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GROOVE Reviews: Die Alben im Januar 2026

Die Mixe des Monats aus dem Januar findet ihr hier, die Compilations hier.

Anthony Rother – Exit Utopia (3mulator Boy)

Anthony Rother gehört zu jener zweiten Electro-futuristischen Welle der späten Neunziger, die Maschinenfunk nicht als Retro, sondern als Fortschritt verstand. Neben Carl Finlow, I-F, Le Car oder Underground Resistance formulierte er eine Sprache, in der kühle Präzision und körperlicher Druck kein Widerspruch waren. EXIT UTOPIA knüpft genau hier an.

Schon die ersten Takte machen klar: Rother hat nichts entschärft. Im Gegenteil. Die Klänge sind härter, die Strukturen klarer, die Dramaturgie strenger. Die Stücke sind von einer rauen, industriell schimmernden Textur durchzogen, die sich wie ein Firnis über den Groove legt. EBM-geschärfter Electro, auf Gegenwart getunt, kompromisslos im Ton, diszipliniert im Arrangement. Formal bewegt sich das Album souverän zwischen geradlinigem Four-to-the-Floor, Technobeat-Puls und klassischem Electro.

Der Opener „Escape Reality” formuliert das Programm unmissverständlich: sakrale Orgelklänge, binäre Sprachfragmente, eine Stimme, die weniger erzählt als instruiert. „Manitou” wirkt ballistisch und roh, während „Slave To The Machine” mit wärmeren Flächen arbeitet, ohne seine disziplinierende Strenge aufzugeben. „Layers of Emotions” macht seinem Namen alle Ehre. Der Track durchläuft unterschiedliche Zustände: euphorisierend, treibend, aufsteigend, scheinbar endlos schwebend. Dann der Break – ein Vocal in Dauerschleife, die Harmonie kippt, Spannung entsteht. Doch auch das ist kein Stillstand. Mit einer durchgeschlagenen Drum geht es weiter. Ähnlich zwingend wirkt „If Your World Goes Down”. Der Titel mag Fatalismus suggerieren, doch musikalisch ist das Gegenteil der Fall: Nein, wir wollen nicht untergehen, wir wollen tanzen. Eine böse, modulierte Bassline entwickelt eine eigene Stimme, einzigartig und charakterstark. Eingängige Melodiefragmente, eine Vocoder-Stimme mit Kraftwerk-DNA und schwebende Drone-Sounds treffen aufeinander – Musik für tanzende Robots und Humans. „The Voice of Silence” überzeugt mit einem digi-walzenden Groove, der Spannung aus Reduktion zieht. Und dann, fast lapidar, aber mit umso größerer Wirkung: der letzte Track der LP, „God Machine”. Der Titel sagt schon alles. Treibend, schwebend, mit einer unglaublich eingängigen Melodie, irgendwo zwischen Kraftwerk, House und souliger Offenheit. Tanzbar, warm. Die Referenzen bleiben klar lesbar: klassischer EBM, europäischer Technobeat und früher Machine-Funk. Liron Klangwart

Fred P – Calling in a Place for Us (Private Society)

Welche Musik wann zu einem spricht, ist erfahrungsgemäß eine Sache, die sich nicht ausschließlich ästhetisch begründen lässt. Manche Klänge schwingen in bestimmten Augenblicken vielmehr in einem günstigen Verhältnis zur eigenen Befindlichkeit, mag es das Bedürfnis nach Trost, Geborgenheit oder einem Ventil für Wut sein. Die House-Produktionen von Fred Peterkin jedoch rühren irgendwie an etwas, das über die tagesaktuelle Verfassung hinausgeht. Man kann sich praktisch immer in seinen schnörkellos gebauten Tracks zu Hause fühlen. Sie scheinen die eigenen Stimmungen eher zuzulassen, als dass sie bestimmte Affekte vorgeben würden, egal ob Freude, Trauer oder Zorn. Man landet stets bei etwas, das dem Körper Raum gibt, sich dazu frei zu verhalten, vulgo zu tanzen. Dass der in Berlin lebende Fred P für die neun Nummern auf Calling in a Place for Us auf vier Stücke zurückgegriffen hat, die er vor neun Jahren in Kapstadt schrieb, ohne diese groß zu verändern, hört man dem Ergebnis nicht an. Keine unpassenden Brüche, vielmehr pulst in seiner Musik etwas Zeitloses, das sie einfach deep sein lässt, ohne Fragen nach oldschool oder hottest whatever aufzuwerfen. Sie fangen an, hören gern abrupt auf, „Magic Cactus” endet sogar mit ein paar Minuten digitaler Stille, und all das ist okay. Ein Statement für den global underground, was sich bei ihm, mit seiner Musik im Leib, keinesfalls wie eine Phrase anhört. Tim Caspar Boehme

Marco Maldarella – Silent Logic (Omen Wapta)

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Ein schöner kleiner Grundsatz, der heute gern mal in Vergessenheit gerät. Denn geredet wird viel: im Instagram-Livestream, auf der Weltklimakonferenz. Irgendwer reißt immer das Wort an sich. Weil: Stille ist irgendwie unangenehm, und das gilt nicht nur für erste Hinge-Dates. Irgendwann sickert sie aber durch, die schmerzhafte Erkenntnis: Eigentlich bleibt trotzdem alles gleich: sei es der eigene Humor oder die Essensqualität der Bürokantine. Das Leben besteht aus notwendigen Konstanten, die man wahllos hin- und herschiebt, währenddessen man sich Spontaneität vorgaukelt. Schließlich können wir ja nicht alle so flexibel sein wie der Benzinpreis bei Aral.

Jemand, der diese Dualität offensichtlich durchdrungen hat, ist Marco Maldarella. Mit seiner neuen Veröffentlichung auf Omen Wapta geht er einen Schritt weiter als zuvor: Rhythmische Elemente werden noch konsequenter dekonstruiert und unter klanglichen Texturen von organischer Subtilität beinahe verborgen. Hier fließt eins ins andere, Soundflächen sind in ständiger Bewegung und Genre-Begrenzungen zerfließen vor den eigenen Ohren. Versucht man doch, einzelne Elemente zu benennen, bietet sich ein breites Spektrum an kontemporärer experimenteller Bass-Music-Rhythmik: rekursiv-expandierende Techno-Loops und Breakbeats, die sich dynamisch aufladen und plötzlich wieder auflösen. Flächig-ausgebreitete Dubstep-Segmente mit wabernden Low-End-Frequenzen sowie gelegentliche Abstecher in psychedelische Ambient-Jungle-Gefilde. Alles eingebettet in einen zugleich drückenden wie fluoreszierenden Klangteppich, der die Linie zwischen Abstraktion und Funktionalität verwischt. Kontextualisierung durch Dekontextualisierung, Nähe durch Entfremdung und Kontinuität durch Formlosigkeit. Um es mit Hegel zu sagen: These-Antithese-Synthese, oder: Gegensätze ziehen sich an. Jakob Senger

Mark Williams – The Future That Created My Past (FURTHER)

Im post-pandemischen Exzess erfreute sich Hardgroove besonders großer Beliebtheit. Der Autor dieser Zeilen erlebte das Revival vor drei Jahren hautnah während eines DJ-Heartstring-Sets in der Londoner fabric. Acts wie Isaiah pressten das insbesondere von Ben Sims Ende der Neunziger popularisierte Genre in ein digitales, druckvolles Korsett. Ein Name, der in der Genese des Stils oftmals übersehen wird, ist Mark Williams. Seit den Achtzigern als DJ und Producer aktiv, war der Brite einer der Ersten, die das charakteristische Zusammenspiel aus funkigen Drum-Loops und knapp geschnittenen, repetitiven Vocal-Chops kultivierten. Diesem Erbe trägt er nun mit dem über zweistündigen Album The Future That Created My Past Rechnung, das auf DJ Bones Label FURTHER erscheint.

Über zwei Stunden? 21 Tracks? Das mutet eher an wie eine Compilation, der gigantische Umfang birgt im Dance-Music-Sektor dramaturgische Fallstricke. Im Opener „Dawn” erklingt unter einem kristallklaren Pad das altbekannte nervöse Drumming, das Hardgroove, unliebsam auch als Tribal Techno bezeichnet, seine Rastlosigkeit gibt. Jene intensive, doch spielerische Wucht, die dunkelschwarze Techno-Ästhetiken umschifft. Umso mehr überrascht, was in Track Nummer zwei passiert: Kein Dammbruch, dem 120 Minuten Engtanz mit sich selbst folgen, sondern der melancholische Sonnenuntergangs-Song-Track „Misunderstood” mit Kollaborateur Matthew Nicholls. Mit den Vocals verschränken sich Oldschool-House-Tropen wie Pfeifen à la Frankie Knuckles oder ausgestellte, lange Chords wie von Larry Heard, darunter rumort gezähmter Hardgroove. Das zeigt: Das Subgenre kann auch Radio, seine wirkliche Bestimmung offenbart sich aber ab Anspielstation Nummer drei. Völlig unvermittelt schließt „1988 (The Next Level)” an, das tiefgängige House-Chords, wie sie auch von Pépé Bradock stammen könnten, auf einem massigen Unterbau platziert. Kontinuierliche Variationen im Beatschema und unablässig raschelnde Shaker machen noch lebendiger, was vor Agilität ohnehin schon überquillt. Später im Album, das man mit wachsender Dauer nun wirklich lieber als Compilation bezeichnen möchte, präsentiert Williams seine musikalische Idee noch in allerlei Gewändern, kombiniert Perkussion stilvoll und intelligent mit ephemeren Vocal-Hooks, wie es Philip Bader seinerzeit in einer weißgewaschenen Version versuchte. Packt auf „Old Time Feelings” die Nostalgie-Peitsche aus und groovt dennoch zeitgemäß. Schlägt auf „Edit 446” ernste Peaktime-Töne an, die Hardgroove in den Keller schicken. Oder preist auf dem Tool „Shades of 2003” die Hochzeiten dieses Stils, dessen Saftigkeit noch mehr als bei anderen elektronischen Tanzmusiken in der Repetition liegt.

Die Tracks beginnen ohne Schnickschnack mitten im Groove und klappern wie von Zauberhand zusammengehaltene Jenga-Türme, die sich horizontal durch den Raum winden und mal ein Versatzstück verlieren, in der nächsten Sekunde einen kreativen Melodielauf hinzugewinnen. Wenn das nächste Hardgroove-Revival kommt, dann doch bitte so. Maximilian Fritz

MoMa Ready – BODY 25 (Self-released)

Seit 2022 veröffentlicht der New Yorker Künstler Wyatt D. Stevens die BODY-Reihe als jährlichen Output seines MoMa Ready. In der aktuellen Version sind das ganze 20 Tracks, die für einen als angemessen empfundenen Betrag auf Bandcamp erworben werden können. Darin findet sich Stevens’ nordamerikanisch geprägtes Verständnis von Techno und House als Weiterentwicklung von Soul. Aus einer Musikerfamilie mit Gospelhintergrund stammend, benutzt der in der Bronx aufgewachsene Künstler warme Pads oder Synth-Stabs und analog-rund bouncende Basslines, um ein an Jazz und Hip Hop orientiertes Klangbild wiederzugeben, mit dem er sich als schwarzer Künstler identifiziert, der die klassische Schule von Breakdance, Graffiti und Kirche durchlaufen hat. Dass die zweite Albumhälfte mühelos von House-Rhythmen zu Jungle und Breaks wechselt, ist ein Beweis für die Vielseitigkeit dieses noch jungen Ausnahmekünstlers. Leopold Hutter

Move D – Downtime (Source)

David Moufang ist nicht bekannt für schnelle Musik. Umso schöner ist es, dass es nun diese Compilations mit dezidiert entschleunigten Tracks von ihm gibt, auf denen er den wie auch immer gearteten Dancefloor in den Hintergrund treten lässt und stattdessen das betont, was seine Dancefloor-Tracks immer ausgemacht hat und bis heute ausmacht: Sound. Musicianship, wenn man möchte, im ganz traditionellen Sinn. Klang, Räume, Staffelungen – Miniaturen an der Grenze zwischen Elektronik, Mood und akustischen Instrumenten. Diese Kategorisierungen sind – wie immer bei Move D – nur als unscharfe Größe zu verstehen, als grobe Orientierungshilfe. Denn natürlich pulsen die zwölf Tracks in ihrem ganz eigenen Groove mit voller, wenn auch mitunter kaschierter Dringlichkeit.

„Sateq” zum Beispiel – mit fünf Minuten viel zu kurz in seiner offenherzigen Entwaffnung – schimmert und plockert unvergleichlich, schippert in unerreichter Melancholie über die stille See der Hoffnung und passt mit angetäuschtem Four-to-the-Floor-Duktus wie ein Eimer Love zur  Erinnerung an die peakigste Peaktime ever. Schön war’s. „Downtime” dokumentiert die Seite von David Moufang, die im Club gern vergessen wird, weil sie schlichtweg keine Rolle spielt. Und doch definiert sie seinen Sound. Move D ist ein DJ, der am Wochenende Platten auflegt und sonst ein Musiker ist, der keine Grenzen kennt. Das war schon immer so. Und bedarf keiner weiteren Erklärung. Es ist gut, dass es diese Seite des Produzenten nun komprimiert auf einer Compilation gibt. Denn ohne diese Tracks gäbe es den Signature-Sound des DJs nicht. Thaddeus Herrmann

Samuel Kerridge – Memoir Of Disintegration (Blueprint)

Eins Zwos Verdikt, wonach Hip-Hop wie Pizza sei, gilt für die meisten Sounds jugendlicher Subkulturen seit dem Wandervogel: „Auch schlecht noch recht beliebt.” Und damit auch für House und Breakbeat. Und es gilt ebenso für dystopischen, mit Industrial-Sounds beschwerten Techno. Bloß einem können wir keinen Vorwurf mangelnder Qualität oder ausbleibender Kicks machen: Samuel Kerridge. Der in Berlin lebende Brite hat seine Nervenzusammenbruchsästhetik mit dem Label und der gleichnamigen Partyreihe Contort fühlbar gemacht, außerdem mit der Gestaltung des Festivals Berlin Atonal.

Außerdem veröffentlicht Kerridge emsig, und das seit gut zehn Jahren. Vor allem auf Downwards und Blueprint, und auf letztgenanntem Label erscheint nun Memoir Of Disintegration. Der Titel beschreibt die Härte der Kerridge-Sounds und ist gleichzeitig eine Referenz auf David Wojnarowicz’ queeren Buchklassiker Close To the Knives – A Memoir Of Disintegration. In Kerridges Track „Close To The Knife” zickt es und zackt es hart, als würden sich riesige Elektromagneten an- und abstoßen. 

Überhaupt gilt: Es ist klar, was zu erwarten ist. Es klingt auch so, nur anders. Es ist, wie ein vielgelesenes Buch erneut zu lesen und zu verstehen, obwohl es diesmal in einem ganz neuen Alphabet geschrieben ist. „Fracture Clinic”: So möchte bitte keine mögliche Zukunft aussehen, komme sie auch auf dreifach verdrehten Breakbeats daher, während „Tiddlers Late” mit Schiffshupen-Bässen einen erfreulich offenen Raum auslegt. Generell überwiegt das Be- bis Erdrückende: Überlegungen zur Verrücktheit, das Zischen von Flüssigmetall in „Inverse Function” und die Suche nach dem Ausgang aus einem mehrfach verschlossenen Raum in „Panic Attack”. Hoffentlich wieder recht beliebt, denn furchtbar gut. Christoph Braun

Shackleton – Euphoria Bound (AD 93)

Eine Platte, die sich wie eine Lawine ergießt, schier ertrinken lässt in einer Flut ungeahnter Töne nur scheinbar organischer Natur. Eine düstere Nocturne von Musik, in zehn Tracks strukturiert, die jedoch wie ein einziger großer Schwall an Lauten erscheinen. Die in nächtlicher Finsternis begraben, hindurchspülen durch ein ungeahntes Reich paganer Herkunft, in dem sich abstruse Rituale eines ursprünglichen Spiritismus zu entfalten scheinen. Verwaschene, entkörperlichte Stimmen menschlichen Ursprungs hüllen ein, beruhigen den Geist in der Dunkelheit, indem sie in fremden Zungen samten in die Gehörgänge dringen, von Gottheiten singen, deren Namen man weder kennt noch zu verstehen vermag.

Und dann ist da noch, nicht zu vergessen, der Rhythmus. Ein rollender Rhythmus, der ganz sanft, aber bestimmt mitnimmt. Denn das ist auch Musik zum Tanzen, wenn auch eher in einer archaisch-rituellen Weise: in diesem Sinne letztlich natürlich pure Trance-Musik in vollkommener Reinheit. Wurde Shackleton früher oft und nicht unbedingt zu Recht gerne in den Topf der Neo-Krautmusik geworfen, ist er auf diesem Album, das wie ein auraler Pilztrip im feuchten Tiefland-Moor wirkt, ganz woanders angekommen. Viel näher nämlich an der prä-kolumbianischen Ritualmusik eines Jorge Reyes als am zackengeraden teutonischen Motorbeat von Can, Neu und Co.

Ein psychedelisches Meisterwerk, nach dessen Genuss man diesen wild wuchernden Wald elektronischer Klänge, die zu keiner Sekunde nach Elektrizität klingen, auf eine seltsam befriedigende Art reingewaschen verlässt. Heidnische Therapie sozusagen, für die Ohren wie den Geist. Tim Lorenz

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