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Sober Partys: Sich auch jenseits des gemeinsamen Highs lieb haben

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Berlin gilt als Hauptstadt des Exzesses – ein Ort, an dem Techno, Drogen und Freiheit untrennbar miteinander verbunden scheinen. Parallel zur etablierten Clubkultur wächst jedoch ein anderes Konzept: sogenannte Sober Partys. Hier wird bewusst auf Alkohol und Drogen verzichtet, um Feiern bewusster zu gestalten, Übergriffe zu vermeiden und Räume zu schaffen, in denen Begegnungen ehrlicher und sicherer möglich sind.

GROOVE-Autorin Lea Jessen hat mit Menschen gesprochen, die diese Räume aktiv gestalten: DJ Flounce, Gründerin der Berliner Reihe Tendersesh, Vlady und Momo von den Lemonade Queers sowie dem Pink-Cloud-Kollektiv aus Leipzig. Sie eint die Überzeugung, dass ausgelassenes Feiern auch ohne Substanzen funktioniert – und sogar an Qualität gewinnen kann.

GROOVE-Autorin Lea Jessen hat zwei dieser Partys besucht, um sich einen Eindruck vom nüchternen Rausch zu verschaffen – und eine Ausgehkultur kennenzulernen, die den Community-Gedanken in den Vordergrund rückt.

Der Berliner Winter lässt sich an diesem Abend bereits erahnen. Durchgefroren betrete ich mit einer Freundin zum ersten Mal die leeren Treppen, die in den Keller der unerwartet großen Pepsi Boston Bar im nun geschlossenen SchwuZ führen. Uns schlägt eine warme Wand aus Stimmengewirr entgegen. Wir folgen den Wohoo-Rufen und Lachern und landen schließlich auf der Tanzfläche, wo gerade eine queere Drag-Performance und im Anschluss ein biografischer Text über Drogenkonsum vorgetragen wird.

Nüchterne Partys als neue Räume

Dass hier so offen und solidarisch über Sucht und Konsum gesprochen wird, hat Gründe: Ich befinde mich auf einem Event von Lemonade Queers. Eine sogenannte Sober Party, die Vlady Schklover vor drei Jahren gegründet hat. Damals habe er sich dazu entschieden, bewusst nüchtern zu leben, erzählt mir der Sänger und Performer. Aus Mangel an Alternativen postete er einen Aufruf in queeren Facebook-Gruppen, um Gleichgesinnte zu finden. Schnell entwickelte sich daraus die erste Sober Party im SchwuZ.

Inzwischen folgen Lemonade Queers über 3.000 Menschen auf Instagram. Die Wochenzeitung Zeit hat ebenso über die nüchterne Partyreihe berichtet wie der Tagesspiegel und die taz. Man wolle aber kein Gegenpol zur gängigen Clubkultur sein, betont Vlady. „Es geht viel mehr darum, einen neuen Rahmen für nüchternes Feiern zu schaffen und Brücken zu schlagen”, so der Lemonade-Queers-Gründer.

Neben passenden Visuals achtet man auch auf eine gemäßigte Lautstärke, um das Programm schön zu gestalten, ohne zu überreizen.

Dank Förderungen sind alle Veranstaltungen kostenlos. Außerdem möchte Vlady mit seinen Partys auch Vorurteilen gegenüber dem Nüchternsein entgegenwirken. Anders als bei den Anonymen Alkoholikern oder Narcotics Anonymous gibt es nämlich keine generelle Definition von Nüchternheit. Für manche ist es Sobriety oder clean sein, andere wollen mit dem Besuch einer Sober-Party nur ausprobieren, wie sich ein nüchterner Abend anfühlt.

Vlady und Momo (Foto: Claudia Hammer)
Vlady und Momo (Foto: Claudia Hammer)

„Du wirst von der Gesellschaft früh dazu erzogen, Alkohol zu konsumieren. Wenn du damit nicht klarkommst, ist das dein Problem – ein krasser Widerspruch”, so Vlady. „Für mich ist authentisches Sober-Sein also, wenn du gar keine Drogen, auch keinen Alkohol konsumierst”, sagt er überzeugt. „Ich rauche zwar noch Zigaretten, aber bin gerade dabei, damit aufzuhören – versprochen”, zwinkert Vlady.

Durch den spielerischen Ansatz könne man einfach mit Fremden in Kontakt treten und die soziale Interaktion fördern, erklärt Momo von den Lemonade Queers.

Wer auf Partys von Lemonade Queers rauchen möchte, muss deshalb den Raum wechseln. Auch alkoholische Getränke sucht man an der Bar vergeblich. Die Flaschen wurden weggeräumt, Getränkekisten abgedeckt. Auf einer Karte finden sich dafür Mocktails zu erschwinglichen Preisen, also Cocktails ohne Alkohol. Und: Neben passenden Visuals achtet man auch auf eine gemäßigte Lautstärke, um das Programm schön zu gestalten, ohne zu überreizen.

Feiern, um in den Austausch zu kommen

Inzwischen sind die Auftritte vorbei. Die Leute schwirren zur Bar oder bleiben auf der Tanzfläche. Nur wenige verlassen den Raum zum Rauchen, wie man das von anderen Veranstaltungen kennt. „Das Schönste ist, wenn nach der Show die Stühle weggeräumt werden und die Leute direkt anfangen zu tanzen. Das erwarten manche gar nicht”, so Momo von den Lemonade Queers. 

Momo kümmert sich bei den Lemonade-Partys um den sogenannten Connection Space – eine Alternative zum alkoholischen Vorglühen und der erste Programmpunkt an den Veranstaltungsabenden. Hier positionieren sich Interessierte auf einem imaginären Spektrum zu einer eingangs gestellten Frage, beispielsweise zum Thema Sober Dating oder dem nüchternen Festivalbesuch. Grüppchen einer ähnlichen Position können sich austauschen und verbinden, auch über den Abend hinaus.

Der Connection Space von Momo (Foto: Claudia Hammer)
Der Connection Space von Momo (Foto: Claudia Hammer)

„Viele Leute gehen feiern, um in den Austausch zu kommen”, meint Momo. „Alleine und drauf ist das natürlich leichter, wenn man sich anguckt und über das gemeinsame High lieb hat. Langfristige Bindungen außerhalb vom Partykontext sind das aber oft nicht.” Durch den spielerischen Ansatz könne man hingegen einfach mit Fremden in Kontakt treten und die soziale Interaktion fördern. Etwas, das gut funktioniere. Aus dem Connection Space habe sich sogar ein nüchternes Dating-Format entwickelt, so Momo.

Räume ohne Konsumdruck generieren

Ums Nüchternsein geht es auch bei den Veranstaltungen des Pink Cloud Kollektivs aus Leipzig. „Die Idee dazu kam mir, als ich selbst von meinen Suchtmitteln losgekommen bin”, erinnert sich die Mitbegründerin, die ihren Namen hinter den Kollektivgedanken stellen möchte. „Ich hatte vor allem in der Anfangsphase aufgrund der ständigen Konfrontation Schwierigkeiten auszugehen.” Die Gedanken zum nüchternen Veranstalten hat sie in der Kunsttherapiegruppe mit ihren Freund:innen geteilt, die zum Teil auch „direkt am Start waren”. Die Idee eines zusätzlichen Artspaces lag daher nahe. Die Partys gewannen schnell an Zulauf, was die Gruppe überrascht hat.

Die Leipziger Utopie wäre ein reiner Sober-Club, bei dem man sowohl nüchterne, queere, als auch nicht-queere und nicht-nüchterne Menschen zusammenbringt.

Aus den ersten Veranstaltungen habe sich 2024 schließlich das Pink Cloud Kollektiv entwickelt. „Wir möchten Räume schaffen, in denen sich Menschen ohne Konsumdruck treffen können. In den heutigen Zeiten brauchen wir mehr solidarische Räume, auch für Menschen, für die eine ständige Verfügbarkeit von Alkohol und anderen Suchtmitteln eine Hürde darstellt. Es ist uns wichtig, möglichst viele Lebensrealitäten einzubeziehen, und wir begreifen das Schaffen von Safer Spaces als Prozess”, so die Gründerin der Gruppe.

Den angestrebten Vibe definieren Pink Cloud als „ausgelassen und ehrlich”. Wie der Name des Kollektivs zeigt, sollen sich die Leute glücklich und berauscht von ihren eigenen Hormonen in eine eigene Welt tanzen, die mehr Kapazität für Austausch bietet. Damit hole man sich keine Räume zurück – „weil Konsum und Techno als Zwillinge auf die Welt gekommen sind”, wie ein Pink-Cloud-Mitglied anmerkt –, aber man generiere neue Räume. Neben Technopartys veranstaltet die Gruppe zum Beispiel auch Konzerte.

Einige Personen des Pink Cloud Kollektivs (Foto: Pink Cloud)
Einige Personen des Pink Cloud Kollektivs (Foto: Pink Cloud)

Hinaus aus dem Feiersumpf, hinein in die Safer Spaces

Das funktioniert derzeit in Leipzig ähnlich wie schon bei Vladys Partys in Berlin: sehr gut. Immer mehr Menschen wollen nüchtern feiern. Es gebe eine steigende Nachfrage, so das Pink Cloud Kollektiv, das alle Veranstaltungen auf Spendenbasis anbietet und zuletzt sogar Kollaborationsanfragen aus dem Ausland bekommen hat. 

„Das Bewusstsein der Menschen für nüchterne Partys wächst also”, so Pink Cloud. Bei jedem Event sei die Hälfte des Publikums zum ersten Mal auf einer Sober Party. Viele hätten dem Feiersumpf den Rücken gekehrt. Andere kämen aus feministischen Gründen. „Und manchmal kommen sogar Eltern mit ihren Kids”, sagt ein Mitglied des Leipziger Kollektivs.

DJ Flounce (Photo credit: Daniel Weigel)
DJ Flounce (Photo credit: Daniel Weigel)

„Es ist immer eine tolle und fröhliche Atmosphäre”, meint auch DJ Flounce. Die DJ ist Gründerin der Sober Party Tendersesh, die heute ihren bekannten Standort im Giri verlässt und sich im Crack Bellmer ausprobiert. DJ Flounce, die eigentlich Claire heißt, sagt: „Wir veranstalten seit 2024 möglichst low budget, sodass möglichst viele Leute teilhaben können – ohne Barrieren, Befangenheiten oder Ängste.”

Den Einlass der Tendersesh-Partys übernehmen deshalb Freund:innen. Die Veranstaltungen ließen sich bisher durch die eingenommenen Spenden finanzieren, so Claire. Dass damit einiges möglich ist, lässt sich an den Line-ups erkennen. An diesem Abend legen Moses Joses, Orson und zusammen mit DJ Flounce Coco Cobra und bb:fm auf. Das Fenster hinter dem DJ-Pult ist geöffnet, und eine Handvoll Leute auf der Terrasse freut sich mit den beiden DJs über gelungene Übergänge.

Die Vorbereitungen für die Tendersesh im Aktionshaus (Foto: Juri Bäder)
Die Vorbereitungen für die Tendersesh (Foto: Juri Bäder)

„Nur manchmal finde ich es schwierig, bei Partys ein Momentum zu halten”, sagt Claire. Das Publikum dürfe nämlich nicht ausbrennen. Viele sind es gewohnt, auf Partys Alkohol oder Drogen zu konsumieren. Auch deshalb brauche es Substanzfreie Räume, in denen es diesen ökonomischen Druck nicht gibt, sind sich die Veranstalter:innen von Sober Partys einig.

DJ Escap Verte vor einer Installation von „The Melting Studio" (Foto: DJ Flounce)
DJ Escap Verte vor einer Installation von „The Melting Studio“ (Foto: DJ Flounce)

Dass ökonomischer Druck ein veritables Hindernis darstellt, zeigt sich in der Suche der jeweiligen Partyreihen nach einer Location. Viele Clubs sind auf den Alkoholverkauf angewiesen. Sie können deshalb keine nüchternen Event-Formate anbieten. „Die Sugar Free, also die nüchterne Version von Lunchbox Candy, hat da früh für Sichtbarkeit gesorgt”, sagt Momo von Lemonade Queers. „Als ich das erste Mal bei einer ihrer Partys war, habe ich geweint, weil ich gecheckt habe, dass sowas in der Realität von Clubs stattfinden kann.”

Inzwischen mangele es nicht mehr an nüchternen Ideen: „Sobersonntage”, frühere Einlasszeiten, ein nüchternes Awarenessteam, Ruheräume oder Connection Spaces – all das würde auch normale Partys besser machen. „Wenn man Drogen auf seiner Veranstaltung duldet, sollte man auch eine Mitverantwortung tragen und für entsprechende Räume sorgen”, so Lemonade-Queers-Gründer Vlady.

Wohin mit den Partys?

Aber auch untereinander inspirieren sich sober Veranstalter:innen. So haben sich Lemonade Queers und das Pink Cloud Kollektiv zuletzt für die Leipziger Postwalkparty des Recovery Walks zusammengetan. Die Leipziger Utopie wäre ein reiner Sober-Club, Vladys Ziel ist ein „Lemonade Fest”, bei dem man sowohl nüchterne, queere, als auch nicht-queere und nicht-nüchterne Menschen zusammenbringt.

Lemonade Queers (Foto: Claudia Hammer)
Lemonade Queers (Foto: Claudia Hammer)

Etwas, das Vlady und Momo schon beim WHOLE Festival ausprobieren konnten. Die Intention dahinter: zeigen, dass es auch hier nüchterne Menschen gibt. Vlady ist zudem Mitbegründer von The Sober Space, die dieses Jahr etwa auf der Fusion und der Wilden Möhre für nüchterne Räume gesorgt haben.

„Es ist wie Mode und weitet sich aus”, sagt er. „Wenn eine Person sich traut, ihre Angst zu äußern, machen es mehr Leute.” Das verdeutlicht: Man steht zwar erst am Anfang dieser Bewegung, allerdings zeigt sich, dass das Publikum diese Räume annimmt – und dass es diese Räume braucht.

Nieder mit den Vorurteilen

Ich nippe an meiner alkoholfreien Limettenlimo und blicke auf den Dancefloor in der Pepsi Boston Bar im SchwuZ. Es läuft ein Pop-Banger von Madonna. Menschen, viele von ihnen über 30, springen wie wilde Teenanger umher. Ein paar Mittvierziger hatten nicht mal Zeit, ihre Rucksäcke abzugeben. Und selbst jene, die das halbe Jahrhundert sicher schon voll haben, geben immer mal wieder schwitzende Solo-Tanzeinlagen zum Besten, bis sogar die Zwanzigjährigen jubeln.

Für mich zerfällt hier gerade jedes Vorurteil, das ich über Sober Partys gelesen habe. Zwar trinkt niemand Alkohol, kaum jemand raucht und auch sonst muss man nicht stundenlang vor der Toilettentür warten. Allerdings ist die Crowd deswegen weder verkrampft, noch ist die Stimmung angespannt. 

So sind Sober Partys zumindest für mich ein Raum zwischen Verbundenheit, Feier-Ekstase und der guten Unbekümmertheit früherer Teenage-Partys – allerdings in einem achtsameren Rahmen. Als ich die große Treppe des SchwuZ emporsteige, weiß ich, dass ein baldiges Wiedersehen gewiss ist.

Dieser Text ist Teil unserer Reihe zum Thema Drogen. Weiters sind Beiträge zur Drogenpolitik in Deutschland, zum Drug-Checking sowie ein Interview mit Awareness-Expertin Killa Schütze erschienen. Außerdem haben wir über Drogen als Selbsttherapie geschrieben.

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