Es ist zwar erst Januar, aber so viel ist sicher: Eine genialere Kombination inspirierter Musikerinnen als Julianna Barwick & Mary Lattimore wird es dieses Jahr schwerlich geben. Ihr gemeinsames Album unterläuft in keinem denkbaren Aspekt die immens hohen Erwartungen. Es ist genau die ersehnte Kombination aus Harfe und fließender Elektronik, mit üppiger Melodik und gelegentlichen aus dem Klanghintergrund auftauchenden und wieder mit ihm verschwimmenden Vocals. Ja, Perpetual Adoration (InFiné, 16. Januar) ist ein Album, das den haarfeinen Grat zwischen schwelgerischem Schönklang und neoklassischem Kitsch mit traumwandlerischer Sicherheit zu beschreiten weiß. Das macht ihnen so schnell niemand nach.
Die italienische Violinistin Silvia Tarozzi agiert erfreulich fluktuierend-schlingernd in ihren Veröffentlichungen. Von strenger freier Improvisation bis hin zu introvertiertem Folk-Pop (auf ihrem ersten und einzigen Soloalbum sowie jüngst mit der stilistisch ähnlich fluiden Deborah Walker) war bisher schon sehr viel möglich. Dass Tarozzis zweites Album Lucciole (Unseen Worlds, 12. Dezember 2025, LP und CD erscheinen im April) etwas ganz anderes versucht, war beinahe zu erwarten und überrascht doch positiv. Die Musik erinnert an italienische Folklore, an traditionelle Tänze, an die Musik dörflicher Volksfeste, hin und wieder sogar an die Schlager, die auf dem San-Remo-Festival circa 1987 doch nie liefen. Sie ist aber immer subtil anders und neu, eine erträumte Neo-Tradition, die durch die Hörerfahrung von Free Improv, Elektroakustik und Sound Art gegangen ist. Oder kurz gesagt: freie Popmusik, umarmend und lebensfroh.
Als die nicht weniger intellektuell versierte, aber tendenziell doch etwas hedonistischer agierende Hälfte des Ehepaar-Duos Matmos hat Drew Daniel mit seinem Dance-Projekt The Soft Pink Truth neben einer äußerst avancierten Produktion immer eine sehr große Freude an der Provokation aller homophoben Spießer, gerne mit ziemlich expliziten Bezügen zu schwulen Sexpraktiken. Das ist auf Can Such Delightful Times Go On Forever? (Thrill Jockey, 30. Januar), dem ungefähr siebten Soloalbum des Professors für englische Literatur an der renommierten Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, definitiv noch der Fall, allerdings sublimierter und subtiler als zuvor – und musikalisch noch üppiger und aufwendiger gestaltet. Statt schwer obskurer früher Elektronikpioniertaten waren hier nämlich mal die Soundtrackgrößen der Fünfziger bis Siebziger von Bernard Herrmann bis Ennio Morricone Vorbild und Soundquelle. Es dominieren akustische Instrumente – angeführt von Harfen und begleitet von Streichern, Xylophon und Bläsern – in Stücken, die gleichermaßen zu schmeichelndem Disco-House (vom Format her mindestens Daft Punk ebenbürtig) werden können, zu knarz-quietschend-hibbeliger Meta-Avantgarde der Fünfziger oder eben zu herzerweichender cinematisch-breitwandiger Pizzicato-Meta-Neoklassik. War ja klar, dass er auch das besser kann als fast alle anderen.
Ausgerechnet in Belgien, im damals verglichen mit London oder New York noch wenig metropolenhaften Brüssel, entstand Anfang der Achtziger in einem kurzen Herbst der Kreativität ein Kristallisationskern von Labels und Bands, die bis heute nachwirken. Ein eher kurzlebiger, global agierender lokaler Cluster, der den Sound von Post-Punk, New Wave, Industrial, No-Jazz und etwas, das später einmal Neoklassik heißen sollte, für immer verändern sollte. Melancholischer, introvertierter, aber auch eleganter und urbaner, ein Versprechen einer, wenn schon nicht mondänen, so doch immerhin weiten und weltoffenen Zukunft, die sich in Labels wie Les Disques Du Crépuscule oder Crammed Discs und Projekten wie Antena oder Soft Verdict manifestierte. Dictaphone, die nun auch schon 25 Jahre bestehende Brüssel-Berlin-Connection von Oliver Doerell und Roger Döring, hommagiert diese spezielle Zeit an diesem speziellen Ort auf angemessen moderne Weise, weniger als Kopie oder Retrofizierung denn als Dokument einer Aufbruchsstimmung zwischen der Melancholie des verschwindenden Alten und der kaum ohne Schmerzen auskommenden Euphorie der Brüche des Neuen. Nicht nur dadurch ist Dictaphones gewohnt minimale, jazzige Glitch-Electronica auf Unstable (Denovali, 28. Oktober 2025) ungewohnt moody geworden. Und doch ein wärmender Lichtstrahl in dunklen Zeiten.
Es ist mehr als Zufall, aber nicht weniger als glückliche Fügung, dass die Berliner Cellistin, Chanteuse und Vielfachkünstlerin Franziska Aigner alias FRANKIE und der in Los Angeles lebende Starproduzent und Motorrad-Enthusiast Kelman Duran bei einem Sound-Art-Projekt in einer Schöneberger Kirche aufeinande trafen und beschlossen, ein gemeinsames Projekt zu starten – vielleicht aus der gemeinsamen Vorliebe für den Sound von Rennmaschinen heraus. Ein Projekt jedenfalls, das knapp vier Jahre später zu McArthur (Kuboraum Editions, 30. Januar) kumulierte. Und das eben viel mehr wurde als die Summe zweier Klangobessionen. FRANKIE & Kelman Duran nehmen aus dem Trip-Hop der Neunziger die Melancholie und Gefühlstiefe, die Hallräume und Echokammern, die Langsamkeit und Dekonstruktion, nicht aber das espenlaubzittrig-kränkelnde Sounddesign, den mehltau-befallenen, mumpfigen Sound-Gilb. Sie bringen dafür etwas Kraftstrotzendes und Klares in das Genre, das allerdings durch einen offensichtlichen Schmerz gegangen ist, verbogen und wieder begradigt, beschädigt, aber dadurch noch schöner geworden ist als das Original. Musik gewordenes Kintsugi.