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Mitarbeiterin Luisa* über den Polizeieinsatz im Augsburger City Club: „Wir empfinden den Einsatz als unverschämt, unverhältnismäßig und nicht zielführend”

Am vergangenen Wochenende stürmten 200 Polizist:innen den City Club in Augsburg. Dabei kam es zu mehreren Festnahmen sowie Anzeigen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Vor Ort blieb davon vor allem eines hängen: Ein Gefühl des Schocks. Der Einsatz traf nicht nur die Gäste, sondern auch einen Ort, der sich seit Jahren als kollektiv organisierter Raum für Clubkultur, Kunst und gesellschaftliches Engagement versteht.

Um zu erfahren, wie der Polizeieinsatz, dessen Sinnhaftigkeit momentan öffentlich breit diskutiert wird, von den Anwesenden erlebt wurde, sprach GROOVE-Autor Michael Sarvi mit Luisa* (Name von der Redaktion geändert) aus dem City-Club-Kollektiv. Die Mitarbeiterin hat den Einsatz aus nächster Nähe miterlebt, sie berichtet von unverhältnismäßiger Gewalt, besinnungsloser Zerstörungswut, fehlender Transparenz – und einem Vorgehen, das weniger wie eine gezielte Ermittlung, sondern wie Machtdemonstration wirkte.

GROOVE: Wie hast du die Situation wahrgenommen, als die Polizei den City Club gestürmt hat?

Luisa: Ich stand zu diesem Zeitpunkt in der Küche und war in meine Arbeit vertieft. Plötzlich fiel der Lichtkegel eines Scheinwerfers durch ein Fenster. Mir war sofort klar, dass etwas nicht stimmt. Ich bin nach vorne an die Bar gegangen. In diesem Moment stürmten die Beamt:innen von beiden Seiten das Gebäude.

Sie riefen sofort: „Hände hoch! Wenn sich jemand widersetzt, wird unmittelbarer Zwang durch Gewalt angewendet.” Gleich zu Beginn wurde eine Person an einem Tisch wohl zu Boden gerungen, dabei gingen auch einige Flaschen zu Bruch. Die Besucher:innen waren völlig außer sich – schockiert über diesen massiven Eingriff staatlicher Gewalt aus dem Nichts.

Eine der Einsatzkräfte bei der Razzia (Foto: City Club)
Einsatzkraft bei der Razzia (Foto: City Club)

Die Polizei war sofort extrem präsent, körperlich aufgepumpt und erteilte Anweisungen wie „Musik aus, Licht an!”. Jede anwesende Person bekam eine:n eigene:n Polizist:in zugewiesen, um sicherzustellen, dass alle konstant die Hände oben halten. Wir Mitarbeiter:innen fragten direkt nach dem Durchsuchungsbeschluss, der uns jedoch nicht gezeigt wurde. Es wurde einzig nach der eingetragenen Geschäftsführung verlangt – obwohl der City Club kollektiv betrieben wird.

Kannst du die Durchsuchungsmaßnahmen genauer beschreiben? Es wurde unter anderem von Durchsuchungen des Intimbereichs berichtet.

Ich kann nur begrenzt schildern, was bei anderen passiert ist, weil ich die meiste Zeit mit Kolleg:innen hinter der Bar stand. Was aber sehr deutlich wurde: Ein Durchsuchungsbeschluss, der sich angeblich gegen bestimmte Personen richtete, wurde genutzt, um sämtliche Gäste zu kontrollieren.

Wenn jemand auf die Toilette musste, wurden die Personen von Polizist:innen am Daumen durch den Raum geführt – sodass jederzeit sofort ein Schmerzgriff hätte angewendet werden können. Uns wurde außerdem mitgeteilt, dass der Einsatz mehrere Stunden dauern würde und niemand den Club verlassen dürfe, bevor er oder sie durchsucht worden sei.

Einige Gäste fragten nach der rechtlichen Grundlage dieses Vorgehens. Doch jede Form von Diskussion wurde sofort unterbunden – wer widersprach, bekam faktisch einen Maulkorb verpasst. Eine Person wäre beinahe gefesselt worden, nur weil sie im stickigen Raum ungefragt ihre Jacke ausgezogen hatte. Auch durften wir nur nach ausdrücklicher Erlaubnis etwas trinken. Diese permanente Einzelüberwachung machte deutlich, wie sehr alles vom Wohlwollen einzelner Beamt:innen abhing. Hattest du Pech, durftest du weder trinken noch zur Toilette gehen.

Einige Personen wurden zudem über längere Zeit in der Kälte stehen gelassen. Nachdem das Gebäude vollständig durchsucht worden war, wurden die Besucher:innen nach und nach nach draußen in eine mobile Polizeistation gebracht, wo die Kontrollen fortgesetzt wurden. Als ich selbst irgendwann auf die Toilette musste, wurde ich dort von einer Beamtin durchsucht – bis auf die Unterwäsche. Andere hat es deutlich schlimmer getroffen.

Was aus meiner Perspektive zentral ist: Dieses Gefühl von permanenter Kontrolle – dass jederzeit bestimmt wird, wie du dich bewegen darfst, ob du trinken darfst, wohin du gehen darfst. Gleichzeitig gab es auch konkrete Gewaltanwendungen. Die Polizei verbreitete später das Narrativ, zwei Personen hätten Widerstand geleistet. Von einer dieser Personen weiß ich, dass es sich um eine sehr junge Frau handelt, die von drei Polizist:innen zu Boden gerungen wurde, weil sie gegen die Zwangsmaßnahmen protestierte. Die Darstellung in der Pressemitteilung ist aus meiner Sicht stark überzogen.

Durch den Einstaz wurden dutzende Flaschen und Glässer zerstört (Foto: City Club)
Durch den Einstaz wurden dutzende Flaschen und Glässer zerstört (Foto: City Club)

Den Mitarbeiter:innen wurde außerdem mitgeteilt, dass unsere Handys beschlagnahmt werden – ohne Begründung oder Belehrung. Erst am Ende der Razzia wurden unserem eingetragenen Geschäftsleiter wenige Informationen, unter anderem der Durchsuchungsbeschluss, weitergegeben.

Ist euch in den Monaten zuvor aufgefallen, dass ihr verstärkt im Fokus der Polizei standet?

Mein persönlicher Eindruck ist eher, dass wir verdrängt werden sollen, vielleicht um die Immobilie in dieser Lage anders nutzen zu können oder so. Insgesamt fühlt es sich an, als würde bewusst an einem Narrativ gearbeitet, mit dem solche Polizeieinsätze gerechtfertigt werden sollen. Dieses Narrativ wirkt auf uns konstruiert und scheint oft mehr dazu zu dienen, andere Interessen zu kaschieren.

Als Club haben wir ein ausgearbeitetes Awareness-Konzept, mit dem auch unsere Türsteher:innen geschult werden. Grundsätzlich heißen wir jede Person willkommen, kommunizieren aber klar, welche Erwartungen wir an ein respektvolles Verhalten mit anderen Menschen haben. Unser Ziel ist ein möglichst gewaltfreier Raum, in dem sich Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten wohlfühlen.

Was wurde alles von der Polizei beschlagnahmt?

Die Handys der meisten Mitarbeitenden, die an diesem Abend gearbeitet haben, wurden eingesammelt – ohne Information darüber, warum oder wie wir sie zurückbekommen. Die ausgehändigten Zettel waren unvollständig und haben nicht zur Klärung der Situation beigetragen. Beschlagnahmt wurden außerdem unser Kassensystem, das aus iPads besteht, sowie die Kartenzahlungsgeräte. Die Umsätze des laufenden Betriebs durften wir behalten. Ein Teil des Trinkgelds scheint aber verschwunden zu sein. Geld, das ich am Vortag für einen Kollegen mit Zettel ausgelegt hatte, war plötzlich weg.

Bei der Lektüre der polizeilichen Pressemitteilung könnte der Eindruck entstehen, als seien hochsensible Datenträger mitgenommen worden – das stimmt so meiner Meinung nach nicht. Ohne Kassensystem konnten wir am nächsten Tag nicht öffnen. 

Würdest du sagen, das war ein Angriff auf den laufenden Betrieb?

Man kann das durchaus so lesen. Natürlich ist es schwer, eine konkrete Intention zu unterstellen. Aber es wurde billigend in Kauf genommen, dass erhebliche Reparaturkosten auf uns zukommen – etwa durch aufgebrochene Räume und den zerstörten Safe, obwohl wir angeboten hatten, alle Schlüssel zu übergeben.

Der aufgebrochene Tresor (Foto: City Club)
Der aufgebrochene Tresor (Foto: City Club)

Es entstand für mich der Eindruck, als habe man den Einsatz mit einem Rammbock bewusst gesucht. Die Höhe des entstandenen Schadens und die Beschlagnahmung der Kassensysteme bedeuten faktisch, dass wir unseren Betrieb vorerst nicht weiterführen  können und mit leeren Händen dastehen.

Habt ihr im Team schon über die nächsten Schritte gesprochen?

Am nächsten Tag haben wir uns zunächst getroffen, um aufzuräumen und Club und Café wieder begehbar zu machen. Überall lagen kaputte Flaschen, Schubladen waren ausgeräumt, Gegenstände lagen auf den Gängen.

In unserem Pressestatement haben wir klar formuliert, dass dieser Einsatz unserer Meinung nach völlig unverhältnismäßig und gegebenenfalls in Teilen auch rechtswidrig war. Die polizeiliche Pressemitteilung spricht von 17 festgenommenen Personen, darunter eine aufgrund eines Haftbefehls – und suggeriert damit, es sei eine Art City-Club-Mafia zerschlagen worden. Niemand davon gehört zu unserem Team. [Anmerkung der Redaktion: Beim Einsatz sollen laut Polizei 170 Gramm Drogen gefunden worden sein]

Wir können offensichtlich nicht jede:n Gäst:in bis auf die Unterhose kontrollieren. In jedem Club lässt sich aus polizeilicher Sicht immer irgendetwas finden. Trotzdem stehen wir relativ geerdet da: Wir empfinden den Einsatz als unverschämt, unverhältnismäßig und nicht zielführend. Vor allem wehren wir uns gegen das Narrativ, das über einen Ort verbreitet wird, der Kunst und Kultur betreibt. Wir sind ein Kollektiv, das mit diesem Ort seinen Lebensunterhalt bestreitet. Unser wirtschaftliches Überleben hängt an diesem Club – genauso wie die kulturelle Arbeit und der Beitrag zur Stadtgesellschaft. Ab Mittwoch nehmen wir den regulären Betrieb mit den geplanten Bookings wieder auf und hoffen, langsam wieder ein Gefühl von Normalität herstellen zu können.

Eines der privaten Studios über dem City Club (Foto: City Club)
Eines der privaten Studios über dem City Club (Foto: City Club)

In eurem Statement sprecht ihr von wirtschaftlichem und politischem Druck. Was meint ihr damit?

Nicht-kommerzielle Räume zu betreiben, ist grundsätzlich schwierig. Unsere Preise decken gerade so die Kosten. Wir wollen Kultur ermöglichen, nicht dass sich eine Einzelperson bereichert. Wer kein großes Franchise ist, struggelt im Kapitalismus immer ein Stück weit.

Hinzu kommt ein veränderter politischer Kontext. Wenn ein Bundesinnenminister am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ankündigt, „Linksextremen auf die Pelle rücken zu wollen”, wenn in Berlin besetzte Häuser weiter unter Druck geraten, wenn in Augsburg autonome Zentren durchsucht werden und gleichzeitig die Gewalt gegen queere Menschen zunimmt, dann ist das Teil eines umfassenden gesellschaftlichen Rechtsrucks.

Dieser Rechtsruck arbeitet mit ultrakonservativen und reaktionären Argumenten. Wir sind ein Club und Kulturzentrum, das sich explizit positioniert, sich mit marginalisierten Gruppen solidarisiert und Räume für politischen Austausch bereitstellt. Kulturarbeit ist nicht unpolitisch – alles, worin wir als Menschen eingebettet sind, ist politisch.

Wir sind ein Ort, der sehr bewusst eine klare Haltung nach außen trägt. Wir stehen für eine Form freier Entfaltung, in der Menschen einander begegnen können – jenseits einer reinen Law-and-Order-Logik. Nicht auf den ideologischen Säulen, auf denen rechte Identitäten entstehen, sondern für Offenheit, Solidarität und eine vielfältige, bunte Gesellschaft. Dazu gehört auch, Position zu beziehen und klar zu sagen, dass wir nicht zurück in die Dreißiger Jahre wollen. Wir leben im 21. Jahrhundert und vertreten progressive Werte. Genau diese Haltung kann uns in der aktuellen politischen Atmosphäre aber auch zu einer Zielscheibe machen.

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