Dieser Beitrag ist Teil unseres Jahresrückblicks 2025. Alle Beiträge findet ihr hier.
Immer mehr Kirchen veranstalten „Techno-Gottesdienste”, um junge Menschen zu Jesus zu bringen. Pünktlich zur stillen Zeit charakterisiert GROOVE-Redakteur Christoph Benkeser im ersten von zwei Beiträgen zum Thema dieses seltsame Spektakel zwischen Rave und Ratlosigkeit.
Es gibt Dinge, bei denen man schon beim ersten Gedanken weiß: Das kann eigentlich nur schiefgehen. Lasagne aus der Mikrowelle. Deutschrap mit Geige. Oder eben: Techno in der Kirche.
Und doch passiert es immer wieder. In Deutschland, Österreich, der Schweiz. In Pfarrkirchen, Domkapellen, freikirchlichen Turnhallen. Da wird dann eingeladen zum „Techno-Gottesdienst”, zur „Heiligen Rave-Messe” oder zum „spirituellen Dancefloor-Experiment”, wahrscheinlich organisiert von übermotivierten Pfarrjugendlichen mit einem Faible für Trance und einem USB-Stick aus der Vorhölle. Die Flyer sind bunt, die Pressearbeit ambitioniert, das Selbstverständnis irgendwo zwischen Off-Theater und Pastoralreferat auf Acid.
Man will wieder „mehr Menschen erreichen”, heißt es dann. Vor allem junge. Die „Generation Kopfhörer”, wie man sie im Gemeindebrief vermutlich nennt. Die, die sich schon bei der Firmung gedacht haben: Wenn ich hier nochmal reingehe, dann nur betrunken. Oder mit Ohrstöpseln. Deshalb, also: Techno. Weil: Die Kirchen sind leer, die Clubs noch nicht ganz – da kann man doch mal was zusammenlegen. Man könnte lachen, wenn es nicht so verzweifelt wäre.

Denn was da passiert, ist weniger ein cooler Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne, sondern eher ein trostloser Remix aus beidem. Ein bisschen wie ein 69-jähriger CDU-Politiker auf TikTok. Gut gemeint, aber maximal peinlich. Da steht dann ein Pfarrer im LED-Scheinwerferlicht und spricht vom „Sound des Glaubens”, während neben ihm jemand das Vaterunser durch eine Loopstation jagt. Dazu läuft Ambient-Techno in Moll, damit es auch ein bisschen sakral klingt. Und alles wirkt, als hätte jemand das Taizé-Liederbuch von 1998 mit einer Café-del-Mar-Playlist auf YouTube gemixt.
Klingt wie ein Einzelfall. Sollte es sein. Aber, halleluja: Das ist längst ein Trend.
Wir sind alle Sünder
In Erfurt heißt es „Rave Like God”. In Zürich „Holy Groove”. In Feldkirch einfach „Gottesdienst”. Man fragt sich, was als Nächstes kommt: das Beichtstuhl-b2b? Die konfirmierte Crowd Control? Dabei ist das eigentliche Problem nicht die Ästhetik. Sondern der dahinterliegende Reflex: Wenn schon keiner mehr freiwillig in die Kirche kommt, dann bringen wir halt den Dancefloor ins Kirchenschiff. Hauptsache Bewegung. Hauptsache, irgendwas passiert.
Nur: Es passiert nichts, außer peinlichem Cultural Clashing. Denn was verbindet sogenannten Techno mit Liturgie? Mit Glück: die Wiederholung. Mit Pech: der Dogmatismus. Aber wer sich mal mit Techno beschäftigt hat, wird bei der Vorstellung, dass ein DJ-Set im Namen des Herrn stattfindet, eher Fluchtimpulse verspüren als Erleuchtung. Und wer glaubt, dass sakrale Räume sich durch ein paar Kickdrums wieder mit Sinn aufladen lassen, hat weder Clubkultur verstanden noch Religion.
Natürlich wird all das offiziell ganz anders verkauft: als „niedrigschwellige Einladung zum Glauben”, als „transzendente Erfahrung”, als „neue Form der Gemeinschaft”. Man wolle Sinnsuchende dort abholen, wo sie stehen. Also: vor dem Altar, mit „Beats und Bibel” – und dem vagen Wunsch, dass irgendjemand – Gott, der DJ oder wenigstens das Awareness-Team – einem sagt, was das alles eigentlich soll.
Jesus, Maria und Josef!
Diese Events sollen wohl eine Antwort auf die Kirchenkrise sein. Aber: Sie sind eher ihr Symptom. Schließlich flackert hinter all dem das große Unbehagen einer Institution, die weiß, dass sie längst den Anschluss verloren hat. Die sich anbiedert, statt sich zu erneuern. Die lieber weihwassergetränkte Kopien von Jugendkultur produziert, als sich zu fragen, warum sie eigentlich keiner mehr braucht.
Und das Tragische ist: Die Rechnung geht kurzfristig sogar auf. Die Kirche ist voll. Irgendjemand hat einen Instagram-Clip gemacht. Fernsehstationen bringen einen Beitrag in den Abendnachrichten. Der Pfarrer bekommt Applaus. Und am nächsten Sonntag sitzen wieder acht Rentner im Kirchenschiff und vermissen die Nebelmaschine.

Vielleicht ist das die neue Realität: dass selbst die heiligen Hallen nur noch funktionieren, wenn man sie als Eventfläche begreift. Vielleicht ist es nur folgerichtig, dass aus dem Wort Gottes ein Spoken-Word-Act wird. Vielleicht war die katholische Kirche eh immer schon das bessere Berghain – mit Weihrauch statt Funktion-One, mit Messdienern statt Latex-Tänzern.
So lasset uns beten
Aber wäre es da nicht wenigstens konsequent, das ganze Konzept zu Ende zu denken? Warum nicht auch Taufe mit Lasershow? Beichte mit binauralem Deep House? Oder die Kommunion einfach als Pop-up-Foodtruck mit veganem Fingerfood und ambienter Klanginstallation? Alles denkbar, wenn man schon dabei ist, das Sakrale ins Absurde zu überführen.
Oder man könnte, nur als Idee, einfach mal aufhören, zwanghaft cool sein zu wollen. Aufhören, jede Form von Spiritualität durch den Popkulturwolf zu drehen. Aufhören, Gottesdienste zu Events umzufunktionieren, bloß weil die Kirchenbank unbequem ist. Und stattdessen: Zuhören. Nicht dem eigenen Drang zur Relevanz, sondern den Menschen. Ihren Zweifeln. Ihrem Schweigen.
Aber das ist natürlich schwierig. Viel schwieriger als ein Sub-Bass. Denn echte Leere auszuhalten, braucht Mut. Techno dagegen ist laut. Und Ablenkung. In diesem Sinne: Friede sei mit euch. Und mit deinem Drumcomputer!