aber so gut wie nie komplett identisch. Sie interagieren behutsam in einem immens weiten, weitgehend leeren Raum und sind doch nie abstrakt. Das eine Geheimnis der Attraktivität von musikalischem Minimalismus liegt im Dazu-Denken, dem Beim-Hören-Miterfinden des menschlichen Gehirns. Ein anderes, verwandtes, aber weitgehend unerforschtes Phänomen in Stasiws Klängen.
Dreimal alles, bitte! (1) Das circa 15. Album des ostwestfälischen Berliner Cellisten und Elektronikers Tobias Vethake alias Sicker Man geht quer durch Genres und musikalische Haltungen. Vethakes Spökenkieker (Blankrecords, 13. Februar) ist so etwas wie der originale Hauntologe, einer, der die Geister der Vergangenheit sieht und die Sünden und Geheimnisse des nicht mehr original oder originell Verfügbaren zwar nicht wiederbeleben, aber doch immerhin noch erspüren kann. So flattert dieser ganz spezielle gespenstische Kulturarchäologe durch klassische Electronica, Glitch, orchestralen Jazz, Neoklassik und Trip-Hop mit delikaten Toppings aus Kraut-Psychedelik, Prog-Rock und Filmmusiken der Sechziger, Siebziger und Achtziger. Also ziemlich viel und ziemlich gut, weil keineswegs beliebig oder Retro-zitativ, sondern mit Respekt für das, was nicht vergessen werden sollte.
Dreimal alles, bitte! (2) Und ein Sträußchen Flowers (South of North, 13. Februar) dazu! Elizabeth Davis liefert und serviert avancierte Plunderphonics, Sample- und Collage-Elektronik alter Schule mit neuen Mitteln, will sagen: Elektroakustik und Post-Industrial mit hochauflösenden Beats in aktueller Technik, mit generativen Algorithmen, Granularsynthese und vielen anderen schicken digitalen Kniffen. Schon mit dem Alias Wilted Woman stand Davis für eine Bedroom-Producer- und DIY-Alternative zu akademischen oder anderweitig subventionierten Spielarten experimenteller Sound Art. Ihre Stücke spielen eben nie in kompositorischen Elfenbeintürmen, sondern tief im RL-Space, im echten Leben, in der auch akustisch schmutzigen wie rauen Realität.
Die kalifornische Dozentin, Komponistin und Avantgarde-Flötistin Rachel Beetz bespielt zahlreiche musikalische Felder. So agiert sie in mehreren Ensembles als Interpretin zeitgenössischer Klassik. Etwa beim Kollektiv Wild Up aus Los Angeles, das sich in den vergangenen fünf Jahren vor allem um die energetische Interpretation der Kompositionen Julius Eastmans verdient gemacht hat – und damit um dessen Wiederentdeckung oder besser Überhaupt-erst-Entdeckung als zentraler Akteur der Spätmoderne. Auf ihrem jüngsten Solowerk nimmt Beetz allerdings eine andere Abzweigung der Musikmoderne: Tone Keepers (Outside Time, 6. Februar) besteht aus vier elektroakustischen Kompositionen, in denen die Querflöte in einem minimalen Setup mit Klangschalen als Quellmaterial elektronischer Musik dient. Es sind freie Experimente des Indirekten, der Möglichkeiten, die neben dem eigentlichen Instrumentenklang liegen, die durch clevere Mikrofonierung, behutsame klangliche Bearbeitung und avanciertes Ausprobieren in scharf geschnittene Glitches und Loops, Feedback und Drones finden – quasi-elektronische Tracks, die unmittelbar einleuchten.
In bestimmten Teilen der Welt steht der Monat Februar für Karneval, Mardi Gras, Fasching und ähnlich Traditionelles, Grenzüberschreitendes. Für Marc Riordan und Jon Leland von den amerikanischen Psychedelik-Rockern Sun Araw dient die Saison-Session als kreatives Ventil für eine im Hauptprojekt offenbar nicht so richtig auslebbare Hibbeligkeit. Als Möglichkeit, eine obskure, aber reale Liebe für den Ragtime von Scott Joplin in niedrigauflösende Elektronik zu gießen. Als Ragger unterziehen sie Joplins Originale auf Euphonic Sounds (Hausu Mountain, 10. Februar) einer radikalen 8-Bit-Chip-Tune-Behandlung. Joplins notorische Überohrwürmer „The Entertainer” und „Maple Leaf Rag” fehlen, was dem Flow des Albums allerdings eher nützt als schadet. So wird jeder Ansatz von Achtziger-Kinderzimmer-Nostalgie – am Atari sitzen und Boulder Dash zocken, während der große Bruder auf dem Röhrenfarbfernseher die alljährliche Wiederholung von Der Clou zelebriert – subtil unterlaufen. Vielmehr ist es eine ehrliche, tief gefühlte Hommage an den Komponisten Joplin, an die Synthesizervirtuosin Wendy Carlos und nicht zuletzt an die Visionen der Pioniere der japanischen Games-Komposition wie Kōji Kondō oder Hirokazu „Hip” Tanaka.