Die Mixe des Monats aus dem August findet ihr hier.
Bicep – Takkuuk (Ninja Tune)
Einen etwas ungewohnten Weg schlägt das nordirische Rave-Duo Bicep auf seinem neuen Album für Ninja Tune ein. Takkuuk ist ein Wort aus der Sprache der grönländischen Inuit, das so viel wie „Schau!” bedeutet. Bicep wollen mit dem Album, das als Soundtrack für den gleichnamigen Dokumentarfilm von Zak Norman und Charlie Miller dient, also auf etwas hinweisen. Auf die Auswirkungen des Klimawandels auf Grönland, aber auch umliegende Länder wie Schweden, Norwegen und Kanada, und die daraus entstehenden Probleme der indigenen Bevölkerung wie Vertreibung, Diskriminierung und Bedrohung derer Sprache und Traditionen. Entsprechend sind die Stücke des Albums eher atmosphärisch, ambientös, beschreiben in großen Bögen die Weite der Landschaft. Dass Epik kein Problem für das Duo ist, sollte niemanden überraschen, der schon einmal zu den emotionalen Bass-Hymnen der beiden getanzt hat.
Zudem haben Bicep für fast jedes Stück mit indigenen Vokalist:innen zusammengearbeitet. Dass dabei kein schwülstiger Ethno-Quark herausgekommen ist, vielmehr kontemplative Electronica-Tracks, die auch ohne die Filmbilder funktionieren, spricht für das Können der beiden Musiker. Und ganz konnten sie es dann doch nicht lassen. Es finden sich nämlich durchaus zwei, drei Stücke, die auf typische Weise ihre melancholischen IDM-Melodien mit treibenden Breakbeats zu zündenden Bass-Music-Bomben vereinen, die den einen oder anderen Dancefloor in Brand setzen dürften. Tim Lorenz

Bogdan Raczynski – Slow Down Stupid (Disciples)
Vermeintlich still geworden scheint es um das einstmalige Electronica-Wunderkind, das Braindance-Child von Aphex Twin und Rephlex Records, das manisch hyperaktive Breakbeat-Attacken aus dem Ärmel schüttelte, als sei nichts gewesen. Und zwischen all dem Gescheppere auch mal ein unglaublich zartes Album wie myloveilove veröffentlichte, das mehr an Robert Wyatt erinnerte als irgendwas. Das mal in Tokio in ausrangierten Computerkartons gelebt haben soll und bei Auftritten erst einmal nachhakte, ob es in Ordnung sei, sich unter dem DJ-Pult zu verstecken – das hat sich Richard nämlich bei ihm abgeguckt, nicht umgekehrt. Das Backstage wie das sprichwörtliche Autismus-Aushängeschild der Mittneunziger stundenlang versunken auf seinem selbstverständlich mit Hintergrundbeleuchtung gehacktem Oldschool-Gameboy Mr. Driller spielte, um sich in der nächsten Sekunde in Nanoloop-Fachdikussionen zu vertiefen. Vermeintlich still, ja, aber es gibt ihn noch. Ab und an schreibt er auf seinem Blog, mal mehr, mal weniger schlau, ab und an bringt er ein neues Album heraus, so wie dieses hier.
Man ist älter geworden, Breakcore liegt hinter einem. Dafür hat man nun Zeit und Muße für ausgedehnte Ambient- und Downtempo-Exkursionen – nicht ohne hintergründigen Humor natürlich. Denn Down ist hier sehr ernst gemeint, Stupid! Handelt es sich bei den meisten Tracks des Albums doch um verlangsamte Versionen von Stücken des programmatisch betitelten Vorgänger-Werks You’re Only Young Once But You Can Be Stupid Forever, das größtenteils aus ein- bis zweiminütigen Miniaturen bestand. So munkelt man zumindest, aber sind sie das wirklich? Schwer zu sagen, denn streckt man einen Track von zuvor unter einer Minute auf derer fast 59, geht das Erkennen gar nicht mehr so leicht von der Hand. Sicher ist nur, dass die kontemplativen Stücke zwischen ausgedehnten Drones und schwerelosen Zeitlupen-Rhythmen einen beruhigenden Sog entwickeln – der aber gerne auch mal ins Beunruhigende umzuschlagen vermag. Tim Lorenz

Carli – Sea of Love (Studio Barnhus)
Mit Sea Of Love legt Carli tatsächlich erst jetzt sein erstes Soloalbum vor – erstaunlich, wenn man bedenkt, wie lange und facettenreich der schwedische Produzent schon aktiv ist. Bekannt geworden als Teil der Blog-House-Formation Savage Skulls, später gefeiert im Duo Marcus Price & Carli und zuletzt prägend im Kollektiv Off The Meds, hat er die Stockholmer Szene seit Jahrzehnten mitgestaltet. Nun präsentiert er sich erstmals allein – und eröffnet ein Kaleidoskop an Einflüssen, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen, in seinen Händen jedoch mühelos ineinandergreifen: Afrobeat- und Dancehall-Anklänge stehen neben Trance- und Prog-House-haften Momenten wie im Titeltrack, während poppige Club-Sounds in „The Runner” (feat. Seinabo Sey) mit breakigen Dub-Elementen verschmelzen.
Bemerkenswert ist die Leichtigkeit, mit der Carli den Balance-Akt zwischen diesen Welten vollführt. Obwohl die Produktion hochkomplex und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet ist, klingt das Album nicht verkopft, sondern leidenschaftlich, verspielt, beinahe cheesy. Auf eine gute Art, versteht sich. Es transportiert die Freude und Exzessivität, die Carli schon als Breakdancer auf den Dancefloors der Neunziger verinnerlichte, und übersetzt sie in die Sprache der heutigen Clubs. Aber auch die Spuren seiner verschiedenen musikalischen Stationen blitzen immer wieder auf: Von der Härte des UK-Hardcore über basslastige Club-Experimente bis hin zu glitzerndem Pop-Appeal. Sea Of Love bündelt all diese Facetten in einem Werk, das sowohl Rückschau als auch Aufbruch ist. Es wirkt zugleich persönlich und universell: gemacht für die Tanzfläche, doch unüberhörbar geprägt von der intimen Handschrift seines Schöpfers. Celeste Dittberner

Coatshek – Sound Bath (Dark Entries)
Ein Dampfbad aus Hall, Delay und glitzerndem Dub: Sound Bath von Sheki Cicelsky alias Coatshek entfaltet sich wie eine transzendentale Session zwischen Bathhouse, Clubfloor und psychedelischem Trip. Ausgangspunkt war ein Auftrag für die legendäre, inzwischen eingestellte SoundBaths-Serie von Double Scorpio – und Coatshek hat daraus gleich ein ganzes Album destilliert.
Entstanden ist ein hypnotischer Fluss aus Ambient-Techno, Slow Step und Dub-Texturen, der sich in 107 BPM wie in warmes Wasser legt. Bereits der Opener „Softest” macht klar, wohin die Reise geht: ein vorsichtig tastender Beginn, neblig, diffus, bis ein gedämpfter Beat den Raum erhellt – wie erste Sonnenstrahlen auf dem Floor. Das Stück wächst, zieht nach unten wie unter Wasser und hebt zugleich ins Weite. „Slipping” hält sein Versprechen im Namen: geloopte Samples rutschen ineinander, mäandern wie Körper im Halbdunkel. Ein fortwährender Sog, getragen von entspannter Wärme, bis ein trockenes Outro abrupt den Raum leert. Mit „The Feelings” steigt das Tempo an. Eine Stimme geistert durchs Dub-Gerüst, ansatzweise Drone-Elemente halten die Waage zwischen Euphorie und Nachdenklichkeit. Forward motion, feinste Sphärenmusik. Besonders stark wirkt „Labyrinth”: Steppende Beats, funkelnde Delays und sogar eine Reminiszenz an eine Miami-Bassline. Es entsteht das Gefühl, in eine glitzernde Spirale einzutreten, die gleichzeitig verwirrt und euphorisiert. „Triple Virgo” wiederum baut eine dichte Sound-Collage, treibend, Dub-getränkt, mit psychedelischem Einschlag – ein klarer Höhepunkt im Albumfluss. Das finale „Eternal Lovers” schichtet rhythmische Patterns und emotionale Flächen übereinander, bis sie ineinander gleiten und schließlich in pure Klangtextur zerfließen.
Sound Bath ist ein Album wie ein Schwitzbad: man gibt sich hin, verliert die Konturen, lässt sich treiben. Zwischen Dub, Ambient und Slow Techno entsteht eine Musik, die gleichermaßen entschleunigt wie auflädt – ein uplift im Dunst. Ein Mix aus Körperlichkeit und Schweben: transzendental, erotisch, verführerisch. Liron Klangwart

Ida Urd & Ingri Høyland – Duvet (Balmat)
Ein Federbett steht für Heimeliges. Auf Französisch klingt es dann gleich noch etwas vornehmer: Duvet lautet der Titel des gemeinsamen Albums der dänischen Musikerinnen Ida Urd & Ingri Høyland, und die Platte ist wohl zumindest auch so gedacht. Für die Arbeit zogen sich die beiden im Winter in eine Ferienhütte zurück, lebten auf engem Raum, den sie zugleich für sich gestalteten. Was sich anscheinend auf das Ergebnis ausgewirkt hat. Doch wo Ambient sonst gern etwas Flauschig-Wattiges hat, bei dem die fast konturlosen Flächen buchstäblich einpacken, halten Urd und Høyland ihr Material dichter, allerdings im räumlichen Sinne verstanden.
Hall kommt für ihre elektronischen und elektroakustischen Klänge zwar schon zum Einsatz, bloß sehr zurückhaltend und präzise zwischen den klar gesetzten Elementen platziert. Eine ruhige Bewegung liegt dem Ganzen zugrunde, auch eine Offenheit der Form, aber Duvet ist dabei bestens geeignet, bewusst und mit Aufmerksamkeit fürs Detail angehört zu werden, statt lediglich einen akustischen Hintergrund zu bilden. Kuschelig ist das allenfalls in Ansätzen. Weshalb in diesem Text auch peinlichst genau darauf geachtet wurde, das Wort „hygge” zu vermeiden. Tim Caspar Boehme

Plant43 – Feeding The Machines (Plant43)
Emile Facey alias Plant43 feiert auch auf seinem zehnten Album den Electro-Stammbaum von Kraftwerk als Wurzel über das Zentrum Detroit bis hin zur weitverzweigten heutigen internationalen Szene.
Der Opener „Information Decay” fungiert als perfekte Einführung – alle genannten DNA-Stränge offenbaren sich ohne jede Wühlarbeit und formen einen unmissverständlichen Wegweiser in den musikalischen Kosmos des Briten. Auch die folgenden drei Tracks strahlen diese Homogenität der Elemente sowie eine gewisse Sanftheit aus – trotz amtlicher Beats. Diese Stimmung ändert sich erst mit „Nature’s Warding”, einem strikt Groove-orientierten Stück ohne einschmeichelnde Synthies und mit einem Titel, der sowohl als Aufruf als auch Durchhalteparole in Sachen Umweltzerstörung funktioniert. In diesem Kontext gibt’s natürlich nichts zu beschönigen, das geht klar aus dem Track hervor. Zudem fungiert er mit seiner eher technoiden Ausstrahlung als Überleitung zum einzigen Four-To-The-Floor-Stück auf Feeding The Machines, das zu den absolut stärksten des Albums zählt. Auch hier dominieren rhythmische Elemente, vor allem eine treibende, konstant gleichbleibende Bass-Sequenz, die zusammen mit einer triolischen und durch einen Flanger gejagten Snare und unentwegt heranrauschenden Synthie-Wogen einen fantastischen psychedelischen Sog erzeugen. Im folgenden Stück kehren dann die tragenden Elemente des Albumbeginns wieder zurück, hier mit einem Acid-Topping veredelt, im das Vinyl abschließenden „Echoes In The Abyss” destilliert zu einem chilligen Downtempo-Electro-Hybrid. Mathias Schaffhäuser

The Sabres Of Paradise – Sabresonic (Warp)/The Sabres Of Paradise – Haunted Dancehall (Warp) [Reissues]
Wir schreiben das Jahr 1993. Schwerenöter Bill Clinton wird 42. US-Präsident, die Kult-Serie Akte-X startet beim Sender Fox und erzielt Traumquoten, Pablo Escobar wird von der kolumbianischen Polizei erschossen und Andrew Weatherall etabliert sich ohne großen Vorlauf als Reformer der sich gerade in voller Blüte befindlichen Clubszene im UK. Ob Madchester-Klassiker wie Screamadelica von Primal Scream, Remixe der Single Papua New Guinea von The Future Sound Of London oder das bis heute unterschätzte Ambient-House-Opus Morning Dove White von One Dove – Weatheralls gestalterische Fähigkeiten und brillantes Sampling-Gespür fallen nicht bloß in London, eher schon in ganz Europa auf. Dass er zwischen all dem noch Zeit und Muße findet, um dem Debüt seines mit Gary Burns und Jagz Kooner realisierten Herzensprojekts The Sabres Of Paradise den finalen Schliff zu verpassen, muss bis heute verwundern.
Schließlich ist Sabresonic nicht bloß ein eklektischer Ritt durch alles, was damals an elektronischen Sounds über einen Zwölfzehner gedreht wird. Bei Warp erschienen, komplementiert das Album auch den gerade erst warmgelaufenen Impetus der Artificial Intelligence-Serie, eine neue Art ausgeklügelter, präzise texturierter Tanzmusik zu etablieren. Da wo Speedy J und Autechre aber ins scharf synthetisierte Detail eintauchen, ergehen sich Weatherall, Burns und Kooner eher im organischen Aufnehmen und Wiedergeben, im Collagieren von Track-Segmenten aus House und Prog-Elektronik, Ambient und Techno, Tribal- und Dub-Musik. Von den krossen Drums und genussvollen Flangern in „Smokebelch I” über die Quasi-Coil-Hommage „Clock Factory” bis zu den progressiven Funk-Grooves von „Ano Electro (Allegro)” demonstrieren Weatherall und seine Mitstreiter, was mit analoger Sequenzierung vor über 30 Jahren schon machbar war – und was heute trotz zahlloser VST-Plugins anscheinend nicht mehr drin ist. Die Tracks klingen sublim und trotzdem ungemein tanzbar, zwingen zum fokussierten Reinhören ebenso wie zum berauschten Mitwippen. Klar, der viel gerühmte Vibe der Neunziger trieft hier aus jedem Stem, bleibt aber, wie so oft bei Weatherall, frei von billigem Kitsch, mit dem der Sound von damals gerne imitiert wird.
Ob der schon ein Jahr später veröffentlichte und eine gute Viertelstunde längere Nachfolger Haunted Dancehall dem Debüt überlegen ist – daran scheiden sich bis heute die Geister. Ein gesondertes Augenmerk auf Dub-Texturen, kürzere Durations und fast schon improvisiert wirkende, hochgejazzte Stilwechsel machen dieses Album eine Spur vertrackter, aber keinen Deut weniger originell. Vieles, was in den darauffolgenden Jahren vor allem im britischen Elektronik-Untergrund zum guten Ton gehören sollte, wurde hier virtuos vorweggenommen. Kaum verwunderlich, dass Tunes wie dem erratisch changierenden „Bubble And Slide II” oder den cineastischen Texturen von „Wilmot” große Strahlkraft für den Warp-Dunstkreis und vielem darüber hinaus nachgesagt wird. Und wer bei „Ballad Of Nicky McGuire” keine Vorahnung der nur ein Jahr später auftauchenden Boards Of Canada heraushört, kennt diese wohl einfach nicht. Abseits des Pomps, der kommerziellen und kulturellen Turbulenzen zeitgenössischer Clubmusik, suchen uns jene Alben bis heute heim.
So sind beide, Sabresonic ebenso wie Haunted Dancehall, wagemutige, unkonventionelle Zeugnisse herausragender Produktionstalente, die nicht nur ihrer Zeit gerecht wurden und gleichzeitig weit voraus waren. Immer noch so frisch wie damals, gemahnen sie daran, dass die Limitierung der Mittel ein unsterblicher Antrieb für Innovation sein kann. Nils Schlechtriemen


