burger
burger
burger

Motherboard: Juli 2025

Die Welt reparieren. Das kabbalistische Prinzip der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit trifft in den Poèmes Pulvérisés (Infiné/CryBaby, 6. Juni) der französischen Singer-Songwriterin Léonie Pernet auf Zeilen des Dichters René Char und die Erfahrung einer familiären Spurensuche. Aus diesen sehr verschiedenen Zutaten destilliert Pernet eine individuelle poetische Stimme der Versöhnung und der Verletzlichkeit, auch der Wut angesichts der Ungleichheit und der Gewalt in der Welt. Ziemlich viel für ein Album elektronischer Popmusik, aber doch genau richtig für das nicht geringe Maß an Emphase und Empathie, das Pernet schon in ihren früheren Arbeiten hervorzubringen wusste. Ihre Arrangements sind inzwischen üppiger geworden, es gibt neoklassische Streicherdramatik, bollernde Beats und wubbernde Subbässe. Existenziell gebrochen und vielfach verspiegelt gibt es keine einfachen Emotionen, keine trivialen Lösungen in ihren komplexen, tief persönlichen wie experimentell fragmentierten Track-Songs. Es gibt neues ungeahntes Leben von R’n’B jenseits von Hyperpop und Trap.

Die ägyptische Elektronik-Improv Avantgardistin Nadah El Shazly kann durchaus konventionelle Popsongs schreiben, das war eigentlich schon seit ihrem Debüt Ahwar klar. Ein ganzes Album mit kaum gebrochenen, jederzeit elegant ausformulierten und tief melancholischen Beinahe-Hits zu füllen, lag immer im Bereich des Möglichen, aber dass sie es nun wie in Laini Tani (One Little Independent, 6. Juni) tatsächlich konsequent tut, kommt doch überraschend. Es ist ja nicht so, dass ihr die Experimentierfreude verloren gegangen wäre. Diese ist einfach nur in einen anderen formalen Rahmen eingegangen, einen Zusammenhang, der im weitesten Sinne „Indie” oder „Alternative” heißen könnte, wären da nicht El Shazlys expansive Songstrukturen und die ungewöhnliche, von Bratzgitarre und Drums befreite Instrumentierung.

Noch so eine Überraschung: Der freidenkerische, elektronische Weirdo-Sound, der auf dem New-York-Chicagoer Label Hausu Mountain seit jeher gepflegt wird, lässt sich in Dream-Pop und Bedroom-R’n’B übersetzen, ohne dass dabei die abgefahrene Eigenwilligkeit im Geringsten verloren geht. Wer das kann und macht? Der New Yorker Producer Weston Minissali alias Erica Eso. Dessen Songs In My Pocket Like Grains Of Sand (Hausu Mountain, 27. Mai) nehmen den typischen Hausu-Haus-Sound, etwa die über ihre eigenen Knie stolpernden Synthetikbeats von Mukqs, d’Eon, RXM Reality, Pulse Emitter, den freien Jazz-Nicht-Jazz von Euglossine, Dustin Wong, Wobbly, die Outsider-Drones von TALSounds oder M. Geddes Gengras und füttern diese in tatsächlich äußerst hübsche, richtig echte Songs. Den Hausu-normalen, bewussteinserweiternden Seltsamkeitsaffekt behalten diese „Songs” allerdings.

Es ist wieder Festivalsaison. Zeit, den inneren Trance-Hippie rauszulassen? Nicht so ganz. Trotz Fackel-Jonglage-kompatiblem Titel Feuer Lust Licht (Teorema/Diffuse Reality Recordings, 5. Juni) ist das Debüt des Berlin-Athener Projekts _studio416 x Até eher cool und dark. Was aber nicht so sehr verwundert, wenn man die beteiligte Erfahrung zusammenwirft: Hendrik Vaak von den ehemaligen Tresor-Regulars Sender Berlin, Sven Elmlund, der Detroitiges auf Snork und Kanzleramt veröffentlichte, und Nina Kotini, die als DJ Até ebenfalls eher für einen leicht nostalgischen, aber hart treibenden Warehouse- und Rave-Stil steht. Dass daraus ein verspielt-experimenteller Pop-Electronica-Trap-Crossover entstehen würde, war nicht zu erwarten, ist aber um so schöner, in den krautig bekifften, absurden Vocoder-Momenten sogar reichlich genial.

Was kommt dabei heraus, wenn von Weltschmerz geplagte Teenager alles zusammenwerfen, was Eltern, Nachbarn und Lehrern potenziell auf die Nerven geht, und dabei den eigenen emotionalen Zustand bestens zum chaotischen Ausdruck bersten lässt, also zum Beispiel Game-Musik, Grindcore, Screamo, Hyperpop, Death Metal und Anime-Soundtracks? Dann entstehen spannende Miniaturgenres von teils immenser Reichweite. Cybergrind, Bitprog, Chiptune und diverse Neuerfindungen von Digital Hardcore zeichnen sich dabei durch einen starken Selbstmacher-Spirit aus und sind oft queerer und deutlich weniger von Testosteron gesättigt als klassische Elternerschrecker-Stile. Die Cyberentität Cocojoey (oder auch Joey Meland aus Chicago) ist so etwas wie ein experimenteller Popstar des Genres: Es gibt auf ihrem Album STARS (Hausu Mountain, 20. Juni) definitiv alle Marker, von verzerrtem Samplehack über hektischen Glitch-Rambo-Zambo und Terror-Breakbeats bis hin zu Emo-Gebrüll. Das alles immer viel zu viel auf einmal, aber eben in brillanten Songs.

In diesem Text

Weiterlesen

Features

Besuch im Triebwerk Erfurt: Momente, für die sich vier Wochen Arbeit lohnen

Das Triebwerk Erfurt besteht aus vielen Zutaten: Ehrenamt, Freundschaft, DIY-Spirit und Qualität. In unserer Reportage erfahrt ihr, wie es sich in dem Thüringer Projekt feiern lässt.

Âme über 20 Jahre Innervisions: „Das ist unsere Welt, die entwickeln wir weiter”

Im Interview mit Âme erfahrt ihr, warum gerade der Verzicht auf eine Erfolgsformel zum nachhaltigen Erfolg des Labels geführt hat.

Dominik Eulberg über das Kleine Nachtpfauenauge: „Ich dachte, da hätte jemand ein Schmuckstück verloren”

Dominik Eulberg hat das Album „Lepidoptera” veröffentlicht. Das ist nicht der einzige Grund, warum wir ihn zu Weihnachten interviewen.