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Motherboard: Februar 2026

Ein neues Album von Sascha Ring als Apparat ist selbstredend ein Ereignis, das weit über diese Kolumne hinauswirkt. Dennoch gehört A Hum Of Maybe (Mute, 20. Februar) nativ hier hinein. Weil Apparat eben noch immer eine unverwechselbare Mischung abgibt, die Stile und Zeiten, Stimmungen und musikalische Mittel überlagert und ineinander stellt. Von elegischen Pop-Songs, melancholischem Ambient, kleinen Glitch-Experimenten und feinen Beats bis hin zu grandiosen orchestralen Arrangements und raumfüllendem digitalen Noise. Jederzeit unverkennbar Apparat.

Kann es schon 20 Jahre her sein, dass Nathan Fake mit einem, wenn nicht dem definitiven Album auf James Holdens Label Border Community debütierte? Drowning In A Sea Of Love war alles, was Minimal Techno damals nicht war – üppig, aufwendig, hippiesk, rural und Shoegaze-affin –, und passte doch perfekt in die Zeit und den Sound der mittleren Noughties. In der mittlerweile verstrichenen Zeit wurde der Sound des Producers aus dem ländlichen nordost-britischen Norfolk (wo er heute noch lebt und arbeitet) durchaus noch handfester und tooliger, behielt aber immer ein wenig den forcierten Eigenbrötler-Status von einem, der nicht für die Peaktime, nicht für Großraum und Stadion produziert, aber da im Zweifelsfall doch reinpassen würde, nicht zuletzt als Kontrast zum konformistischen Sound der Zeit. Mittlerweile bei Infiné gelandet, nimmt Nathan Fake auf Evaporator (Infiné, 20. Februar) noch eine andere Abbiegung hin zu einer Daytime Music, was meint: hin zu fluffiger Electronica, Wohnzimmer-Techno mit ambienten Flächen und einer leichten Shoegaze-Melancholie, aber dann doch immer wieder mit Pads und ähnlichen Euphorieboostern. Keine radikale Neuorientierung also, sondern graduelle Verschönerung und Verbesserung, die manchmal wiederum verblüffend ähnlich klingt wie das Debüt – und im Kontext heutiger Hörweisen von Techno eben doch wieder ziemlich weit draußen und unzeitgemäß, also toll eigen wirkt, wie schon ganz zu Beginn.

Der Kölner Michael Springer ist als Produzent und Toningenieur lokal, als Radiomacher und Musiker unter dem Alias Phanton allerdings global aktiv, mit einer besonderen Direktverbindung nach Afrika. Das Remixalbum In Exo RMX (Phanton, 31. Januar) – zu dessen Entstehung übrigens diese Kolumne einen klitzekleinen Beitrag leisten durfte – bleibt, was die bearbeitenden Producer angeht, weitgehend in Köln und Umgebung, zieht allerdings ebenfalls weiteste Kreise, was die Stile der Mixe angeht. Elektronische Tanzmusik meist, im mittleren bis unteren BPM-Bereich. Dub, House, Balearisches, auch Ambient, Drone und Techno spielen mit. Für alle, die wie ich das Stück „KingKangKongKonko” viel zu kurz fanden, macht ein toller Edit von „82J6” alles richtig. Mit einer Prise Stranger Things, eingeschmuggelt von Groove-Technik-Kollege Numinos unter seinem House-Alias Sonimun, reist das Stück sogar nach Japan, in eine trocken groovende Far-East-Recordings-Hommage.

„Whirm” ist ein Kunstwort, ein Hybrid aus Whirr und Whim, aus spontaner Laune, Schwirren und Dröhnen. Die beiden Londoner Producer Will Hofbauer & Sangre Voss haben den Begriff für ihre kollaborativen Tracks und ein eigens dazu gegründetes Label erfunden, um ihrer abstrakten Beat-Electronica eine Heimatstadt und ein angemessen schwankendes Fundament zu geben. Das Debütalbum whirm (whirm, 13. Februar) exploriert die halb-geraden Rhythmen von UK Bass und Dubstep in ungeahnte Weiten, beugt Raum und Zeit, um ja nie irgendwo konkret ankommen zu müssen. Um ein ausgeleiertes Bild zu bemühen, das hier passt wie selten: Abfahrt mit angezogener Handbremse. Und die ist selbstredend großartig und groovt in aller forcierten Abseitigkeit enorm.

Ist es ein akuter Fall von avanciertem Cross-Branding und Synergie-Marketing? Spielt keine Rolle in diesem Fall, das Ergebnis spricht für sich: Die in so ziemlich jeder Hinsicht High-End-Verbindung des kanadischen Electro-Techno-Duos Solitary Dancer (bekannt etwa von Kollaborationen mit Marie Davidson und Ziúr) mit dem Musikableger des Sportswear-Labels Y-3 von Adidas und Yohji Yamamoto ermöglichte die Aufführung einer Performance der Berliner Choreografin Kianí del Valle, die wiederum, in einer Y-3-Modenschau praktisch angewandt und anschließend als Videokunst dokumentiert, schlussendlich zu SDIII (Y-3000, 24. Februar) wurde: ein Sechsfach-Vinyl-Box-Set der Musik zur Tanzperformance, das von intensiv kinetischen Videos begleitet die Breite und Tiefe topmoderner Ambient-Electronica mit und öfter ohne Beats abfährt.

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