Motherboard: Juli 2025

Dass zwischen psychedelischem Shoegaze-Techno und trippigen Krautsynthesizern noch Platz ist für eine himmelsstürmende Improv-Klarinette, versteht sich beinahe von selbst. Dass sich der immer leicht hippiesk rüberkommende provinzbritische House-Outsider-Experimentalist James Holden mit dem gerne über Jazz und andere Tellerränder hinweg arbeitenden polnischen Klarinettist Wacław Zimpel zusammentun würde, war also beinahe zu erwarten. Die Kombination, genannt Holden & Zimpel, geht selbstverständlich nahtlos auf. The Universe Will Take Care Of You (Border Community, 13. Juni) mäandert ohne je schwindlig zu werden über Dungeon-Synth-Abgründe in kraut-kosmische Höhen.

Der Berliner Saxofonist Arborra hat sich nach einer schönen EP im vergangenen Jahr für sein zwischen Jazz und Ambient changierendes Albumdebüt Mind Over Matter (7K!, 9. Mai) wieder mit 99CHANTS-Macher David August zusammengetan. Was definitiv eine gute Idee war, denn Augusts nuancierte, von den Anforderungen von Techno und Neoklassik informierte Produktion stellt das Vermittelnde von Arborras Weder-noch in den Vordergrund. Weder reiner Ambient im Sinne eines Verschwindens im Ökosystem puren Klangs noch reiner Jazz im Sinne der Unmittelbarkeit musikalischer Interaktion. Weder purer Track noch kompletter Song, sind die Stücke deutlich von Synthesizern gekennzeichnet. Meist eher flächig, manchmal leicht pulsierend, bekommen Impulse vom Saxofon, drängeln sich aber nie in die Aufmerksamkeit. Dass die LP auf dem für tendenziell pop-affine Neoklassik bekannten Label 7K! erscheint, macht wiederum total Sinn. Denn in aller forcierten Unauffälligkeit sind Arborras Stücke doch ziemlich catchy, landen gerne zwischen Rival Consoles und Pharoah Sanders, oder als jüngere Referenz: Joy Guidry.

Die Remote-Kollaboration des in Rotterdam lebenden französischen Extremtrompeters und Instrumentenerfinders Pierre Bastien mit dem ebenfalls Rotterdamer Improv-Elektroniker Michel Banabila geht in die zweite Runde. Die Nuits Sans Nuit (Pingipung, 30. Mai) kombinieren klappernde mechanische Musikautomaten mit dem Atemhauch der kaum noch als Instrument lesbaren Tröten und Flöten, die beide Beteiligten einbringen. Selbstredend alles in avanciertem Sounddesign, das das Uncanny Valley zwischen digitaler Prozessierung und natürlicher Klangerzeugung unterwandert, suspendiert. Dass diese Elektroakustik für Fortgeschrittene problemlos als Ambient funktioniert, ist wohl die eigentliche Kunst des Ganzen.

Die aufgehobene Gravitation des Glitch im luftleeren Raum hat den langjährigen Wahlberliner Andrew Pekler wohl in die Umlaufbahn Jan Jelineks und seines Labels Faitiche befördert. Für dieses produziert der ehemalige Acid-Jazz-Trip-Hopper und ehemalige Techno-Minimalist seit mehr als zehn Jahren schon subtile Schwebeteilchen, Staubpartikel im Licht, Hefe im Gärtank, minimalistische Soundscapes aus einfachsten Bestandteilen, in raffinierte Feinstofflichkeit transformiert, alchemisiert. Auf New Environments & Rhythm Studies (Faitiche, 27. Juni) sind es Tropicalia, artifizielle Grillen und abstrahiertes Geklöppel und nur noch als Vorstellung vorhandene lateinamerikanische Beats, etwa von Cumbia, die in diesen extrem verfeinerten Rezepturen Eingang finden.

In der Konjunktur der Streaming-Logik haben es langformatige Einzelstücke schwer, in der Aufmerksamkeitsökonomie zu bestehen. Oder sie können eine bewusste Gegenlogik aufbauen, eine Bewegung hin zum tiefen Hören und dem langen Atem. Die knapp 20-minütige, live aufgenommene Buchla-Exegese River of Life (live) (Denovali, 28. März) des New Yorker Analogsynthesizer-Virtuosen Mario Diaz de Leon ist so ein Beispiel für Intensität und Tiefe über die ganze Länge.

Ebenso die Elektroakustik, die auf dem von Félicia Atkinsons Shelter Press verwalteten und vom Pariser Musikforschungsinstitut Ina-GRM kuratierten Label Portraits GRM erscheint. Die jüngste Charge enthält einmal die von moderner japanischer Philosophie der Kyoto-Schule inspirierte Split-LP Basho / Still Forms (Portraits GRM, 16. Mai) von Beatrice Dillon und Hideki Umezawa sowie die auf Field Recordings, Feedback und insektoide Sounds bauende Split-LP Orchid Mantis / Breach (Portraits GRM, 16. Mai) von Michelle Helene Mackenzie & Stefan Maier beziehungsweise Olivia Block. Die jüngste Veröffentlichung ist der monolithische Drone But remember what you have had (Portraits GRM, 27. Juni) vom ebenfalls mit dem Label assoziierten Stephen O’Malley, ansonsten Southern-Lord- und Ideologic-Organ-Macher sowie SUNN O)))-Dröhner.

In diesem Text

Weiterlesen

Features

Booker Timm Mühlenberg über den 13. Geburtstag der ELSE: „Aus einer Erweiterung der Renate wurde am Ende ein Ort mit ganz eigener Identität” 

Der Heisss-Gründer spricht u. a. über einige Veränderungen, die den Dancefloor auch für schüchterne Tänzer:innen zugänglich machen sollen.  

Britta Mischer über „Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave the Planet”: „Lächelnde Gesichter konntest du trotz des Mammons immer sehen”

Eine neue Doku kontrastiert den Mythos Loveparade mit der Rave-The-Planet-Gegenwart. Die Regisseurin spricht dafür über Egos und Altersmilde.

Die Festivaleinbrecher:innen: Das bittere Gefühl erlangter Beute

Immer mehr Menschen können sich Festivals nicht mehr leisten. Da hilft ein fragwürdiger Kunstgriff: der Einbruch aufs Gelände.