Im ersten Teil unseres Gesprächs mit DJ Hell ging es um sein neues Album Neoclash, um einige denkwürdige Nächte im München der 1980er Jahre und um die Kindheit und Jugend von Helmut Geier in der Gegend rund um das oberbayerische Traunstein. Nun steht unter anderem die Frage im Raum: Wie wurde aus einem musik- und modeverrückten Jugendlichen einer der ikonischen Techno-DJs, der eine ganze Reihe von Genres prägte?
Wie bist du in Traunstein überhaupt zum Auflegen gekommen?
Die Frage habe ich mir letztens auch gestellt. Mit 13, 14, 15 im Jugendzentrum, wo alle Flipper, Kicker oder Billard gespielt haben, war ich der DJ. Letztens hat mir wer erzählt, dass ich da schon aufgelegt habe, das hatte ich vergessen. Ich weiß bis heute nicht, warum ich damals nicht auch gekickert habe, ich hatte ja nur ein paar Platten. Mir ist wieder eingefallen, dass ich einen Song zehnmal hintereinander gespielt habe, Supermax – „Love Machine”. Das bedeutet auch, dass ich 2026 mein 50. DJ-Jubiläum feiern werde.
Wie haben die anderen darauf reagiert?
Die haben alle getanzt, die fanden das super. Es gab nur einen Plattenspieler und keinen Mixer. Das waren meine ersten Schritte als DJ. Mir ist bis heute nicht klar, warum ich mich nach vorne gedrängt habe, warum kein anderer gespielt hat.

Wie erklärst du dir das?
Ich weiß nicht, warum ich nominiert wurde. Ich habe schon ein paar Leute aus meinem Umfeld gefragt, aber ich habe noch keine hinreichende Antwort erhalten.
Hast du zu vielen aus dieser Zeit noch Kontakt?
Besonders zu denen in Bayern auf dem Land. Viele haben ein ganz normales Leben, haben Familie, Kinder, haben Häuser gebaut. Einige sind jetzt schon in Rente.
Denkst du manchmal darüber nach, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du dort geblieben wärst?
Nein. Ich wollte immer mehr, ich wollte raus. In der Punk-Zeit mit 16, 17, 18, 19, 20 war jeden Tag das Thema: Wir müssen hier weg.

Wie habt ihr das geschafft?
Wir sind nach München, zu den Münchner Rocktagen in der Alabamahalle, dann zu Konzerten von Abwärts und den Einstürzenden Neubauten. Wir sind schon Ende der Siebziger nach Berlin gefahren, das kann man mit heute nicht vergleichen. Viele Freunde von mir haben hier gelebt, weil sie keinen Wehrdienst leisten wollten.
„Ich hatte jahrelang immer Schulden bei allen Freunden überall.”
Heute kann man sich das Leben in der geteilten Stadt kaum noch vorstellen. Wie hast du West-Berlin damals erlebt?
Wir hatten kein Geld für ein Hotel, deshalb hatten wir einen Schlafsack im Kofferraum. Nach einem Konzert, etwa von den Toy Dolls im Metropol, sind wir in leerstehende Gebäude eingestiegen und haben uns dort auf dem Boden hingelegt. Du hast dich nicht ausgezogen, bist mit Jeans und Lederjacke in den Schlafsack. Blixa Bargeld [von den Einstürzenden Neubauten, d.Red.] war im Risiko, der ist mir beim Pinkeln auf die Füße gestiegen und hat sich nicht mal entschuldigt. Das habe ich ganz stolz meinen Freunden erzählt: Blixa stand neben mir auf der Toilette.

Wie bist Du aus Traunstein rausgekommen?
Ich bin schon mit 15, 16 ausgezogen – mit fünf Freunden in eine billige Wohnung in einem anderen Dorf. Nach ein paar Monaten war ich alleine, weil alle zurück zu ihren Eltern sind. (lacht) Die haben das damals nicht durchgehalten.
Von was hast du da gelebt?
Ich war so was von pleite. Ich habe jeden Pfennig zusammengekratzt.
Wie bist du dann wirtschaftlich auf die Beine gekommen?
Ich hatte jahrelang immer Schulden bei allen Freunden überall. Wenn ich Geld fürs Auflegen bekommen hab‘, war immer die Frage: Kaufst du dir jetzt was zu essen oder Platten? Dann fiel die Entscheidung immer auf die Platten. Ich habe einfach gehungert. Das kann man machen, das geht auch. Aber ich hatte die neusten Platten, und ich war total glücklich damit. Daran gewöhnt man sich auch: Hunger, kalte Wohnungen, Autos mit überzogenem TÜV, abgefahrene Reifen.

Was hast du im Café LiBella bekommen, das du im ersten Teil unseres Gesprächs erwähnt hast?
80 Deutsche Mark, dazu eine limitierte Menge von Freigetränken, aber keinen Alkohol.
Wie sind die überhaupt auf dich gestoßen?
Die haben mich gehört. Wir hatten einen Mittwoch im Club Stiege bekommen. Am Wochenende waren dort die Local-DJs. Zu uns haben sie gesagt: Ihr könnt den Mittwoch machen, da ist eh nichts los. Wir waren ein Team von fünf Leuten, mein Bruder war auch dabei. Ich bin als Einziger übrig geblieben. Ich habe mir vor dem Wochenende von allen Freunden die Platten ausgeliehen, die musste ich aber wieder zurückgeben. Nachmittags bin ich ins Lager des Clubs und hab‘ da Platten ausgesucht und Mixe probiert – es war damals üblich, dass jeder Club seine eigene Plattensammlng hatte. Um acht ging’s dann los.
Wurde deine Ambition wahrgenommen?
Ja. Später kam einer, der hat gesagt: Ich mache einen eigenen Club mit Freunden in einem alten EDEKA-Laden in einem anderem Dorf, den bauen wir um. Ich riskier‘ das jetzt. Das war für den auch ein Risiko, ich war Mr. Nobody, ich hatte nicht mal einen DJ-Namen. Aber ich war so enthusiastisch, dass ich selbst raus auf die Tanzfläche bin, wenn ich den besten Song aufgelegt hatte. Natürlich musste ich zurück, bevor er zu Ende war. Es gab einen Typ, der aussah wie Elvis. Für den habe ich zwei, drei Elvis-Nummern gespielt. Der hat auf der Tanzfläche eine Elvis-Performance gegeben. Thorsten hieß der, geiler Typ.

Damals musste der DJ jeder Subkultur ihren Auftritt ermöglichen.
Es gab die Elvis-Fraktion, die Ska-Fraktion. Es gab World’s End, das waren die Goth-Bands. Nicht nur The Cure, auch Sisters of Mercy, Spear of Destiny, Wall of Voodoo. Ich war tief im New-Wave-, Punk- und Avantgarde-Kosmos. Meine favorisierte Band waren Tuxedomoon, ein Avantgarde-Jazz-Elektronik-Act aus Chicago. Später habe ich sie in New York zusammengetrommelt und ihnen gesagt: Ihr müsst wieder zusammen spielen. Ich bin mit ihnen auf Tour gegangen. Außerdem habe ich ihre erste Platte auf Ralph Records, Half Mute, auf Gigolo Records wiederveröffentlicht.
Bist du mit deinem Sound in den Clubs angeeckt?
Es gab schon Musikgespräche vor dem Gig. (lächelt) In München gab es später Diskothekenbetreiber, die vorgegeben haben, wann was gespielt werden soll. Da habe ich gesagt: Das mach‘ ich nicht mit.
Was wollten die hören?
Am Anfang Klassische Musik, das war nicht abwegig. Zur Hauptstunde dann Aerosmith, Prince, James Brown.

Auch nicht uninteressant.
Aber nicht für mich, ich war schon in House und Acid. Ich hatte jedenfalls wieder meinen Job verloren, für mich war das wieder das Ende der Welt, ich war wieder pleite. Wieder stand ich vor dem Nichts.
Warum hast du dich nicht auf einen Kompromiss eingelassen?
Ich kam gerade aus London und hatte 100 White Labels von Black Market dabei. Dort bin ich überall reingelaufen und habe gesagt: Ich hab‘ das gestern bei dem und dem DJ im Club gehört. Ich war auch bei Dave Dorrell. Ich stand dann sogar auf dem Promoverteiler von Soul II Soul. Darauf war ich wahnsinnig stolz, dieses Privileg hatte niemand in Deutschland. Soul II Soul war damals schon eine große Nummer. Die hatten damals als einzige so ein goldenes Label auf ihren Platten.
Wie kam das in der Münchner Diskothek an?
Ich habe mal Neneh Cherry – „Buffalo Stance” gespielt, da kam ein anderer Clubbesitzer zu mir und sagte: Wenn du das nochmal spielst, war das dein letzter Abend. Dann hab‘ ich gesagt: Hör mal zu, das ist der heiße Scheiß aus den Top 10, Nummer 1 in England. Er sagte dann: Du spielst jetzt Led Zeppelin. Was ja auch ok ist.

Wann wurdest du als DJ in deiner künstlerischen Unabhängigkeit respektiert?
Ich habe gemerkt, dass ich so nicht weiterkomme, und dann mit Freunden eigene Partys veranstaltet. Wir haben eigene Räume gemietet, ehemalige G.I.-Clubs in Kellern, freistehende Locations, in München und außerhalb. Damit waren wir ziemlich erfolgreich. 1988 haben wir Acid-House-Partys veranstaltet mit den Platten, die ich aus London mitgebracht hatte.
Wie habt ihr euch genannt?
Boogie Down Productions – frag‘ mich nicht, wieso. Wir fanden, dass KRS-One eine Instanz war. Später haben wir einfach nur die DJ-Namen benutzt.
Was lief da jenseits von frühem House?
Die letzten Auswüchse von Hip-Hop, De La Soul, A Tribe Called Quest.
Nichts, was man heute mit dir verbindet.
Ich war jahrelang Hip-Hop-DJ. Dann kamen natürlich auch die frühen Electro-Sachen jenseits von Afrika Bambaataa. Aber auch Disco – da lief alles zusammen.

Seit wann nennst du dich DJ Hell?
Das kam erst später. Davor war ich Space DJ, später auch G-Hell. Im Hip-Hop wurde da immer rumgeschoben. Irgendwann dachte ich, ich muss das vereinfachen. Helmut, Helli, DJ Hell – das waren verschiedene Spielarten.
Die düstere DJ-Hell-Ästhetik gab es da noch nicht?
Die kam erst später. Bei Gigolo Records gab es eine deutliche Vorgehensweise, bei der man nie wusste, was als nächstes kommt: Bobby Konders, Tuxedomoon, Dopplereffekt, Mount Sims, Vitalic, Fischerspooner, Crossover, Terrence Fixmer oder Scott Ferguson.
De La Soul hätte da nicht reingepasst.
Doch. Ich hätte auch ein Hip-Hop-Album von De La Soul, A Tribe Called Quest oder von einer unbekannten Münchner oder Berliner Hip-Hop-Band veröffentlicht. Das hätte ich sofort gemacht, ohne Rücksicht auf Verluste. Crossover haben mir ein Hörspiel gegeben, auch das habe ich veröffentlicht. Das zweite Dopplereffekt-Album waren nur Störgeräusche. Ich hab ihm gesagt: Ich versteh‘ dich, ich versteh‘ deine Entwicklung, aber ich weiß, dass das keiner kauft. Keiner wird es spielen, aber ich werde es veröffentlichen, weil das deine künstlerische Weiterentwicklung ist. Das nächste Dopplereffekt-Album habe ich abgelehnt, das bereue ich jetzt. Das ist auch nie veröffentlicht worden.

Du gilst als der ikonische Münchner DJ. Vielleicht weil du als einziger bekannter DJ der Stadt schon in den Achtzigern aktiv warst.
Nach dem Sprung nach München ging es nicht etwa nach Berlin, sondern nach Paris. In dieser Zeit, in der Mitte der Achtziger, war Berlin noch nicht so gefestigt. Es gab nur das UFO als ersten Techno-Club und einige Abende mit Gabi Delgado [von DAF, d.Red.] und Westbam.
Insgesamt galt der DJ noch als Dienstleister, nicht als eigenständiger Künstler.
Das war auch noch in der Anfangszeit des Omen so, besonders am Freitag, wo es nicht so voll war, wo Pauli [Steinbach, d.Red.] das Warm-up gemacht hat. Du musst Dr. Alban und Rozalla spielen, hieß es da. Du kannst hier nicht den ganzen Abend nur House und Techno zusammenmixen, hieß es da. Du musst auch kommerzielle Tracks spielen. Das Omen war ein Experimentierfeld für Logic Records mit [dem Frankfurter Eurodance-Act, d.Red.] Snap! als „Überpower”.
In dieser Zeit warst du A&R bei Logic Records in Offenbach, darüber haben wir am Anfang gesprochen.
Einmal kam im Office Michael Münzing [Produzent von Snap!, OFF etc., d.Red.] zu mir und meinte: „Wir müssen reden. House und Techno, das wird nicht mehr lange gehen, das ist nur ein Sommertrend”, sagte er. Sven [Väth, d.Red.] wird der Erste sein, der auf ein neues Pferd setzt. Dann hab‘ ich gesagt: Das glaub‘ ich nicht. Das war meine vorweggenommene Kündigung.

Wann hast du zum ersten Mal im Omen gespielt?
1991, 1992 durfte ich reinschnuppern. Ich habe mich geärgert, dass Sven mich dort nicht öfters nominiert hat. (lacht) Im Gray durfte ich nicht auflegen, erst viel später. Das Dorian Gray war das Dag-Imperium. Ich bin reingelaufen, Sven bei mir auf den Schultern. Ich hab‘ ihn durch den langen Gang reingetragen, wir waren natürlich beide gedopt. Sven war der absolute Großmeister – wir wurden für einige Jahre beste Freunde. Die ganzen Neunziger waren wir zusammen unterwegs, in Japan, in Australien, wir haben in Europa auf allen Festivals gespielt.
Gab es auch so was wie Konkurrenz zwischen euch?
Ich hab‘ ihm zugestanden, dass er die Nummer eins ist – bei euch [im GROOVE-Leser:innenpoll, d.Red.].

Du hast Dag erwähnt, den ikonischen Trance-DJ des Frankfurt der Neunziger. Was hat Dag damals gespielt?
Trance, genialen Trance. Der hat auch viele Intros gespielt. Sie hatten ja keine Technics im Dorian Gray, sie hatten Plattenspieler mit einem Drehknopf. Ich verstehe bis heute nicht, wie er damit sauber mixen konnte. Dag war der Superhero der Frankfurt-Posse, das war schon ein starker Impact. Die Frauen waren im Dorian Gray als Indianerinnen verkleidet, als Squaws, die Jungs waren überall tätowiert. Dag war ein Motorcycle-Typ, er hatte in den USA gelebt. Seine Produktionen mit Jam El Mar, zum Beispiel „Where is Dag?”, habe ich auch aufgelegt. Sven war noch in seiner „Electrica Salsa”-Phase. Die fand ich eigenwillig, das habe ich nicht gespielt.
Zurück nach München. Wie ist DJ Hell entstanden?
1992 mit „My Definition Of House Music”.
Und als DJ, in der Münchner Szene?
Ende der Achtziger in der Acid-House-Zeit gab es Partys mit Strobo und Nebel, da war ich schon DJ Hell. 1998, zur Zeit von Munich Machine, habe ich mich nur noch Hell genannt. DJ betrachtete ich schon nicht mehr als Doktortitel, der wurde damals schon inflationär genutzt. Heute ist es Meese x Hell. Es hat 20 Jahre gedauert, bis ich erkannt habe, dass mein Name nicht das englische Wort für Hölle ist – sondern das deutsche Adjektiv: hell. Also: Helligkeit, Licht, Glanz.