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Techno-Klassiker: 10 Tracks aus den Nuller- und Zehnerjahren, die die Gegenwart prägen

2005 bis 2015 – eine Dekade, in der sich im Techno-Universum viel bewegt, gewandelt und neu orientiert hat. Eine kreative und stilprägende Ära: Alte Subgenres wurden wiederbelebt, neue entstanden, andere wiederum wurden im Club geschliffen.

Von Berlins hypnotischen Grooves bis hin zur härteren Industrial-Fraktion präsentiert diese Auswahl zehn Wegweiser, die zu zeitlosen Klassikern oder Eckpfeilern ihres jeweiligen Techno-Subgenres geworden sind.

Zusammengestellt von GROOVE-Autor Jacob Runge, repräsentiert jeder Track auf dieser Liste eine Haltung, die den Sound und die Energie der elektronischen Musik nachhaltig geprägt hat.

Anmerkung: Uns ist bewusst, dass neun dieser zehn Tracks von männlichen Acts stammen. Die Liste erstreckt sich über einen Zeitraum, in dem das Geschlechterverhältnis, insbesondere im Techno, noch deutlich unausgeglichener ausfiel als heute.

Ben Klock & Marcel Dettmann – Dawning (Ostgut Ton, 2006)

Fangen wir gleich mit zwei Gesichtern an, die aus der Techno-Szene nicht mehr wegzudenken sind – Ben Klock und Marcel Dettmann. Seit der Eröffnung 2004 sind sie Residents des Berghain. Die minimalistischen Synths im Hintergrund und das wiederkehrende Aufblitzen der Bleeps machten „Dawning” mitunter zum Startpunkt für die Entwicklung des später typischen Berghain-Sounds – hypnotisch, deep, minimalistisch. So begannen auch die Karrieren beider DJs, die zunehmend globale Botschafter des Clubs wurden. Zusammen mit „Dead Man Watches The Clock” erschien der Track 2006 über Ostgut Ton, das seit letztem Jahr wieder aktive In-House-Label des Berghain.

James Ruskin & Mark Broom – Hostage (Blueprint Records, 2010)

„Hostage” ist eine Koproduktion des langjährigen Tresor-Residents James Ruskin und von Hardgroove-Legende Mark Broom. Es gibt zwar auch hier eine alternative Version, den „Live Edit”, diese fängt aber den treibenden Charakter des Originals nicht adäquat ein. 2010 wurde „Hostage” auf der EP No Time Soon auf Blueprint, Ruskins Label, veröffentlicht. Zu einer Zeit, als sich Techno an einem Wendepunkt zwischen Kontinuität und Erneuerung befand. Label-Gefährten wie Ostgut Ton oder Token mahlten weiter die puristischen, deepen Techno-Mühlen. Im Gegensatz dazu genossen die Subgenres EBM und Industrial-Techno einen Aufschwung und gewannen immer mehr an Beliebtheit. Acts wie Silent Servant, Schwefelgelb oder auch Industrial-Sternchen Dax J bekamen zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Die neue Generation brauchte es roh und düster. Gleichzeitig entstand mit „Hostage” ein zeitloser Techno-Klassiker.

Function – Variance 1 (Sandwell District, 2010)

Ab 2010 gewann der rohe, industrielle Sound zunehmend an Bedeutung. Er nahm Einfluss auf den bislang eher minimalistischen, deepen Stil. In diesem Zusammenhang lassen sich Tracks wie Mike ParkersSubterranean Liquid” nennen. Die Basslines tiefer, die Soundatmosphäre kühler. Labels wie Sandwell District gelten als Vorreiter dieses neuen Subgenres. Mit Functions „Variance 1” markierte einen Meilenstein, an dem sich Tracks wie „Waterfall” von Rrose oder „Gol” von Donato Dozzy orientierten. Das tiefe, wiederkehrende Brummen bildet das klangliche Rückgrat und zieht sich durch das gesamte Stück. Bin ich im neuen Dune-Trailer? So oder so ähnlich fühlt sich das erste Viertel an. Die Brücke zum herkömmlichen Techno bilden bekannte Bleep-Töne und schaffen eine hypnotische Spannung, typisch für eine Sandwell-District-Produktion.

Rødhåd – Newspeak (Dystopian, 2012)

Rødhåd, ein Fels in der Techno-Brandung. „Newspeak” brachte den Stein seiner Produzenten- und DJ-Laufbahn ins Rollen. Stilistisch kommt es Robert Hoods minimalistischem Brecher „Rhythm of Vision” nahe, erzeugt aber durch seinen düster angehauchten, hypnotischen Sound mit tiefer Bassline einen ganz eigenen, THC-induzierten Kosmos. 1984 war die erste EP auf dem von Rødhåd und zwei Weggefährten gegründeten Label Dystopian. Der Titel, inspiriert von George Orwells gleichnamigem Roman, spiegelt dessen dystopische Themen wider. Er ist ein fabelhaftes Beispiel für Rødhåds Fähigkeit, komplexe Rhythmen mit minimalistischer Struktur kraftvoll wiederzugeben. Ein Sound, an dem der Berliner auch heute noch feilt und so heranwachsende Produzent:innen inspiriert.

2023 erschien „Newspeak” auf der Compilation REVISITED – WSNWGBTZ009 wieder, einmal als Remix von Anika Kunst und einmal als 2023-Edit von Rødhåd selbst. Veröffentlicht wurde die Compilation auf seinem 2018 gegründeten Label WSNWG, nachdem Dystopian 2023 eingestellt wurde.

Ben Sims – Gently Drifting (Theory Recordings, 2012)

2012, eine Zeit, in der der klassische Hardgroove der frühen Nullerjahre etwas in den Hintergrund rückte. Durch Tracks wie „Gently Drifting” blühte das Subgenre wieder auf und gewann für die künftige DJ-Generation an Attraktivität. Die DNA blieb erhalten: Groove-basierte Loops, gemischt mit Funk- und Soul-Elementen. Ben Sims kombinierte diese Charakterzüge mit modernem, deeperen Techno. DJs wie Alarico oder Chlär legen regelmäßig Tracks des britischen Hardgroove-Meisters auf, darunter auch „Gently Drifting”. Das beruht auf Gegenseitigkeit: Auch Sims spielt oft Tracks des Duos. Ab den späten Neunzigern war der Brite federführend darin, den Sound des Genres zu definieren – mit Veröffentlichungen auf seinen Labels Theory, Hardgroove und Symbolism. Heute, wo Techno Social-Media-bedingt schneller und härter wird, erfährt Hardgroove wieder neuen Aufschwung. Dafür mitverantwortlich ist unter anderem „Gently Drifting”: Viele aktuelle Produktionen weisen ähnliche Strukturen auf: Eine Betonung auf Rhythmus und Groove, kombiniert mit minimalen melodischen Elementen.

Rebekah – Who Poisoned Ivy? (Coincidence Records, 2012]

„Who Poisoned Ivy?” – ja, wer eigentlich? Auch wenn die allgemeingültige Antwort wohl für immer offen bleibt, hat die Industrial-Techno-Szene mit diesem Track definitiv eine bekommen. Zu der Zeit entwickelte sich ein roher Sound – metallische Texturen und düstere Atmosphären. Mit „Who Poisoned Ivy?” bekam er eine Stimme. Der Track war kein kommerzieller Hit, sondern ein stiller Parasit, der zu mehr Aufmerksamkeit für diese Sub-Szene im allgemeinen Techno-Universum führte.

Er kombiniert klassische Techno-Strukturen mit rauen, kratzigen Texturen. Zu dieser Zeit orientierten sich Teile der Technokultur um, wandten sich vom minimalistischen Stil ab und füllten ihre Klangbilder mit düsteren, kühleren Elementen, wie auf Labels wie Perc Trax, Stroboscopic Artefacts oder Sandwell District der Fall. Später wurde genau das für viele Producer zur Blaupause.

Pfirter – Ahora (Dimi Angélis & Jeroen Search Remix) (MindTrip, 2013)

Gib es doch zu: Schon nach dem ersten Loop wippt der Fuß mit – du kannst gar nicht anders. Jeroen Search, bekannt für seine Produktionen mit kurzen Bleep-Loops, erschuf zusammen mit Dimi Angélis einen Track für die Dauerschleife, diesen Remix von Pfirters „Ahora”. Beide ähneln sich nur in ihren Drum-Patterns, ansonsten baut sich die Version von Search und Angélis mit ihrer hypnotischen Melodie eine eigene Welt auf. Begonnen hat die musikalische Partnerschaft der beiden bereits 2000. Einander vorgestellt wurden sie von Steve Rachmad alias Sterac, einer der prägenden Figuren der holländischen Techno-Szene der Neunziger. Ende 2003 riefen sie das Label Counterpart ins Leben, veröffentlichten über ein Jahrzehnt hinweg gemeinsam Tracks und traten live auf. 2016 beendeten sie die Zusammenarbeit und gehen seitdem getrennte Wege. Zuletzt erschien 2020 eine Zusammenstellung zuvor veröffentlichter oder unveröffentlichter Tracks. Dennoch sind ihre Produktionen, ob einzeln oder als Duo, bis heute wegweisend und aktuell im Gegenwarts-Techno. Die Tracks sind klar strukturiert und erzeugen mit ihren minimalistischen, subtil changierenden Loops eine hypnotische Wirkung. Rødhåd, DVS1, Setaoc Mass, Oscar Mulero, Peter van Hoesen, Kr!z und viele weitere zehren von diesem Stil in ihren Sets.

Oscar Mulero – Spring (Semantica, 2013)

Apropos: Oscar Mulero ist ein Name, der hier auf keinen Fall fehlen darf. Er prägt den spanischen Techno wie kein anderer und war der erste Iberer, der in den Neunzigern auf der Mayday spielte. Ab 2000 produzierte er einen unüberschaubaren Katalog, oft für seine Labels Warm Up und PoleGroup. „Spring” spiegelt dabei gut den klanglichen Charakter des Spaniers wider: schneidende Hi-Hats im Vordergrund, gepaart mit einem wummernden, etwas düsteren Rhythmus, der immer weiter in seinen Bann zieht. Die Philosophie dahinter: Kontinuität, hypnotisches Fließen und komplexe Strukturen, die behutsam verändert werden. Keine spektakulären Drops. Muleros dichter Sound formt Atmosphären, die minimalistisch und zugleich detailreich daherkommen. „Was auch immer um dich herum passiert, beeinflusst das, was du erschaffst. Es gibt eine Verbindung zwischen dem Erschaffen von etwas und deinen Emotionen”, sagt Mulero über seine Beziehung zu Musik, die nie abzureißen scheint.

DVS1 – Black Russian (Klockworks, 2014)

Klavierartige Schwingungen und ein Hauch von House – und doch ist es keiner. Nein, es ist der Sound eines Künstlers, der bis heute für seine klangliche Intelligenz bekannt ist – und zwar von DVS1, was für „Devious One” steht, zu Deutsch der „Hinterlistige”, „Verschlagene”. „Black Russian” beweist, dass sich Strenge und Wärme nicht ausschließen müssen. Der auf Klockworks erschienene Meilenstein überrascht mit seinem melodischen Einschlag – ein Impulsgeber für den funktional geprägten Berliner Techno-Sound. Er etablierte sich als leises Manifest der Szene und gab dem Techno-Werkzeugkasten ein neues Tool für lange Clubnächte. Seit Jahren kritisiert DVS1 strukturelle Probleme der Clubkultur – sei es Kommerzialisierung oder der Fakt, dass nicht mehr die Musik und das Publikum im Mittelpunkt stehen, sondern der DJ selbst. Mit seinem Projekt Wall Of Sound, seinem Label Hush und Tracks wie „Black Russian” setzte er aktive Zeichen gegen diesen Wandel.

Dax J – Protect the Prophecy (Monnom Black, 2015)

Mit „Protect the Prophecy” und dem dazugehörigen Album Shades of Black hat Dax J die Grenzen des Techno erweitert und einen neuen Standard für seine industrielle Spielart gesetzt. Härtere, düstere Klänge erfuhren durch ihn wieder mehr Aufmerksamkeit. Durch die Verschmelzung von Elementen anderer Subgenres wie Breakbeats und Acid hat er einen einzigartigen Sound geschaffen, an dem sich bis heute viele Produzenten und DJs orientieren. „Protect the Prophecy” ist dafür ein Paradebeispiel: Der Bass hat mehr Wumms, und die Hi-Hats sind nicht wie gewohnt Beiwerk, sondern mit der oft noisigen Melodie im Fokus. Zusätzlich hat der britische Künstler mit seinem Label Monnom Black einen Ort geschaffen, der zu einer der wichtigsten Drehscheiben für Industrial-Techno geworden ist. Labels wie die 44 Group nutzten diesen Einfluss und wandelten ihn zu einem eigenen, atzigeren Stil um.

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